den man damals beging, als man um des Fürsten Alexander von Bulgarien willen Deutschland in einen Krieg mit Rußland stürzen wollte. Dieser Vergleich — wir sind sonst nicht gern unhöflich — ist albern und perfide zugleich. Damals, als die Battenbergerei in Deutschland in Blüte stand, haben die Träger dieser Bewegung offen und nachdrücklich das bewaffnete Eingreifen^Deutschlands in die Händel der Balkanhalbinsel gefordert. Wo wird ein ähnliches Verlangen heute gestellt? Damals waren die Rufer im Streit die Freisinnigen, Demokraten und Klerikalen, und mit aller Schärfe der Ironie und der sachlichen Argumente und unter dem lauten Beifall der nationalen Parteien wies der große Kanzler dieses Treiben zurück. Heute stehen die nationale« Elemente in Deutschland in den Sympathien für die haribedrängten Buren voran, und selbst die Demokratie und das Zentrum teilt gleichgeartete Empfindungen. Nur die Offiziösen find anderer Meinung. Und fordert man denn in Wahrheit, daß der Weg nach Wölkenkuckucksheim angetreten, daß aktiv in die afrikanischen Wirren eingegriffen werde? Sicherlich nicht. Aber — und dies lesen wir mit Genugthuung sogar in einem freisinnigen Organ, in dem einstigen Organ desselben Bamberger, der uns um Samoa geschwatzt hat — aber es stünde uns schlecht an und würde dazu führen, daß man unsere politische Bedeutung in England sehr niedrig einzuschätzen begönne, wenn wir uns aus einer abwartenden Stellung herauslocken ließen, um für einige Douceurs zu Gunsten Englands gegen die Buren zu demonstrieren. „Vielleicht gelangen wir zu einem Arrangement in Samoa, vielleicht schenkt man uns die Walfischbai, vielleicht gestattet man uns, Liberia in die Tasche zu stecken, vielleicht bekommen wir einen Fetzen Land. Aber was bedeuten schließlich diese afrikanischen Geschenke, wenn wir auf solche Weise Einbuße an unserer moralische» Reputation erleiden, und wenn der Glaube in der Welt sich verbreitet, daß für einige Trinkgelder das mächtige Deutsche Reich sich als Freundschaftsstatist verwerten läßt, um die Stärke der internationalen Stellung Englands vor den zuschauenden Staaten zu erhärten!"
Der dringende Argwohn, daß solche Trinkgelderpolitik nicht nur beabsichtigt, sondern in dem berühmten mysteriösen deutsch-englischen Vertrage schon festgelegt ist, ist die Ursache dafür, daß eine tiefe Verstimmung sich weiter Kreise be-- mächtigt hat. Es kommt wirklich nicht bloß darauf an, ob das uns zugedachte Linsengericht mit einigen Speckstückcheu garniert ist oder nicht. Es wird berichtet und klingt auch durchaus wahrscheinlich, daß Rußland und Frankreich die Errichtung eines großen englischen Reiches in Südafrika nicht dulden werden; eine Bedrohung der englischen Position in Indien oder am Roten Meere würde in der Thal Wunder wirken. Es heißt, daß England eine Flotte zusammenziehe, um nach der Levante zu gehe» und gegen eine etwa beabsichtigte Vereinigung des französischen und russischen Geschwaders zu demonstrieren. Wer kann es wissen, welche weittragenden, gar nicht zu berechnenden Ereignisse noch aus dem Schoße der Zukunft emporkeimen werden? Scheint es doch, als wenn der Spaziergang nach Prätoria, von dem die Engländer träumten, auf Hindernisse stoße» solle, wie sie einst die Franzosen auf ihrer Promenade nach Berlin fanden. Denn noch immer ist das Ergebnis der englischen „Siege" durchaus negativ.
Und soll Deutschland wirklich all den kommenden Möglichkeiten und Entscheidungen mit vorzeitig gebundenen Händen gegenüberstehen? Soll es sich um der englischen Freund« schäft willen mit zahllosen Sympathien zugleich die freie Aktionsfähigkeit verscherzen? Es mag ja sein, daß das edle Herz der Queen „blutet" bei all dem Leid, das die Politik ihrer Berater über ihr Volk gebracht hat, aber diesem edlen Bekenntnis einer schönen Seele steht doch die unleugbare Thatsache zur Seite, daß überall in der Welt, so weit
rHof.
Petzbräu), Apfelmost.
filh. Fischer.
h6e” 7 Mm« ni4t '? deil Scrnkn 2 »isra
JÄ
«Wummert ijt, (n 6,„ bem m
Wn, »ernt et bie em Wz»°« (einer
* d» Eeftch < J* mb fie i° her bt. / ««M mit Spannung ,lcrtfn Gast entgegensetze.
M.
in LeMrch und Blenn- )tr Stück 35 und 40 Psg.
t, Chliuder etc., sowie D. R. P.
idig ausgeschlossen.--------
» Faber.
^Mö-Wlchlatz und heüm pverdeck Mk« 15.—» nit Randpolfterung und W estell Hk. 16 englisHe Men
bet »MM
le« < LtH» Fr,edb.AJ8fe>d* pent1' Sct>otte°’
end-" c' rtb,lb»b”' d*BleaLeleS8
Nr. 253 Erstes Blatt»
Freitag den 27. October
L8VI
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Bei Postbezug
2 Mark 50 Psg. vierteljährlich.
Bezugspreis vierteljährlich
2 Mark 2a Pfg < nronatlich 75 Pfg.
mit Bringcrlohn.
Alle Anzeigen-Bermittlungsstcllen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.
Annahme von Anzeigen zu dec nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS MonlagS.
Die Gießener Aamilienötätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelrgt.
Amts- unb JlnjemcMatt für den Ttveis Giefzen.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schulstraße Nr. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Uolkskunde.
Amtlich e^Geil.
Bekanntmachung,
betreffend Gelände-Enteignung zur Erweiterung der Haltestelle Langsdorf.
Die Königliche Eisenbahndirektwn Frankfurt a. M. hat »amens des Großherzogtums — Landeseigentum — auf Grund des Preuß.-Heff. Staatsvertrags vom 23. Juni 1896, in Gemäßheit der Art. 22 ff. des Enteignungsgesetzes vom 26. Juli 1884 in Gemeinschaft mit dem Gemeindevorstand von Langsdorf Antrag auf Einleitung des Enteignungsver- sahrens bezüglich des folgenden in der Gemarkung Langsdorf belegenen, zur Erweiterung der dortigen Haltestelle erforderlichen Geländes gestellt:
1. Flur I, Nr. 87 !-/,<, qm. 6»/l0
Nr. 872 „ 13«/«,
2. Flur I, Nr. 874«/10 „ 44
Nr. 8775/i0 „ 114
3. Flur I, Nr. 875$/10 „ 123
4. aus Flur VII, Nr. 594 qm. 306 — 111 qm.
5. „ „ VII, Nr. 600 „ 181 = 67 „
6. „ „ VII, Nr. 603 „ 417 = 227 „
7. Flur VII, Nr. 607 qm. 49
8. aus Flur VIII Z7r. 10 qm. 300 — 20 qm.
Nr. 37 „ 246 --- 83 „
Nr. 46 „ 177 = 33 „
Nr. 121 „ 121 = 87 „
9. aus Flur VIII Nr. 978/j0 qm. 215 — 56 qm.
Es wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß der Situationsplan bezw. der Plan des Unternehmens nebst Meßbriefen und Grundbuchsauszügen über das zu enteignende Gelände, sowie die Eingaben der Königs. Preuß. Eisenbahndirektion, des Gemeindevorstandes von Langsdorf und das Verzeichnis der Grundeigentümer und des von denselben beanspruchten Geländes in der Zeit vom 1. November bis 15. November d. I eivschliestlich «uf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Langsdorf zu jedermanns Einsicht offen liegen.
Zugleich wird zur Verhandlung über den Plan und die zu leistende Entschädigungen Tagsahrt vor der Lokal- kommission auf:
Freitag de» 24 November 1899, Vormittags 9 Uhr
auf das Gemeindehaus zu Langsdorf anberaumt.
Die Eigentümer, Pächter, Mieter und sonstige an den abzutretenden Grundstücken persönlich Berechtigte sowie alle Hörigen an der beantragten Enteignung Beteiligten werden Aufgefordert:
1. Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschluffes und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung oder Beschränkung,
2. Erklärung auf die angebotene, aus dem der Eingabe des Betriebsamts beiliegenden Verzeichniffe ersichtliche Entschädigungssumme bei Meidung von Unterstellung der Annahme des Angebotes,
3. Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bei Mei- düng des Ausschlusses mit solchen,
4. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
5. Anträge auf Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen, welche für die benachbarten Grundstücke oder in öffentlichem Interesse zur Sicherung gegen Gefahren und Nachteile notwendig sind,
6. etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an die zu enteignenden Grundstücke
dem oben erwähnten Termin vorzubringeu.
Wenn dritte Personen als dinglich Berechtigte oder wegen sonstiger Rechtsverhältnisse bei der Enteignung be- Seiligt sind, so muß sie der Eigentümer sofort nach Zustellung der Bekanntmachung uns bezeichnen, andernfalls »leibt er für diese Ansprüche verantwortlich.
Die Eigentümer der abzutretenden Grundstücke müffen «on der Zustellung dieser Bekanntmachung an zu neuen Anlagen oder zu einer von der bisherigen, bezw. der gewöhnlichen abweichenden Art, der Bewirtschaftung die Genehmigung der König!. Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. «inholen, widrigenfalls eine Entschädigung demnächst nur insoweit verlangt werden kann, als durch die Veränderung sruch für den öffentlichen Zweck, für welchen die Enteignung geschieht, der Wert »es Geländes erhöht worden ist.
Räumt der Eigentümer einem andern von dem Zeit- A»nkte der Zustellung an ein dingliches Recht von dem zu
enteignenden Grundstücke oder ein persönliches Recht auf deffen Benutzung ohne Genehmigung des Unternehmers ein, so steht jenem andern ein Anspruch auf eine besondere Entschädigung nicht zu.
Die Eigentümer der zu enteignenden Grundstücke werden endlich aufgefordert, bis zum 4. November 1899 ein bei der Sache nicht beteiligtes Mitglied des Ortsvorstandes einer benachbarten Gemeinde uns zu bezeichnen, welches nach Art. 30 Ziffer 4 des Gesetzes vom 26. Juli 1884 der Kommission anzugehören hat.
Dieses Mitglied haben die Eigentümer gemeinschaftlich durch Wahl oder das Los zu bestimmen. Kommen die Eigentümer dieser Aufforderung nicht nach, so wird das Kommissionsmitglied von dem Vorsitzenden der Kommission ernannt werden.
Gießen, den 24. Oktober 1899.
Großh. Kreisamt Gießen.
___________________v. Bechtold.__________________
Bekanntmachung.
Wegen Ausbruchs des Gewölbes der Unterführung der Kreisstraste Giehen—Kleiu-Ltuden bei Klein-Linden wird die letztere an genannter Stelle am Donnerstag dem 2. nvd Freitag dem 3. November l. I für jeglichen Verkehr gesperrt.
Als Verbindungsweg zwischen Gießen und Klein-Linden dient an genannten Tagen die Klinikstraße und der entlang der Bahn an der Margarethenhütte vorbeiführende sogen. Mittelweg.
Gießen, den 24. Oktober 1899. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
* Hrinkgetderpotitik?
Gießen, 26. Oktober 1899.
„Deutsche Soldatentreue wird die Freundschaft halten, die Ew. Majestät einst selbst gezeigt haben" — mit diesen ergreifenden Worten schließt das Telegramm, das die wackeren Männer deutschen Blutes, die für die Freiheit des Transvaal gegen „Englands räuberisches Vorgehen" die Waffen tragen, an den Träger der Hohenzollernkrone gerichtet haben. Bei Glencoe und vor Elandslaagte haben sie bewiesen, daß es ihnen Ernst ist mit ihrem Gelöbnis, und die Männer, die dem Oberst Schiel freiwillig in den Kampf folgten, haben im fremden Lande, unter einer anderen Sonne, dem deutschen Namen neue Ehren, neue» Glanz verliehen. Treue um Treue.
Es ist ein wundersamer Wandel, den in leise andeutendem Wort die Huldigungsdepesche der Deutschen in Transvaal zum Ausdruck bringt. Es gab einst eine andere Depesche, kraftvoll, feurig und stark in Wesen und Ton, die aus der Reichshauptstadt hinübelflog nach dem fernen Krügersdorp, und der elektrische Funke, der sie forttrug über Tausende von Meilen, entzündete die Flamme der Begeisterung auch in allen deutschen Herzen. Mau darf nicht zweifeln, daß auch heute die innersten Sympathien des ritterlichen Monarchen dem freiheitskämpfenden Burenstamm gehören. Aber die leidige Politik, die ihn verhinderte, den Gruß der Stammesgenossen im Transvaal zu erwidern, zwingt ihm Zurückhaltung auf. Wer einen Blick hat für die Realitäten deS Daseins und nicht gewohnt ist, das Zweckmäßige gegen das Wünschenswerte zurückzuhalten, wer überdies den ungeheuren Umfang der Verantwortung ermißt, die auf den Schultern des Kaisers ruht, wird solches Verhalten verstehen und billigen. Aber ein anderes würde es sein, wenn dem „räuberischen England" diplomatisch sekundiert oder auch nur eine moralische Unterstützung geliehen würde. Und es scheint, als ob das auswärtige Amt thatsächlich im Begriff sei, sich in einer Weise zu engagieren, die sicherlich nicht als burenfreundlich aufgefaßt werden kann. In den offiziösen Organen wird in den bekannten Tönen überlegener Weisheit über die „hochherzigen Anwandlungen" des deutschen Volkes gespottet, wird an den „Schwabenstreich" erinnert,
Dg'. Artikel im zweiten Blatt, der vor der oorstchevden Auslassung geschrieben »ar. D. Red.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 51.


