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25.11.1899 Drittes Blatt
 
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Nr. 278 Drittes Blatt. Samstag den 25. November LGBÄ

Gießener Anzeiger

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Graohischer Verlag

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Zum Streik am Simplontunnel.

Unter den Arbeitern am Simplontunnel ist ein Streik tuSgebrochen, der eine erhebliche Ausdehnung angenommen hat, da über 2000 Arbeiter, namentlich Italiener, feiern; die Regierung sogar hat Militär aufbieten müssen. Der Fortgang des Riesenwerks wird dadurch wohl auf einige Lage gehemmt, aber nicht dauernd unterbrochen, da schon Verhandlungen angeknüpft sind und auch sonst leicht Ersatz beschafft werden kann. Die italienischen Arbeiter leben größtenteils in Nators, einem kleinen Dorf am Anfang des Tunnels (Fig. 1). Beim Antritt ihrer Arbeit ziehen sie sich rin Kostüm an, wie Fig. 4 zeigt und begeben sich in den Tunnel, von welchem Fig. 2 den Eingang und die Venti­

lationsanlage zeigt. Fig. 3 führt die Bohrmaschine auf ihrem Karren vor.

Theater.

Berlin, 22. November. Ein Sudermann-Jubiläum. Am 27. d. MtS. find es zehn Jahre her, daß Hermann Sudermanns .Ehre- zum ersten Male gegeben wurde und der deutschen Bühne damit ein neues, schnell ausstetgendeS Gestirn erstand. Das Lesfing Theater wird, wie es sich gebührt, diesen lttterar-historisch-dmkwürdigen Tag, der auch für die Geschichte dieses Theaters einen Markstein bedeutet, durch eine Festaufiührung der .Ehre" begeben. Von der ursprünglichen Besetzung stehen heute nur noch Adolf Klein al« Traft, Franz Schönfeld alS Kurt Mühlingk und Emma Sydsw als Auguste Michalsky auf ihrem alten Posten.

AttS Paffau schreibt man über die schon kmz trwähnte Be­leidigungsklage wegen eines Theaterstücks: Herr Kommerzien­rat Wien tn ger, Bürgermetster in VtlShofm, und sein Sohn, Vor­stand deS Gemelndekollkglums, fühlen sich durch die Aufführung des Dr. Drexler'ichen DramaSMutter Eva", das bekanntlich auch in Berlin und München gegeben wurde, beleidigt. Sie glauben nämlich, daß die FigurenFelix von Ried und desftn Sohn" auf sie gemünzt seien. Sie haben daher beim k. Amtsgericht Paffau Klage wegen Beleidigung gegen den Verfaffer und den Theaterdirektor erhoben, so daß die dritte Aufführung des Dramas unterbleibt. Bekanntlich wurde vor nicht langem Herr Bürgermeister Wieninger wegengrober Pflichtverletzung" von Der k. Regierung diszipliniert, und dessen Sohn genehmigte die Rechnung detz städtischen Haushalte« als Vorstand des GemeindekollegtumSohne Erinnerung". Die Verhandlung verspricht sehr interessant zu werden und bat auch all­gemeines Interesse, da b<e Frage, wie wett Typen im Drama ver­wendet werden dürfen, prinzipieller Natur ist. Herr vr. Drexler, der Autor derMutter Eva-, selbst feilt denMünch. N. N." mit: Ihre von Paffau ausgehende Notiz v-ranlaßt mich, die Insinuation, daß ich mit meinem StückMutter Eva" irgend eine bestimmte lebende oder verstorbene Peisönlichkeit gemeint habe, also durch fkand-löse Tendenz statt durch reine Kunst habe wirken wollen, energisch zui ückzuweisen. Mein Werk ist nichts und soll nichts anderes sein als die Darstellung verfehlter Mutterliebe und ihrer Sühne. So wenig fich dieses schon oft behandelte dramatische Sujet auf meine eigene Mutter bezieht und beziehen kann, so wenig tangiert der ganze, dem Werk notwendige Apparat von Haupt- und Neben­figuren irgend eine Individualität des wirklichen Lebens. Der Künstler ist kein Photograph und der Dramatiker kein Kmematograph."

Km-wirlschast.

Kirchhain, 23. November. Der gestern hier stattgefundene Rindviehmarkt war der letzte in diesem Jahre und von allen diesjährigen Märkten am schwächsten besucht. Der geringe Zutrieb hatte darin seinen Grund, daß die königl. Regierung erst in letzter Stunde die Abhaltung des Marktes noch gestattete; es durfte außerdem nur aus dem Kreise Kirchhain Vieh zugetrieben werden, weil alle angren­zenden Gebiete mehr oder weniger verseucht sind. Da auch von aus­wärts Viehhändler eingetroffen waren, so ging der Handel sehr flott, und die Verkäufer, fast ausschließlich Landwirte unseres Kreises, erzielten für ihr Vieh hohe Preise. Etwa 24 Waggon Vieh wurden mit der Bahn befördert. Der gleichzeitig mit dem Viehmarkte abgehaltene Schweinemarkt war, wie dieFuld. Ztg." berichtet, mit 180 Stück, meistens Ferkel befahren. Auch hier gestaltete der Handel sich recht leb­haft. Für ein Paar 6 bis 9 Wochen alte Saugferkel wurden je nach Qualität 22 bis 30 Mark bezahlt, für die jetzige Jahreszeit sehr gute Preise.

FeuMton.

Berliner Brief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Jmortellen von Berliner Friedhöfen.

Bon den vielen tausend Fremden, die sich jahrein, jahraus von der immer größer und schöner werdenden Welt­stadt anlocken lassen, findet nur ein ganz geringer Bruchteil Zeit und Stimmung, jenen großen Toten einen Besuch ab­zustatten, für die sie doch vielfach eine große und tief im Herzen wurzelnde Verehrung empfinden. Das Programm ist zu groß, das man in der kurzen Zeit bewältigen soll, und eine Fahrt zur Stätte der Entschlummerten paßt mit ihrem wehmütigen Ernst nur schlecht in den heiteren Rahmen des lärm- und lufterfüllten Berliner Touristentages. Was soll die Passionsblume unter den süß duftenden Blüten des stöhlichen Genießens, die sich dem sorglos dahin Schlen­dernden an allen Ecken und Enden bieten? . . .

Und doch! Wie weihevoll und nachhaltig für die Er­innerung wäre es, wenn der in vollen Zügen die ach! nicht gar zu klare und erfrischende Großstadtluft Genießende jenen erhabenen Geistern, zu denen er in den Stunden der Samm­lung daheim mit Bewunderung emporblickt, eine pietätvolle Stunde der Andacht widmen würde, draußen an den stillen Hügeln, unter denen zauberkundige Liederlippen sich zu ewigem Schweigen geschlossen haben, schlanke, nervöse Künstler- Hände ausruhen von gottbegnadeter Schaffenslust, und hohe Dichter- und Denkerstirnen ihren letzten seligen Traum träumen.

Komm mit mir in eines der stillen Felder, auf denen der Friede blüht! Das Herbstlaub raschelt zu Deinen Füßen. Ein weicher Dunstschleier webt um die blinkenden Kreuze und schimmernden Steine und der barmherzige Epheu umschlingt mit seinen immergrünen Ranken die langsam ver­löschenden Inschriften von treuer Liebe und ewigem Ge­denken. Auch eine Drossel hüpft noch durch die fast blatt- Iceren Zweige der Trauereschen und Fliederbäume. Doch vom Blücherplatz her tönt das fiebernde Leben der nie

rastenden Großstadt in die wundersam das Herz bewegende Ruhe dieser Gottesäcker vor dem Halle'schen Thor.

Hier schlummert einer, der dem Leben da draußen zu immer vollerem Pulsschlag verhalfen, bis ihm endlich der unheimliche Bote aus dem Jenseits den ersten, langen Ruhe tag brachte: Heinrich von Stephan. Der bekannte Bildhauer Uphues hat ihm das Grabdenkmal geschaffen: einen trauernden Genius mit einem Lorbeerkranz in Händen. Ewiger Friede" ist auf dem Postament zu lesen. Auch Paulus Cassel, der feurige Kanzleredner, ruht auf dieser Seite. Noch weiter hin an der westlichen Mauer dieses alten Kirchhofs der Jerusalemer Kirchengemeinde grüßt Dich die Inschrift über der Grabstätte des alten Heim", des beliebtesten und bekanntesten Arztes, den Berlin im ersten Drittel dieses Jahrhunderts gehabt:Es sey kein Trauerort für die Familie Heym." An der südlichen Mauer aber verkündet Dir eine schlichte, schon geborstene Marmortafel den NamenJffland". Dicht daneben ruhen aus von ihrer letzten Nolle: Unzelmann, der be­rühmte Komiker, und seine Gattin Friederike, die unter dem Namen Bethmann unsere Urgroßeltern ganz so be­zaubert hat, wie uns Hedwig Raabe oder Charlotte Wolter. Langsam tauchen die einst so gefeierten Namen ins Meer der Vergessenheit.Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze." Auch die Crelinger, Jfflands große Schülerin, die dereinst als Leonore und Iphigenie ganz Europa in den Bannkreis ihrer genialen Kunst zwang, schlummert nicht weit von ihrem Meister aus von den verrauschten Triumphen, selten nur noch still gegrüßt von einem der wenigen echten Jünger des Thespiskarrens. Schneller noch ist der Ruhmeskranz eines Bühnendichters welk geworden, der nebenan auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhof seine letzte Rast gefunden. ES ist das Ernst Neupach, der mit seinen Stücken einst das Theater beherrschte. Nicht weit von ihm schmückt eine frische Guirlande das schlichte Kreuz eines der liebenswürdigsten Unsterblichen. Die Seinen haben ihn nicht vergessen und an dem eben verfloffenen Todestage ihrem Lieblinge Felix Mendelssohn- Bartholdy Spätherbstblumen auf die Gruft gelegt. Ein anderer Meister im Reiche der Töne, Wilhelm Taubert, grüßt weiter vorn mit seinem Medaillon-Relief, von Lorbeer und Palmenzweigen und einer Harfe geschmückt.

Auch sein Sohn Emil, als talentvoller Novellist be­kannt, weilt schon in diesem weltfremden Reiche und ein Feld weiter, auf dem neuen Dreifaltigkeitskirchhofe, zeigt dir der Wärter die Gräber Kopischs, der unserer Jugend das drollige Gedicht von den Heinzelmännchen beschert hat, Charlotte von Kalbs, der schwärmerischen Freundin Schillers, die arm und erblindet im Schlosse zu Berlin enden mußte, Ludwig Tiecks, Schleiermachers, Charlotte Birchpfeifers. Und noch ein weiterer Friedhof läd dich ein, dicht bei den vorigen. Rudolf Löwenstein liegt dort gebettet, der sinnige Liedermund; weiterhin auch der edle Sänger vonFrauenliebe und Leben" Adalbert von Chamisso mit seiner geliebten Gattin. Das arg verfallene Grab ist im Laufe dieses Sommers von den Nachkommen wieder in seinen ursprüng­lichen Zustand gebracht worden und wer jetzt wieder fragen käme:Wo habt Ihr mir den Alten hingebcttet?", würde ohne Groll auf die undankbare Nachwelt auf die einfache, aber würdige Platte herniederblicken können. Schlechter siehts um das Grab eines anderen großen Dichters aus, der nicht weit von Chamisso seinen letzten Schlaf schläft. Nur kümmerlich, allzu kümmerlich mutet uns der Denkstein an, der an den Verfasser desMeister Martin", der Sarapionsbrüder", derElixire des Teufels" und mancher anderen Erzählung erinnert. Aber dieser kleine, stille Hügel hat seine Geschichte. Denn manch liebes Mal ist Ludwig Devoiene von Lutter und Wegener her herausgepilgert zu dem toten Freunde und hat in klaren Mondscheinnächten Zwiesprache mit dem im Leben so dämonisch gewesenen Hoffmann gehalten, bis auch ihn endlich der gespenstische Schnitter an der Hand genommen und in das Land geführt hat, aus dem noch keiner wiedergekommen.

Schwermütig lenkte ich meine Schritte dem AuSgang zu; hart klirrt hinter mir die Gitterthür und der grelle Tageslärm der Bellealliancestraße umflutet mich wie ein eifrig wirbelnder Strudel. Ich aber habe auf dem Grab­stein Fanny Hensels, die neben ihrem Bruder Felix Men­delssohn den letzten Port gefunden, den köstlichen Satz aus einem seiner innigsten Lieder gelesen, der mich nun begleitet und wie schützender Geisterhauch umwebt:

Gedanken gehn und Lieder

Fort bis ins Himmelreich . A. R.