Ausgabe 
22.12.1899 Zweites Blatt
 
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Rr. 301 Kwcites Blatt

Freiing dm 22. Deccmber 1899

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Fernsprecher Nr. 51.

Vom Arbeiter

zum Berliner Privatdozeuten.

Herrn Dr. phil. Karl Balod ist, wie das in Riga er­scheinende lettische BlattDeenas Lapa" mitteilt, auf Grund­lage seines im verflossenen Sommersemester an der Jenaer Universität erworbenen Doktordiploms für Geographie, Geologie, Geschichte und einer wissenschaftlichen Arbeit von der philosophischen Fakultät der Berliner Universität ein­stimmig gestattet worden, sich an der Berliner Universität zu habilitieren. Da Dr. Balod nicht deutscher Reichs­angehöriger ist, bedurfte er zu seiner Habilitierung noch der Erlaubnis deS preußischen Kultusministers. Diese Erlaubnis ist nun unlängst erteilt worden, und am Donnerstag, den 30. (18.) November hat Dr. Balod das Kolloquium bei der philosophischen Fakultät bestanden. Seine Habilitations­schrift handelt über:Die Beziehungen der Militärmacht zur Einwohnerzahl und anbaufähigen Bodenfläche".

Als Opponenten traten u. a. die Professoren Sering, G. Schmoller und Adolf Wagner auf. Nach Schluß des Kolloquiums, über das die Urteile sehr anerkennend lauteten, verkündigte der Dekan, daß Dr. Balod die venia legendi erhalten habe. Seine Antrittsvorlesung wird Dr. Balod am 16. (4.) Dezember über:Deutschlands wirtschaftliche Entwickelung seit 1870" halten. Er hat sich an der Berliner Universität für Statistik und Nationalökonomie habilitiert.

Dr. Balod ist, nach dem Bericht des genannten Blattes, ein echter Selfmademan in wisienschaftlicher Beziehung; soll er doch nie in seinem Leben eine Schule be­sucht haben, nicht einmal die Gemeindeschule.

Im Jahre 1864 in der Bilsteinhof'schen Gemeinde ge­boren, hat er in seiner Kindheit und ersten Jugend die ganze Last des Arbeiterstandes kennen gelernt, zuerst auf dem Lande, dann in Riga, wo er in untergeordneter Stellung durch seiner Hände Arbeit sich seinen Unterhalt erwarb.

Seiner zähen Energie und offenbaren wissenschaftlichen Beanlagung gelang es trotzdem, sich ganz auf eigene Hand so weit fortzubilden, daß er erst neunzehnjährig am Gymnasium zu Mitau als Externer das Abiturienten-Examen bestehen und sich an der Universität Dorpat, wo er von 188487 Theologie studierte, immatrikulieren lassen konnte. Nebenbei beschäftigte er sich eifrig auch mit geographischen, nationalökonomischen und mathematischen Studien.

Nach dem theologischen Schlußexamen und dem obli­gaten Kandidatenjahr unternahm er eine Reise nach Süd­amerika, nach Brasilien, von wo er 1891 nach Europa zu­rückkehrte, um sich in Jena dem Studium der Geographie, Geologie und Geschichte zu widmen. Nachdem er sein Doktorexamen magna cum laude bestanden hatte, kehrte er nach Rußland zurück, wo er eine zeitlang an der St. Peters­burger Bibliothek wissenschaftlich arbeitete.

Im Jahre 1893 ging er als evangelisch lutherischer Prediger nach Slatoust: aber das dortige Klima übte auf seine Gesundheit eine schädliche Wirkung, und daher begab sich K. Balod nach etwa P/2 Jahren wiederum nach Peters­burg, wo er eine statistische Arbeit über die Sterblichkeits- Verhältnisse der orthodoxen Bevölkerung Rußlands verfaßte, die ihm eine Auszeichnung, die bisher noch keinem Letten auf wissenschaftlichem Gebiet widerfahren war die große goldene Medaille der Akademie der Wissenschaften eintrug. Das hoch anerkennende Urteil der Petersburger Akademie, das sich dahin äußerte, es wäre wünschenswert, daß ähnliche Arbeiten auch über andere Länder verfaßt würden, ermutigte Balod, entsprechende Abhandlungen auch über mehrere Staaten West Europas zu verfassen. Um in den Haupt­städten der einzelnen Staaten das die Statistik der Sterb­lichkeit betreffende Material nach Möglichkeit zu studieren, begab sich deshalb Balod nach West-Europa und besuchte Oesterreich, Deutschland, Italien und Frankreich und stu­dierte längere Zeit Nationalökonomie, Statistik und Geo­graphie auf den Universitäten München und Berlin. Wäh­rend dieser Zeit hat er zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten in den meisten nationalökonomischen und statistischen Zeit­schriften Deutschlands veröffentlicht.___________________________

Lokales und Provinzielles.

Gießen; 21. Dezember 1899.

** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 369 Jahren, KM 22. Dezember 1530, starb zu Nürnberg der bedeutende Gelehrte und Humanist Willibald Pirkheimer. Ec hinterließ außer einer Geschichte d-S Schweizerkrteges andere historische und politische Schriften, Ucbersetzung-n griechischer Klassiker, sowie sakrische Ge­dichte, darunter da8 ironische Lob des ihn selbst arg plagenden Podagra.

** Einschlagepapier spielt zur Weihnachtszeit eine große Rolle. Es giebt überhaupt wohl keinen zweiten Artikel der W?lt, bei dem sich in den letzten Jahrzehnten ein solcher Umschwung vollzogen hat, wie bei dem Papier zum Ein- wickcln der Ware. Vor fünfzig Jahren wickelte der Kauf­mann die Ware dem Kunden noch in grobes, graues, wolliges Löschpapier ein. Von regelrechtem Verpacken des Gegenstandes aber war dabei noch keineswegs die Rede. Der Häring guckte mit Kopf und Schwanz, und das Brot, falls es überhaupt eingewickelt wurde, mit beiden Kanten aus der Umhüllung heraus. Das Verpacken lernte der Kommis erst in späteren Jahren fach- und fachgemäß; höchstens verstand er damals besser das Dütendrehen, das ihm, bediente er in Kaffee und Zucker, als Spitzname in manchen Gegenden anhing, ähnlich wie man sich an einem Häringsbändiger" verging, zu jener Zeit, da man den jungen Kaufmann noch entwürdigend genugLadendiener" titulierte. Statt des Lösch- und Strohpapiers kennt man heute schöne, mehr oder minder glatte und feste Einschlage­papiere; man bedruckt sie ordnungsmäßig mit Firmen, so­wohl zu Rcklamezwecken, was im Vorteile des Verkäufers liegt, als auch, um die Quelle, woher z. B. das entsandte Dienstmädchen die Ware bezog, kontrollieren zu können. Jedenfalls hat die Angelegenheit der äußeren Form beim Versand der Ware ganz außerordentlich gewonnen zum Nutzen aller Teile. Als recht empfehlenswert zum Ein­packen, namentlich von Eßwaren u. s. w., halten wir das weiße Pergamentpapier. Nur aus unberechtigter Spar­samkeit manches Geschäftsmannes sieht man das Pergament­papier noch nicht allenthalben im Gebrauch. Nicht minder empfehlend sind die Kartons in Form von flachen Schälchen zum Unterlegen bei kleinen Torten u. s. w. Konditoreien, die auf Renommee halten, entbehren sie nicht mehr gern. Namentlich jetzt im Weihnachtsverkehr erleichtern sie den­selben. Verhüten sie doch, daß Backwerk und Süßigkeiten beim Transporte Schaden nehmen, und daneben sind die Kartons überaus appetitlich. Zu Konfitüren gar verfertigt man sie durch Drahtung als viereckige Schächtelchen mit schließendem Deckel wiederum ein Schritt weiter auf der Bahn zu einer nach jeder Richtung hin zufrieden­stellenden Versand- und Transportverpackung, soweit es sich um Eßwaren handelt.

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** Die Rote Kreuz-Lotterie kommt am 10. Januar 1900 unwiderruflich zur Ziehung mit 120,000 Mk. Ge­winnen; Haupttreffer 30,000 Mk. bar ohne Abzug. Das Los kostet nur 1 Mk.

** Die Postkarte für 1900, wie sie amtlich genannt wird, ist nunmehr fertiggestellt. Sie unterscheidet sich sehr wesentlich von den gewöhnlichen Karten. Die beiden oberen zwei Drittel der Vorderseite werden von der Aus­schmückung fast ganz in Anspruch genommen. Der Lorbeer­kranz, der um die Germaniamarke geschlungen ist, besteht aus zwei Zweigen, einem größeren und einem kleineren, die durch ein Band mit zwei langen Enden zusammen­gehalten werden. Links geht hinter umfangreichen Wolken die strahlende Sonne auf. Auf der Innenseite steht groß die Zahl 1900. Der übrige Vordruck der Karte entspricht genau der bisherigen Emission. Er fällt zum Teil auf die Zeichnung. Von der neuen Karte sind zunächst fünf Millionen Stück hergestellt. Da mit dem Druck fortgefahren wird, so dürfte zu Neujahr allen Ansprüchen genügt werden können. Auch im Verlaufe des nächsten Jahres soll mit der Ausgabe der Karte fortgefahren werden, um jeder Preistreiberei vorzubeugen. Die Verteilung an die Ober­postdirektion hat bereits begonnen. Die Postanstalten werden jedoch erst vom 28. Dezember an ermächtigt, die Karte auszugeben. Ihre Giltigkeit erlangt die Karte, wie alle neuen Wertzeichen, erst von Neujahr an. Doch soll bei Auflieferung einzelner Karten vor Neujahr von einer Nachlieferung abgesehen werden.

* Die Eisenbahn-Verkehrsordnung, die am 1. Januar 1900 mit Gesetzeskraft in Wirksamkeit tritt, enthält mancherlei für das reisende Publikum wichtige Neuerungen. Das wesentliche der neuen Bestimmungen ist folgendes: Das unbefugte Platznehmen von Mitreisenden in einem Zuge ist unter Strafe gestellt. Jagd­hunde in Käfigen, Kisten, Säcken oder dergleichen können zur Beförderung als Reisegepäck angenommen werden. Für das Mitführen von Hunden ohne Beförderungsschein (Hunde­karte) ist bei rechtzeitiger Meldung ein Zuschlag von 1 Mk. zu dem tarifmäßigen Preise, jedoch nicht über dessen doppelten Betrag, ohne solche Meldung das Doppelte des Preises, jedoch mindestens der Betrag von 6 Mk. zu entrichten.

Für die Abfertigung von Fahrrädern können durch die Tarife besondere Vorschriften gegeben werden. Die Eisen­bahnen sind fortan verpflichtet, soweit ein Bedürfnis dazu vorliegt, auf den Stationen Gepäckträger zu bestellen, für die sie in dem gleichen Umfange haften wie für ihr übriges Personal. Auch für die vorübergehende Aufbewahrung von Gepäck (auf den größeren Stationen) übernimmt die Eisen­bahn fortan die Verantwortlichkeit. Gemäß dem neuen Handelsgesetzbuch ist bei Verlust des Gutes fortan auch im JnlandSverkehr (wie im internationalen Verkehr gemäß dem Berner Uebereinkommen) der Wert zu ersetzen, den Güter derselben Art und Beschaffenheit am Ort der Absendung (statt wie früher am Ort der Ablieferung) in dem Zeitpunkt der Annahme zur Beförderung hatten. Die Frist, binnen welcher Ansprüche wegen Beschädigung oder Minderung eines Gutes geltend zu machen sind, ist auf eine Woche (früher vier Wochen) beschränkt. Entschädigungsansprüche, wegen Verspätung sind fortan spätestens am vierzehnten (früher siebenten) Tage, den Tag der Annahme nicht mit­gerechnet, anzubringen.

Die Zahl der Todesfälle, ausschließlich der Tot, geborenen, betrug in der Woche vom 3. bis 9. Dezember in Mainz 24, in Darmstadt 25, in Offenbach 12, in Worms 10 und in Gießen 7, zusammen 78, darunter 17 im ersten Lebensjahre. Todesfälle pro Jahr und 1000 Einwohner kamen auf Mainz 15,4, Darmstadt 18,7, Offenbach 14,7, Worms 14,9 und auf Gießen 14,8. Die Todesursache anbelangend, verstärken an Masern und Röteln 3 (1 in Offenbach, 2 in Worms), an Schar­lach 1 (Gießen), an Rachenbräune (Diphtherie) ß (1 in Mainz, 2 in Darmstadt), an Unterleibstyphus 1 (Gießen), an Diarrhöe und Brechdurchfall 3 (2 in Darmstadt, 1 in Worms), an Lungenschwindsucht 6 (4 in Mainz, je 1 in Darmstadt und Gießen), an akuten entzündlichen Krank­heiten der Atmungsorgane 16 (7 in Mainz, 3 in Darm­stadt, je 2 in Offenbach, Worms und Gießen), an Gehirn-Apoplexie 7 (3 in Mainz, 2 in Darmstadt, je 1 in Offenbach und Gießen), an sonstigen Krankheiten 31 (7 in Mainz, 14 in Darmstadt, je 5 in Offenbach und Worms); gewaltsamen Tod erlitten 4 Personen (2 in Mainz, je 1 in Darmstadt und Gießen).

§§ Vom Lande, 20. Dezember. Weihnachten rückt wieder heran. In allen Häusern rüstet man zum Feste. Auch auf dem Lande bürgern sich die Gebräuche mehr ein, die das schönste unserer hohen christlichen Feste verherrlichen helfen. Noch vor einem Jahrzehnt wußte man in den meisten Familien auf dem Lande unserer Gegend fast nichts vom Backen von Zuckerwerk. Heute bäckt selbst die geringste Familie auf dem Lande ihrZuckerzeug". Das ist aber keinesfalls ein übles Zeichen der Zeit, nein, viel­mehr ein Stück der fortschreitenden Kultur. Auch die schönste Sitte des Weihnachtsfestes, die Schmückung eines Christ­baumes, verbreitet sich ersichtlich weiter aus dem Lande. Wir haben Gegenden in Deutschland, in Nord- wie Süd­deutschland, wo der Christbaum auch auf dem Lande in keinem Hause, in keiner Hütte fehlen darf. Aber in unserem nördlichen Oberhessen gehört er auf dem Lande immer noch zu den Ausnahmen. Warum diese echt deutsche Sitte hier noch nicht größere Verbreitung gefunden in einer Zeit, die so gerne dem Fortschritt huldigt, bleibt verwunderlich. Allerdings hat der Christbaum in den letzten Jahren immer mehr Eingang gefunden in unseren Kirchen. Auch hierin sah man vor zwei Jahrzehnten fast keinen Weihnachtsbaum. Jetzt aber leuchtet und funkelt der Christbaum, das echte Symbol der geistigen Sonne, Christus, vor den Altären der meisten Kirchen. Geistliche und Lehrer unterziehen sich gerne der nicht geringen Mühe, auf Weihnachten einen Christbaum für die Kirche zu schmücken, an dem sich die ganze Gemeinde erfreuen kann und der auch dem armen Kinde leuchtet, dem seine Eltern kein Bäumchen putzen oder zu putzen vermögen.

§ Aus dem Vogelsberg, 20. Dezember. Ein flotter Handel wird in dieser Woche, den letzten Tagen vor Weihnachten, mit den Gänsen getrieben. Um diese Zeit sind die Gänse durchaus fett und schlachtreif geworden. In den Städten ist die Nachfrage nach Günsen, da hier der Gansbraten auf dem Weihnachtstisch nicht fehlen darf, eine außerordentlich starke. Nie ist deshalb die Nachfrage auf dem Lande nach Gänsen stärker als wie in den letzten Tagen vor Weihnachten. Die Besitzer von Gänsen, es sind dies die meisten Landwirte, richten sich danach und so blüht um diese Zeit das Geschäft mit den Gänsen. Zu Hunderten werden sie in den Ortschaften aufgekauft und nach den