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26.1.1899 Zweites Blatt
 
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1899

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Bezugspreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pkg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.

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Die Gießener Kamitieuvtätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelrgt.

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Ml-

Gießen, 24. Januar 1899. Betreffend: Die Einsendung der für die Landeswaisen­anstalt zu erhebenden Kollekten und Büchsen­gelder.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

« die Orohh. Bürgermeistereien des Kreises.

Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 10. Februar 1877 (Amtsblatt Nr. 3) empfehlen wir Ihnen, am 31. d. M. die unter Ihrem und eines Gemeinderatsmitglieds Verschluß stehenden Waisenbüchsen zu offnen und deren Inhalt bis längstens zum 31. März d. I. durch eine Kosten nicht ver­ursachende Gelegenheit an uns abzuliefern.

v. Bechtold.

Die Novelle zum Bankgesetz.

Der dem Reichstage zugegangene Entwurf einer Novelle zum Bankgesetz bietet im allgemeinen nichts Neues. Schon aus der Thronrede hat man zu ersehen vermocht, daß die Grundlage der deutschen Reichsbankverfassung unangetastet bleiben und insbesondere eine Verstaatlichung der Reichs- bark nicht eintreten werde. Für die Uebernahme der letzteren durch den Staat wird bekanntlich ins Feld geführt, daß die Millionen, welche jetzt jährlich den Aktionären zufließen, sehr wohl in die Taschen des Reichs fließen könnten, aber der Ausführung der Verstaatlichung müffen doch noch zu viele Schwierigkeiten im Wege stehen, sonst würde die Reichs- regierung sicherlich nicht gezögert haben, sie ins Werk zu srhcn.

Wenn nun auch die Grundlage dieselbe bleibt, so be­deutet der Inhalt der Novelle in vieler Hinsicht doch eine erhebliche Reform. Dem dringendsten Bedürfnis entspricht es, wenn das Grundkapital der Reichsbank von 120 auf 150 Millionen Mark erhöht wird. Die eigenen Mittel b Reichsbank und der Umfang ihres fteuerfreien Noten- Imingents standen nicht mehr im Verhältnis zu den im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen Bedürfnissen. So betrug allein im Jahre 1876 die Anlage in Wechseln Md Lombard 420 Millionen, im Jahre 1898 beläuft sie M auf 714 Millionen Mark. Der Notenumlauf wuchs in dieser Zeit von 660 auf 1125 Millionen Mark und der Gacverkehr von 190 auf 475 Millionen Mark. Diese Lahlen genügen, nm sowohl die Erhöhung des Aktien­kapitals als auch diejenige des Reservefonds letztere bis M 60 Millionen Mark zu rechtfertigen. Vielfach wird 1«gar die vorgeschlagene Erhöhung für nicht ansreichend -«achtet, doch haben die sorgfältigsten Erwägungen zu dem

Resultat geführt, daß eine weitere Vergrößerung der Summen des Grundkapitals und des Reservefonds nicht erforderlich ist.

Im Gesetzentwürfe ist ferner die Vermehrung des steuerfreien Notenkontingents von 293,4 auf 400 Millionen Mark vorgesehen worden. Auch diese Maßregel entspricht dem hervorgetretenen Bedürfnisse.

Der aus den Geschäften der Neichsbank sich ergebende Gewinn soll künftig derart verteilt werden, daß auf das Reich dreiviertel des Gewinnrestes entfallen, wenn die Dividende der Aktionäre 5 Prozent übersteigt. Dies findet seine Begründung darin, daß unter den neuen Verhältnissen der Gewinn überhaupt sich vermehren wird, die weiteren Paragraphen der Novelle beschäftigen sich mit der Er­leichterung des Lombardverkehrs, mit der Regelung des Direktors der Prioritätenbanken und mit der am 1. Ja­nuar 1901 zu erfolgenden Abführung eines Betrages an das Reich, welcher dem Nennwerte der noch im Umlauf befindlichen Noten der preußischen Bank entspricht.

Hoffentlich passiert der Gesetzentwurf ungefährdet alle Klippen im Reichstage! * (xx)

Deutsches Keich.

Berlin, 24. Januar. DerReichsanzeiger" veröffent­licht die Ernennung des ordentlichen Professors an der Berliner Universität, Dr. Josef Sch moll er, sowie des Professors. Dr. Josef Joachim in Berlin zu stimm­berechtigten Rittern des Ordens pour le merite für Wissen­schaften und Künste.

Berlin, 24. Januar. Aus Hannover wird gemeldet: Vor der heutigen Parade vor dem Kaiser wurde eine Kabinetsordre verlesen, in der die 1866 errichteten preußisch- hannoverschen Regimenter als die Fortsetzung der alten hannoverschen Regimenter bezeichnet und diesen die Stiftungs­tage der letzteren gegeben werden.' Den Königs-Ulanen sind silberne Keffelpauken, zahlreichen Offizieren wurden ver­schiedene, an alt-hannoversche Traditionen anknüpfende Aus­zeichnungen verliehen. Zum Schluß hielt der Kaiser eine Ansprache an die alt-hannoverschen Offiziere, worin er aus­führte, er habe den heutigen Geburtstag Friedrichs des Großen gewählt, um den Zusammenhang zwischen dem alten und dem neuen hannoverschen Armeecorps herzustellen. Er hoffe, daß sie in der Zukunft wie in der Vergangenheit ihr bestes leisten würden.

Berlin, 24. Januar. Die Budget-Kommission des Reichstages hat heute den Reichs-Eisenbahn-Etat erledigt. Morgen vormittag soll mit dem Militär-Etat begonnen werden. Heute früh haben bereits zwischen den Referenten der Budget-Kommission für den Militär-Etat, Gröber und Graf Klinckowström, sowie den Vertretern der

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Militär-Verwaltung Vorbesprechungen für die morgigen Verhandlungen stattgefunden.

Gotha, 23. Januar. Nach dem Empfang im Thron­saal dankte der Herzog in einer längeren Ansprache für die ihm und der Herzogin dargebrachten Glückwünsche. Zahlreiche wertvolle Geschenke wurden dem Jubelpaare dargebracht. Der Kaiser schickte eine kostbare Uhr mit einer in der Königlichen Porzellanmanufaktur hergestellten Konsole, die Königin von England vier wertvolle Lampen und Se. König!. Hoheit der Großherzog von Hessen ein wertvolles Gemälde von Kaulbach. Zu wohlthätigen Zwecken gründeten die Gemeinden und Körperschaften bedeutende Stiftungen. Nach der Gratulationscour fand Lunch und um 6 Uhr Galadiner zu 150 Gedecken statt. Abends erfolgte tzine Rundfahrt und die Besichtigung der Illumination in der Stadt, dann Besuch des Theaters, wo eine Galavorstellung stattfand.

Ausland.

Paris, 24. Januar. Adolphe Carnot, Mitglied der Liga der Vaterländischen, erzählte einem Redacteur des Temps", er sei von der Unschuld Dreyfus' und von der Schuld Esterhazys überzeugt. Die Liga wird, so sagte Carnot, weiter keine Versammlungen abhalten, sondern sich darauf beschränken, Unterschriften zu Gunsten Dreyfus' zu sammeln.

Havre, 24. Januar. Der Sozialistenführer JaursS hielt vor mehreren tausend Personen eine längere Rede, in welcher er die Unschuld Dreyfus nachzuweisen suchte. Die Volksmenge begrüßte ihn mit großem Beifall. Man ist hier von der Unschuld Dreyfus vollkommen überzeugt.

Petersburg, 24. Januar. DieNowoje Wremja" pro­testiert gegen die Unterzeichnung des anglo-egyptischen Vertrages. Das Blatt spricht der englischen Regierung das Recht ab, einen solchen Vertrag zu unterzeichnen.

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Feuilleton.

®nt neue Dichtung non Hermann Andermann.

(Originalberich;.)

Der Dichter derEhre" ist auf der Bahn weiter- St'chritten, die er imJohannes" betreten hat. Der Aichter derHeimat" entfernt sich zusehends von der modern- Mlistischen Richtung, die in ihm ihren Hauptvorkämpfer xtiunden hat. Hermann Sudermann hat es mit wo Märchendichtung versucht:Die drei Reih er - ßrvern". Er hat darin das Höchste angestrebt, aber er hi! sich nicht überall zur Klarheit durchgerungen. Eine schiine, tiefe Idee, die Jagd des Menschen nach dem Glück, ljk ins Märchengewand eingekleidet, aber die Symbolik, die Sber das Ganze gebreitet ist, ist ihm mehr Fessel als Zwinge geworden. In seinen realistischen Dramen hat Ludermann als Schüler der Franzosen die Technik glänzend zmeistert. Aber schon imJohannes" waren die zwei Hmpthandlungen nur mühsam verquickt. In seiner neuesten Dichtung hängen die Fäden noch loser zusammen; es jtljlt die starke Hand, die diese Fäden zn einem Gewebe chiuqt.

Prinz Witte, der von dem tyrannischen Herzog Widwolf »°n Gothland vom Throne verdrängt worden ist, ist aus- Wgen, um das Glück zu suchen. Auf Anraten einer MiAinisvollen Begräbnisfrau hat er einem heiligen Reiher M' Federn entwendet, und sich so in den Besitz eines kost­en Talismanes gesetzt, der ihm sein Frauenideal ver-

en .soll. Mit Hans Lorbaß, seinem wackeren Knecht, ,neiu wie ein Hund", geht der Prinz nun auf die Suche.

Er kommt an den Königshof von Samland, wo die herr­liche Bernsteinkönigin regiert. Arge Zustände herrschen hier. Der herrsüchtige Widwolf glaubt den Thron für sich zu gewinnen, und damit die Hand der jungen Königin-Witwe, die wie Penelope sich der Freier nicht mehr erwehren kann. Sie veranstaltet ein Turnier; die Tapferkeit soll über ihr und ihres Landes Los entscheiden. Auf ihr Flehen hin beteiligt sich der Prinz daran; aber er unterliegt dem stärkeren Gegner. Doch durch die rasche Entschlossenheit seines treuen Hans wird der widerliche Geselle im all­gemeinen Tumult aus dem Lande gejagt, und die Königin reicht Prinz Witte ihre Hand. Nun, sollte man meinen, hätten ihm die Reiherfedern das gesuchte Glück gebracht. Aber er erkennt in seiner Verblendung nicht, daß ihm an der Seite der Königin das wahre Glück erblühen soll. Der Reif, der ihn schmückt, ist ihm eine Bürde. Zu Unrecht ist ihm die Herrschaft über Samland zugefallen, denn er war ja im Kampfe besiegt worden. Der Königin Söhnchen steht ihm im Wege, der hat das eigentliche Anrecht auf die Krone. Noch einen letzten Dienst erweist er dem Lande, indem er den mit Heeresmacht drohenden Widwolf unschädlich macht. Aber dann zieht er mit seinem Hans von dannen, immer noch auf der Suche nach dem Phantom Glück, das ihn flieht, je mehr er es an sich ketten will.

Nach fünfzehn Jahren kommt er wieder zur Begräbnis­frau. Noch immer hat er sein Glück nicht gefunden. Er trifft hier seine edle Gattin wieder, aber er ahnt nicht, was sie ihm einst hätte werden können. Erst als er die dritte Neiherfeder in Flammen aufgehen läßt, erkennt er, wo er sein Glück hätte finden können; zu spät denn die Ver­brennung der dritten Feder bringt seiner Königin den Tod.

Die Begräbnisfrau hat Recht behalten. Wir gehen an unserem Glück vorüber; wenn es uns nahe ist, schweifen wir in die Ferne, nnd wenn uns Verblendeten endlich die Erkenntnis dämmert, dann bricht bitteres Weh über uns herein, denn wir müssen die Erkenntnis mit dem Tode bezahlen. Ganz Sokratisch tönt uns diese schmerzliche Weisheit.

Schon die Fabel ist für eine Märchendichtung zu kompliziert. Dazu kommt noch eine Reihe von Motiven, die sich um diese Haupthandlung herumrankt, ohne daß die Deutlichkeit dadurch gefördert würde. Das größte Lob ver­dient die Sprache, die der Dichter prachtvoll abgestuft hat. Am glänzendsten ist die Charakteristik des guten Hans Lorbaß. Wie Hans beinahe in kindischer Treue zu seinem Herrn de- jungen Prinzen Mörder wird, wenn ihn nicht des Kindes sonniges Wesen vor dieser Frevelthat bewahrte, das ist eine grandiose Szene, die uns an Shakespeare'sKönig Johann" erinnert, wo auch der gedungene Mörder vor dem rührenden Flehen des unschuldigen Königskindes das glühende Eisen sinken läßt. Die Symbolik war sicher für den Stoff geboten, ebenso wie der Dichter derVersunkenen Glocke" ihrer nicht entraten konnte, aber sie liegt wie ein schwerer Alp über dem Werke. Auch auf uns lagert ein schwerer Alp, wenn wir mit der hoffnungslosen Wahrheit entlassen werden, daß da, wo wir nicht sind, das Glück zu suchen sei. Wann endlich wird der Dichter kommen, der uns zeigt, wo wir es finden können? Hauptmann hat es nicht gethan mit all seinem brünstigen Sehnen nach der Sonne, Sudermann hat es auch nicht vermocht.