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24.9.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 225 Zweites Blatt Sonntag den 24. September

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Aints- und Anzeigeblutt für den Kreis Gieszen.

Mn«, «fl-rti«." unt »ru^ri: Grattsöeüagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, st-D-».,ch-m An...r »1^.

K«»k,r.t-Klätter fffir hessische UalKsKunde.

Lokales und Provmflettes.

Gießen, den 23. September 1899.

** Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen fremder Drden. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 21. September Allergnädigst geruht, dem Hofreitknecht Peter Stein und dem Hofkutscher Adam Kunkel mann die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen der ihnen von Seiner Majestät dem König von Württemberg verliehenen Silbernen Verdienst­medaillen zu erteilen.

Aus dem Gerichtsdienst. Durch Entschließung G r o ß - herzoglichen Ministeriums der Justiz wurden beauftragt: 1) mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Amtsrichters: bei dem Amtsgericht Offenbach der Gerichsaffeffor Theodor Dietz in Worms, bei dem Amts­gericht Höchst der Gerichtsasseffor Ernst Hirsch in Bingen; 2) mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Amts- auwalts: in Worms der Gerichtsaffessor Hans Schneider i* Mainz, in Bingen der Gerichtsasseffor Heinrich Mann im Mainz.

Verzeichnis der Sitzungen des Schwurgerichts pro Z. Quartal 1899:

1. Montag den 25. September, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen Johann Lich au aus Heinebach wegen Sitt­lichkeitsverbrechen. Die Anklage vertritt Ober-Staats- RUwalt vr. Güngerich; die Verteidigung führt Rechts­anwalt Dr. Spohr.

2. Dienstag den 26. September, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen August Emil Lu kat aus Ober-Eißelu, Ernst Arnemann aus Northeim und Albert Schmenger aus Pirmasens, sämtlich wegen Raub. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Zimmermann; die Verteidigung führt ftr Lukat Rechtsanwalt En gisch, für Arnemann Rechts­anwalt Hoos, für Schmenger Rechtsanwalt Rosen­berg II.

3. Mittwoch den 27. September, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen Fritz August Julius Bruns aus Göttingen wegen Sittlichkeitsverbrechen. Die Anklage vertritt Staats­anwalt Koch; die Verteidigung führt Rechtsanwalt Weidig.

* Der diesjährige hessische St'ädtetag soll an einem »och näher zu bestimmenden Tage in Bingen statt- fiuden.

Ordensverleihung. Der beig. Bürgermeister Feigen Lus Bad Homburg, welcher seither rechtswissenschaftliche Vorlesungen an der hiesigen Universität besucht, ist von Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland durch Verleihung des St. Stanislausordens ausgezeichnet worden.

* *F.F. Heute fand die diesjährige ordentliche Sitzung des Proviuzialtags der Provinz Oberheffen im Regierungsgebäude dahier statt. Die Tagesordnung war: 1. Prüfung der Er­gänzungswahl zum Provinzialtag aus dem Kreise Lauter­bach, 2. Prüfung der Rechnung der Provinzialkasse und Er­stattung des Rechenschaftsberichts für 1897/98, 3. Fest­stellung des Voranschlags der Provinzialkasse für 1899/1900. Anwesend waren 19 Abgeordnete. Der Vorsitzende, Großh. Provinzial-Direktor v. Bechtold begrüßte die Versamm­lung und schritt alsbald zur Tagesordnung. Die Wahl des Abgeordneten für den Kreis Lauterbach, Bürgermeister Zins er von Schlitz, wurde gutgehießen. Die Rechnung der Provinzialkasse für 1897/98 wurde im Auszug vom Vorsitzenden vorgetragen und erläutert. Sie schließt mit einer Einnahme von 300,611 Mk. 67 Pfg., einer Aus­gabe von 294,509 Mk. 26 Pfg. und einem Rest von 6102 Mk. 41 Pfg. ab. Nachdem der Vorsitzende auch den Rechen­schaftsbericht vorgetragen hatte, wurde die Rechnung ge­nehmigt. Der Voranschlag wurde in den einzelnen Rubriken vom Vorsitzenden vorgetragen. Hebet das Straßenbauwesen referierte der Großh. Kreisbau-Jnspektor Stahl. Be­züglich der Straßenunterhaltung im Kreise Friedberg ent­spann sich über die Frage, ob der Provinzialtag das Recht hat, Straßen, welche vom Kreisausschuß als Kreisstraßen bezeichnet werden, als solche nicht anzuerkennen, eine längere Aussprache. Die Frage wird wohl durch das Ministerium entschieden werden. Bezüglich des Neubaues einer Brücke bei Groß-Karben geht der Beschluß dahin, daß die Mittel in den Voranschlag 1900/1901 eingestellt werden sollen, die Erbauung aber alsbald stattfinden solle. Die Gesamt­kosten für Straßenunterhaltung wurden auf 182,153 Mk. »nd die Straßen-Neubaukosten auf 178,397 Mk. festgesetzt. Nachdem alle Rubriken durchberaten waren, wurde der Bor- «nschlag in der Vorlage des Provinzialausschuffes einstimmig

angenommen. Die Einnahme und Ausgabe beträgt je 474,937 Mk.

* * Das gestrige Manöver der 21. und 25. Division gegen­einander begann mit dem Aufmarsch der diesseitigen Truppen aus der Umgebung von Großenlinden, während die 21. Division vor Wetzlar aus operierte. Bereits gegen V210 Uhr ver­riet aus der Richtung von Groß-Rechtenbach kommender Kanonendonner, daß die beiden Divisionen aufeinander ge­stoßen waren. Die 25. Division rückte über Hernsheim und Groß-Rechtenbach in süd-westlicher Richtung vor, um die die Linie Quembach-Schwalbach besetzt haltende 21.Division anzugreifen, wurde aber durch die die dortigen Höhen besetzt haltende 21. Division, deren Artillerie ein sehr lebhaftes Feuer entwickelte, festgehalten. Die zwischen Groß-Rechten- bach und Reiskirchen stehende Artillerie der 25. Division erwiderte von ihren ungünstigen Positionen aus das Feuer nur schwach, während die Infanterie in gedeckter Stellung hinter dem Wäldchen sich zum Vorstoß formierte. Unter heftigem Feuer gingen gegen 12 Uhr die Divisionen gegen einander. Ein heftiger Kampf entbrannte um Niederwetz, das von der 25. Division genommen wurde, während die 21. Division sich in der Richtung auf Schwalbach zurück­zog. Das jedenfalls für den Angriff auf den linken Flügel der 21. Division bestimmte 116. Regiment drang von Reis­kirchen aus gegen Niederwetz vor, kam aber nicht mehr ins Feuer, da um yal Uhr das Signal zum Einstellen des Kampfes ertönte. Die 25. Division rückte darauf in die Quartiere nach Wetzlar und Umgebung ab, während die 21. Division Quartier in Schwalbach, Altenkirchen u. s. w. bezog. Der markierte Feind, gegen welchen heute das ganze Armeekorps marschiert, rückt von Reiskirchen her. Wohl infolge des Ausgangs des gestrigen Gefechts blieb Gießen leider abermals von Einquartierung frei, wogegen Wetzlar, Garbenheim, Nauborn, Naunheim, Nieder-Girmes und Hermanstein viel Militär, teils in Notquartieren, unter­zubringen hatte. Ein lebhaftes militärisches Bild bot Wetzlar am gestrigen Nachmittag in dem Einmarsch der ganzen 25. Division: Infanterie, Artillerie und Kavallerie drängten und schoben sich förmlich in den engen und bergigen Straßen der Stadt. Das Ausbleiben der für Gießen vorgesehenen Not-Einquartierung" wurde hier mit recht gemischten Ge­fühlen ausgenommen. Während ein Teil der Bewohner, hoffentlich der allerkleinste, sich gefreut haben mag, nicht belästigt zu werden, hatten die anderen alle möglichen Vor­bereitungen getroffen, um die in den letzten Tagen durch Märsche und schlechtes Wetter arg mitgenommenen Krieger ge­bührend zu empfangen. Viele Familien hatten, wie uns mitgeteilt wird, im Vorrat gekocht und gebraten, daß selbst der alte Feinschmecker Lucullus seine Freude daran gehabt haben würde, und die bereiteten Lagerstätten waren oft mehr als komfortabel; schade, daß sie unbenutzt blieben. In der an der Crednerstraße errichteten Feldküche brodelte es heut seit dem frühen Morgen, daß es eine Art hatte. Riesige Mengen Fleisch, Kartoffeln und Gemüse fanden sachverständige Be­handlung durch das zahlreiche militärische Küchenpersonal. Die Knochen wanderten in die Kessel, wo sie im Verein mit Reis eine kräftige Suppe liefern sollen; das Fleisch wurde mittelst Maschinen zerkleinert und mit dem Gemüse zu­sammengekocht. Man ersieht aus dieser Arbeit ungefähr, welche Bedeutung die Verpflegung der Truppen im Kriege hat, welches Organisationstalent, welche Umsicht und That- kraft erforderlich ist, um den vom Magen gebieterisch gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Man beurteilt ein Heer lediglich nach seinen glänzenden Waffenthaten, was aber dahinter steckt bezw. mittelbar oder unmittelbar zu den kriegerischen Erfolgen beiträgt, die Organisation der Verpflegung, danach fragt niemand. Die Küche an der Crednerstraße hat in der Zeit von 12 bis 5 Uhr nach­mittags für ca. 5000 Mann Essen zu liefern. Eine Anzahl fliegende Wirte und Marketender halten Getränke feil, Cigarren-, Chocolade- und Postkarten rc.-Händler haben sich in der Nähe der Küche festgesetzt, und das Gießener Pub­likum, welches immer zu finden ist, wo etwas los ist, thut sein möglichstes, um das ohnehin lebhafte Bild noch wechsel­voller zu gestalten. Mit heute gehen die Manöver zu Ende, die Truppen kehren in ihre Standorte zurück. Unser Regiment ist zum Teil bereits wieder in Gießen eingerückt, und hat die Kasernen bezogen. Auch die übrigen Mann­schaften werden mit ihren Offizieren im Laufe des Tages nach hier zurückkehren.

* Verunglückt. Ein Unteroffizier des 27. Feld- Artillerie-Regiments hat bei dem Manöver ein Bein ge­brochen und liegt nunmehr in dem Militär-Lazarett in Gießen.

* Herbstanfang. Heute, am 23. September, früh 7 Uhr also ausnahmsweise spät passierte die Sonne auf ihrem von Nord nach Süd gerichteten scheinbaren Weg am Himmel denjenigen Schnittpunkt des Himmelsäquators mit ihrer Bahnebene (der Ekliptik), den wir als Herbstäquinoktial- punkt oder auch kurzweg als Herbstpunkt, astronomisch als denabsteigenden Knoten" ihrer Bahn bezeichnen. Der Moment, in dem dies stattfindet, entspricht nach astronomischer Zählung dem Herbstanfang. Nach älterer Bezeichnung tritt die Sonne gleichzeitig in das Tierkreiszeichen (nicht aber in das Sternbild) der Waage ein. Tag und Nacht sind nunmehr wieder für kurze Zeit gleich lang, infolge der beständigen Abnahme der Mittagshöhe der Sonne wird jedoch die Tageslänge immer kleiner.

* Für die Ueberschwemmten in Süddeutschland gingen, wie wir bereits mitteitten, von den beimGießener An­zeiger" eingegangenen Hilfsgeldern am 20. d. M. 100 Mk. ab. Eine weitere Sendung von 100 Mk. ist gestern, den 22. d. M. abgesendet worden. Ueber die weiteren Eingänge quittieren wir an anderer Stelle.

Berichtigung. In unserem gestrigen Bericht über dia Stadtverordnetensitzung vom 21. ds. muß es bei de« Abschluß der Rechnung des Wasserwerks statt 4428 Mk. heißen 44 284.

* * Norddeutscher Lloyd. Der Norddeutsche Lloyd hat nach derWeser-Zeitung" den Zwischendecks-Fahr­preis nach Baltimore für Postdampfer und Roland- dampfer auf 150 Mk. erhöht.

* Kohlenpreise in England. Nach englischen Blättern hat die Cannok Chase Coal Owners Association beschlossen, mit Rücksicht auf die steigenden Löhne gegenüber den Sommer­preisen eine Preissteigerung von 1 Sh. für die Tonne Kohlen ab 1. Oktober eintreten zu lassen. Auch die Leicester Kohlen­gruben, die ihre Preise bereits am 1. d. M. um 1 Sh. in die Höhe gesetzt haben, beschlossen eine weitere Erhöhung um 6 D. pro Tonne.

* * Steinkohlen Snbmisfion in Belgien. Der Termin für die Herbst-Submission der Belgischen Staatsbahnen ist auf den 3. Oktober festgesetzt. Es werden Offerten von ins­gesamt 670 700 Tonnen Steinkohlen verlangt.

* Unlauterer Wettbewerb. Folgende den unlauteren Wettbeweb betreffende Entscheidungen liegen neuerdings vor: Ein Kaufmann in N. . . zeigte Hüte anzu Ein- kaufspreisen" der vorgeschrittenen Saison wegen. Da ec höhere Preise nahm, wurde er zu 200 Mk. Geldstrafe ver­urteilt und die Bekanntgabe des Urteils in öffentliche* Blättern verfügt. Ebenso erging es einem andern, derzu noch nie dagewesenen Preisen" zu verkaufen vorgab, während andere Geschäfte am Platz dieselben Preise hatten. Un­lauteren Wettbewerb hatte man ferner darin erblickt, daß Briefköpfe mit dem Bild des Fabrikgebäudes versehen feeren, auf dem nach der perspektivischen Darstellung die Fabrik viel größer erscheint, als sie in Wirklichkeit ist. Auch darin ist er gefunden worden, daß ein Kaufmann ein großes Haus zur Reklame benutzt, in dem er nur ein bescheidenes Kontor gemietet hat.

* * In der Septembersitzung des Vorstandes des Hessischen LaudeSvereins für Toteneiaascheruug wurde ein aus drei Vorstandsmitgliedern bestehender Arbeitsausschuß ge­wählt, der sich mit den Vorarbeiten zur Errichtung eines Krematoriums in Darmstadt befassen wird. Die Baukosten werden durch Zeichnung unverzinslicher Anteil­scheineaufgebrachtwerden. Ein auswärtiger eifriger Förderer der Toteneinäscherung hat sich sofort bereit erklärt, unver­zinsliche Anteilscheine im Betrag von 10000 Mk. zu zeichnen.

* * Wem gehört das übergefallene Obst? Zur Zeit der Obsternte entstehen nicht selten Meinungsverschiedenheiten zwischen den Beteiligten darüber, wem bei Nachbargrund­stücken überhängende oder abfallende Früchte gehören. Durch das Bürgerliche Gesetzbuch ist darüber bestimmt: Auf das Grundstück des Nachbars überhängende Früchte gehören dem Eigentümer des Stammes, welcher jedoch zum Behufe der Abbringung das Grundstück des Nachbars nicht wider dessen Willen betreten darf. Uebergefallene Früchte sind Eigentum dessen, welchem der Grund und Boden gehört, auf dem sie gewachsen find.

4- Ober Lais bet Nidda, 22. September. Bei der heute stattgefundenen Beigeordneten-Stichwähl erhielt der Gast­wirt L. Schauermann 46 Stimmen und der Gegenkandidat, Oekonom Becht, 43 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. Auch diesmal war große Agitation, obwohl etwa 20 Wahl­berechtigte von ihrer Befugnis keinen Gebrauch machten. Infolge der nassen Witterung ist eine unliebsame Unter-