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26.2.1899 Viertes Blatt
 
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Sonntag den 26. Februar

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Gießener Anzeiger

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Die Gießener

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Fernsprecher Nr. 51.

Politische Wochenschau.

Unser inner politisches Leben beschränkt sich zur Zeit auf die Vorgänge in den Parlamenten. Die Minister­krisengerüchte sind wieder verstummt, und nur ganz hart­näckige Zweifler wollen immer noch nicht glauben, daß alles in schönster Ordnung sei. Es ist ja schon so lange her, daß Lucanus umgegangen, und eine Ministerkrise, sei sie auch noch so klein, wirkt immer anregend auf die Nerven. Lor vierzehn Tagen wurde bekanntlich der Reichskauzler Fürst Hohenlohe vom Kaiser in längerer Audienz empfangen. Der Vorgang ist ja alltäglich; da es aber hieß, die Audienz habe längere Zeit gewährt, gleich spitzten die Oberklugen die Ohren und witterten besondere Dinge.

Unsere Reichsrcgierung hat den Ereignissen in Frank­reich in würdigster Weise Rechnung getragen. Das Tele­gramm des Kaisers, die Ansprache des Fürsten Hohenlohe im Reichstag, die Entsendung der Abordnung nach Paris und die in Gegenwart des Kaisers abgehaltene Leichenfeier in der Hedwigskirche zu Berlin, alle diese Kundgebungen atmen eine wohlthuende Versöhnlichkeit, die nur Leute vom Schlage D^roulödes unberührt läßt.

Der Präsidentenwechsel an der Seine hat so schnell stattgefunden, daß die auf der Lauer liegenden Thronprätendenten nicht Zeit fanden, ihre Pläne zur Aus­führung zu bringen, und so ist Frankreich denn noch einmal glücklich der Gefahr einer Umwälzung der bestehenden Ver- hältnisie entronnen. Mit der Wahl Loubets werden sich hoffentlich auch diejenigen bald aussöhnen, welche schreien: Nieder mit dem Panamisten!" Allem Anschein nach bleibt das Kabinett Dupuy vorläufig noch am Ruder, was für das Land nur zweckdienlich sein kann, da eine Ministerkrisis von neuem die Leidenschaften entflammen müßte.

In Ungarn beginnen die politischen Wirren einer Lösung entgegen zu gehen. Wir hatten schon vor einigen Tagen bei Besprechung der dortigen Ministerkrisis betont, daß Koloman Szell mit der Opposition leichter seinen Frieden machen würde. Dies scheint bereits der Erfüllung nahe zu sein. Wie sich freilich unter den neuen Verhältnissen die Beziehungen zu Oesterreich gestalten werden, ist noch unklar. In Ungarn verlangt man bekanntlich, daß die Ausgleichs­oorlage auch in Oesterreich auf parlamentarischem Wege zu stände kommen solle.

Die Pazifizierung des Sudan scheint den Engländern doch noch weitere Anstrengungen auferlegen zu wollen; denn die Mahdisten sammeln sich wieder, um Rache für Omdurman zu nehmen. Wie scharf die Engländer übrigens auf der Wacht sind, um einem Eingriff in ihre Jntereffensphäre ent­gegenzutreten, zeigt der Zwischenfall von Maskat. Ob es auch da zu einem Renkontre mit Frankreich kommen wird, steht noch dahin. Jedenfalls sind die Beziehungen wieder etwas gespannt.

Unaufgeklärt bleibt noch immer die Samoafrage; es wäre an der Zeit, daß endlich einmal derReichs­anzeiger" das Wort nähme. (xx)

Deutsches Reich.

Marburg, 24. Februar. Die Strafkammer ver­urteilte heute den stuck jur. Otto Mayer wegen einer Schlägermensur zu drei Monaten Festung.

Berlin, 24. Februar. Wie die ..Nordd. Allg. Ztg." dort, wird bei dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe am nächsten Dienstag ein größerer parlamentarischer Abend stattfinden.

Berlin, 24. Februar. Die Meldung, der B u n d e s r a t habe in seiner gestrigen Sitzung auch die Novelle zur Gewerbeordnung, beereffend die Gesindemakler und den Schutz der Angestellten im Handelsgewerbe, genehmigt, ist ietNordd. Allgemeinen Zeitung" zufolge nicht zutreffend. Die Erledigung der betreffenden Vorlagen im Bundesrate steht noch aus.

Berlin, 24. Februar. Zur Vorfeier desGeburts- lages des Königs von Württemberg findet heute abend im Kaiserhof ein größeres Festmahl statt, bei dem der württembergische Gesandte, Freiherr v. Varnbüler, den öorsitz führen wird.

Berlin, 24. Februar. Die Wahlprüfungs-Kommission des Reichstags hat die Wahl der Abgeordneten Dr. Sattler matL), Franken (natl.), und Krämer (natl.) für giltig trklärt und die Wahl desZAbgeordneten v. Bon in (kons.) i ranstandet.

Berlin, 24. Februar. Das Abgeordnetenhaus etzte heute die Beratung des Finanzministeriums fort, und

zwar bei dem Titel Beamtengehälter. Der Antrag 1 der Budget-Kommission, enthaltend die Erhöhung der Gehälter der Oberwachtmeister, wurde angenommen. Damit war das Ordinarium erledigt. Morgen wird das Extraordinarium des Finanzetats erledigt.

Berlin, 24. Februar. Wie aus Paris gemeldet wird, äußerten die vom Kaiser zur Teilnahme an den Leichen­feierlichkeiten abgesandten Offiziere ihre Befriedigung über die Art und Weise, wie sie in Paris ausgenommen worden seien.

Hamburg, 24. Februar. Der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Gesellschaft ist die Nachricht zugegaugen, daß der DampferBulgaria" in den Hafen von Punta ein­geschleppt worden ist.

Hamburg, 24. Februar. Die Packetfahrt Gesellschaft teilt mit, der deutsche Konsul in Punta del Gada melde, daß an Bord derBulgaria" alles wohl sei. Die Passagiere sind nach Liffabon abgereist.

Ausland.

Wien, 24. Februar. Das Befinden des Erz­herzogs Rainer und dessen Gemahlin, der Erz­herzogin Marie, welche seit einigen Tagen an der Influenza erkrankt waren, hat sich wesentlich gebessert.

Paris. 24. Februar. Das gestern beim Präsidenten Loubet stattgefundene diplomatische Diner dauerte bis 10'/, Uhr abends. An demselben nahmen 120 Personen Teil.

Paris, 24. Februar. Dsroulöde hat im Gefängnis den Besuch seines Bruders und einiger Freunde erhalten. Er erklärte, er habe nur gethan, was ihm die Pflicht dem Vaterlande gegenüber auferlegte. DerAurore" zufolge wird Döroulöde vor den Senat des 12. Gerichtshofes gestellt werden, wenn die gegen ihn erhobenen Beschuldig­ungen zu einem Prozeß führen sollten. Man weiß noch nicht, ob Deroulöde für seine eigene Person oder für den Herzog von Orleans Propaganda gemacht hat.

Paris, 24. Februar. Ein Mitglied einer fremden Nation, welches zum Begräbnis des Präsidenten Faure nach Paris gekommen war, äußerte sich in sehr schmeichel­haften Worten über den glatten Verlauf des gestrigen Tages und drückte seine Verwunderung darüber aus, daß so viel Gerede über ein angebliches Komplott oder Staatsstreichs­gelüste gemacht worden sei.

Paris, 24. Februar. Nach einem vielfach kolportierten Gerücht habe der General der Kavallerie Cermartin gestern beim Defilieren vor dem Katafalk seinen Degen nicht vor dem Präsidenten Loubet, sondern vor dem General Zurlinden gesenkt und dem neuen Präsidenten dadurch die schuldige Achtung verweigert.

London, 24. Februar. Der philippinische Spezial­vertreter Agoncillo erhielt von Aguinaldo den Auftrag, bei sämtlichen europäischen Höfen seine Aufwartung zu machen und gegen das Vorgehen Amerikas zu protestieren, sowie um Unterstützung der gerechten Forderungen der Philippinen zu bitten.

Algier, 24. Februar. Der Gemetnderat wohnte der gestern stattgehabten Trauerfeier zu Ehren des Präsidenten Faure bei. Der Regierungserlaß, nach welchem der Gemeinderat auf zwei Monate suspendiert wird, war aus diesem Anlaß für den gestrigen Tag aufgehoben worden.

Lokales und Provinzielles.

Gießen, den 25. Februar 1899.

** Eisenbahn>Einnahmen. Im Laufe des Monats Januar sind auf den Strecken der Preußisch-Hessischen Betriebs- und Finanzgemeinschaft 91,728,000 Mk. gegen 86,712,000 Mk. vereinnahmt worden, oder ein Mehr von 5 016,000 Mk. Davon entfallen auf den Personenverkehr 1'444^000 Mk. und auf den Güterverkehr 3,780,000 Mk. Dagegen hat sich bei den Extraordinarien ein Ausfall von rund 200,000 Mk. ergeben. Seit dem Beginn des Rechnungs­jahres (1. April) haben die Gesamteinnahmen bis jetzt die enorm hohe Summe von 1,055,039,000 Mk. erreicht, gegen 993 551,000 Mk. in dem gleichen Zeitraum des Vorjahres, mithin haben sich gegen das Vorjahr seit dem 1. April die Gesamteinnahmen von 61,488,000 Mk. erhöht; es ent­spricht dies einer Mehreinnahme von rund 36,000 Mk. per Kilometer.

Alsfeld, 22. Februar. 225 Jahre werden es am 9. Mai, daß der Alsfelder Schützenverein gegründet wurde.

Er ist somit der älteste Verein Alsfelds, und hat die General­versammlung beschlossen, dieses seltene Fest in großartiger Weise am 7., 8. und 9. Mai d. I. auf der Steinkaute und in der Stadt zu feiern. Die Vorbereitungen hierzu sind im vollen Gange, und werden die Schützenvereine des Gaues Hessen-Nassau, sowie die benachbarten Schützenvereine Grün- berg, Laubach, Lauterbach rc. und sämtliche hiesige Vereine zur Beteiligung an diesem Ehrenfeste eingeladen werden.

-J- Nidda, 24. Februar. Bei der gestrigen Verpachtung der Domanialjagd in unserer Oberförsterei wurde der Harbwald, bestehend aus 694,39 ha Wald und 61,19 ha Feld, für jährlich 3360 Mark an Herrn Rentner Fr. Engler aus Frankfurt a. M., und das Loh, 66,61 ha Wald und 2,70 ha Wiesen, für jährlich 80 Mk. an Herrn Kaufmann Cloos dahier auf 12 Jahre verpachtet.

8. Darmstadt, 24. Februar. Letzthin fand im Mittel­rheinischen Architekten- und Ingenieur-Verein ein Vortrag des hiesigen Direktors der elektrischen Straßenbahn, Herrn Regierungs-Baumeister Fehmer, über elektrische Bahnen statt, der auch weitere Kreise interessieren dürfte. Diese Bahnen sind Kinder der letzten Jahrzehnte: 1879 brachte Werner Siemens auf der Berliner Gewerbe-Aus­stellung die erste elektrische Bahn zur Vorführung, die wirklich benutzbar war. Die erste elektrische Straßenbahn war die zwei Jahre später von ihm gebaute, mit der Route Anhalter Bahnhof-Kadettenanstalt Groß-Lichterfelde. Unausgesetzte große Verbesserungen sind gefolgt; im Vorjahre waren in Deutschland 1429 Kilometer elektrische Bahnen im Betrieb. Mit Rücksicht auf die verminderten Anlage- und Betriebs­kosten ist das System mit oberirdischer Stromzuführung (wobei man dieGalgen", wie die Elektrotechniker meinen, bereits ästhetisch befriedigend ausgebildet hat?) und Rück­leitung durch die Schienen das verbreiteteste; man arbeitet jetzt fast allgemein mit einer Stromstärke von 500 Volt. Das unterirdische Stromzuführungssystem, wie es z. B. Budapest besitzt, hat verschiedene, teilweise offensichtliche Vorteile. Auf der Strecke DüsseldorfKrefeld fährt man jetzt allstündlich einen Zug ohne Anhalten mit 60 Kilometer Geschwindigkeit pro Stunde, also einen Schnellzug mit elektrischem Betrieb. Die Amerikaner sind namentlich sehr eifrig dabei, genügend leistungsfähige elektrische Lokomotiven für Hauptbahnen zu erfinden. Den Vortrag begleiteten prächtige Lichtbilder.

O Darmstadt, 24. Februar. Der hintere Trakt des Museums-Neubaues am nördlichen Paradeplatz ist im Rohbau vollendet; nur das shedförmige eiserne Dach harrt noch der Bedachung. Vom vorderen Bau sind die Fundamentmauern abgesteckt. Das Ganze zeigt jetzt, nachdem recht lange Stillstand war, regen Fortschritt. Mit der Er­richtung des Neubaues giebt der Paradeplatz erst ein ge­schlossenes Architekturbild ab.

Darmstadt, 23. Februar. Technische Hochschule. Vorlesungen und Hebungen über Elektrote chnik im Sommersemester 1899. Beginn des Semesters am 25. April. Allgemeine Elektrotechnik 1 und II (für die Studierenden der Elektrotechnik), Geheimerat Prof. Dr. Kittler, je 2 St. Allgemeine Elektrotechnik I. Hebungen, Assistent Westphal, 2 St. Elemente der Elektrotechnik (für die Studierenden des Maschinenbaues und der Chemie), Prof. Dr. Wirtz, 3 St. Konstruktion elektrischer Maschinen und Apparate, Prof. Sengel, 2 St. Vortrag, 3 St. Hebungen Pro­jektieren elektrischer Licht- und Kraftanlagen, derselbe, 2 St. Hebungen. Elektrotechnische Meßkunde II, Prof. Dr. Wirtz, 2 St. Hebungen im elektrotechnischen Laboratorium, Ge­heimerat Prof. Dr. Kittler in Gemeinschaft mit Prof. Sengel, Prof. Dr. Wirtz und den Assistenten des elektrotechnischen Instituts, 4 halbe Tage wöchentlich. Selbständige Arbeiten aus dem Gebiete der Elektrotechnik (für vorgeschrittenere Studierende), Geheimerat Prof. Dr. Kittler, Zeit nach Ver­einbarung. Grundzüge der Telegraphie und Telephonie, Prof. Dr. Wirtz, 2 St. Grundzüge der Elektrotechnik (für die Studierenden des Architektur und des Jngenieurwesens), Prof. Sengel, 2 Stunden.

Darmstadt, 23. Februar. Wie derDarmstädter Tägl. Anz." hört, hat der Dozent für Kunstgeschichte, Herr Dr. Noack, einen Ruf an die Hniversität Jena erhalten, dem er voraussichtlich Folge leisten wird.

Universttäts Nachrichten.

Marburg. Der frühere erste Assistent deS Prof. Bebrtng und Privatdozent, Dr. Knorr, ist bet Untersuchungen an ber Uno» wirtschaftlichen Hochschule in München durch Infizierung mit Rotz- krankhett gestorben.