Ausgabe 
24.3.1899 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Grossmut^

isen,

enen.

f statt.

r Verein.

abends 9 Ahr pi: aus 'WF ralverfamkH vg:

Wer, die vierte int

Der-ttstaod.

>wle

M «W

<irMwrti w/iach der Kirlt

gurr«

gasen e1

mb 3*

^rtonnag^"

«w^1, -ff biedtt»^!^- . ast'* ?are» M*' mLi»«1611, < »**** W*1''*" W«»Jw

Nr. 71 Drittes Blatt.

Freitag den 24. März

1899

Gießener Anzeiger

Keneral-Unzeiger

Mezugapreta vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich

Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erfcheinendm Nummer bis vorm. 10 Uhr.

Alle Anzeigen.BermittlnngSstellen bei In. und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

Erscheint täglich mit Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener AiamtkienS kälter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Amts- uitb Anzeigeblatt für den "Kreis Gisfzen.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Zchukstraße Ar. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klöster für hessische UalKsKunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Htehen.

Fernsprecher Nr. 51.

Ausland.

Paris, 22. März. Die vereinigten drei Kammern des Cassationshofes hielten gestern ihre erste Sitzung ab. Der Berichterstatter verlas das Gesuch der Frau Dreyfus, dahingehend, die Cassationsräte, welche ihre absprechende Meinilng über das Revisionsverfahren veröffentlichten, als nicht einwandfrei zu erklären. Der Generalanwalt bezeichnete das Gesuch als annehmbar. Die Kassationsräte zogen sich zurück und erschienen nach 10 Minuten mit der Erklärung, das Gesuch sei annehmbar. Die drei betreffenden Räte werden 24 Stunden Frist erhalten, um ihre Haltung dar« zuthun. Wenn sich dieselben, wie wahrscheinlich, zurück­ziehen werden, so würde nach ihrem Rücktritt voraussichtlich eine Majorität von einer Stimme für die Revision vor­handen sein.

Paris, 22. März. Im Senat kam gestern die Inter­pellation Fabre über die Anwerbung von Offizieren durch die Liga der Vaterländischen zur Sprache. Der Kriegsminister erklärte, er habe den General Roget zu sich berufen und ihm einen scharfen Verweis erteilt wegen der Erklärungen, die über ihn in einem Genfer Blatte erschienen seien. Es handelt sich um den bekannten Brief, welchen Roget an eine Dame in Genf gerichtet hatte und welchen ein dortiges Blatt veröffentlichte. Roget erklärte darin, er bedauere nur, daß seine Pflichten ihm nicht erlaubten, in der Dsrouläde-Affaire weiter zu gehen, als er gethan. Mehrere Redner kritisierten heftig das Einmischen verschiedener Offiziere in diese Angelegenheit. Der Kriegsminister er­klärte, cs herrsche augenblicklich in der Armee eine exem­plarische Disziplin. In keinem Lande seien die Soldaten so gut aufgehoben, wie in Frankreich. Leider entehrten ge­wisse Leute die Armee dadurch, daß sie die Soldaten mit übereifrigem Lob überhäuften.

Vermischtes.

' Frankfurt a. M., 21. März. Heute früh, wahrscheinlich gegen 5 Uhr, hat der Hausbursche des Spezereihändlers Vesper, Grüneburgweg 86, in einer Mansarde des ge­nannten Hauses zuerst die Vesper'sche Dienstmagd, namens Katharina Krämer, geboren am 3. Januar 1879 zu Sprend­lingen, und dann sich selbst mittelst Revolver erschossen. Der Selbstmörder heißt Paul Keßner, war geboren am 6. November 1877 zu Bankau, Kreis Kreutzberg, Preußen. Der Verehelichung beider sollen sich Hindernisse in den Weg gestellt haben.

* Berlin, 22. März. In der Reichshauptstadt ruft die Müllabfuhr mit der Zunahme der Bevölkerung, mit der Verschärfung der hygienischen Vorschriften, mit der Schwierig­keit, passende Abladeplätze zu gewinnen, immer größere Mißstände und Unzulänglichkeiten hervor. Es handelt sich um eine tägliche Müllmenge von nicht weniger denn 20 000 Leutner. Neuerdings hat sich nun hier eine Gesellschaft tn. b. H.Müllschmelze" gebildet, die zur Lösung dieser Frage einen geräumigen Schmelzofen errichtet und seit kurzem in Betrieb gesetzt hat. Der Ofen besteht aus einem Erdgeschosse und zwei Stockwerken, ist einem Hochofen ähnlich und bewirkt die Schmelzung aller festen Bestandteile des Mülls bei einer Temperatur von 15001800 Grad Celsius derart, daß von der ursprünglichen Menge nur 1015 Prozent übrig bleiben, die als Schlacke für Füllung von Zwischen­decken, zur Betonierung u. s. w. leicht verwertbar sein sollen. Der Ofen kann täglich 1000 Gentner Müll verarbeiten. Auch ist nicht ausgeschlossen, daß die überschüssige Wärme desselben noch anderweitig in der Industrie durch Um- E Wandlung in Kraft verwertet werden kann. Da die jetzigen Berliner Versuche für alle Großstädte besondere Bedeutung Ihaben, wird man den Verlauf derselben mit großer Auf- inerksamkeit verfolgen.

* Bacharach, 22. März. Beim Ausschachten eines dem Gasthofbesitzer Bastian gehörenden Gartens, in dem ein Weinkeller angelegt werden soll, stieß man 4 Meter unter öber jetzigen Straßenoberfläche auf altes Mauerwerk, darunter 6tin runder Turm und ein Gewölbe, worin sich eine Menge interessanter Gegenstände vorfanden, die von Sachverständigen I!teils in die Karolingerzeit, teils in das 12., 13. und 114. Jahrhundert verwiesen werden. Sie bestehen u. a. aus 8 trügen und Trinkgesäßen aus Glas, Thon und Steingut, Lius Schmelztiegeln, Vasen, Urnen und Fußbodenbelag in verschiedenen Mustern. Auch fanden sich einige Behälter ewn Glas vor, die kirnenförmig oben in zwei enge Glas- lliöhren rndigen, ferner GlaStrichter und metallene Siebe,

aus denen man schließen will, daß hier etwa ein Laboratorium eines Klosters gewesen fei.

* Posen, 22. März. Nach dem bisherigen Umfange der Sachsengängerei ist bestimmt anzunehmen, daß die heurige Abwanderung nach dem Westen noch größer sein wird als die vorjährige. Es dürften 5060000 Menschen den Sommer über die Heimat verlassen. Die hiesige Land­wirtschaft will in diesem Jahre eine sehr große Zahl gali­zischer Arbeiter beschäftigen.

* Dresden, 20. März. Auf dem anläßlich der bekannten Angriffe gegen den Geh. Baurat Prof. Dr. Wallot von seinen Schülern gegebenen Kommerse hielt der Gefeierte eine bemerkenswerte Rede, in der er ausführte: Es ist durch diese große Ehrung der Protest der Künstler gegen die Mißachtung zum Ausdruck gekommen, mit welcher man im Reichstage hervorragenden Künstlern und auch mir be­gegnet ist. Es wird auch an dieser Stelle die Erkenntnis dämmern, daß nicht die große Politik allein, sondern daß auch die Bestrebungen auf mehr idealem Gebiete Achtung verdienen. Die betrübenden Erscheinungen im Reichstage entstanden nicht zufällig, und sie sind auch nicht abhängig von einzelnen Persönlichkeiten . . . Man hätte glauben sollen, daß nach dem Kriege 1870/71 die Verhältnisse für uns ähnlich gelegen hätten, wie sie lagen nach dem großen Perserkriege, daß auf die große Anspannung der Kräfte eine Art perikleischen Zeitalters folgen würde. Das war aber nicht der Fall. Bei uns ist es anders. Wir müssen in erster Linie sorgen für die Sicherheit des Vaterlandes, die Kraft der Nation ist festgelegt, einseitig gebunden, und man merkt dies ganz besonders in Berlin, wo die Fäden der großen Politik zusammenlaufen. Von diesem Stand­punkt aus ist es als ein großes Glück zu bezeichnen, daß neben dieser großen Stadt noch kleinere Kunstzentren im deutschen Reiche zerstreut sind, die nicht unter dieser Kraft- anspannung stehen, die der Politik nicht ausgesetzt sind. Und dazu gehört in erster Linie Dresden. Es ist das ein besonderes Glück, eine besondere Wohlthat ..." An den Maler Stuck ging folgendes Telegramm ab:Der Fest­kommers für Wallot trinkt begeistert auf das Wohl des mitgetadelten und mitgeadelten Malers." An den Bild­hauer Professor Hildebrand wurde folgende telegraphische Begrüßung gesandt:Der Festkommers für Wallot bringt dem mitangegriffenen und milgefeierten großen deutschen Bildhauer ein donnerndes Hoch."

Gifhorn, 20. März. Durch heftige Schneestürme, die gestern und heute herrschten, wurden in der Lüneburger Haide mehrfach Verkehrsstörungen herbeigeführt.

* Nicht zu hoch hinaus! Das möchte man jetzt allen denen zurufen, die für ihre allmählich Heranwachsenden Kinder nach einem Berufe sich umsehen. Nichtzu hoch hinaus! Solche Mahnung thut wirklich not in unserer Zeit, wo sich z. B. zur Universität die jungen Leute drängen in be­ängstigender Fülle, und darunter viele ohne große Geistes­gaben, ohne große Mittel; wo viele Eltern ihre Kinder für zu gut halten, als daß sie dienen, oder ein tüchtiges Hand­werk lernen. Das ist nichts Gesundes. Es versteht sich von selbst, daß es kein Unrecht ist, wenn der hochbegabte Sohn auch aus einem armen Hause alles versucht, um studieren zu können. Das aber ist unrecht und verkehrt, wenn Eltern ihren Stand für zu gering achten, als daß ihre Kinder wieder darin auferzogen würden, wenn sie ihre Ehre darin suchen, etwas Großes und Besonderes aus ihnen zu machen. Wo sollte das denn hinaus, wenn das immer weiter getrieben würde? Und ist das nicht ein völlig falscher Begriff vonEhre" ein Hochmut, mit dem man sich und seinen Kindern nur schaden kann? Es kann nicht jeder Minister werden oder ein studierter Mann oder ein Beamter und das ist kein Unglück. Es hat ein jeder Stand seine Würde und sein Ansehen, wenn nur die Menschen ihm Ehre machen. Alle Achtung vor einem Handwerker, der seine Sache versteht und fleißig das Seine thut. Alle Achtung vor einem Bauer, der sich nicht schämt es zu sein, und im Feld und auf dem Hof der Erste und Letzte ist. Dahin drängt unsere Zeit immer mehr und das ist etwas Gutes an ihr, daß der Mann nicht so sehr nach seinem Titel und seinem Rock beurteilt wird als nach dem, was er kann und leistet im Leben. Es ist ein seltsamer Widerspruch, wenn so viele Leute darüber klagen, daß ihr Stand nicht genug geachtet und geehrt wird und sie selber ehren ihn am wenigsten, indem sie mit ihren Kindern um jeden Preis soviel höher hinaus möchten. Dadurch gerade kommt soviel Unruhe und Unzufriedenheit unter die Menschen, und es ist uns deshalb gewiß gut, wenn wir bei der Berufswahl für unsere Kinder das Eine nicht vergessen: Nicht zu hoch hinaus!

* DaS Reiterfest in Frankfurt hat an den drei Tagen, auf welche es sich erstreckte, eine Einnahme von 86000Mk. aus^dem Kartenverkauf gebracht. Aus dem Wirtschaftsbetrieb waren am Donnerstag bereits 10000 Mk. in Einnahme zu verzeichnen; die weiteren Einnahmen aus dieser Quelle lassen sich zur Stunde noch nicht übersehen. Jedenfalls aber kann als feststehend angesehen werden, daß die Einnahmen den Betrag von 100000 Mk. übersteigen und daß sonach dem Kriegerheim eine außerordentlich wertvolle Beihilfe zugewendet werden kann.

* Die schnellste und sicherste Bahn soll nach einem Vor­trage, der in der Handelskammer zu Liverpool gehalten wurde, des Ingenieurs Behr eingeleisige Schnell­bahn sein. Bei Bristol hat Behr schon eine solche Bahn gebaut. Im letzten Jahre liefen dort die Waggons neunzig englische Meilen die Stunde. Behr erklärte sich bereit, eine Bahn von Liverpool nach Manchester zu bauen, welche an Schnelligkeit und Sicherheit alle Bahnen der Welt über- treffen soll.____________________________________________________________

Universums Nachrichten.

Hälfe. Eine scharfe Erklärung der Medizin Studte- renden tn klinischen Semestern von der hiesigen Untoersttüt zum medizinischen Frauenfiudium wird jetzt am schwarzen Brett der Uni- versilät Berlin veröffentlicht. Auf einen Protest dieser Studierenden an die medizinische Fakultät gegen die weitere Zulassung der weib­lichen Zuhörer zu den klinischen Vorlesungen hatte der Verein Fiauenotlbung und Fcauenftubium" tn Berlin am 17. Februar b. I. erklärt, eine etwaige Entscheidung der Fakultät tm Sinne der Protestierenden müßte »mit Recht als eine schwere Bedrohung der Fraueninteressen" betrachtet werden. Zugleich unternahm der Verein durch ein Schreiben an die medizinische Fakultät zu Halle, Stimm­ung gegen die Forderung der Studierenden zu machen. Hiergegen wendet sich nun die Erklärung, die die Ausschließung der Frauen vom klinischen Studium fordert.

Jena. Am 21. März waren 200 Jahre verflossen, daß der berühmte Professor der Maibemattk Erhard Weigel hier ver storben ist. DaS von Weigel 1667 erbaute HauS in der Johannis gaffe, das tm vorigen Sommer einem Neubau weichen mußte, zählte zu den sieben Wundern JenaS. Die Treppe deS Haufe« lief um einen Hohlraum durch die Stockwerke bis zum Dach. Vom Keller aus konnte man durch die hohle Röhre am Tage die Sterne fehen.

Rostock. Dem Lehrer für Chirurgie an der hiesigen LandeS- unioerfiiät, Professor Dr. Garr ä, der einen Ruf an die Universität Bafel abaelei-nt hat, ist von dem Herzog-Regenten der Charakter als Ooer-Med-zinalrat verliehen.

Rostock. Als Nachfolger deS Professors der Rechte, Dr. v. Hippel, der nach Göttingen geht, hat der bisherige außer­ordentliche Professor Dr. Wachenfeld in Marburg emtn Ruf an die hiesige Universität erhalten und wird Ostern hteiher kommen.

Greifswald. Die Nachricht, daß Prof. Dr. Waenttg den Ruf als Nachfolger deS Professors der StaatSwlssenschafstn, Dr. Diehl, der nach Königsberg berufen ist, angenommcn habe, hat sich alS unrichtig ei wt fen._______

Mteratur, Wissenschaft und Kunst.

Die umfangreiche und wertvolle ägyptologische Bibliothek des Professors Georg EberS ist in den Besitz der Verlagsbuch­handlung Alex. Duncker üdergegangen-

Auf der großen deutschen Sportausstellung, welche in in diesem Jahre in München veranstaltet wird, werden u. a. auch zwei vollständige Wohnräume, ein Wohnzimmer tm AtelierstU und ein Schlafzimmer gezeigt werden, in denen sich nur Möbel und Gegenstände befinden, die von Dilettanten angefeitig-, oder wenigstens nach Vorbildern und Motiven hergestellt find, welche der bet R. Olden- bourg tn München erscheinenden Zeitschrift für häusliche Kunst Lrebhaberkünste" entstammen. Es soll damrt der Beweis erbracht werden, daß sich jedermann seine Wohnung mit geringen Mitteln behaglich und stlloerechi selbst einrichten kann. PreiSarbeiten, welche für den von der R daktion derLtebhaberkünstc" veranstalteten Wett­bewerb ang-fertigt find, können, wenn sie bis zum 1. Juni er. ein­geliefert und von der AuSstellungtzjury für geeignet befunden werden, tn diesen Räumen ev. als Dekorationsstücke Verwendung finden. Die Beding ngen deS Preisausschreibens nebst P obenummern der Ltebhaberkünste" werden von der Redaktion dieses BlatteS in München jedermann auf Verlangen kostenlos und portofrei zugestellt.

Wöchentliche Ueberstcht der Todesfälle in Gießen.

11. Woche. Vom 12. März drs 18. März 1899. (Einwohnerzahl: angenommen zu 24 100 (tncl. 1600 Mann Militär). SterbltchkeitSztffer: 25,89, nach Abzug der Ortsfremden 12,95^/oo.

Kinder

ES starben tn: Zusammen:

Influenza 1

Lungenentzündung 3 (2)

Lungenschwindsucht 2 (1)

Gehirnschlagfluß 1

KreüS 1

Gallensteinen 1 (1)

Nterenkrankheit 2 (2)

RhachitiS 1

Erwachsene: im vom

1. Lebensjahr: 2.-15. Jahr: 1

2 (2) 1

2(1) -

l® i r

Summa: 12 (6) 10 (6) 1 1

Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel« der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.