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M. 282 Drittes Blatt. Donnerstag den 30. November
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Gießener Anzeiger
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* Das vorläufige Ende des Sudanfeldzuges.
Gießen, den 28. November.
Während die Engländer auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatz noch immer nicht die mit solcher Bestimmtheit und Ruhmredigkeit angekündigten Erfolge erzielt haben, vielmehr bisher fast alle Erfolge auf Seiten der mit rühmlicher Tapferkeit und Zähigkeit kämpfenden Buren waren, haben die Engländer in Nordafrika soeben einen Erfolg errungen, dessen Bedeutung sehr hoch angeschlagen werden muß. In zwei Schlachten ist es den Engländern gelungen, den Khalifen, den Herrscher des Mahdistenreiches, völlig aufs Haupt zu schlagen und die Macht der Mahdisten so radikal zu vernichten, daß die Gefahr, welche bisher der englischen Herrschaft im Sudan von den Mahdisten drohte, als für immer beseitigt gelten kann. Nachdem der englische Führer Wingate erst vor wenigen Tagen den bei Abu Adil stehenden Flügel der Mahdisten unter Ahmed Fedil aufs Haupt geschlagen hatte, hat er jetzt auch die Hauptmacht des Khalifen bei Gedid völlig zersprengt, und dieser Sieg ist dadurch zu einem entscheidenden und endgültigen geworden, daß der Khalif Abdullahi sebst und ein Teil der Emire getötet und die übrigen gefangen genommen wurden. Der allein entflohene Emir Osman Digma, der nur noch darauf bedacht sein wird, seine Haut vor den Engländern in Sicherheit zu bringen, wird diesen schwerlich noch jemals Schwierigkeiten bereiten.
So stellt sich der englische Sieg als die völlige und endgiltige Vernichtung der Mahdistenherrschaft dar, und damit dürfte das von England angestrebte Ziel der Paci- sicierung des Sudans einigermaßen erreicht sein. Mit dem jetzigen Siege hat England spät genug die schwere Niederlage gerächt, die es am 26. Januar 1885 durch den Vorgänger Abdullahi's, den Mahdi Mohammed Achmed, erlitten hatte. Damals wurde die englische Armee unter dem General Gordon bis auf den letzten Mann nieoergemetzelt und Chartum fiel in die Hände der Mahdisten. Bald darauf, am 28. Juni 1885, starb der Mahdi an den Blattern und sein Nachfolger wurde Abdullahi. gegen den die Engländer seit 14 Jahren mit wechselndem Erfolge Krieg führen. Der letzte, jetzt glücklich beendete Feldzug begann im Frühjahr 1896. Im Jahre 1897 nahm General Kitchener Berber und besetzte am 26. Dezember das von den Italienern geräumte Kassala.
Im August vorigen Jahres gelang es alsdann den Engländern, einen vernichtenden Schlag gegen den Mahdi
zu führen. Am 2. September 1898 ritt Kirchener mit der eroberten schwarzen Fahne des Khalifen in Omdurman ein, wo ihm am 5. September der Glückwunsch des deutschen Kaisers zuging, „zu dem herrlichen Siege, der spät den Tod Gordons gerächt hat". In England hatte man sich damals mit der Hoffnung getragen, daß dieser Sieg über den Khalifen das Ende des Sudan-Feldzuges und das Ende des Mahdistenreiches bedeute. Das erwies sich bald als ein Irrtum. Der Khalif Abdullahi, der den Engländern damals entschlüpft war, sammelte bereits vor wenigen Monaten seine Scharen aufs Neue, denn wenn er nicht das Märchen von seiner „Prophetenmission" fallen lassen wollte, mußte er notgedrungen versuchen, die Niederlage vom August 1898 zu rächen. Aber der Aufruf des Khalifen an die Mahdistenstämme hatte nicht den gewünschten Erfolg, da der Glaube an seine Prophetenmission bereits vielfach geschwunden war und einzelne Stämme ihm schon früher offen den Gehorsam aufgekündigt hatten. So brachte der Khalif nur ein verhältnismäßig kleines Heer zusammen, das den disciplinierten Truppen der Engländer nicht gewachsen war. Mit der Vernichtung der Mahdisten hat England nicht nur die Hindernisse beseitigt, welche der Besitzergreifung der von ihm als Schutzgebiet in Anspruch genommenen oberen Nilländer im Wege standen, sondern es hat auch gleichzeitig seine Position in Egypten ganz außerordentlich verstärkt. England hat in leicht verständlicher Absicht sämtliche Kosten der Sudanfeldzüge, welche der egyptischen Staatskaffe zur Last zu fallen hätten, auf seine eigene Kasse übernommen und dadurch seine Rechte auf Egypten vermehrt.
In Frankreich freilich wird man jetzt zweifellos die Hypothese aufstellen, daß die englische Rolle in Egypten, nachdem die Mahdistengefahr beseitigt ist, eigentlich erledigt sei. Aber in England wird man über eine solche Auffassung lächeln. England denkt trotz aller Klagen Frankreichs nicht daran, die englische Position in Egypten jemals aufzugeben und über die noch fehlende formelle Anerkennung dieser Position wird man sich in England mit dem Satze trösten: Sei im Besitze und Du bist im Recht!
Gerichtssaal.
nn. Darmstadt, 27. November. Vor der Strafkammer II. des Großherzoglichen Landgerichts Darmstadt wurde heute morgen gegen den Rechner der Langener Spar- und Kredttkasse I. Keller und den Kontrolleur Herling verhandelt. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Herzberger, während als Ankläger Staatsanwalt Wolf fungierte. Die Verteidigung der beiden Angeklagten Jag in den
Händen der Rechtsanwälte Metz II. und Neuschäffer. Der Andrang des Publikums insbesondere aus Langen war ein sehr großer. Der Anklageschrift liegt folgender Thatbestand zu Grunde: In den Jahren 1895—1898 war Keller Rechner der Langener Kasse und hatte sich dabei eines unbegrenzten Vertrauens der Vorstandsmitglieder zu erfreuen Die Kassebücher wurden von dem Verwaltungsrat revidiert, und auch der Kontrolleur Herling will den Rechner bis zum Jahr 1897 genau kontrolliert haben, wobei alles in Ordnung gefunden wurde. Nachdem im vorigen Jahr der Konkurs des Stopfensabrikanten Rapp zum Ausbruch kam, stellte es sich heraus, daß Keller mit Rapp, hinter dem Rücken des Vorstandes, ausgedehnte Wechselgeschäfte betrieben und der Kasse einen ungedeckten Verlust von 45000 Mark zugefügt hatte. Damit aber nicht genug, trat Keller auf Empfehlung des Rapp, auch noch mit einer Frankfurter Weinfirma, Bauer u. Lehnert, im Wechselverkehr, um, wie er behauptet, höhere Zinsen zu erzielen. Bei dieser Firma büßte die Kreditkasse für nicht eingelöste Wechsel den Betrag von 93 000 Mark ein, ohne daß der Vorstand eine Ahnung von dem Stand der Kassengeschäfte Keller's hatte. Auch für auswärtige Hypotheken gab der Rechner Keller ca. 20 000 Mk. her. Zu all diesen Wechselgeschäften soll auch Herling seine Unterschrift aus die Wechsel gesetzt haben, um sie koursfähig zu machen. Nach den Aussagen des Herrn Verbandsdirektors Ihrig von Offenbach hat Keller diese ganzen Wechselmanipulationen nicht durck die Kassebücher laufen lassen, und so war es möglich, daß der Vorstand und auch der Aufsichtsrat über seine Kassedispositionen fortgesetzt im Unklaren war. Noch nachdem, seinerzeit von Rapp und Bauer u. Lehnert Wechsels zum Protest gingen, hat Keller diesen netten Firmen ca. für 40 000 Mk Wechsel diskontiert. Heute will Keller all diese Kassengeschäfte zum Besten der Kreditkasse unternommen haben, und auch der Kontrolleur Herling bestreitet jede Schuld. Interessant war noch die Aussage des Sachverständigen Ihrig, daß das Gesamtdefizit der Langener Spar- unb Kreditkaffe sich auf rund 200 000 Mk. belaufe und daß, falls dieser Betrag nicht gedeckt werden könne, es nicht ausgeschlossen sei, daß außer dem Konkurs der Kaffe selbst eine große Anzahl Mitglieder der Kasse in Konkurs geraten würden, da diese nicht im stände seien, ihre eigene Schuld und die Verlustquote decken zu können. Sämtliche Zeugen, meistens Mitglieder des Vorstandes, sagen aus, daß Keller das Heft in der Hand hatte unb sich nicht in die Karten sehen ließ. Das Gutachten des Sachverständigen und die Plaidoyers dauern bis zum Abend und dürste das Urteck heute nicht mehr gefällt werden.
** Wetterbericht« Ueber Skandinavien liegt heute das Centrum einer ungewöhnlich tiefen Depression mit weniger als 725 Millimeter Luftdruck. Dagegen ist neuerlich über dem Ostseegebiet das Barometer erheblich gefallen und stand bereits am Morgen Norddeutschland größtenteils unter dem Einfluß des niederen Druckes. Das barometrische Maximum ist südwärts zurückgewichen. Kerne hohen Druckes liegen noch über Central-Frankreich und über dem Alpengebiet sowie an der unteren Donau. Im Bereiche derselben ist das Wetter noch meist heiter. In unseren Lagen herrscht am Morgen im Flachlands vielenorts Nebel, die Hochstationen dagegen hatten heiteren Himmel. Im Alpen-Vorlande hatte sich leichter Frost eingestellt, während die höheren Lagen wieder Temperatur-Umkehr hatten. — Voraussichtliche Witterung: Zunächst meist trübes, ziemlich kühles Wetter mit stellenweisen Niederschlägen.
Feuilleton.
Mege häuslicher Tugenden
Sei der Erziehung unserer Töchter.*)
Da die Wohlfahrt des ganzen Volkes zum großen Teil von der Tüchtigkeit der Frauen abhängt, so bildet die Erziehung und Ausbildung der Mädchen einen Hauptpunkt in der sozialen Frage. Vor allem handelt es sich um die fortgesetzte Pflege der Tugenden, die der Hausfrau zur Gründung des häuslichen Glückes nötig sind. In erster Lime ist es die Aufgabe der Mutter, bei ihren Töchtern das Gemüt zu bilden und den Sinn für eine schöne Häuslichkeit zur Entwicklung zu bringen; unter ihrer gewissenhaften Aufsicht werden sie zu fleißigen, mit allen Hausarbeiten wohl vertrauten Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranwachsen.
Für das Leben giebt es keine bessere Aussteuer, als die Gewöhnung an ein genaues und gewissenhaftes Arbeiten, und diese steht in unmittelbarer Beziehung zur Pflichttreue. „Arbeit erhält das Leben" sagten schon die Alten; sie erfrischt das Gemüt und schützt vor Langeweile, namentlich aber befähigt sie den Menschen, das Leben und dessen Freuden wahrhaft zu genießen. Jede sorgfältige Arbeit ist eine Zierde für den Menschen, der sie verrichtet, niemals aber eine Schande. Das Mädchen soll deshalb die Arbeit nicht als eine Last ansehen, sondern darin die wirkliche Freude und Zufriedenheit suchen und finden. Dann wird es später das Familienschifflein ungefährdet durch die Klippen
•) Aus Hartmann, Beiträge zur Erziehung der deutschen Jugend mit besonderer Berücksichtigung der Pflege der Liebe zu Fürst und Vaterland, Kaiser und Reich, für Haus und Schule. I-Lang s Verlag, Karlsruhe. Preis brosch. Mk. 1.80, geb. Mk. 2 50. Das interessante Buch ist durch jede Buchhandlung sowie auch vom Verlag direkt zu Leziehen-i
des Lebens zu steuern vermögen und stets die Schätze des Fleißes, den größten Schmuck der deutschen Frauen, zu würdigen verstehen.
Die Sorge und Mühe um diesen Schmuck, und die Vorräte, die sich ganz besonders im Wäsche- und Kleiderschrank befinden, machen ihr das Hausinnere lieb und wert. Hier prägen sich Lebensauffassung und Charaktereigentümlichkeiten unverkennbar aus, hier ist die Grundlage des Hauswohlstandes. Ein klarer Blick genügt, zu erkennen, ob Ordnung, Sinn für Schönheit, Liebe zu Ererbtem vorhanden, ob emsiger Fleiß, Sauberkeit, praktisches Ueber- schlagen und Berechnen der Besitzerin eigen ist, oder ob Eitelkeit, Prunk nach außen, Gefallsucht, Neigung zu unnützen Dingen sie beseelen.
Die Liebe zur Häuslichkeit bedarf in unserer Zeit ganz besonderer Aufmerksamkeit und Pflege, damit der Hang zum Vergnügen vermindert, der Wohlstand dagegen sichtlich gehoben wird. Und wenn die Mutter als die natürliche Pflegerin der Hauswirtschaft nicht schon von frühe an den Sinn für häusliche Tugenden einpflanzt, so wird später jegliches Verständnis dafür fehlen. Das Mädchen muß frühzeitig für den Ernst des Lebens erzogen werden und sich die Tugenden der Treue, Demut, Bescheidenheit, Frömmig- kiit, Sparsamkeit, Ordnung und Reinlichkeit aneignen; es ist anzuhalten, selbst das Kleinste und Unscheinbarste mit Ernst und Gründlichkeit zu betreiben. Der Halbheit, Oberflächlichkeit und Selbstgefälligkeit muß mit jedem zu Gebote stehenden Mistel entgegengearbeitet werden; denn eine flatterhafte, ziel- und energielose Erziehung wird stets bittere Früchte tragen.
Bei der Mädchenerziehung dürfen aber auch nicht der Geschmack, die ästhetischen Anlagen unberücksichtigt bleiben. Die Mädchen sind mit den Formen und der Schönheit der Dinge bekannt zu machen; sie müssen kennen lernen, welche Bedeutung die schönen Formen im Bereiche der Natur und Kunst haben, und wie der Mensch in wirtschaftlicher und
künstlerischer Beziehung gewisse Gesetze der Formenwelt zu beachten hat. Schon äußerlich soll sich das Gefühl für das Schöne offenbaren in einer guten Körperhaltung, in freiem, ungezwungenem Auftreten, in edler Sitte, gefälligem Anstande. in steter Beachtung des Schicklichen; dann wird in der ganzen Lebensführung das hohe Gesetz der Schönheit und Mäßigkeit walten. Wie wichtig ist das Maßhalten, die Grundlage aller Kunst im Denken und Handeln, Wünschen und Begehren. Wie viele Menschen giebt es aber, die maßlos im Vergnügen, im Scherz und in der Heftig- feit sind. Es ist schon ein unangenehmer und Verachtung erregender Anblick, wenn sich ein Mann nicht zu mäßigen und zu beherrschen weiß; die Erscheinung einer maßlosen Frau ist aber zugleich peinlich und abstoßend. Welch traurigen Eindruck macht es, wenn sie ihr Temperament und ihre mannigsaltigen Wünsche nicht zu zügeln vermag, wo sie doch Meisterin in allen sanften Tugenden wie Genügsamkeit, Demut und Geduld sein soll. Ganz besonders in unserer Zeit, in der sich ein ungesunder Zug von Maßlosigkeit und Wohlleben zu breit macht, ist die Pflege solcher Tugenden sehr am Platze. Die Jagd nach dem Genuß mannigfacher Art ergreift alle Volkskreise. Unzufriedenheit mit dem, was man hat und ist, ausgeprägte Selbstsucht und die damit verbundene Rücksichtslosigkeit gegen andere nehmen überhand. Wie viele Menschen finden nirgends Befriedigung und reiben sich vor der Zeit auf, weil sie ohne Maß und ohne Einschränkung ihrer Wünsche die Körperkraft und ihr Können zersplittern. Vor allem muß die Frau, die Hüterin der Familie und der feinen Sitte, das weise Maßhalten in Freud und Leid, im Genuß und in der Arbeit allezeit im Auge behalten, danach handeln und den Kindern diese kostbaren Tugenden als Erbschaft überliefern. Putz- und Genußsucht, Neid und Mißgunst, jeder vorzeitige und unberechtigte Anspruch der Jugend muß daher bekämpft und eingeschränkt werden.


