Ausgabe 
24.12.1899 Viertes Blatt
 
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1899

Sonntag den 24. December

Nr. 303

Viertes Blatt.

Meßmer Anzeiger

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Keneral-Anzeiger

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Rlrrfle für Deprschm: Anzeiger GNttz-M« Fernsprecher Nr. 51.

Das Haupt derMaffia".

Rom, den 19. Dezember.

A-^DDer Prozeß Notarbartolo ist überreich an den traurigsten Bildern gesellschaftlichen Niedergangs, und die einzelnen Fälle sind so schwer, daß selbst die furchtbaren und be­schämenden Bankaffairen vergangener Jahre, auch in ihrer politischen Bedeutung, dem gegenwärtigen Prozeß weit nach­stehen. Sobald einmal das öffentliche Verfahren eingeleitet ist, wird Palizzolo, der eigentliche Held des Prozesses, alles thun, um die Last der Ketten zu erleichtern, welche ihm der Staatsanwalt, wenn sich die Gerechten nicht täuschen, an. legen wird. Er, der stets zur Wahlkampagne der von der jeweiligen Regierung umworbene Mann war, wird sprechen und cynisch die Tausende verraten, welche in seine Taschen aus den Händen des jeweiligen Ministeriums geflossen sind, und die er als Lohn einer jahrelangen mühevollen Arbeit zu betrachten gewohnt war.

Aus einer armen, aber vornehmen Familie von großen patriotischen Traditionen stammend, einer Familie, die viel­leicht seit Jahrhunderten mit der Maffia lebte und unmerk­lich in ihre moralische Degeneration mit hinüberwuchs, hat er kaum lesen und schreiben gelernt, aber sein scharfer Ver­stand und sein glühender Ehrgeiz flüsterten ihm ein, was notwendig war, um in dieser Welt, die getäuscht sein will, vorwärts zu kommen.. Als er wahlmündig geworden war, konnte er seinen Freunden nicht einmal mit dem in Italien ortsüblichen Titelavvocato aufwarten, aber trotzdem hatte er viele Klienten, zunächst in den allererbärmlichsten Dolks- klassen von Palermo und Umgebung, denen er durch seine Familienbeziehungen einerseits, andererseits durch die An­gehörigkeit zur Maffia viel nutzte; sein Ansehen mehrte sich mit den Jahren und gewann derart, daß in Sizilien jeder­mann wußte, an wen er sich zu wenden hatte, wenn er irgend etwas erreichen wollte, ein Aemtchen, eine Frei­sprechung, einen Orden, eine Beförderung, eine Begnadigung u. s. w. Jedermann wurde sein Freund, und er besaß die seltene Gabe, aus seinem Hause keinen Feind zu lassen und alle Wünsche seiner Freunde auch wirklich erfüllen zu können. So wurde er schnell Gemeindevertreter und Kammerdepu­tierter und konnte seinen Einfluß erweitern und befestigen. Daß er ihn nicht nur zum Vorteile seiner Freunde ausnutzte, beweisen die Gelder, welche er von der Regierung erhielt, beweisen die betrügerischen Manöver als Verwaltungsrat der Bank von Sizilien, beweist die Verleihung eines hohen italienischen Ordens an ihn, die motu proprio durch den König unter dem Ministerium Rudini erfolgte, obwohl der sizilianische Feudalherr Rudini doch seinen Sizilianer genau kennen mußte.

Jetzt mußte sich Palizzolo auch dasair eines Macht­habers geben. Ich hatte vor nicht langer Zeit Gelegen­heit, einen Blick in die Wohnung dieses Deputierten von

Feuilleton.

Berliner Brief.

^Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Ein Stückchen Altberlin. Die neue Tunnelbahn und ihre Bedeutung. Was ein Omuibuskutscher verdient!

In den Straßen beim Bellealliance-Platz findet der Beobachter zu seiner stillen Freude jetzt vor dem lieben Weihnachtsfeste ein Stückchen Altberlin. Denn so groß und vornehm und manchmal auch ein bischen blasiert unsere Hauptstadt in den letzten Jahrzehnten auch geworden ist: einige hübsche Reste aus der Väter und Urväter Tagen hat sie trotzalledem behalten und läßt sie sich vorderhand auch nicht nehmen. Dazu gehört das bunte, fröhliche Treiben in der Budenstadt, die seit etlichen Tagen in den erwähnten Straßen entstanden ist. Lachende und glückstrahlende Ge­sichter schieben sich an den altvertrauten Auslagen vorüber und atmen das seltsam gemischte Parfüm aus ein wenig Tannenduft, Holzlackgeruch, Honigkuchen und anderen schönen Dingen mit heimlichem Wohlbehagen ein. Ach was für süße Erinnerungen mit diesem Duft heraufdämmern und was für prächtige Perspektiven in die nahen Festtage sich aufthun! «ein Wunder, daß auch die sparsamsten Leute plötzlich kleine Anwandlungen von Verschwendungssucht kriegen und aller­hand nette Sachen kaufen! Es gehört freilich auch schon eine riesige Harthörigkeit dazu, den unaufhörlichen Ber-

einem gegenüberliegenden Fenster zu thun. Palizzolo wohnte in Rom in der Via Frattini. Bis 10 Uhr waren die Fenster durch' weiße Vorhänge geheimnisvoll geschlossen. Vor der Thüre aber warteten bereits eine Anzahl merk­würdiger Gestalten, meist Mitglieder sizilianischer Depu­tationen, die ihm viel vorzutragen hatten, und wichtiges; denn sie schrieen und gestikulierten lebhaftig. Endlich zog eine kleine, fette, mit Brillantringen besetzte Hand die Vor­hänge vom Fenster, und die rundliche Gestalt des Onorevole wurde sichtbar, an denBürgermeisterbauch" schmiegte sich glatt weiter nichts, als ein feines, seidenes Hemd; die Haare waren jedoch fein in der Mitte gescheitelt, und der goldene Klemmer gab dem an sich nicht unsympathischen Gesicht das Aussehen eines Diplomaten. Er öffnete die Fenster, welche nun einen Einblick in alle Herrlichkeiten des Schlafzimmers gestatteten, winkte gütig lächelnd nach unten, und legte sich dann vergnügt in das Bett, um seine Klienten zu empfangen. Jeder, der nun hineintrat, küßte ihm die Hand. Nachdem er einige angehört, vollendete er in Gegenwart der anderen auf ungenierteste Weise seine Toilette, während er sich Vor­trag halten ließ.

Dann begann er mit dem Studium seiner Parlaments­reden. Jede Geste, das Minenspiel, die Pose wurden vor dem großen Wandspiegel einstudiert. Er weiß es so gut wie die anderen Deputierten, daß nicht der geistige Gehalt der Reden, nicht einmal die praktischen Vorschläge, sondern die Schönheit der Rede, Spott und Satire, die Eleganz und Wucht der Gesten die Wähler hierzulande bezaubern, in dem jeder Deputierte ein vollendeter Schauspieler ist.

Das ist der Mann, dem schließlich auch mit dem wachsenden Einfluß Feinde erstanden; nämlich in den Kreisen derer, welche die Korruption ihrer Heimatinsel als Schmach betrachteten, und dazu gehörte der edle Notarbartolo, der auf so raffinierte Weise ums Leben gebracht wurde.

Wie groß muß die Macht unheilvoller Einflüsse in einem Lande sein, in dem dieser Mann jahrelang im Parla­ment als Volksvertreter sitzen konnte, der zweimal des Mordes angeklagt und als Haupt der Maffia bekannt war!

Kskstes «nd VrooinMrs.

Gießen, den 23. Dezember 1899.

* Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 36 Jahren, am 24. Dezember 1863, starb zu London der englische Humorist und Schriftsteller William Thackeray. Seine Bilder des sozialen Lebens haben alles, was durchdringende Beobachtung und vernichtende Schärfe geben können. Bis kurz vor seinem Tode redigierte er die von ihm begründete ZeitschriftCornhill Magazin".

Vor 257 Jahren, am 25. Dezemdir 1642, wurde zu Wools- tharpe der größte englische Physiker Str Isaak Newton geboren. Was Kepler und Galilei unvollendet ließen, führte er zur Vollendung. Durch seine großartige Entdeckung der allgemeinen Schwere (Gravi­tation) war endlich die treibende Kraft der Planetenbewegung gefunden.

lockungen zu widerstehen. Wieviel Jungen Berlin eigentlich hat, merkt man erst in diesen Tagen. Wie die Pilze zur Herbstzeit schießen sie aus dem Boden; aus jedem Thorweg- bogen streckt sich einem eine kleine Hand entgegen und pro- poniert einem ein gutes Geschäft entweder in Hampelmännern, was die guten Berliner nicht einmal als Satyre auffassen, oder in Ruten, die mit bunten Papierschnitzeln aufgeputzt sind, der Wachsstreichhölzer gar nicht zu gedenken! Diese letzteren sind Übrigens kein übler Messer für die Solidität der Berliner; ich glaube, daß Wien nicht den zehnten Teil von diesem Artikel verbraucht. Wir kommen aber auch mit einer rührenden Regelmäßigkeit immer erst nach Hause, wenn alle Treppenlampen erloschen find, wirfleißigen" Berliner!

Im Gegensatz zu dem Bilde aus vergangenen Tagen steht die Eröffnung der ersten Berliner Untergrundbahn zwischen Treptow und Rummelsburg, draußen hinter Ber- lin-0. Jedenfalls werden dieser ersten bald andere folgen; denn der Straßenverkehr in den Hauptadern der Stadt ist derart überlastet, daß man wohl oder übel sich ernsthaft an das neue Projekt heranbegeben muß. das eine Tunnelbahn von Westen nach dem Osten rc. plant, und die Kleinigkeit von 160 Millionen Mark kosten soll, ohne die in der ganzen Welt bekannten und beliebten Nachbewilligungen. Stock­ungen, wie jene bei der letzten Kälte von der Straßenbahn­gesellschaft zu verzeichnen waren, können dann nicht mehr vorkommen, die Untergrundbahn würde den Verkehr auch an solchen Tagen bewältigen, während die heutigen Omni- buffe nur zu einem geringen Teile dazu beitragen, die

Neujahrsbriefe. Wir haben schon häufig darauf aufmerksam gemacht, daß es zur Sicherung einer schnellen Beförderung undBestellung der Post­sendungen, namentlich zur Neujahrszeit, von größter Wichtigkeit ist, wenn der Bestimmungsort auf den Postsendungen möglichst deutlich unten rechts in der Ecke mit großen lateinischen Buchstaben vermerkt, und unterhalb dieser Angaben außerdem die Wohnung der Empfänger recht genau, d. h. nach Straße, Hausnummer und Lage ob eine oder zwei Treppen rc. niedergeschrieben wird. Aus der Aufschrift muß auch die Lage des Bestimmungsortes, namentlich bei weniger bekannten Orten, unzweifelhaft hervorgehen. Zu derartigen Bezeichnungen eignet sich die Angabe des Staates und bei größeren Staaten des politischen Bezirks (Provinz, Regierungsbezirks), oder auch die Angabe von größeren Flüssen (an der Oder",an der Elbe",am Rhein", am Main" rc), oder von Gebirgen (am Harz",im Odenwald" rc.). Nicht minder sind zusätzliche Bezeichnungen, wiein Thüringen",in der Altmark",im Rheingau" rc. für den Zweck geeignet. Bei Postsendungen nach Ort­schaften ohne Po st an st alt ist auf der Adresse außer dem eigentlichen Bestimmungsorte noch die Bestell-Postanstalt anzugeben. Giebt es mit dem Bestimmungsorte gleich oder ähnlich lautende Po störte, so ist dem Orts­namen eine zusätzliche Bezeichnung beizufügen. Ein Ver- zeichniß der gleichnamigen oder ähnlich lautenden Postorte kann zum Preise von 15 Pfg. bei jeder Reichs Postanstalt bezogen werden. Liegt der Bestimmungsort einer Post­sendung in einem fremden Po st gebiet, so ist bei den weniger bekannten Orten auch das Land oder der Landes­teil auf der Adresse anzugeben. Bei Briefen nach Berlin ist, außer der Wohnung des Adressaten, der Postbezirk (N. ,N0. rc ), in dem die Wohnung sich befindet, auf der Adresse hinter der OrtsbezeichnungBerlin" zu vermerken. Die genaue Beachtung dieser Punkte trägt zu einer be­schleunigten Beförderung der Postsendungen wesentlich bei und liegt daher in erster Linie im eigenen Interesse der Absender. Schließlich wollen wir, um nochmals auf den Neujahrsverkehr zurückzukommen, nicht unterlassen, den Ab­sendern von Neujahrsbriesen den möglichst frühzeitigen Ankauf der erforderlichen Freimarken und die Absenduug der Neujahrsbriefe nach auswärts einige Tage vor Neujahr dringend ans Herz zu legen. Denn er­fahrungsgemäß ist der Andrang an den Postschaltern am 31. Dezember ein so ungeheuerer, daß es trotz der um- faffendsten Vorkehrungen der Postbehörde oft nicht zu ver­meiden ist, wenn an diesen Tagen Stockungen am Schalter eintreten. Wer also zur Erlangung seiner Freimarken nicht längere Zeit am Schalter stehen will, was gerade nicht zu den Annehmlichkeiten gehört, der mache seine Einkäufe schon einige Tage vor Jahresschluß.

Riesenmassen an solchen Ausnahmetagen durch die Stadt zu befördern. Uebrigens hat man sich bei den Betrachtungen aller dieser Verhältnisse auch einmal angesehen/ wie viel die Gesellschaften mit den angenehmen Dividenden an ihre Angestellten wenden. Es ist ein recht trauriges Bild, das sich da von einem armen Omnibuskutscher entrollt, der von früh um sieben bis abends elf thätig sein muß, seine Mahl­zeiten am Halteplatz einnimmt, die Verantwortung für die ihm anvertrauten Pferde trägt, und allen möglichen Polizei­strafen verfallen kann, wenn er just einmal seinen Unglückstag hat: bare zwei Mark und fünfzig Pfennige verdient der arme Kerl, und dafür soll er die in Berlin entsetzlich teure Miete, Steuern, Garderobe und den Lebensunterhalt für sich und die Seinen bestreiten! Ein trauriges Exempel, das sich die Herren Direktoren und Aktionäre in der Muße der Weihnachtswoche einmal durch den Kopf gehen lassen sollten. Sie würden dabei wohl heftig in die Brüche geraten.

Ungefähr ähnlich bezahlen auch die Straßenbahnen- Gesellschaften, die unlängst den Schneeschippern bei einem Tagelohn in derselben Höhe auch nochBesengelder" in Ab­rechnung gebracht haben! Selbstverständlich haben sich dabei nicht allzuviele Bewerber eingefunden; denn den gleichen Lohn, aber ohne Abzüge, gewährte der Magistrat feinen Arbeitslosen, die er in Massen anstellen konnte! Die Rüge, die der Polizeipräsident derGroßen Straßenbahngesell­schaft" erteilt hat, erweckte daher auch überall Befriedigung. Es fragt sich nur, ob sie helfen wird! A. R.