Entwickelung werden erkannt, unsichtbare Strahlen machen undurchdringliche Körper durchdringbar.
Ist es ein Wunder, daß die so auf den Kopf gestellte Welt sich in der neuen Situation nicht so schnell zurechtzufinden vermag? Daß Verwirrung und Unruhe herrschen, Gährung und Unzufriedenheit? In 100 Jahren ist die Arbeit eines Jahrtausends geleistet worden, wie wäre es möglich, daß die große Masse, deren Entwickelungsfähigkeit eine langsame ist, dem Fluge der Wissenschaft so rasch zu folgen vermöchte? Alle diese Triumphe sind ja doch das Resultat der Arbeit besonders erleuchteter Geister. — Das ganze nächste Jahrhundert wird noch notwendig sein, alle Errungenschaften für die Allgemeinheit in allgemein befrie- digender Weife nutzbar zu machen und die Entwickelung mit dem Fortschritt zu versöhnen. Die soziale Frage ist nichts als ein Produkt der geschilderten Dissonanz. Die Menschheit befindet sich, wenn man uns ein recht drastisches Bild gestatten will, in der Lage eines Magens, dem eine außergewöhnlich starke Mahlzeit zugemutet worden ist. Ein gewaltiges Verdauungsfieber hebt an und bringt eine förmliche Umwälzung im gesamten Organismus hervor, bis endlich der gewohnte Zustand der Ruhe und Behaglichkeit wieder eintritt.
Unter drei Zeichen steht vor allem unser Säkulum, unter dem Zeichen der Darwinschen Theorie, des Dampfes und der Elektrizität. Die Entwickelungstheorie stellt sich indessen ebenso wenig wie die beiden anderen Errungenschaften als etwas Plötzliches dar, sie selbst unterliegt ebenfalls den Gesetzen der Entwickelung, sie ist etwas Gewordenes, ein langsam aufgeführter Bau, den Darwin nur vollendet und gekrönt hat. Nicht nur begegnen wir schon bei den griechi- schen Philosophen der Vermutung, daß höhere Tiere aus niederen und diese aus leblosen Stoffen hervorgegangen seien, sondern wir finden dieselbe Idee bereits in sehr ausgeprägter Form bei einzelnen Naturforschern des endenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, so bei dem Großvater von Darwin, Erasmus Darwin, bei dem älteren Geoffroy St. Hilaire, bei Lamarck, Kant, Herder, Goethe u. s. w. Unser großer Dichter machte selbst eine für die Abstammungslehre nicht unbedeutende Entdeckung, diejenige
des menschlichen Zwischenkiefers. Geoffroy de St. Hilaire führte mit dem berühmten Naturforscher Cuvier einen gelehrten Streit in der Pariser Akademie über seine Anschauung, aus welchem der letztere infolge seines hohen Ansehens in der wissenschaftlichen Welt zwar als äußerer Sieger hervorging, ohne jedoch die Frage zum Stillstand oder gar zur Entscheidung gebracht zu haben. Denn der Mann, welcher die neuen Gesetze, auf denen die Abstammungslehre fußt, entdecken sollte, war bereits geboren (am 12. Februar 1809 zu Shrewsbury als Sohn eines Arztes) und im Jahre 1859 erschien sein epochemachendes, diesen Gegenstand behandelndes Werk: „lieber die Entstehung der Arten", oder wie der englische Titel lautet: „On the origin of speciea by meana of natural selection or the preaervation of favoured racea in the atruggle of life.* Die erste Anregung zur Verfolgung der Frage über den Ursprung der jetzt lebenden Arten des Tier- und Pflanzengeschlechts erhielt Darwin, wie in einer Biographie berichtet wird, während seiner Reise um die Welt, indem ihm gewisse Thatsachen der geographischen Verbreitung organischer Wesen, und namentlich die nahe Verwandtschaft gewisser heute lebender Bewohner Südamerikas mit den daselbst in ihren Resten gefundenen ausgestorbenen Tieren aufgefallen waren. Er kam bald zu der Ueberzeugung, daß diese Thatsachen nur durch die Annahme einer Abstammung der jetzigen, wenn auch vielfach veränderten Lebewesen von den früheren erklärbar seien, und daß der bis dahin von der Naturforschung behauptete Lehrsatz von der Unveränderlichkeit der Arten unhaltbar sei". Seine Untersuchungen über die Veränderlichkeit der Haustiere befestigten in ihm die Ueberzeugung von der Existenz eines Plinzips, „das aus den überall freiwillig entstehenden Varietäten der Tiere und Pflanzen die Weiterzüchtung der mit besonderen Eigenschaften versehenen Formen (Arten) bewirkt, welche die anderen überleben, in derselben Weise, wie der Landwirt bei der künstlichen Züchtung verfährt." (E. S. in der erwähnten, der Hendel'schen Ausgabe der „Entstehung der Arten" beigegebenen Biographie.)
(Schluß folgt.)
'M
*4 S-J?
** H
HM
>uetnbe6teaunä:„?
stete***,
ieiasq»,
M ordrchtc
*»ir
kill M em HmbM c-.-
2 Nm-, W] Lehrling
v- und panMfyjrM: MnM
1 gesucht.
Weller vr-chn MM an &nftat) 8. 3M Miitfrfltofc 35, i] TieirhMm -M.
MWch
tlchr■
Mitt, #
Me.Px.8eM' ieüen unter
MS M 24____
Ein Bi« heftet
V. in M
w*6
Lcepl ober J tSÄi
frr. IIS Zweites Blatt Mittwoch den 24 Mai
1S99
Siebener Anzeiger
Kenerat-'Mnzeiger
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pf-, vierteljährlich.
xsezugrpreii vlerkeljährlich
2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.
Innx • or Anzeigen zu der nachmittag- für den julH-md« Zeg erscheinenden Nummer biS vorm. 10 Uhr.
«n? Anzeigen-DermittlungSstellen de- In- und Au-lande» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.
Wtbri ItgNch »et Ausnahme de- Montags
Di« Gießener
leiden dem Anzeiger »»chenUich viermal beigelegt.
Amts- und Anzeigeblntt für den ICrtis Grefzen.
biedaktton, Expedition und Druckerei:
Zchntftrahe Ar. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der Hessische Landwirt, Mittler für hessische Volkskunde.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße».
Fernsprecher Nr. 51.
Deutsches Deich.
Berlin, 20. Mai. Das Kaiserpaar traf heute morgen $*/i Uhr von Wiesbaden kommend, auf Station Wildpark rill, und wurde von den gestern abend aus Plön ein- grtr»'ffenen kaiserlichen Prinzen empfangen. Unmittelbar nach seiner Ankunft im Neuen Palais hörte der Kaiser tiner längeren Vortrag des Chefs des Militär-Kabinetts d. Hahnke.
Berlin, 20. Mai. Zum 80. Geburtstage der fcgin Viktoria von England hat sich der Großmarschall ter Kaiserin Friedrich, Frhr. von Reichsch, nach London tegeben, um die Glückwünsche der Kaiserin zu überbringen. Eritk'ns des Ofsizierkorps des 1. Garde-Dragoner-Regiments, tesser Chef die Königin Viktoria ist, wird der 24. Mai M ein Geburtstagsmahl begangen werden, zu welchem ter englische Botschafter und die übrigen Mitglieder der viglij chen Botschaft Einladungen erhalten haben.
Berlin, 20. Mai. Wie das „Kleine Journ." meldet, vird die Staatsanwaltschaft gegen das Urteil, durch welches Graf Pückler in Klein-Tschirne von der Beschuldigung der ^usneizung zum Klassenhaß freigesprochen wird, Berufung linieren.
Berlin, 20. Mai. Wie aus Krefeld gemeldet wird, ist bei einem dortigen Neubau eine Mauer eingestürzt. 12 Ar- teitei wurden getötet, die beiden Unternehmer sind schwer
Berlin, 20. Wlai. Die Post schreibt: Von verschiedenen o&itfwi hat der Umstand eine falsche Deutung erfahren, N Deutschland bei der Friedenskonferenz nur durch Men diplomatischen Bevollmächtigten, den Grafen Münster «ilrttten wird. Wie wir jedoch erfahren, ist als zweiter KivEmächtigter, falls Graf Münster einmal verhindert iim swllte, der deutsche Gesandte in Brüssel, Graf von Älvin sieben, in Aussicht genommen. Eine Vertretung dkll R utschen Bevollmächtigten durch den derzeitigen deutschen Vcsaiwtcn im Haag, Freiherrn von der Brinken dürfte Oi^hallb nicht in Betracht kommen, weil dieser schon seit • !• «nger er Zeit durch Krankheit an der Führung der Geschäfte isvchv.dert ist.
Kerliu, 20. Mai. Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht
Feuilleton.
Aas 19. Jahrhundert.
Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.
(Nachdruck oder Auszug verboten.) IX.
Natnrwifseuschafteu. I.
Wir gehen zu einem Kapitel unserer Darstellung über, b um in it Recht den Titel: „Der Triumph des 19. Jahr- b-juutexld" führen könnte. Unser Säkulum ist das Jahr- h iumtert der Naturwissenschaften. Auf dem Gebiete der N^Mfsorschung hat der Mensch die größten Erfolge seines SMms und Denkens erzielt und der ganzen Entwickelung n ull, Bahnen eröffnet. Alle übrige Thätigkeit und Wissen- sc W Lbed Menschen ist von den Ergebniffen der Natur- m MnI chaft berührt worden, die ganze Kultur hat ein anderes G^ihi! erhalten, eine neue Weltanschauung ist geboren MMlkv. Wer hätte am Ende des 18. Jahrhunderts an Erahnen, Dampfschiffe, Telegraphen, elektrisches Licht u.:. ifi'. gedacht? Und jetzt, 100 Jahre später, rauchen die SÄMisteine von tausenden von Fabriken, gewaltige Maschinen vemhien Arbeiten, welche Menschenkraft niemals zu be- wiWgelli vermocht hätte, die Lokomotive durchrennt in wiuszem Stunden Hunderte von Kilometern, der Verkehr ke!« »wenigstens auf Erden keine Schranken mehr! Das FH-imIhr eröffnet dem sterblichen Auge den ungeheuren SßMamim, das Mikroskop die geheimnisvolle Zauberwelt der SMriitn, der Telegraph trägt in wenigen Augenblicken die EL»«Mse von einem Ende der Welt zum anderen, der PÄMWaph bewahrt die Stimme des Menschen jahrelang auch ntittels des Telephons sprechen wir mit fern wohnenden FrMdom wie von Person zu Person. Die Photographie da.:« blie Natur in unvergängliche Bilder, Dampfschiffe faliim jftolz über die Ozeane, riesenhafte Kanäle verbinden di«t'. Mer, Meerengen werden überbrückt, Landengen durch- staschn, aus der Erde heraus gräbt der menschliche Scharfsinn die r Kulturdenkmäler entlegener Zeiten! Die Gesetze der
eine Bekanntmachung des Kultusministers, nach welcher für das Preis-Ausschreiben zur Gewinnung von Entwürfen für eine Tauf-Medaille oder Plakette 100 Entwürfe eingegangen sind. Den ersten Preis im Betrage von 2000 Mark erhielt der Bildhauer Rudolf Bosselt in Frankfurt a. M.
Berlin, 20. Mai. Der Schriftführer des Abgeordnetenhauses, Bode, Mitglied der konservativen Fraktion, ist in der Nacht zum Samstag hier plötzlich am Herzschlag gestorben.
Berlin, 20. Mai. Die Reichstagsersatzwahl im 1. hannoverschen Wahlkreis findet am 8. Juni statt.
Berlin, 20. Mai. Der „Post" zufolge ist anscheinend die Absicht, die Vorlage wegen des Schutzes der Arbeitswilligen noch in der laufenden Session im Reichstag einzubringen, aufgegeben worden. Dagegen stehe die Einbringung des Kommunalwahlgesetzes im preußischen Landtag in sicherer Aussicht. Es erscheine aber zweifelhaft, ob die Verabschiedung des Gesetzes noch in der jetzigen Tagung möglich sein werde.
Berlin, 20. Mai. Die deutsche Kunstausstellung der Berliner Sezession wurde heute mittag 1 Uhr im eigenen Hause in der Kantstraße eröffnet. Der erste Vorsitzende, Professor Max Liebermann, hielt die Eröffnungsrede.
— Koloniales. Der neueste Bericht des Hauptmanns v. Kamptz aus Adamaua bestätigt, daß der Kommandeur mit seiner Schutztruppe auch noch gegen Tibati vorrücken will. Als schon vor einiger Zeit in den ersten Meldungen von dem Vordringen der Schutztruppe in das südliche Adamaua von dieser Absicht des Hauptmanns v. Kamptz berichtet wurde, erregte diese Angabe Zweifel, da man die Schutztruppe für ein solches Unternehmen nicht stark genug hielt. Wenn er nun wirklich zum Angriffe auf Tibati schreitet, so ist darin ein Zeichen dafür zu sehen, daß er die Stämme am Sannaga und Mbam für so vollkommen unterworfen^ansieht, daß von ihnen nichts zu befürchten ist. Ferner muß der Kommandeur auch überzeugt sein, daß die Truppe zur Unterwerfung Tibatis genügt. Tibati liegt fast in der Mitte zwischen dem Sannaga, bei Ngila und dem Benne, die Residenz des Häuptlings befindet sich an einem der Quellflüsse des Sannaga, der in einem
großen östlichen Bogen sich nach Nordwesten wendet. Die Herrscher von Tibati sind Vasallen des Emirs von Jola. Die Sultane zu Tibati gehören zu dem Stamme der Fullah, die fast in ganz Adamaua die Herrschersitze einnehmen. Der jetzige Sultan heißt Amalamu und ist ein noch ziemlich junger Mann. Mit der Einnahme von Tibati wird die deutsche Herrschaft bis mitten nach Adamaua ausgedehnt, das durch die Verträge von 1890 und 1894 mit England und Frankreich als deutsche Interessensphäre anerkannt ist. Die Eroberung der Stadt und des Sultanates kann aber nicht als der letzte Zweck des Unternehmens des Hauptmanns v. Kamptz angesehen werden; vielmehr wird dort eine feste Station errichtet werden müffen und so die dauernde Festsetzung der Deutschen und die Einrichtung einer geordneten Verwaltung zu erfolgen haben. Denn nur dadurch wird ein wirklicher Nutzen für uns aus dem kostspieligen Kriegszuge erreicht werden können. Mit Tibati erhalten wir einen Stützpunkt nach dovpelter Richtung hin; einmal wird er seinen heilsamen Einfluß nach dem Sango hin fühlbar machen, dann aber macht sich die deutsche Herrschaft bis zum Benne geltend. Ein neues großes Gebiet öffnet sich uns.
— Zur Po st Vorlage wird von amtlicher Seite geschrieben: Durch einen Teil der Presse geht die Nachricht: Die Beschlüsse der Postkommission des Reichstages über die Postgesetznovelle haben bei den Inhabern der Privat- Briefbeförderungsanstalten eine solche Bestürzung hervor- verufen, daß sie sich in meterhohen Plakaten an die Oeffent- lichkeit wenden und um Schutz ihres Eigentums, ihrer wohl- erworbenen Rechte bitten. Die vorgesehene Entschädigung, die für den entgangenen Gewinn in keinem Falle mehr als das achtfache des in den vor dem 1. April 1898 liegenden 3 Jahren im Durchschnitt erzielten Reingewinnes betragen solle, entspreche bei weiten nicht dem wirklichen Geschäftswerte der Anstalten. Die Annahme der Vorlage sei gleichbedeutend mit einer Vermögens-Konfiskation, zumal die Höhe der Entschädigungen in das Ermessen der Pvstver- waltung gestellt sei und den Besitzern der Privatanstalten der Rechtsweg nicht offen stehe. Demgegenüber muß nachdrücklich betont werden, daß obige Anschauungen auf einer gänzlichen Verkennung des wirklichen Sachverhalts und der


