Ausgabe 
27.10.1899 Erstes Blatt
 
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den man damals beging, als man um des Fürsten Alexander von Bulgarien willen Deutschland in einen Krieg mit Ruß­land stürzen wollte. Dieser Vergleich wir sind sonst nicht gern unhöflich ist albern und perfide zugleich. Damals, als die Battenbergerei in Deutschland in Blüte stand, haben die Träger dieser Bewegung offen und nach­drücklich das bewaffnete Eingreifen^Deutschlands in die Händel der Balkanhalbinsel gefordert. Wo wird ein ähnliches Ver­langen heute gestellt? Damals waren die Rufer im Streit die Freisinnigen, Demokraten und Klerikalen, und mit aller Schärfe der Ironie und der sachlichen Argumente und unter dem lauten Beifall der nationalen Parteien wies der große Kanzler dieses Treiben zurück. Heute stehen die nationale« Elemente in Deutschland in den Sympathien für die hari­bedrängten Buren voran, und selbst die Demokratie und das Zentrum teilt gleichgeartete Empfindungen. Nur die Offiziösen find anderer Meinung. Und fordert man denn in Wahrheit, daß der Weg nach Wölkenkuckucksheim ange­treten, daß aktiv in die afrikanischen Wirren eingegriffen werde? Sicherlich nicht. Aber und dies lesen wir mit Genugthuung sogar in einem freisinnigen Organ, in dem einstigen Organ desselben Bamberger, der uns um Samoa geschwatzt hat aber es stünde uns schlecht an und würde dazu führen, daß man unsere politische Bedeutung in Eng­land sehr niedrig einzuschätzen begönne, wenn wir uns aus einer abwartenden Stellung herauslocken ließen, um für einige Douceurs zu Gunsten Englands gegen die Buren zu demonstrieren.Vielleicht gelangen wir zu einem Arrangement in Samoa, vielleicht schenkt man uns die Walfischbai, vielleicht gestattet man uns, Liberia in die Tasche zu stecken, vielleicht bekommen wir einen Fetzen Land. Aber was bedeuten schließlich diese afrikanischen Geschenke, wenn wir auf solche Weise Einbuße an unserer moralische» Reputation erleiden, und wenn der Glaube in der Welt sich verbreitet, daß für einige Trinkgelder das mächtige Deutsche Reich sich als Freundschaftsstatist verwerten läßt, um die Stärke der internationalen Stellung Englands vor den zuschauenden Staaten zu erhärten!"

Der dringende Argwohn, daß solche Trinkgelderpolitik nicht nur beabsichtigt, sondern in dem berühmten mysteriösen deutsch-englischen Vertrage schon festgelegt ist, ist die Ursache dafür, daß eine tiefe Verstimmung sich weiter Kreise be-- mächtigt hat. Es kommt wirklich nicht bloß darauf an, ob das uns zugedachte Linsengericht mit einigen Speckstückcheu garniert ist oder nicht. Es wird berichtet und klingt auch durchaus wahrscheinlich, daß Rußland und Frankreich die Errichtung eines großen englischen Reiches in Südafrika nicht dulden werden; eine Bedrohung der englischen Position in Indien oder am Roten Meere würde in der Thal Wunder wirken. Es heißt, daß England eine Flotte zusammenziehe, um nach der Levante zu gehe» und gegen eine etwa beabsichtigte Vereinigung des französi­schen und russischen Geschwaders zu demonstrieren. Wer kann es wissen, welche weittragenden, gar nicht zu berechnenden Ereignisse noch aus dem Schoße der Zukunft emporkeimen werden? Scheint es doch, als wenn der Spaziergang nach Prätoria, von dem die Engländer träumten, auf Hindernisse stoße» solle, wie sie einst die Franzosen auf ihrer Promenade nach Berlin fanden. Denn noch immer ist das Ergebnis der englischenSiege" durchaus negativ.

Und soll Deutschland wirklich all den kommenden Mög­lichkeiten und Entscheidungen mit vorzeitig gebundenen Händen gegenüberstehen? Soll es sich um der englischen Freund« schäft willen mit zahllosen Sympathien zugleich die freie Aktionsfähigkeit verscherzen? Es mag ja sein, daß das edle Herz der Queenblutet" bei all dem Leid, das die Politik ihrer Berater über ihr Volk gebracht hat, aber diesem edlen Bekenntnis einer schönen Seele steht doch die unleugbare Thatsache zur Seite, daß überall in der Welt, so weit

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Nr. 253 Erstes Blatt»

Freitag den 27. October

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Erscheint täglich mit Ausnahme deS MonlagS.

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Amts- unb JlnjemcMatt für den Ttveis Giefzen.

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Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Uolkskunde.

Amtlich e^Geil.

Bekanntmachung,

betreffend Gelände-Enteignung zur Erweiterung der Halte­stelle Langsdorf.

Die Königliche Eisenbahndirektwn Frankfurt a. M. hat »amens des Großherzogtums Landeseigentum auf Grund des Preuß.-Heff. Staatsvertrags vom 23. Juni 1896, in Gemäßheit der Art. 22 ff. des Enteignungsgesetzes vom 26. Juli 1884 in Gemeinschaft mit dem Gemeindevorstand von Langsdorf Antrag auf Einleitung des Enteignungsver- sahrens bezüglich des folgenden in der Gemarkung Langs­dorf belegenen, zur Erweiterung der dortigen Haltestelle er­forderlichen Geländes gestellt:

1. Flur I, Nr. 87 !-/,<, qm. 6»/l0

Nr. 872 13«/«,

2. Flur I, Nr. 874«/10 44

Nr. 8775/i0 114

3. Flur I, Nr. 875$/10 123

4. aus Flur VII, Nr. 594 qm. 306 111 qm.

5. VII, Nr. 600 181 = 67

6. VII, Nr. 603 417 = 227

7. Flur VII, Nr. 607 qm. 49

8. aus Flur VIII Z7r. 10 qm. 300 20 qm.

Nr. 37 246 --- 83

Nr. 46 177 = 33

Nr. 121 121 = 87

9. aus Flur VIII Nr. 978/j0 qm. 215 56 qm.

Es wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß der Situationsplan bezw. der Plan des Unter­nehmens nebst Meßbriefen und Grundbuchsauszügen über das zu enteignende Gelände, sowie die Eingaben der Königs. Preuß. Eisenbahndirektion, des Gemeindevorstandes von Langsdorf und das Verzeichnis der Grundeigentümer und des von denselben beanspruchten Geländes in der Zeit vom 1. November bis 15. November d. I eivschliestlich «uf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Langs­dorf zu jedermanns Einsicht offen liegen.

Zugleich wird zur Verhandlung über den Plan und die zu leistende Entschädigungen Tagsahrt vor der Lokal- kommission auf:

Freitag de» 24 November 1899, Vormittags 9 Uhr

auf das Gemeindehaus zu Langsdorf anberaumt.

Die Eigentümer, Pächter, Mieter und sonstige an den abzutretenden Grundstücken persönlich Berechtigte sowie alle Hörigen an der beantragten Enteignung Beteiligten werden Aufgefordert:

1. Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschluffes und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung oder Beschränkung,

2. Erklärung auf die angebotene, aus dem der Ein­gabe des Betriebsamts beiliegenden Verzeichniffe ersichtliche Entschädigungssumme bei Meidung von Unterstellung der Annahme des Angebotes,

3. Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bei Mei- düng des Ausschlusses mit solchen,

4. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,

5. Anträge auf Einrichtung und Unterhaltung von An­lagen, welche für die benachbarten Grundstücke oder in öffentlichem Interesse zur Sicherung gegen Ge­fahren und Nachteile notwendig sind,

6. etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an die zu enteignenden Grundstücke

dem oben erwähnten Termin vorzubringeu.

Wenn dritte Personen als dinglich Berechtigte oder wegen sonstiger Rechtsverhältnisse bei der Enteignung be- Seiligt sind, so muß sie der Eigentümer sofort nach Zu­stellung der Bekanntmachung uns bezeichnen, andernfalls »leibt er für diese Ansprüche verantwortlich.

Die Eigentümer der abzutretenden Grundstücke müffen «on der Zustellung dieser Bekanntmachung an zu neuen Anlagen oder zu einer von der bisherigen, bezw. der ge­wöhnlichen abweichenden Art, der Bewirtschaftung die Ge­nehmigung der König!. Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. «inholen, widrigenfalls eine Entschädigung demnächst nur insoweit verlangt werden kann, als durch die Veränderung sruch für den öffentlichen Zweck, für welchen die Enteignung geschieht, der Wert »es Geländes erhöht worden ist.

Räumt der Eigentümer einem andern von dem Zeit- A»nkte der Zustellung an ein dingliches Recht von dem zu

enteignenden Grundstücke oder ein persönliches Recht auf deffen Benutzung ohne Genehmigung des Unternehmers ein, so steht jenem andern ein Anspruch auf eine besondere Ent­schädigung nicht zu.

Die Eigentümer der zu enteignenden Grundstücke werden endlich aufgefordert, bis zum 4. November 1899 ein bei der Sache nicht beteiligtes Mitglied des Orts­vorstandes einer benachbarten Gemeinde uns zu bezeichnen, welches nach Art. 30 Ziffer 4 des Gesetzes vom 26. Juli 1884 der Kommission anzugehören hat.

Dieses Mitglied haben die Eigentümer gemeinschaftlich durch Wahl oder das Los zu bestimmen. Kommen die Eigentümer dieser Aufforderung nicht nach, so wird das Kommissionsmitglied von dem Vorsitzenden der Kommission ernannt werden.

Gießen, den 24. Oktober 1899.

Großh. Kreisamt Gießen.

___________________v. Bechtold.__________________

Bekanntmachung.

Wegen Ausbruchs des Gewölbes der Unterführung der Kreisstraste GiehenKleiu-Ltuden bei Klein-Linden wird die letztere an genannter Stelle am Donnerstag dem 2. nvd Freitag dem 3. November l. I für jeglichen Verkehr gesperrt.

Als Verbindungsweg zwischen Gießen und Klein-Linden dient an genannten Tagen die Klinikstraße und der entlang der Bahn an der Margarethenhütte vorbeiführende sogen. Mittelweg.

Gießen, den 24. Oktober 1899. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

* Hrinkgetderpotitik?

Gießen, 26. Oktober 1899.

Deutsche Soldatentreue wird die Freundschaft halten, die Ew. Majestät einst selbst gezeigt haben" mit diesen ergreifenden Worten schließt das Telegramm, das die wackeren Männer deutschen Blutes, die für die Freiheit des Trans­vaal gegenEnglands räuberisches Vorgehen" die Waffen tragen, an den Träger der Hohenzollernkrone gerichtet haben. Bei Glencoe und vor Elandslaagte haben sie bewiesen, daß es ihnen Ernst ist mit ihrem Gelöbnis, und die Männer, die dem Oberst Schiel freiwillig in den Kampf folgten, haben im fremden Lande, unter einer anderen Sonne, dem deutschen Namen neue Ehren, neue» Glanz verliehen. Treue um Treue.

Es ist ein wundersamer Wandel, den in leise andeuten­dem Wort die Huldigungsdepesche der Deutschen in Trans­vaal zum Ausdruck bringt. Es gab einst eine andere Depesche, kraftvoll, feurig und stark in Wesen und Ton, die aus der Reichshauptstadt hinübelflog nach dem fernen Krügersdorp, und der elektrische Funke, der sie forttrug über Tausende von Meilen, entzündete die Flamme der Begeisterung auch in allen deutschen Herzen. Mau darf nicht zweifeln, daß auch heute die innersten Sympathien des ritterlichen Monarchen dem freiheitskämpfenden Burenstamm gehören. Aber die leidige Politik, die ihn verhinderte, den Gruß der Stammesgenossen im Transvaal zu erwidern, zwingt ihm Zurückhaltung auf. Wer einen Blick hat für die Realitäten deS Daseins und nicht gewohnt ist, das Zweckmäßige gegen das Wünschenswerte zurückzuhalten, wer überdies den unge­heuren Umfang der Verantwortung ermißt, die auf den Schultern des Kaisers ruht, wird solches Verhalten verstehen und billigen. Aber ein anderes würde es sein, wenn dem räuberischen England" diplomatisch sekundiert oder auch nur eine moralische Unterstützung geliehen würde. Und es scheint, als ob das auswärtige Amt thatsächlich im Begriff sei, sich in einer Weise zu engagieren, die sicherlich nicht als burenfreundlich aufgefaßt werden kann. In den offiziösen Organen wird in den bekannten Tönen überlegener Weis­heit über diehochherzigen Anwandlungen" des deutschen Volkes gespottet, wird an denSchwabenstreich" erinnert,

Dg'. Artikel im zweiten Blatt, der vor der oorstchevden Aus­lassung geschrieben »ar. D. Red.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.