Ausgabe 
1.6.1900 Zweites Blatt
 
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gereiche und weil aus dem Bestehen eines derartigen Kunstinstituts Vorteile materieller Art für das Land erwachsen würden.

Staatsminister Rothe: Es dränge ihn, seiner Freude darüber Ausdruck zu geben, daß der Ausschuß die hohe Bedeutung des Unternehmens der Künstlerkolonie für das einheimische Gewerbe richtia erkannt und gewürdigt habe. Wer Gelegenheit gehabt habe, die Aufgaben kennen zu ler­nen, die die Künstler sich! gestellt haben, die Mittel und Wege, auf denen sie ihr Ziel erreichen wollen, könne sich darüber nicht im Zweifel befinden, daß es sich nicht um die Pflege einer bestimmten Richtung handele, sondern um ein Unternehmen, das geeignet sei, das Ansehen unseres Landes zu heben, das Kunstgewerbe zu fördern und finan­zielle Vorteile zu bringen. Es handle sich aruh nicht darum, daß Verbindlichkeiten und Lasten des Landes auf die Tauer übernommen würden; die Forderrürg' fei. nur auf drei Jahre gestellt; innerhalb dieser Zeit werde sich zeigen, ob dem Unternehmen die erhoffte Lebenskraft innewohne; er glaube, daß die Kammer die Bewilligung nicht zu bereuen habe.

Ministerialrat Braun wendet sich in ausführlichen Darlegungen gegen!den Abg. Noack. Wenn dieser aner­kenne, daß infolge der Pflege eines tieferen Naturstudiums ein frischer Zug «dürch die modernen Kunstbestrebungen gehe, so sei es gerade diese Thatsache gewesen, die für das Land nutzbar zu machen die Regierung geglaubt habe. Im Ausschußbericht sei nachdrücklichst betont, daß man die ganze Sache aus dem Gesichtspunkt der Rückwirkung auf unser heimisches Kunstgewerbe betrachte. Das soziale, in dem Unternehmen liegende Moment habe Abg. Noack nicht richtig erfaßt. Wenn wahre Kunst nach Aristoteles die Darstellung des Schönen in der Form der Wirklichkeit sei, dann seien das Kunstgewerbe und -Handwerk in erster Linie berufen, Führer und Leiter des Volkes zu sein. Das Kunstgewerbe beruhe auf dem Gedanken der Uebertragung künstlerischer Formen auf praktische Zwecke; es diene dem Trieb des Menschen, die alltäglichen Bedürfnisse ästhetisch zu verklären. Eine wahrhaft vornehme Aufgabe fei es, die Beziehungen zwischen künstlerischen Formen und prak­tischen Zwecken immer enger zu gestalten, beginnend im Hause, in dem man wohne, endigend mit dem Teller, aus dem man esse. Je mehr man zu den kleinen Gegenständen herabgehe, umsomehr ermögliche man dem Volke an dem künstlerischen Leben der Nation teilzu­nehmen. Wenn man diese Vermittlerrolle des Kunst­gewerbes in den Beziehungen zwischen Volk und Kunst an­erkenne, müsse man auch die Vorlage und ihr Ziel als richtig erkennen. Daß die Formen unseres Kunstgewerbes Widersprüche Hervorrufen müßten, liege im Wesen der Kunst; das Kunstbetrachten sei zu allen Zeiten verschieden getvesen. Man dürfe hier nicht rechten, sonst komme man unter Außerachtlassung des stets Flüssigen und Lebendigen im Kunstbegriff dahin, eine Großh. H es s. Kunst zu ver­langen und andere Kunstbestrebungen zu perhorrescieren.. Die für die Regierung allein maßgebende Frage, ob man vom Fort- und Werdegang der Dinge eine nützliche Rück­wirkung auf unser einheimisches Kunstgewerbe erwarten dürfe, fei sicherlich zu bejahen.

Abg. Reinhart wünscht auch, daß sich die moderne Richtung etwas läutern möge, begrüßt im übrigen das Un­ternehmen, das an vergangene Jahrhunderte erinnere, in denen sich kunstliebende Fürsten an die Spitze gestellt hätten.

Abg. Schröder will in der Sache ein hoffentlich glückliches Experiment sehen.

Abg. Graf Oriola erinnert an die großen Zeiten in Deutschland, Italien und Frankreich, wo durch die Be­strebungen intelligenter und verständiger Fürsten auf künstlerischem und kunstgewerblichem Gebiete die fegens», reichsten Einwirkungen auf die Entwickelung des Landes! erzielt worden seien; ob eine Richtung entwickelungsfähig) fei, lehre erst die Zeit, an die Stelle einer nicht entwickel lungsfähigen trete eine andere.

Abg. Schönberger sieht in der Sache ein Experi­ment; in Hessen geschehe schon soviel wie in irgend einem Staate von Deutschland oder Europa auf diesem Gebietet Gr stimme der Vorlage nicht zu.

Abg. Noack stellt fest, daß ihm Dinge in die Schuhe geschoben wvrden seien, an die er nicht gedacht habe. Gegen den Vorwurf persönlicher Angriffe habe er sich von vorn­herein verwahrt. Die Vorlage habe er nicht im mindesten erschüttern wollen.

Abg. v. Brentano kann sich eine idealere Aufgabe für,den Landtag nicht denken, als Kunst und Kunstgewerbe zu unterstützen.

Nach weiteren ^stimmenden Aeußerungen der Abgg. Ulrich und Weioner und verschiedenen persönliches Bemerkungen wird die Vorlage gegen 2 Stimmen angenommen.

Der an Stelle des Abg. Breimer für den Wahlbezirk Beerfelden-Hirschhorn-Wimpfen gewählte Abg. Schubert wird vereidigt.

Finanzminister Küchler wird eine Zusammenfassung des Resultats der in der Nebenbahnvorlage von dem Ausschüsse gepflogenen Verhandlungen dieser Tage an das; Hans gelangen lassen. Er stellt fest, daß er einer Verta­gung dieser Angelegenheit durchaus nicht zugestimmt und auch darüber keinen Zweifel in den Ausschnßv e rh a n d tun a e« gelassen habe.

Die Regierungsvorlagen, den Gesetzentwurf, die Fort-^ führung der Gr un d b u ch ka r t e n und der b is h er i- g e n G r u n d b ü ch e r, ferner Erweiterung und Ergänzung

t.a "^Eisenbahnnetzes unt> feiner Anlagen be­treffend, werden angenommen; ebenso die Regierungsvor­lagen betreffend die Vermehrung der Betr'iebs- mrttel der S t a at s e i s e n b a h n e n für 1900/1901 Unb den Art. 2 des Gesetzes vom 9. August 1899, die .Ver­stellung mehrerer Nebenbahnen betr.

Es kommen zur Beratung die Regierungsvorlage zu Kap. 151, die Ergänzung des Staats-To manial- vermögens für 1900/1901, sowie die Anträge des Abg. Haas- Offenbach und der Abgg. Schröder und Mol - t h a n , die Aufstellung der Wormser Schiffbrücke bei Gerns­heim bezw. Oppenheim betreffend. Der Ausschuß beantragt hierzu, die Negierung zu ermächtigen, die Brücke auch aus der Hand zu verkaufen und den mutmaßlick>en Erlös zur Herstellung von Trajektverbindungen bei Gernsheim und Oppenheim zu verwenden. Nachdem Abg. Haas seinen An-

5>tesetzte Zuflucht" der Auren.

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In den letzten Wochen ist der Distrikt Lydenbnrg wiederholt mit großem Nachdruck genannt worden; es' hieß, wenn Pretoria trotz aller Anstrengungen doch nicht zu halten sei, hätten die Buren die Absicht, sich nach LtMnburg durchzuschlagen und von diesem unnahbaren! und iu neinnehmbaren Platze aus den Guerillakrieg gegen, die Engländer zu führen und zwar bis zum letzten Männl und bis zur letzten Patrone. Es ist vielleicht nur Ver­mutung, daß die Buren ihre Farmen aufgeben und zu einem jahrelangen Verzweiflungskamps in die Berge flüchten; jedenfalls aber ist es Thatsache, daß der Distrikt; Lydenbnrg in der letzten Zeit verproviantiert worden ist, und, da er sich wie kein anderer Platz"rst Transvaal zur letzten Zuflucht eignet, ist es interessant, näheres über ihn zu erfahren.

Lydenbnrg liegt nordöstlich von Pretoria, unweit der Grenze von Portugiesisch-Ostafrika. Der ganze Distrikt ist ein Gewirr steiler, nackter Felsen, wild zerrissener Schluch­ten und von unzähligen Höhlen und natürlichen Tunnels! durchsetzt. Das Klima ist im Norden des Distrikts selbst für die zähen Buren unerträglich und vielleicht der ge­fährlichste Malaria-Bezirk Afrikas; im Nordwesten, nach Portugiesisch-Ostafrika, sowie nach Süden auf Komatipoort zu, schließen sich weite Thäler an das Hochplateau an, und nach Komatipoort führt die Selati-Bahn. Beide Thal­regionen sind aber für eine aufmarschierende Truppe ge­radezu unpassierbar, da neben der Malaria die vielleicht noch schlimmere Tsetsefliege dort unumschränkt herrscht.

In dem Distrikt wurde vor etwa 60 Jahren von den ersten Burentrecks, die nach Delagoa-Bay stoßen wollten, eine Stadt, Oghrigstad, gegründet, aber sie mußte sehr bald wieder aufgegeben werden, da Malaria und Tsetse­fliege die Gegend unbewohnbar machten. Im Jahre 1847 gründeten darauf die Buren die Stadt Lydenbnrg südlich in erheblicher Entfernung von Oghrigstad. Lydenbnrg liegt 5000 Fuß über dem Meeresspiegel und ist eine durchaus ge­sunde Stadt. Mehrere Jahre war es die Hauptstadt eines eigenen Burenstaates, der sich bis nach Utrecht hin erstreckte,, aber im Jahre 1860 vereinigte diese Republik sich mit den Potschefstroom-Buren zu einer südafrikanischen Repu­blik. Lydenbnrg selbst kann nicht verteidigt werden, da' es von den umliegenden Hügeln beherrscht wird, aber der Vormarsch einer Armee auf die Stadt ist wegen ihrer Unzugänglichkeit sehr erschwert und könnte von entfernter liegenden Kopjes, die die Straßen beherrschen, lange Zeitz aufgehalten werden.

In der Nähe der Stadt liegen, zwei Berge, Mauchs- !» trag begründet und der Regierungsvertreter Ministerialrat v. Biegleben betont, daß die Regierung den Anträgen Haas! und Schröder nicht zustimmen könne, wurde der Antrag des, Ausschusses angenommen. Der Antrag des Abg. Schön­berger, den von der Verwendung des Erlöses handelnden Teilsatz des Ausschußantrags zu streichen, wird abgelehnt.

Tas Haus tritt in den letzten Punkt der Tagesordnung die Regierungsvorlage, den Gesetzentwurf, die Gehalte der Volks schulte hr er betr., sowie in die hierzu vor- liegenden Anträge Backes, Molthan, Schlenges u. Gen., Köhler u. Gen., sowie Vorstellung des Vorstandes des Hes­sischen Landes-Lehrervereins ein.

Staatsminister Rothe: Die Regierungsvorlage sei aus demselben aufrichtigen Wohlwollen für die Lehrer hervorgegangen, von dem die Haltung der Regierung in Bezug auf die Besoldungsvorlagen der vergangenen Jahre stets getragen worden fei. Aber das Wohlwollen der Re­gierung habe seine Grenzen in der Steuerkraft und in den Finanzen des Landes. Nach! dieser Richtung hin sei die Vorlage sehr wohl erwogen worden. Die Regierung habe geglaubt, nicht weiter gehen zu können, als es in der Regierungsvorlage geschehen sei; sehe doch diese Vorlage schon Besoldungssätze vor, wie sie bis jetzt in keinem der deutschen Staaten gegeben seien. Die Anträge Backes und Köhler involvieren Mehrforderungen, deren Zustimmung die Regierung nicht in der Lage sei. Die vom Abg. Molthan vorgeschlagene Gehaltsskala fei dieselbe, die die Regierung bei der Bearbeitung der Vorlage ins Auge gefaßt habe. Es lasse sich nicht bestreiten, daß diese Skala vor der von der Regierung gebrachten den Vorzug besitze. Die Regierung habe sie aber verlassen, weil sie eine Mehrausgabe von 133 000 Mark bedeute. Wenn nun die Regierung sich dennoch entschlossen habe, einer Aenderung der Art 1 des Gesetzentwurfs im Sinne des Molkhanschen Antrags zuzustimmmen und damit eine jähr­liche Mehraufwendung für Volksschullehrergehalte von rund 100 000 Mark gut zu heißen, so fei die Regierung damit bis zur äußersten Grenze gegangen, und er erkläre auf Grund der Beschlüsse des Staatsministeriums, daß Anträge, durch welche die Staatskasse mit einem noch

Peak, der fast 3000, und Spitzkop, der etwa 2200 Meter hoch ist. Nördlich von Lydenbnrg liegt in der Ebene ein Kreis von Kopjes, Johanneskraal, bei dem 1876 die Buren er­bitterte Kämpfe mit den Kaffem führten und sie schließ­lich verdrängten. Nördlich von Johanneskraal liegt die Festung Krügerspost, die nach den Kämpfen 1876 errichtet wurde, um den Weg zu den Goldfeldern bei Pilgrimsrest und Macmac offen zu halten.

Ist schon Lydenbnrg mit feiner Unzulänglichkeit und dem schwierigen Gelände im Norden und Osten eine vor­zügliche Verteidigungsstellung, so ist indessen das Gebiet, das sich in geringer Entfernung westlich von Lydenbnrg in Form eines langen Ovals von Norden nach Süden erstreckt, geradezu uneinnehmbar. Das Gebiet ist bergig und besteht fast ganz ans Feuerstein. Die Erhebungen fallen vollständig senkrecht ab, die Wände sind glatt, wie poliert, und die Ränder messerscharf. Die Gebirgskette besteht ans einer Reihe furchtbarer Spitzen und Schluchten, die wiederum von tiefen Klüften zerrissen sind und un zählige Höhlen enthalten. Die meisten dieser Höhlen halten bequem mehrere hundert Menschen und sind durch natürliche Tunnel oder unterirdische Gänge, die die Kaffem, welche sich hier jahrelang gegen die Buren und spater gegen die Engländer hielten, hergestellt haben. Die Kaffem haben auch, die ganze Bergkette in eine vollständige Festung umgewandelt, Schießscharten und Schutzwehren gebaut und unzählige Beobachtungslöcher gebohrt. So könnten die Besatzungs-Mannschaften der Berge den Feind bis aus wenige Fuß herankommen lassen und ihn aus sicherer Stellung beschießen, ohne daß er sie sieht und ihnen schaden kann. Die Bergkette hat einen Umkreis von etwa 50 Kilo­meter und ist an der nordwestlichen Seite überhaupt unzu­gänglich, da sie ihrer ganzen Länge nach in einem 700 Meter; tiefen, steilen Abhang aus der Ebene aufragt. Artillerie­feuer ist dieser natürlichen Festung gegenüber so gut wie nutzlos, höchstens könnten die Gase der Lydditbomben, wenn solche in die schmäleren Gänge geworfen werden können, schädlich) wirken. Die Wege innerhalb des Gebirges sind nur Fußpfade und meist so schmal und steil, daß Pferde auf ihnen nicht vorwärts kommen. Die meisten der Höhen und Hügel haben natürliche Quellen, sodaß eine Reihe verzweifelter Scharfschützen auf diesem Gebiete sich geradezu unbegrenzte Zeit halten könnte, vorausgesetzt, daß es ihnen nicht an Lebensmitteln fehlt; im inneren Kreise der Hügel befinden sich kleinere Ebenen, auf denen Getreide gebaut und Vieh gehalten werden kann.

höheren Aufwand belastet werden würde, auf die Zustim­mung der Regierung nicht würden zu rechnen haben. Er müsse nur sehr wünschen, es möchte verhütet werden, daß eine Vorlage zu Fall komme, über deren Notwendigkeit alle Kreise einverstanden seien.

Die Beratung wird hier um 1 Uhr unterbrochen. Nächste Sitzung: Donnerstag vormittag 9 Uhr.

Aus Stadt und Land.

(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhaltes, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)

Gießen, 31. Mai 1900.

Auszeichnung, Dem Bürgermeister Philipp Hart» mann III. zu Rimborn wurde daS Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift:Für langjährige treue Dienste- am Bande des PhilippSordenS verliehen.

Auszeichnung. Dem Rittmeister Krämer, Flügel» adjutant des Großherzogs von Hessen, wurde der preuß. Rote Adlerorden 4. Kl. verliehen.

* Der Zweite« Kammer der Laudstiinde ging 1) her Bericht des Zweiten Ausschusses über die Regierungsvorlage, betr. den Gesetzentwurf, die Legitimation durch nach« folgende Ehe; 2) der Bericht deS Ersten Ausschusses über die Regierungsvorlage, betr. den Gesetzentwurf, die Witwen- und Waisenkasse der Volksschullehrer, sowie über die Vorstellung des Landeslehrervereins und der Ludwig-Alice-Stiftung zu jenem Gesetzentwurf; 3) die Re­gierungsvorlage , betr. weitere Tiefbohrung aus Thermalwasser in Bad-Nauheim, wofür 25000Mk. gefordert werden, zu.

* * Ernennungen. Der Großh. Hess. Kreisassistenzarzt Dr. T j a d e n in G i e ß e n ist zum Kaiserlichen RegierungSrat und Mitglied des Gesundheitsamts ernannt worden. Der Großh. Hess. Oberlandesgerichtsrat Forch in Darmstadt rst zum richterlichen Mitglied des Reichseisenbahnamts ernannt worden.

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