1S99
Dienstag de« 28. März
Drittes Blatt
Mr. 74
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Deutsches Reich.
Berlin. 25. März. Der Kaiser hörte heute vormittag itn Auswärtigen Amte den Vortrag des Staatssekretärs »Bülow und empfing später im Schloß den Chef des H«nel.alstabs v. Schliessen und den Chef des Militär- Mi Letts v. Hahnke.
Berlin, 25. März. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht toute die bereits bekannte Ernennung des Geheimen Ober- Jiegirrungsrats, Freiherrn v. Zedlitz-Neukirch in Berlin gim Präsidenten der Seehandlung.
Vermischtes.
* Die Weigerung des Profeffors Franz Stuck in München, fern ton der Ausschmückungskommission des Reichs- Agts beanstandeten Deckenfries: „Die Jagd nach dem Äüd" in der Vorhalle des Präsidentenzimmers zu ändern. Misch Lrst den vorhandenen Konflikt. Zur Erläuterung der Äorgb-schichte wird der „Nat.-Ztg." von gut unterrichteter c$tit< versichert, daß Stuck dem Geh. Baurat Wallot die LZlizzsen zu diesem Fries seiner Zeit vorgelegt und daraufhin ton Auftrag erhalten hat. Stuck hat jedoch seinen Auftrag überschritten, indem er sich an die vorgelegten Skizzen nicht fallen hat. Stuck hat 22,000 Mk. als Kostenvorschuß «hallten, demnach sind noch 8000 Mk. rückständig geblieben!; ■di Ganzen waren 30000 Mk. dem Künstler zugesichert Korben. In der Geschäftswelt, auch auf ästhetischen Gebiete, ymscht der Brauch, daß der Auftraggeber berechtigt ist, riffln ihm das bestellte Werk mißfällt, eine Aenderung zu wlaingen. In diesem Sinne ist auch die Ausschmückungs- k iinmiission vorgegangen, hat aber eine abweisende Antwort «haften. Es entsteht nun die Frage, wie eine Verständigung hirbeigeführt werden kann. Entweder wird der Weg der gitlidhen Vereinbarung eingeschlagen werden, alsdann würden tom Künstler die Auslagen, Unkosten u. s. w. vergütet und em Extrahonorar gewährt werden. Der etwa bleibende Ms! von den 22000 Mk. Kostenvorschuß müßte alsdann wm Künstler zurückgezahlt werden. Sollten aber weder bttr Reichstag noch der Künstler diesen Weg wählen wollen, s» mißte die gerichtliche Entscheidung'angerufen werden.
Berlin, 25. März. Zu dem Konflikt zwischen Professor Siu.ck und der Reichstags-Ausschmückungs-Kommission wird iirJ München telegraphiert, daß Stuck, der bekanntlich für d-n Fries im Reichstagsgebäude 30000 Mark zugesprochen : toirem, von denen er bereits 22 000 Mark erhalten hat, ■ b craiuf besteht, die noch restterenden 8000 Mark zu erhalten, : tegbtm er sich weigert, eine Aenderung an dem Fries vor- . zmhmen. Die Reichskasse ist, wie das „Berliner Tagebl." 'mlbct, keineswegs geneigt, die 8000 Mark zu zahlen, sodaß ! diu Angelegenheit sich wohl zu einer Rechtsfrage zuspitzen
* ein Erfolg der deutschen Jngenieurkunst in Siam ist zju verzeichnen. Dem früher in Krupp'schen Diensten Mn den preußischen Baurat Bethge und dem preußischen und Betriebs-Inspektor Gehrts, dem Vorsteher des 1 lMfchen Eisenbahn-Departements in Siam, ist es gelungen, . dl l'ichnischen Schwierigkeiten des Eisenbahnbaues Bangkok- Mr zu überwinden, sodaß die 265 Kilometer lange Strecke ) H iium 1. Januar 1900 dem Fracht- und Personenverkehr uiagjeben werden kann. Trotz englischer Machenschaften ! gültig es, den deutschen Ingenieuren, meist deutsches Material ' jiii i«nen Bau heranzuziehen, und wie sehr damit der Kaiser ! Dun Siam, der die erste Anregung zum Bau von Staats- I bchen gab, zufrieden war, ersieht man aus der soeben ein- , gMMgenen Meldung: Dem Baurat Bethge und dem Bau- chfkklor Gehrts ist auch der Bau der Bahnen Ayuthia- : «Muri und Bangkok-Patchaburi übertragen worden. Erstere Kder Anfang der großen 600 Kilometer langen Bahn nach : Lsimig-Mae, die nach China hinein fortgesetzt werden soll, ^wso'lgt zunächst der Bahn Bangkok-Korat und führt von ZFinMayce ab, direkt nach Norden, sie soll bis 1. April 1900 Itiij Lophburi fertiggestellt sein. Die zweite Bahn ist be- j pnmni.t, den siamesischen Teil der malayischen Halbinsel ««za an das Hauptland anzuschließen und soll später bis i M Südgrenze fortgesetzt werden. Für beide Linien wird .MsMs deutsches Material in umfangreichem Mastabe < zKmcht.
- Pfarrer Blanchard, römisch-katholischer Seelsorger der Gefängnisse und als solcher in steter Verbindung ickWuccheni, ist von Wien zurückgekehrt. Er wurde i)«ri persönlich vom Kaiser Franz empfangen, aber nicht, 1 dv. ^gemeldet wurde, um ihm wichtige Mitteilungen im - Witm Luechenis zu machen. Zwar hatte Blanchard Luccheni
seine Absicht, den Kaiser zu sprechen, milgeteilt. Luccheni sagte dann, er solle den Kaiser ersuchen, dahin zu wirken, daß er nicht dreißig Jahre im Genfer Zuchthause bleiben müsse. Blanchard antwortete, er werde diese Bitte dem Kaiser in keinem Falle vorbringen. Der Zweck der Reise Blanchards war, dem Kaiser sein Vorhaben mitzuteilen bezüglich des Baues einer Gedächtniskapelle in Genf. Der Kaiser nahm Blanchard huldvoll auf und erklärte, sein Zweck sei ein edler und er werde persönlich zu dessen Erfüllung beitragen.
* Verkehrswesen. Vom 1. April sind im Verkehr mit Deutsch-Ostafrika auf Packeten bis zum Gewichte von 10 Kg., jedoch nur auf dem Wege über Hamburg, Nachnahmen bis 800 Mk. zulässig. Die Nachnahmegebühr beträgt für jede Matt und jeden Teil einer Mark 1 Pf., mindestens aber 20 Pf.
♦ Astronomie und Industrie. Man schreibt der „T.R." : Bei Heidelberg steht auf dem Gipfel des Königsstuhls die in vorigem Sommer eingeweihte großherzogl. badische Landes- und Universitätssternwarte, ein in jeder Beziehung mustergiltiges wissenschaftliches Institut. Besonders wegen der fast völlig rauchfreien Luft Heidelbergs war dieser Standort gewählt worden. Gehört doch Heidelberg zu den bevorzugten Städten, die in ihren Mauern größere Industrieanlagen nicht besitzen. Nach dem Brande des großen Portlandzementwerkes vor einigen Jahren hatte die Stadt den Platz des Werkes für eine bedeutende Summe angekauft und ist zur Zeit damit beschäftigt, das Gelände zu Villengrundstücken zu parzellieren. Das Zementwerk ist nach Leimen, einem Dorf in der weiteren Umgebung der Stadt, verlegt worden. Man hat dadurch erreicht, daß der wunderbare Blick von der Schloßterrasse in die Rheinebene wieder völlig frei ist; auch hat sich die LuftHeidelbergs natürlich noch verbessert, seitdem die mächtigen Schlote in der Weststadt nicht mehr qualmen. Kürzlich war nun das Zementwerk in Leimen um Bauerlaubnis für einen siebenten Ringofen mit einem Kamin von 100 Meter Höhe eingekommen und beabsichtige auch, zwei schon vorhandene Kamine von 35 Meter Höhe auf 80 Meter zu erhöhen. Die Professoren der Sternwarte Heidelberg Dr. Valentiner und Dr. Wolf befürchteten, die Vermehrung der Rauchentwickelung werde eine Störung ihrer astronomischen Arbeiten zur Folge haben, und erhoben gegen das Vorhaben des Zementwerkes Einspruch, dem sich das großherzogliche Kultusministerium anschloß. Der Bezirksrat Heidelberg hatte über diesen Einspruch zu entscheiden. Eine Anzahl der hervorragendsten Fachmänner war zu Gutachten aufgefordert worden, so der Direktor der königlichen Sternwarte in München, Professor Dr. Seeliger, der Fabrikinspektor Dr. Wörrishofer in Karlsruhe, der Direktor der chemisch-technischen Versuchsstation in Karlsruhe Hofrat Dr. Bunte und andere Vertreter der Wissenschaft und der industriellen Praxis. Der Bezirksrat entschied nach langer Beratung auf Genehmigung des Gesuches um Bauerlaubnis, machte aber dem Zementwerk gewisse Auflagen, durch welche die Nachteile der Rauchentwicklung für die astronomischen Beobachtungen möglichst beseitigt werden sollen.
* Die drei Chinese».
„Das stolze Reich muß untergeh'n — Bald waren wir gewesen!"
So seufzten im Tsung-li-Yaman Drei biedere Chinesen.
Der Erste hielt einen Brief in der Hand
Mit italienischer Marke: Italien will ein großes Stück Land, Damit es in China erstarke.
Der Zweite hielt in der Hand einen Brief Von der belgischen Regierung,
Auch diese wünscht Land und nennt als Motiv: Belgiens Arrondierung!
Der Dritte sprach: „Ich fürchte sehr. Bald wird auch der Nikolaus kommen, Der Montenegriner, der uns bisher Noch gar nichts weggenommen.
Seid überzeugt, bald reklamiert Auch dieser seine Beute.
Wie sehr man sich auch isoliert — Man kommt doch unter die Leute!"
(Jugend.)
* Das Ende einer sozialistischen Universttat. Die radikale Universität in Brüssel hat aufgehört zu bestehen. Sic hat fünf Jahre bestanden. Weil die Regierung der Ult- versität das Recht, Diplome und Würden zu erteilen, ver- weigerte und weil ein jährlicher Zuschuß von 60000 Franke« schließlich nicht aufzutreiben war, mußte die Universität a« Dienstag geschlossen werden. Nur das „Institut der hohe« Studien", für das die Mitwirkung ausländischer Gelehrt« und finanzielle Unterstützungen gesichert sind, bleibt.
Meralur, Wissenschaft und Kunst.
Grundrüge der Münzkunde von Herrmann Dannenberg. Zweite, vermehrte und verbefferte Auflage. Mit 11 Tafeln Abbildungen. In Originalleinenband 4 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leip,ig. Die Münzen sind nach allen Richtungen der geschichtlichen Forschung eine reichlich fließende und befruchtende Quelle. Uber den fast unerschöpflichen Stoff, den die dritthalbtausend Jahre seit dem Auskommen der ältesten Münzen geliefert haben, gewährt dem Historiker und Sammler, sowie allen Freunden der Geschichte und Kleinkunst das vorliegende Buch einen orientierenden Überblick. Die zweite Auflage dieses Bandes von Webers „Illustrierten Katechismen'" hat gegenüber der ersten, schon sehr beifällig aufgenommenen Auflage noch dadurch gewonnen, daß hier das deutsche Mittelalter ausführlicher behandelt worden ist. Begreif licherweise haben die griechischen Münzen die eingehendste Berücksichtigung erfahren. Den römischen Münzen sind die byzantinischen ongeschloffen-, bei den mittelalterlichen sind auch die der fränkischen Staaten der Kreuzfahrerzeit in Betracht gezogen. Der Schlußabschnitt faßt die um 1390 auf kommenden Medaillen ins Auge. Die beigegebenen Tafeln ettäutern auf anschaulichste Weise den Text.
Heraldik. Grundzüge der Wappenkunde von Dr. Eduard Frhrn. v. Sacken. Sechste Auflage, neu bearbeitet von Moriz v Weittenhiller. Mit 238 Abbildungen. In Originalleinenband 2 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Die große Zahl von Freunden, die sich dieser Katechismus der edlen Heroldskunst seit seinem ersten Erscheinen im Jahre 1862 erworben hat, giebt wohl ein nicht anfechtbares Zeugnis von seiner Brauchbarkeit, gleichzeitig aber auch von dem Eifer, mit dem das Studium der Geschichte des späteren Mittelalters betrieben wird. Für das tiefere Eingehen in die Territorialgeschichte, Genealogie und Diplomattk, gerade dieser Periode, ist die Heraldik eine kaum zu entbehrende Hilfswissenschaft, für welche das vorliegende Buch eine zweckmäßige Einführung gewährt. Die mehrfach verbefferten und vermehrten Abbildungen erläutern nicht nur den Text, sondern geben auch dem Künstler Anleitung zur fehlerlosen und stilgerechten Ausführung von Wappen. Von allgemeinstem Interesse ist u. a. das elfte Kapitel über die Ordnung im Blasoniren, d. h. über das wissenschaftliche Beschreiben der Wappen nach den heraldischen Grundsätzen und Regeln.
Die musikalische Verherrlichung der Wanderlust findet sich in der soeben erschienenen 13. Lieferung von Joseph Kürschners „Frau Musika" (Berlin, Hermann Hillger Verlag. Lieferungsausgabe 20 Hefte u 60 Pf. nebst 2 prächtigen Einbanddecken gratis). In 6 Abschnitten ist hier das schönste aus dem musikalischen Schatz Deutschlands zusammengestellt über Ausfahrt, Leben auf der Fahrt, über das, was der Wandersmann unterwegs erlauscht, was zu ihm dringt in den Bergen an Jodlern und Juchzern und wie ihm trotz aller Herrlichkeiten da draußen doch die Sehnsucht beschleicht nach der Heimat. Das Kapitel ist mit ebensoviel Sinnigkeit wie feinem Verständnis zusammengestellt. Wahrlich, der Volks- freund muß wünschen, daß Kürschners Werk heimisch werde an jedem Herd, wo deutsche Kunst und Art hochgehalten wird.
„Deutscher Soldatenhort", Jllustrirte Zeitschrift für das deutsche Heer und Volk. Herausgeber: General-Leutnant z. D. H. v. Below. Preis pro Quartal 1,80 Mk. Verlag von Karl Sigismund, Berlin SW., Deffauerftraße 13. X. Jahrgang, Nr. 16, erschien soeben und enthält:
Der achtzehnte April. Erzählung von Alex. Richter. — Eine elektrisch beleuchtete Rettungsboje. (Bildertext.) — Nach dem Dienst. Von General d. Inf. z. D. v. Kretschmann. — Sprüche. — Thättgkeit und Erlebnisse im Überschwemmungsgebiet 1897. Von Hauptmann Scharr. (Mit Abbildungen) — Aus dem Dienstleben des Kavalleristen. Von Oberstleutnant d. Kav. a. D. von Sanden. — Im Sumpf verirrt. (Bildertext.) — Aus dem Bericht eines Matrosen der nach Kiautschou bestimmten Ablösungs-Mannschaften. — Wie der olle Kaptän Klasen zu einer Frau kam. Humoreske von Josef Maertl. — Eine schöne russische Hofsitte. — Vaterländische Gedenktage. — Vermischtes. — Splitter und Funken. — Räthsel. — Briefkasten. — Inserate. —
Der Kunstwort. Herausgeber Ferd. Avenarius, Verlag Georg D. W. Eallwey, Ätünchen (vierteljährlich M. 2.50, das einzelne Heft 50 Pf.) Heft 12 enthält: Die Kunst itn Reichstage — Zur deutschen Litteratur- geschichte. Von Adolf Bartels. — Zur Musikpflege. Von Richard Batta. — Kopie und Imitation. Von Paul Schultze-Naumburg. — Lose Blätter: Gedichte von Detlev von Liliencron. — Rundschau, enthält u. a: Erstaufführungen der Berliner Theater. — lieber unsere Theaterkunst. — Die Stucksche Dekoration für das Reichstagshaus, — Von Wiener Kunst. — Bilderbeilagen: Hans Olde, Portait Detlevs von Liliencron. Albrecht Dürer, Ritter, Tod und Teufel. — Notenbeilage - Otto Ball, Impromptu.
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Schnlstratze 7.


