Rr. IIS Erstes Blatt.
Mittwoch dm 24. Mai
1899
Gießener Anzeiger
General -Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen
ilanahme von Anzeigen zu der nachmittag- für de« i folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- vorm. 10 Uhr.
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Redaktion, Expedition und Druckerei:
SchntKraße Ar. 7.
Das Friedeusprogramm des Zaren.
Wer da geglaubt hat, die Sensationslust werde aus v Lin Haag zusammengetretenen Friedenskonserenz sofort iapiial schlagen können, war in großer Täuschung befangen. Die die ganze gebildete Welt repräsentierenden Herren Seiten sich viel Zeit nehmen zu wollen und gründliche fttiukie jeder Ueberhastung zu sein. In aller Gemütsruhe sind jsie in die Verhandlungen eingetreten, haben sich kon- MnLrt und sich dann den Freuden und Pflichten der Ge- Meit gewidmet. Ob nach Pfingsten das Tempo der Lerai'uugen ein etwas schnelleres wird, bleibt dahingestellt; 6 irinrd ganz darauf ankommen, ob die zur Diskussion zu Menden Fragen bereits genügend vorbereitet und for- Miart sind.
Darf man den aus London vorliegenden Nachrichten -Miauen schenken, so ist der wesentliche Inhalt des Pro- :Mm»s des Zaren jetzt bekannt und sieht den Zusammen- Ukitt «iner Konferenz alle drei bis fünf Jahre vor. Ein fii Mbenbed Schiedsgericht soll bei allen streitigen Fragen am Niedliche Vermittelung anstreben. Wenn auch die An- msukrg dieses Schiedsgerichts nicht obligatorisch ist, so soll W doah möglichst nicht umgangen werden. Der Zar ver. ' Wit sich von seinem Vorschläge um so mehr, als ja zwischen ckizklmen Regierungen bereits Schiedsverträge bestehen und lltzklke nur auf die Allgemeinheit ausgedehnt zu werden . buchen. Man muß gestehen, daß der russische Kaiser sfih Ibei seinem Programm weise Mäßigung auferlegt 1 feil denn er schlägt nichts Unmögliches vor, sondern nwas Erreichbares, welches mit der Zeit die Aussicht I tätet, daß manche Differenzen friedlich aus der i W > geschafft werden, welche sonst zu einer kriegerischen «Wcheidung geführt hätten. Damit werden freilich die 4®ritije nicht von der Erde verschwinden, aber schon eine 5 Miingerung derselben würde einem hohen Fortschritt ; gMt'ommen angesichts der Thatsache, daß jeder heute z Mxn modernen Völkern geführte Krieg ganz ungeheuere IDrlußte von Menschenleben mit sich bringen würde.
Es bedarf wohl kaum einer Frage, daß das Programm ddsü Zaren im Haag volle Zustimmung finden wird, denn etil liegt darin das Wenigste, was man als Erfolg der Kon- f Mz voraussetzen durfte und mit dem jeder Staat, welcher e Mn Vertreter nach der holländischen Residenz entsandte, o M »cornherein rechnen mußte. Ganz besondere Bedeutung Himer russische Vorschlag aber noch dadurch erhalten, daß, nm^iser Wilhelm öffentlich erklärt hat, die deutschen und r Milchen Delegierten gleichlautende Instruktionen zur Konst jwz erhalten haben. Da anzunehmen ist, daß auch unter d )se Dreibundstaaten volles Einverständnis über die zu er= fi milnden Ziele herrscht, so kann umsomehr vorausgesetzt w»citTi, daß die in dem Vorschläge des Zaren enthaltenen p Wüschen Erfolge erreicht werden, als auch Frankreich st mm Alliierten kaum entgegenarbeiten, sondern deren Pläne v diinb ganz unterstützen dürfte.
Diese Verhandlungen im Haag nehmen so sehr das ai t:mfine Interesse in Anspruch, daß alle anderen Ereig- n ntiiBiagegen zurücktreten. Wir werden deshalb jede ein- zv Ki Phase des Kongresses eingehend besprechen, (xx)
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Fernsprecher Nr. 51.
Males und Provinzielles.
Gießen, 23. Mai 1899.
** Militär-Nachricht. Herr Oberst v. M a d a i, Kommandeur des hiesigen 116. Infanterie-Regiments, ist zum General-Major und Brigade-Kommandeur befördert worden.
*• Au8 dem Gerichtsdienst. Durch Entschließung Groß- herzoglichen Ministeriums der Justiz ist der Großherzogt. Gerichtsassessor Dr. Maurer in Alsfeld vom 4. k. Mts. an mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Amts- anwalts bei den Amtsgerichten Bingen, Nieder-Olm, Ober- Ingelheim und Wöllstein beauftragt worden.
'* Kirchliche Dieustnachrichten Seine Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 6. Mai dem Pfarrverwalter Karl Hanstein zu Horrweiler, Dekanat Mainz, die evangelische Pfarrstelle daselbst zu übertragen.
** Parlamentarisches. Bei der Zweiten Kammer ist letzthin u. a. eingegangen: Ein Antrag des Abgeordneten Köhler (Langsdorf) folgenden Wortlauts: Die vereheliche Zweite Kammer der Stände wolle Großherzogliche Regierung ersuchen: a. schon jetzt bei dem Königl. preußischen Kriegsministerium Schritte zu thun für Beurlaubung einer möglichst großen Anzahl von Soldaten zur Heu- und Getreide-Ernte, und zwar 1) zu Nutzen deren eigenen Eltern Wirtschaftsbetrieb, 2) zur Lohnhilfe bei Landwirten, die darum nachsuchen; b) die Beurlaubten in zwei Klassen einzuteilen, und zwar in landwirtschaftlich geschulte und ungeschulte.
*' Schuldienst-Nachrichten. Am 6. April wurde dem Schullehrer Adam Pfeifer zu Kirch Brombach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nauheim, Kreis Groß- Gerau, an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Karl Heuser aus Lang-Göns eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bad Nauheim, Kreis Friedberg, an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Georg Weiß aus Eppelsheim die Lehrerstelle an der Volksschule zu Schafhausen-Alzey, Kreis Alzey, an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Karl Dickenberger aus Ilbenstadt eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Dorn-Asseu- heim, Kreis Friedberg, an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Georg Wittmann aus Bessungen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Langen, Kreis Offenbach, an demselben Tage wurden der Lehrerin Katharina Weber zu Mombach und der Schulverwalterin Lina Wollweber zu Kastel Lehrerinnenstellen an der katholischen Schule zu Kastel, Kreis Mainz, übertragen; am 15. April wurde der von dem Herrn Fürsten zu Löwenstein-Wertheim- Rosenberg und dem Herrn Grafen zu Erbach-Schönberg auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Haingrund, Kreis Erbach, präsentierte Schulamtsaspirant Karl Lauten- schläger aus Wersau für diese Stelle bestätigt.
** Erledigte Lehrerstellen. Erledigt sind: Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Dreieichenhain, Kreis Offenbach; mit der Stelle ist ein Teil des Organistendienstes verbunden. Dem evangelischen Pfarrer und dem Gemeinderat von Dreieichenhain steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rumpenheim, Kreis Offenbach; mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Beide mit dem gesetzlichen, nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalt.
** Die Ludwig- und Alicestiftung für das Großherzogtum Hessen (zur Unterstützung Hinterbliebenen der Volksschullehrer) zählt zur Zeit 2196 Mitglieder. Innerhalb Jahresfrist sind 117 ordentliche Mitglieder zugegangen. Es wurden ferner 4 Agenturen neu errichtet, so daß die Gesamtzahl aller Agenturen jetzt 93 beträgt. Gestorben sind 35 Mitglieder. An Legaten, Unterstützungen u. s. w. zahlte die Stiftung im letzten Jahre 10106 Mk. aus. Als Einnahme figurieren: Vertragsmäßige Zuschüsse von Feuer- und
Ae;ugspreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
Warschau, 22. Mai. Professor Kosinski und Dr. Solman, welche bei einer Operation zwei Pincetten in der Bauchhöhle des Kranken zurückgelassen hatten, woran letzterer gestorben ist, wurden vom Schwurgericht freigesprochen.
Konstantinopel, 22. Mai. Die Kriegsverwaltung unterhandelt mit englischen und amerikanischen Firmen wegen Lieferung einer Anzahl großer elektrischer Projektor- Lampen für die Befestigung der Dardanellen, des Bosporus und des Hafens von Saloniki sowie Smyrna.
Bekanntmachung, betreffend: Ausbruch der Maul- und Klauenseuche zu Laubach.
Die Gemarkungssperre für Laubach, Kreis Schotten, ist aufgehoben und an deren Stelle Gehöftsperre an- grordnet worden.
Gießen, am 20. Mai 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bech told.
1 Erscheint lägtlch eit Ausnahme des
i Montags.
Die Gießener
Ak«mitie«Vtätter \ werben dem Anzeiger • ntehentlich viermal beigelegt.
Wien, 23. Mai. Die deutschnationalen Abgeordneten des böhmischen Landtages haben, so wird der T.Rdsch. geschrieben, die einzig richtige Folgerung aus dem Beschlüsse der tschechischen Mehrheit des Landtages, die Mandate der Deutschen, trotz des Fernbleibens von den Beratungen, nicht für erloschen zu erklären, gezogen. In einer Zuschrift an den Oberstlandmarschall geben sie bekannt, daß sie auf ihre Sitze verzichten. Es heißt darin: „Wir wollen auch nicht einen Augenblick den Schein aufkommen lassen, als könnten wir uns in die schmachvolle Lage fügen, unsere Mandate hinfort gewissermaßen der Gnade' der jungtschechischen Landtagspartei zu verdanken." — Jetzt bleibt abzuwarten, ob die liberale Partei, der zuliebe der tschechische Sumpf- Landtag den Mandatsverlust nicht ausgesprochen hat, dem Beispiele der deutschnationalen Partei folgen wird.
Teplitz, 22. Mai. Hier und in dem benachbarten Badeorte Eichwald richtete ein Orkan mit darauffolgendem Wolkenbruche kolossalen Schaden an. Viele Häuser stehen unter Wasser. Alle Kulturen sind vernichtet.
Prag, 22. Mai. Die tschechischen Blätter erklären einmütig, das Programm der Deutschen sei für die Tschechen unannehmbar, weil die letzteren die gesetzliche Statuierung der deutschen Vermittelungsfrage nur als eine Markierung für die Staatsfrage ansehen und dieselbe niemals acceptieren würden.
Budapest, 22. Mai. Die Ausgleichs-Verhandlungen werden morgen in der Kommission wieder ausgenommen. Wie verlautet, hat die österreichische Regierung alle Forderungen fallen gelassen, nur betreffs der Bankfrage bestehen noch einige Schwierigkeiten.
Paris, 22. Mai. 12 Stunden lang abgeschnitten von jeder brieflichen Verbindung mit dem Ausland, den Provinzen und sich selbst, das kann man sich, so schreibt ein Pariser Berichterstatter vorn 18. d. M., in Friedenszeiten kaum vorstellen. Und doch war es heute der Fall. Paris bekam bis zum späten Nachmittag seine Korrespondenz nicht. Die Briefträger streikten. Man könnte nun mit einem gewissen Anfluge von Ironie behaupten, daß -ie Regierung das alte Axiom: Gouverneur, c’est pr6voir! praktisch betätige. Denn vom Streik der Postboten hat sie erfahren, als die übrigen Staatsbürger es auch merkten, nämlich als die Briefe der ersten Post ausblieben. Die Ursache zu dem ebenso einmütigen, wie verfehlten und für Staatsbeamte höchst bedenklichen Schritt liegt in dem telegraphisch schon erwähnten Beschlüsse des Senats. So wurden also die gewiß recht schlecht gestellten Postboten in ihren Hoffnungen grausam enttäuscht und ließen sich heute früh zu dem recht unüberlegten Schritt hinreißen. Nicht nur stürzten sie ganz Paris, namentlich die Kaufleute, Industriellen und Bankiers, in eine gräßliche Verlegenheit, so daß sich im Laufe des Vormittags zwischen den zu Tausenden zum Hauptpostamt geeilten Kaufleuten und den Schalterbeamten höchst unliebsame Auftritte abspielten. Denn nicht mal ihnen persönlich konnte ihre Korrespondenz ausgeliefert werden, da die Sortierung nicht hatte vorgenommen werden können. Sondern die Postboten haben sich auch ferner selbst in eine sehr unangenehme Lage gebracht, ihre gute Sache durch den Schritt, der für Staatsbeamte einen revolutionären, anarchistischen Charakter hat, verdorben und sich die Sympathie des Publikums, das am meisten unter diesem Streik zu leiden hatte, verscherzt. Und was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Morgen können andere Staatsbeamte kommen und ihre Forderungen, die an und für sich berechtigt sein mögen, auf diesem revolutionären Wege durchsetzen wollen und einfach den Dienst verlassen. Was sollte daraus werden? Das könnte nur zum Zusammenbruch aller staatlichen Organisation führen. Und insofern ist der Streik der Postbeamten auch ein bedenkliches Anzeichen für die Lockerung des Gefüges des Verwaltungskörpers in der dritten Republik.
Brüssel, 22. Mai. Der Skandal nimmt jeden Tag zu. Hiesige politische Kreise erklären förmlich, daß der Vorsitzende der Handelskammer Recht gehabt hätte, den Spion aus der Handelskammer auszuschließen. Wenn die französische Regierung diesen Spion gegen die Handelskammer verteidige, so müsse sie dazu hochwichtige Gründe haben. Für die französische Kolonie in Brüssel wäre es )ie größte Schmach, wenn sic den Privatinteressen einiger Generalstäbler aufgeopfert würde, und wenn ihr ein Spion vorgezogen würde. Man spricht hier sogar davon, daß der Spion Montier im Besitze der gefälschten Kaiserbriefe ein soll.
Petersburg, 22. Mai. Die Kaiserfamilie ist nach Peterhof übergesiedelt.
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> & Wien, 22. Mai. Bei dem zu Ehren des aus Anlaß
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lleiro^'2a.' hAÄd«r Kaiser einen Trinkspruch, in welchem er u. a.
Seine Majestät der Kaiser Wilhelm bekundet in aus- i iHkmder Weise dem Andenken des Erzherzogs Albrecht kMnE miiü md meiner Wehrmacht besondere Sympathien, indem Bf bt» $ cc: w hervorragenden General als Vertreter zu entsenden uttben- , geilte,:, welcher ethft im Auftrage seines allerhöchsten Kriegs- /«lotzen^b ' - he!?Nli Wem Erzherzog Albrecht den preußischen Marschallstab ^bmmchte.
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