Ausgabe 
24.8.1899 Zweites Blatt
 
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Mit einer eigenen Arbeit sind seit einigen Tagen 6 Angestellte und Arbeiter der befüimteii Wasch-Extrakt-Fabrik Aug. Luhn & Co. beschäftigt. Auf dem Fabrikhofe ist ein geräumiges Zelt aufgeschlagen, das durch eine Eisenkon­struktion gehalten wird. Darin türmt sich ein gewaltiger Berg Kisten und Kasten, Packen und gefüllter Säcke auf und alle diese enthalten alte Verpackungen von verbrauchtem Luhn's Wasch-Extrakt und Seife. Unseren Hausfrauen ist bekannt, daß die Firma eine Gratis-Preis-Verteilung veranstaltete und 1000 Preise aussetzte für solche Ver­braucherinnen der Fabrikate, die bis zum 30. Juni d. I. die größte Zahl leerer Packungen einsandten. Ende vorigen Monats liefen innerhalb weniger Tage tausende von Sen­dungen ein, sie rührten, soweit bis heute zu übersehen ist, von'4032 verschiedenen Absendern, in allen Teilen Deutsch­lands wohnend, her. Der Erfolg des Ausschreibens ist so­mit ein gewaltiger. Nun gilt es, die eingegangenen Sen­dungen mit peinlichster Genauigkeit auf die Zahl der ein­geschlossenen Hüllen zu prüfen und danach das Ergebnis sestzustellen. Die zurückgesandten Packungen und ihre Um­hüllungen werden nach Erledigung des Ausschreibens seitens ftt? Firma zum Besten der Deutschen Reichs-Waisenhäuser verkauft werden.

* Eine akteumäßige Darstellung des Unglücksfalles bei Kaiserswerth, bei dem ein Pionier ertrank, erhält die Köln. Ztg." vom General-Kommando. Darnach hat das Militärgericht die Fragen, ob Feldwebel Stallmann ver­hindern konnte, daß der Pionier aus dem Nachen heraus­gerissen wurde, sowie ob er den Ertrinkenden retten konnte, oder pflichtwidrig unterlassen habe, die nötigen Schritte zu thun, nach eingehender Prüfung verneint und festgestellt, daß der Feldwebel in vollstem Maße seine Schuldigkeit gethan habe. Da für den Feldwebel eine Verpflichtung, Civil- personen Auskunft über den Unglücksfall zu erteilen, selbst­verständlich nicht bestand, während er andrerseits seiner dienstlichen Pflicht durch sofortige Meldung des Unglücks an seinen Vorgesetzten genügt habe, so war, wie die Dar­stellung am Schlüsse besagt, das Verfahren einzustellen. Alle jene Zeugen, die angeblich den Vorfall beobachteten, sind sämtlich vernommen worden und haben vor Gericht eine den Feldwebel oder Gefreiten belastende Aussage nicht machen können. Nach der gegebenen Darstellung war das unzweck­mäßige Verhalten des Pioniers er ließ trotz Warnung des Feldwebels die Schlepptrosse des Dampfers nicht los schuld an seinem Unfall.

* Ein kämpfendes Mädchen in den Freiheitskriegen. Dem Liineb. Anz." wird geschrieben: Bei der demnächstigen Weihe des Denkmals der Lützower wird ohne Zweifel auch jenes tapferen Mädchens, der Eleonore Prochaska gedacht werden, welche als Soldat verkleidet (Renz) die Schlacht an der Göhrde mitmachte und dort fiel. Sie liegt in Dannenberg begraben. Da mag nun zugleich auch einer anderen Mitkämpferin der Freiheitskriege gedacht werden, der Ilse Hornbostel aus Oldendorf, Kreis Celle. Als Knabe hörte ich einst meine Großmutter von der That ihrer einstigen Mitschülerin Ilse H. erzählen, zudem fand ich in einem hiesigen Archiv behördliche Aufzeichnungen aus ihrem Leben. Nach ihrem Taufschein, der mir Vorgelegen, ist I. H. am 11. Dezember 1792 geboren in Oldendorf. Ihren Eltern war von den Franzosen alles genommen. Als der zweite Feldzug gegen Frankreich im Jahre 1815 begann,

wurde sie zum zweiten Male brodlos durch die Franzosen. Es ging nämlich ihre Herrschaft in Hamburg, bei der sie diente, aus Furcht vor dem Kriege nach England. In ihremZorn" gegen die Unterdrücker" ging sie, wie sie vor Gericht später aussagte,ohne das Zureden irgend eines Menschen" zum Stadtkommandanten von Hamburg, v. Bennigsen, legte ihre Zeugnisse vor mit dem Begehr, Soldat werden zu dürfen, v. B. sandte sie nach Bremen, er fürchtete, irgend ein Hamburger Soldat möchte I. H. kennen. Sie machte den Weg von Hamburg nach Bremen zu Fuß als Manu verkleidet. Auf v. Bennigsens Em­pfehlungen nahm der Major v. Weddies sie an, und der untersuchende Arzt Dr. Wietmann versprach ihr auf ihr flehentliches Bitten Verschwiegenheit über ihr Geschlecht. Unter dem Hauptmann Freudenthal machte sie im Bremisch- hanseatischen Infanterie-Regiment in der 2. Kompagnie den Feldzug bis zu Ende mit. Niemals wurde sie auf den langen Märschen müde, und nach ihrem Bericht machte sie mehrere Gefechte und eine Schlacht mit. Als der Friede geschlossen war, kehrte sie mit dem Bataillon nach Bremen zurück. Am 31. Januar 1816 erhielt sie ihren erbetenen Abschied vom Heere unter dem Namen Ferdinand Horn­bostel, als welcher sie acht Monate beim Heere gegolten. Keiner, nur v. Weddies und Dr. Wietmann, hatten um die Sache gewußt. Nun begann eine schwere Zeit für das tapfere Mädchen. Bald nach ihrer Entlassung wurde ihr in einer Nacht alles gestohlen, und im Jahre 1817 ver­dächtigte sie ein Schurke bei der Polizei, sodaß sie trotz ihres energischen Protestes deö Staates verwiesen wurde. Als ehemaliger Ferdinand H. hatte sie die hanseatische Kriegs­medaille und das Versprechen des freien Bürgerrechts von Bremen in der Tasche, aber sie gab sich nicht bekannt. Erst bei einer Gerichtsverhandlung in Hermannsburg, Winter 1819, kam alles zu Tage. Später durfte sie nach Bremen zurückkehren. Sie heiratete den Schmied David Schrader in Bremen. Mühevoll hat sie dann an der Seite ihres

Mannes weiter gekämpft ums liebe Brod.

* Nachtigallenstener. Um die Nachtigallen vor Verfolgung und Fang zu schützen, hat die Gemeindebehörde in Apolda eine Nachtigallensteuer von 18 Mk. jährlich emgeführt. Sobald jemand eine Nachtigall kauft ober auf andere Weise erhält, hat er dies binnen 24 Stunden anznzeigen, sonst verfällt er in eine Strafe von 36 Mk. Diese Schutz­maßregeln sei anderen Gemeinwesen zur Nachahmung bestens empfohlen!

* 65 Schreibmaschinen, die fast durchweg von weiblichen Personen bedient werden, befanden sich Ende Mai dieses Jahres der ..Dtsch. Verk.-Zig." zufolge bei 36 Oberpost­direktionen im Poftdienstgebrauch. Nach überein­stimmendem Urteil hat sich die Verwendung von Schreib­maschinen gut bewährt; namentlich ist dadurch eine Förderung des Kanzleidienstes eingetreten. Die Reinschriften werden schneller, leserlicher und auf kleinerem Raum hergestellt als mit der Feder. Auch gewährt das Vervielfältigungsverfahren mit Hilfe der Schreibmaschine wesentliche Vorteile für den Dienstbetrieb. Bei Anfertigung längerer Reinschriften ist die Leistung mit der Maschine etwa doppelt so groß wie die eines geübten Kanzlisten mit der Feder. Nur die Aus­füllung von Formularen und Nachweisungen mit der Maschine ist zeitraubend. Nach dem Urteil der Mehrzahl der Ober- Postdirektionen entsprechen bei voller Ausnutzung einer

Schreibmaschine die erzielten Leistungen ungefähr denjenigen von anderthalb bis zwei Beamtenkräften.

Mteratur, Wissenschaft und Kunst.

Die nächsten Bayreuther Festspiele. Man meldet der Frkf. Z'g." aus B.yeeutd: Gestern aoerv rech Sw up ter Uhlen Vorstellung nahm Frau Cosima Wagner auf der Bühne in h»rz- lichen Worten von den Mttwtrkenden Abschied und erklärte, daß die nächsten Festspiele im Jahre 1901 statifinden werden.

Im Verlage von Walther Fiedler, Leipzig erschien soeben: Tolstoi, »Die Kreutzer-Tonale", Amyntor, »Die Ci*-moll- Sonate". Es dürste vtelleicvt nicht ganz überflüssig sein, bet Ar- kündtgung dieser Neuersche nungen die Gründe darzulegen, die zu einer Neuübersetzung, dezw. Neuherausgabe derKreutzen Sonate" geführt haben. In genanntem Verlag ging vor kurzem die seit längerer Zeit im Buchhandel vergriffene bedeutendste Gegenschrift der Kreutzer-SonateDie Cis-moll-Sonate" von Gerharöt von Amyntor über. In letzterem Merkchen versucht er die Haltlosigkeit der Theorien, auf denen sich die Tolstoische Kreutzer-Sonate aufbaut, zu entkräften und nachzuweisen, wohin die Befolgung der Lehren deS russischen Romanzters führt. Die Beweisführung ist, wie bet der Kreutzer-Sonate, in die Form einer spannenden Erzählung einge­kleidet, die niemand ungelesen lassen sollte, der sich mit der Tolstoischen Schrift bekannt gemacht hat. Es sind zwei verschiedene Weltanschau« ungen, die in den Schriften Tolstois und Gerhardt von Amyntor8 zum Ausdruck gelangen. Der Ausgangspunkt ist bei beiden Schrift­stellern derselbe, aber die Wege, die sie gehen, find grundoerschiedcn von einander und führen demgemäß auch zu anderen Zielen und Ergebnissen: Bei Tolstoi zur Verneinimg der ehelichen Sittlichkeit, bet seinem Gegner zur Bejahung derselben ur.ter starker Betonung des Naturrechts in der durch die Ehe bedingten Form. Gerhardt von Amyntors Ois-moll-Sonate ist durchaus deutsch empfunden, und deutsch ist auch die Antwort, die sie auf die Herausforderung des Russen giebt, der, sich hinter d«S Evangelium verschanzend, Glück und Lebensfreude in einem Wuft von Grübeleien und Sophismen begraben mochte. Zur näheren Beleuchtung dieser beiden Werke dürfte vielleicht es nicht unangebracht sein, auch noch das eigene Vorwort Gerhardt von Amyntors zur6is-moU-Sonate" anzuführen, das die Stellungnahme jede« dieser beiden Werke an und für sich wie zu einander trefflicher charakterisiert, el8 es von anderer Seite aus geschehen konnte. Gerhardt von Amyntor leitet seineCis-moll- Sonate" mit nachstehenden Worten ein:Ich übergebe diese Er­zählung, die nur ein sozialethischrS Essay in epischer Einkleidung sein niill, der vornehmen Lesewelt, d. h. allen geistig Reifen und sittlich Befestigten, die auch den tieferen Menschheitsfragen, sobald die Be- tjanblung derselben nur eine würdige und von jeder unkünstlerische» Nebenansicht freie ist, ihre lebhafte Teilnahme nicht zu versagen pflegen. Ein russischer Dichter hat es gewagt, in seiner auch in Deutschland wett verbreitetenKreutzcr-Sonair" jedes Eheweib, daS Kinder hat, eine gefallene Frau zu nennen. Es schien mir eine ritterliche Pflicht, für die Ehre der Mütter mit diesem Buche ein»»« treten. Die Frau und Mutter ist eine Heilige; nur daS Weib, da» r£r Lehre des russischen Schwärmers zustimmte, wäre gefallen intellektuell gefallen. Wenn eine gewisse Klasse sozialistischer Um­stürzler die Heiligkeit b-.r Ehe antastet, indem sie dieselbe durch freie Liebe" ersetzen will, so thut dies nicht minder die Tolstoische Doktrin, die die Ehe für sündhaft erklärt und überhaupt vernichten will. Beide Richtungen find gleich verwerflich. In einer Zeit, da die Grundfesten der m-nschfich-n Gesellschaft wanken, da mit der Jrreltg'osttät die wildeste Zweifel- und Spottsucht, die roheste Genuß- uier und Unstttltchkeit hereinbrechen, dürfte es nicht ganz unverdienst- jich sein, gerade die kindergesfgnete Ehe als den hauptsächlichsten Quell deS Heils und der Sittlichkeit der Völker und Staaten nach- zuweisen und auf den Abgrund htnzudeuten, dem der verstiegene russische Sektierer und stine etwaigen Anhänger unvermeidlich ent- aegeneilm." Will man nun dieseOie-vaoH-Sonate" recht verstehen, so ist die Bekanntschaft mit derKreutzer-Sonate" des Grafen Tolstoi unerläßlich, da die Amyutorsche Schrift diese mit großem Geschick Schritt für SLrttt zu widerlegen versucht. Hierzu war vor allen Dingen notwendig, eine Neuübersetzung zu schaffen, der das Prädikat die vollständigste und ko rekteste" gebührt, Eigenschaften, die der vorliegenden U-bersetzvng durch die tbätige Unterstützung eines Herrn, dem die Eigenheiten de» russischen LebenS bekannt sind, und der die russische Spiache voll und ganz beherrscht, unbedingt gebühren.

Bekanntmachung,

betreffend Die Vergebung der Kommerzienrat Heichelheim- Stiftung.

Aus rubrizierter Stiftung haben am 1. November l. I. 1416 Mark zur Verteilung zu gelangen. Nach § 3 der Stistungsurkunde können zur Bewerbung um die Gaben nur zugelaffen werden:

a) Personen, welche während des Feldzuge- 1870/71 im Militär» Verhältnis gestanden haben;

b) Frauen und Kinder solcher Personen, vorausgesetzt, daß diese unter a. und b. bezeichneten Bewerber einer derartigen Unterstützung be­dürftig und würdig find und-daß dieselben von der Zeit der Be­werbung rückwärts gerechnet mindestens zwei Jahre in Gießen ununterbrochen gewohnt haben.

Die Bewerber werden hierdurch aufgefordert, sich bis zum 30. Sep tewber l. Js. bei Großh. Bürgermeisterei Gießen schriftlich oder zu Protokoll anzumelden und ihre Qualifikation zum Bezüge der Unterstützung näher zu begründen und zu belegen.

Gießen, den 19. August 1899.

Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

I. V.: Wolff. 6141

Bekanntmachung.

Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, daß^derMädtische Friedhof in der Zeit vom 16. August bis 15. Oktober von morgens 6 Uhr bis abends 8 Uhr geöffnet bleibt, und daß die auf dem Friedhof Ver­weilenden eine Viertelstunde vor Schluß desselben auf diesen durch ein Glockenzeichen aufmerksam gemacht werden.

Gießen, den 19. August 1899.

Großherzogliche Bürgermeisterei Güßen.

6149

Wolff.

Donnerstag den 24. August, abends 8'/r 8hr pünktlich

auf Oswalds Garte».

Gießen, den 20. August 1899. 61.36

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