K. 74
Zweites Blatt
Dienstag den 28. März
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Fernsprecher Nr. 61.
Die Kanalvorlage.
In den letzten fünfzig Jahren hat der Verkehr zwar ii ganz ungeahnter Weise an Ausdehnung gewonnen, aber non hat sich zur Bewältigung desselben fast ausschließlich as den Ausbau des neuen Verkehrsmittels, nämlich der Vse»bahnen, beschränkt. Den Kanalbau hatte man in Pnn ßen ziemlich vernachlässigt, und erst mit dem Dortmund- SmS: Kanal, der bekanntlich 1887 begonnen wurde und binnen kurzem vollendet sein wird, ist die Aera der Wasserffratz en eröffnet roorben. Der Kaiser-Wilhelm-Kanal kommt hierbei nicht in Betracht, da sein Zweck ein vorwiegend strategischer ist und das Handelsinteresse in zweiter Linie steht. Jetzt ist dem preußischen Abgeordnetenhause eine ganalvorlage zugegangen, die schon zu vielen Erörterungen AnlaH gegeben hat und von verschiedenen Seiten stark be- thl ft worden ist. Man darf annehmen, daß die Be- raluingen der Vorlage im preußischen Landtage lebhafte Debatten über die Wirtschaftspolitik zeitigen werden. Dar- luS erklärt sich genugsam das Zögern der Negierung, mit brr Borlage hervorzutreten.
Abgesehen von dem Projekte selbst, welches bekanntlich kn Vau des Mittel l andkanals bezweckt, hat die Vor« läge noch ihre besondere Wichtigkeit. Denn es wird dabei bie Frage zur Entscheidung gelangen, inwieweit zur Be- liburig von Handel und Industrie sowie zum Zweck der Letvüiltigung des stets steigenden Verkehrs der Bau von Men durchzuführen sei. Immer mehr steigern sich die Wahrnehmungen, daß die Eisenbahnen den an sie gestellten Infcrbermigen nicht genügen können, immer größer aber mirb auch besonbers in inbustriellen Kreisen bas Verlangen Mich einer im Vergleich zu ben Eisenbahnen billigeren Fracht- Alegenheit. Der Kampf, ben unsere Jnbustrie mit ber ionkurrenz bes Auslanbs zu führen hat, ist ein sehr schwerer; mb jebe Erleichterung, bie ihr verschafft wirb, trägt bazu Uti, sie in biesem Kampfe zu unterstützen unb ihr immer »fitere Gebiete bes Weltmarkts zu sichern. Nun sinb Mich gegen bie Kanäle — wie wir schon vorhin an- äfuteten — bie mannigfachsten Bebenken geltenb gemacht »orten. Man behauptet auf lanbwirtschaftlicher Seite, die Kanäle bie Einfuhr lanbwirtschaftlicher Probukte mitt Auslanbe erleichtern, baß sie bie Rentabilität bet Hchtaen in Frage stellen unb baß sie noch mehr als es Ml geschehe, ben Westen gegenüber bem Osten bevorzugen.
Daß bie wibersptechenben Anschauungen über ben Lonalbau jemals ausgeglichen werben bürften, ist kaum an- Wnehmen. Aus biesem Grunbe steht aber auch zu erwarten, die Vorlage über ben Mittellanbkanal ganz besonbers Mgsältig geprüft werben wirb, unb wir wollen hoffen, baß lii ber Erledigung biefer Frage unter Abwägung aller treffen bas Allgemeinwohl nicht aus bem Auge ge- CUifem wirb.____________________ xx
Deutsches Reich.
Berlin, 26. März. Der Kaiser hat nunmehr bestimmt, big bas Berliner Ri ch ar b-Wagner-Denkmal an bem Mdsischteich im Tiergarten zu stehen kommt. Dieser Platz fftll ffpäter zu einer Musiker-Denkmalstätte burch Errichtung tun Stanbbilbern für Mozart unb anbere erweitert werben.
Berlin, 26 März. Das „Berliner Tageblatt" melbet New-York: Oberst Roosevelt hat gestern vor ber Nlitzch-Untersuchungs-Kommission ausgesagt, baß bas nach 8ubci gelieferte Roastbeef in Büchsen völlig ungenießbar gtivrfeu sei unb das Eisfleisch bei ben Mannschaften Hioilchöe hervorgerufen habe.
Berlin, 26. März. Der kommanbierenbe General bes «rckembergischen Armee-Korps, preußische General ber Hisamterie v. Lindequist, verläßt bemnächst seinen Posten, stn ist, wie ber „Lokal-Anzeiger" melbet, zum komman- üer(!nben General bes neu gebilbeten 18. Armee-Korps, Itjiem Sitz in Frankfurt a. M. ist, bestimmt.
Berlin, 26. März. In ber gestrigen Derhanblung vor tzm Disziplinarhofe für nichtrichterliche Beamte würbe Hiosiffor Hans Delbrück auf bie vom Kultusminister qtntm ihn erhobene Anklage zu einem Verweis unb 500 Mark Ä-ftrafe sowie in bie Kosten bes Verfahrens verurteilt □it fier Begrünbung, baß bie Form feiner absprechenben Stilüf ber Ausweisungen aus Norbschleswig dieben Staats- 6aunnten gezogene Grenze überschreite. Der Vertreter ber änlliagc hatte bekanntlich bie strafweise Versetzung Delbrücks iü ein anderes Amt von gleichem Range ohne Ersatz der Wzuugskosten beantragt. Die Verhandlung fand ebenso bw hie Urteils-Verkündigung unter Ausschluß ber Oeffent- Miil statt.
— Gegen bie Auslegung ber Lieb er'scheu Resolution zur Militärvorlage als einer Verpflichtung bes Reichstags, einer Nachforberung von 7000 Mann zuzustimmen, protestiert lebhaft bie „Korresp. für Zentrumsblätter". Jnbem bie Korresponbenz ben Wortlaut ber Resolution nochmals abbruckt, fügt sie hinzu: „Also bie Bereitwilligkeit wirb nur bebingungsweise versprochen, nämlich für ben Fall, baß sich bei ber Ausführung bes Gesetzes bie nachweisliche Unmöglichkeit ergibt. Die ehrliche Probe ist verlangt unb zugesagt worben, unb bie Beweislast ist ben verbünbeten Regierungen zugeschoben. Nur wenn ber Reichstag biefen Nachweis für geführt erachtet, will er „bereit" fein. Per auch für ben Fall erklärt er sich noch keineswegs oereit, bie jetzt abgesetzten 7006 Mann nachzubewilligen, sonbern er will nur in neue Erwägungen unb Verhanblungen über eine anberroeite noch ganz unbestimmt gelassene Bemessung ber Präsenz eintreten! Wie kann man vernünftigerweise ba von einer „Verpflichtung" ober gar von einem „Wechsel" reben! — Das Schlagwort vom „Wechsel" ober ber „wechselmäßigen Verpflichtung" ist unseres Wissens von ber Presse ber „Freisinnigen Vereinigung" aufgebracht worben, bie zur Verbeckung ber eigenen Blamage unb aus angeborenem Zentrumshaß bas Tollste im Verbrehen unb im Herabsetzen bes parlamentarischen Erfolges geleistet hat. Sonberbar, baß diese sonst so „finanziell" geartete Presse bas Wesen eines Wechsels verkennt. Seine Bebeutung beruht ja gerabe barin, baß er burchaus nicht an ben Nachweis einer Schnlbverpflichtnng gebunben ist unb bem Bezogenen gar keine sachliche Einrebe gestattet. Der sog. „Wechsel", den der Reichstag ausgestellt haben sollte, würde in Geldverhältniffe übersetzt etwa so lauten: „Ich bin bereit, für den Fall, baß mir N. N. bie Unmöglichkeit nachweist, mit seinem Kassenbestanbe auszukommen, über einen Zuschuß mit ihm in erneute Erwägung zu treten." Wir möchten ben betreffenben Blättern raten, einmal ein solches „Aeeevt" bei einer Bank zu präsentieren unb bort ben Beweis zu versuchen, bas sei eine „wechselmäßige Verpflichtung"! Sie würben schon ausgelacht werben!"
Chemnitz, 26. März. Wie bie „Chemnitzer Allgemeine Zeitung" melbet, verunglückte gestern abenb in bem Zirkus Corty-Althoff währenb ber Vorstellung in ber Pantomime bei bem Tobessprung ins Bassin ber Tauchkünstler Baume. Nach ber programmmäßigen Auskleibung wollte Baume einen befonberen Tric vorführen. Er tauchte zweimal unter, kam aber nicht mehr zum Vorschein. Zweistünbige Belebungsversuche blieben erfolglos.
Samoa. Die „Times" läßt sich aus New-York folgenbes melben: „Die samoanischen Unruhen sinb toieberum Gegenstand) ber Verhanblung zwischen bem beutschen Botschafter Dr. v. Hollebcn unb bem Staatssekretär Hay. Der erstere hat in ber Angelegenheit eine Note überreicht. Einem Telegramm aus Washington zufolge tritt man in Berlin für ben beutschen Generalkonsul ein unb bestreitet, baß ber englische unb ber amerikanische Konsul in Apia bas Recht haben, zu hanbeln ohne Zustimmung deutscherseits. Ferner wirb Klage über bie englischen unb amerikanischen Schiffskommandanten erhoben, bie Abberufung bes Oberrichters Chambers neuerbings verlangt unb eine so entliehene Haltung gezeigt, baß ber ganze Berliner Vertrag in Frage gestellt scheint. In Washington glaubt man, baß Deutschlanb bie Aufteilung ber samoanischen Inseln wünscht, unb zwar so, daß Deutschlanb Upolu, Amerika Tutuila unb Englanb Sawaii zufalle. Die heute (ben 24.) per Kabel übermittelten Auslassungen ber Berliner Presse sind nur zu geeignet, jegliche freundschaftliche Regelung der Frage zu erschweren." — Der letzte Satz ist einfach Unsinn. Wenn Auslassungen der Presse die freundschaftliche Regelung erschweren könnten, so wäre dieses Kunststück von der englischen und amerikanischen Presse längst fertig gebracht; denn was von jener Seite an unverfrorenen Lügen und Verdächtigungen geleistet worden ist, könnte zu dem bezeichneten Zweck mehr als genügen. Im übrigen würden wir uns, schreibt die „Tgl. Rundsch." freuen, wenn es sich bestätigte, daß unsere Regierung fest und entschieden auftritt. Daß dabei trotzdem Mäßiaung walten kann und wird, nehmen wir als sicher an Zeit aber ist es, daß die Aufrechterhaltung der Rechte und Interessen endlich einmal auf den Boden der Gegen- seitigkeit gestellt wird.
Ausland.
Wien, 26. März. Das Volksblatt will aus bestunterrichteter Quelle erfahren haben, daß K a i s e r W i l h e l m in der Nähe von Cäsarea an der Küste von Palästina eine
Kohlenstation unb ein Lanbgebiet käuflich für Dentsch- lanb erworben habe.
Havre, 26. März. Der Friebcnsrichter von Havre in Begleitung bes Unterpräfekten hat gestern ben gerichtlichen Siegel, welcher nach bem Tobe Faures an besten Villa in Havre angebracht worben war, abgenommen.
Lokales und Provinzielles.
Gießen, ben 25. März 1899.
Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren würbe verliehen burch Allerhöchste Entschließung Sr. König!. Hoheit bes Großherzogs vom 15. März 1899 bem Mitgliebe ber freiwilligen Feuerwehr zu Ober-Jngel- heim, Martin Nikolaus Haus.
** Neue Maschlneninspektion. Mit bem 1. April b. I. wirb eine neue Königliche Eisenbahn-Maschiuen- inspektion in Fulba errichtet, welcher folgenbe Strecken zugeteilt werben': Bebra—Hanau (ausschl.), Fulba—Tann, Fulba—Hersfelb, Fulba—Gießen (ausschl.), Salzschlirf- Schlitz, Grünberg—Lonborf unb Elm—Gemünben (ausschl.). Gleichzeitig gehen bie Strecken Gießen—Friebberg (ausschl.) von ber Maschineninspektion Frankfurt a. M. an bie zu Gießen, unb bie Strecken Rebstock, bezw. Griesheim- Höchst (einschl.) unb Höchst—Soben von ber Maschinen. Inspektion Wiesbaben an bie zu Frankfurt a. M. über.
** Parlamentarisches aus Hessen Der Zweiten Kammer ber Stände ist seitens des Justizministeriums der Entwurf eines Gesetzes zugegangen, betreffend Aenderungen des Gesetzes, die Ausführung der Deutschen Civilprozeßordnun- und Konkursordnung betreffend, vom 4. Juni 1879, nebst Begründung. — Eine Vorlage des Finanzministeriums sucht um Bewilligung von 5600 Mark nach zu dem Zwecke, daß der ber Verwaltung ber Oberforsterei Babenhausen unterstellte sogenannte „Altbörfer Hof" zu einer Dienstwohnung für ben Oberförster hergerichtet wirb. — Abg. Häufel beantragt: bie Kammer wolle beschließen, baß seitens Großh. Staatsregierurg eine entsprechend Gesetzesvorlage baldmöglichst eingereicht werbe, woburch bie notigsten Kunststraßen nicht allein im Kreise Erbach, sonbern auch in ben übrigen Kreisen, soweit gleiche Verhältnisse vorliegen, aus Staatsmitteln längstens innerhalb zwölf Jahren erbaut werben können. - Abg. Schönfelb beantragt: Die Kammer wolle Großh. Regierung ersuchen, bei Vorlage des nächsten Staats-Voranschlags bie Bestellung von Kulturtechnikern für jebeu Kreis vorzusehen. — Der Bericht bes Ersten Ausschusses Zweiter Kammer über 1. bas Gesuch bes ehemaligen hessischen Hautboisten 1. Klasse Ernst Pull- mann zu Darmstabt, Erhöhung seiner Militär-Jnvaliben- Pension betreffend unb 2. bie Vorstellung bes Militär- Kriegs- unb Friebens-Jnvaliben-Bezirksvereins, bie Pensionsbezüge von Militär-Jnvaliben betreffend gipfelt in bem Antrag: bie beiben Gesuche vorerst für erlebigl zu erklären. — Der Bericht bes Vierten Ausschusses Zweiter Kammer über bas Gesuch ber Großh. Bürgermeister, bad Dienst- Einkommen unb bie Pensionierung berselben betreffend gipfelt in bem Antrag: Die Kammer wolle bie Großh. Regierung ersuchen: 1. Die Kreisämter anzuweisen, baß sie in ben einzelnen Gemeinben bie Büreankosten ber Bürgermeister nach Maßgabe ber Arbeitslast, ber Kopfzahl ber Einwohner unb bes vorhanbenen Steuerkapitals feststellen; 2. ben Bürgermeistern aus ber Staatskasse eine entsprechend Vergütung für alle biejenigen Amtsverrichtungen zu gewähren, bei welchen es sich im wesentlichen um bie Wahrung eines Staats- ober Privatintereffes hanbelt. — In betreff ber mit bem 1. April in Geltung fommenben höheren Berechnung für bie Schülerzeitkarten auf ber früheren Hessischen Lud- wigsbahn hat Abg. Häusel in ber Zweiten Kammer eine bringliche Anfrage an Großh. Regierung folgenben Inhalts gerichtet: „Hat Großh. Regierung Kenntnis bavon, baß vom 1. April b. I. an ber Abonnementspreis für Schüler bei Benutzung ber Obenwalbbahn rc. um bas Doppelte erhöht werben soll? unb eventuell beabsichtigt Großh. Regierung nicht, Schritte bagegen einzuleiten?"
*• ^tlebigte Stellen im Bezirk des 11. Armeekorps. Kassel, König!. Eisenbahn-Direktion, Nachtwächter für ben Werk- stättenbienst, 700—900 Mk. Gehalt unb 60—240 Mk. Wohnungsgelbzuschuß. — Frankfurt, Direktion ber Main- Neckar-Eisenbahn in Darmstabt, Anwärter für preußische Stellen bes Zugbegleitungsdienstes, 800 Mk. Gehalt und 60—240 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. — Griesheim a. M., Bürgermeisteramt, zwei Polizeisergeanten, je 1200 wf 1700 Mk. Gehalt. — Höchst, Magistrat, PorNer des städt. Schlachthofes, 1200 Mk Gehalt. Daselbst, Polizei-


