Nr. 17 Zweites Blatt
Freitag den 20. Januar
1S99
Gießener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
Unnahmr von Anzeigen za der nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis norm. 10 Uhr.
Bezugspreis viertel sährlich 2 Mark 20 Psg. monüihd) 75 Psg. mit Bringerlohn.
Bri Postbezug 2 Mark 50 Psg. virrteljährlich.
Alle Anzeigen.Bcrmittlungsstcllen de« In- und Auslände- nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.
Erscheint lägtich mit Ausnahme deS MontagS.
Die Gießener Aamilienbtätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.
Anrts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.
Redatdion, Expedition und Druckerei:
Sch«kfiratze Nr. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Zandwirt, Mittler für hessische Volkskunde.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hießen.
Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Feil.
Bekanntmachung.
Wegen Erneuerung des Oberbaues wird der Bahnübergang in der Liebigstraße am 19. und 20. I. Mts. für den Wagen- und Reiterverkehr gesperrt.
Gießen, den 17. Januar 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Muhl.
Schäden der Zeit.
Der Prozeß Grützmacher, welcher in diesen Tagen in der Reichshauptstadt zur Verhandlung kam, hat uns einen Blick thun lasten in Zustände, welche dem Eingeweihten längst bekannt waren, von denen Fernerstehende aber keine Ahnung hatten. Die große Oeffentlichkeit hielt die Privatdetektivbureaus für notwendige Institutionen, bestimmt, in großen Städten die staatliche Polizei gewistermaßen zu ergänzen. Man darf nun keineswegs alle solche Büreaus gleich niedrig schätzen, es giebt zweifelsohne auch viele, welche das Licht nicht zu scheuen brauchen, aber die Gerichtsverhandlung hat gezeigt, welche Gefahr in der Einrichtung besteht und welchen Versuchungen solche Institute ausgesetzt find.
Bekanntlich soll dem Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, welcher die Stellenvermittelungsbüreaus konzesfionspflichtig machen will, um die Auswüchse, welche fich dabei gebildet haben, zu entfernen. Es würde fich vielleicht empfehlen, auch die Detektiobüreaus einer staatlichen Kontrolle zu unterwerfen und ihr Thun und Treiben unter die polizeiliche Lupe zu nehmen- jedenfalls aber müßten zweifelhafte Existenzen verhindert werden, derartige Institutionen zu gründen, welche, wie wir aus dem Prozeß Grützmacher ersehen haben, so tief in das gesellschaftliche und Familienleben einzelner einzuschnetden geeignet sind.
Weil wir gerade von Schäden der Zeit sprechen, so möchten wir noch auf einen solchen aufmerksam machen, der einen immer breiteren Raum einnimmt. Nicht nur in den hauptstädtischen Blättern, auch in der Provinzpresie stößt man heute täglich auf verlockende Inserate, welche anscheinend allen Sorgen, allem Kummer und bitteren Mangel derer, die in Geldverlegenheit sind, ein Ende machen wollen. „Diskret sofort unter koulanten Bedingungen, reell, ohne Anzahlung erhält jedermann Geld von den niedrigsten bis zu den höchsten Beträgen, so kann man in allen möglichen Variationen in den Zeitungen lesen, und ein Berliner Blatt füllt täglich eine ganze Spalte mit solchen mehr oder weniger auf die Klug heit (!) der Geldbedürftigen berechneten Anzeigen. Gebe fich mir niemand falschen Hoffnungen hinl Wer in Geldverlegenheit ist und nicht Kapitalien auf Zinsen liegen hat oder sichere crftf Hypotheken ausweisen kann, der bekommt keinen Pfennig
Feuilletan.
Briefe aus der Wesidenz.
VI.
(Ortgkmlbericht für den „Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)
Aus der Gesellschaft. Großherzogliches Hoftheater. Musikleben.
Zwei Hofbälle haben bereits stättgefunden, in rascher Aufeinanderfolge. Man hat sich auf denselben sehr gut unterhalten, und die Geladenen wußten von der Liebenswürdigkeit der hohen Gastgeber und dem Charme des ganzen Arrangements viel zu erzählen. Großherzog und Großherzogin werden, sobald die Feier der silbernen Hochzeit in Koburg vorüber sein wird, die projektierte Reise nach Aegypten antreten. Auf eine zu lange Frist kann die Abwesenheit übrigens nicht bemessen fein, da der Großherzog seine Gegenwart an einem Mitte März stattfindenden hessischen Reiterfest zugesagt hat.
Das kleine Prinzeßchen, dessen Bild bei der Jahreswende vielfach auf Neujahrspostkarten figurierte, wird demnächst auch gemalt werden, und zwar hat unsere tüchtige Portraitmalerin Clara Grosch, die gegenwärtig für die Fürstin von Leiningen in Amorbach beschäftigt ist, diesen Auftrag erhalten.
Im Kunflverein am Rheinthor nehmen sechs vortraits des jungen Malers Philipp Otto Schäfer, der eine ganz überraschend erfolgreiche AKnstlercarriöre
geliehen. Wohl aber hat jedermann, bevor ihm Aussichten gemacht werden, bei denen es wohl regelmäßig bleibt, die Kosten für Auskünfte und dergleichen zu erlegen. Uns ist ein Herr bekannt, welcher fich in ganz gesicherter Position befand. Er bezog ein Einkommen von 3000 Mk., hatte eine schuldensreie Einrichtung im FeuerverficherungSwerte von etwa 3600 Mk. und war mit 6000 Mk. in der Lebensversicherung. Der betreffende Herr konnte von den in den Blättern fich anpreisenden Geldvermittelungsinstituttn nicht einen Pfennig erhalten, wohl aber mußte er für den Auftrag, der sich auf etwa 300 Mark belief, vorher Gebühren von 2, 3, 4, 5 oder 6 Mark erlegen. Jeder fd also gewarnt! Mögen die Anerbietungen noch so verlockend lauten, nur ein ganz geringer Prozentsatz der Geldbedürftigen hat Aussicht, befriedigt zu werden, und das sind nur solche, welche von jeder soliden Bank auf einfachere Weise Darlehen erhalten würden.
Auch diese Geldvermittelungsinstitute gehören zu den Schäden der Zeit und verdienen unter strengere Aufsicht der Regierung gestellt zu werden. (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Januar. Die Budget-Kommission des Reichstages setzte heute die Beratung des Postetats fort. Staatssekretär v. Podbielski erklärte, daß die Assistentenfrage in nächster Zeit eine für die Assistenten wesentlich günstigere Erledigung als bisher finden werde. Als Sommer-Dienstkleidung für die Briefträger sei eine leichte Tuchjoppe in Aussicht genommen, die dem Kaiser zur Genehmigung vorliegt. Der Postetat wurde erledigt. Morgen Etat der Reichsdruckerei und Etat für Kiautschou.
M.P.C. Berlin, 18. Januar. Es gilt für durchaus unwahrscheinlich, daß die vorjährige internationale Konferenz zur Abschaffung der Zucker Prämie in diesem Jahre ihre Fortsetzung finden werde. Die Frage würde sofort in ein neues Stadium treten und eine glatte Erledigung finden können, wenn England sich dazu entschließen möchte, Ausgleichszölle entsprechend den gezahlten Prämien einzuführen. Daran ist aber einstweilen nicht zu denken.
M.P.C. Wie uns aus Wien geschrieben wird, sind einflußreiche Kreise dabei, auf eine Wiederherstellung des Dreikaiserverhältnisses hinzuarbeiten. Ob die bezüglichen Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden, steht dahin. Jedenfalls dürfte es als ausgeschlossen zu betrachten sein, daß eine Begegnung der drei Kaiser in Wien stattfinden wird.
M.P.C. Was in den letzten Tagen an unglaublichen Verstellungen der Richtung und Ziele der deutschen sogen. Philippinen-Politik in amerikanischen Blättern zu lesen war, beweist von neuem, wie wenig aufgeklärt die öffentliche Meinung in Nordamerika über das ist, was in
gemacht hat, die Aufckerksamkeit in Anspruch. Das Jn- tereffe ist erstens ein sachliches, insofern die Portraits Mitglieder einer sehr alten und bekannten hessischen Adelsfamilie von D......darstellen, und sodann auch ein ästhetisches,
in diesem Fall dirigiert durch die Thatsache, daß der Künstler das Studium alter Meister mit seinen eigenen Erfahrungen so verschmolzen hat, daß die Gemälde wie im alten Tone wirken und fast den Eindruck machen, als wären sie von den Wänden einer Ahnengalerie in die Räume eines modernen Kunstsalons versetzt worden.
Im Großherzoglichen Hoftheater wird bei der Novitätenwahl gegenwärtig den verschiedensten Geschmacksrichtungen Rechnung getragen. Wer sich, ohne geistige Anspannung, schlecht und recht amüsieren will, wird über die Einstudierung des Berliner Schwanks „Im Fegefeuer" nicht ungehalten fein. Wer es mit den psychologischen formellen Feinheiten der vorgeschrittensten Modernen hält, wird die Einverleibung der Schnitz! er'sch en „Liebelei" in das Repertoire des Schauspiels mit Genugthuung begrüßen.
Ueber die strichlose Aufführung des „Siegfried", die kürzlich die Zeitdauer von 6 bis 11 Uhr in Anspruch nahm, konnte man in Presse und Publikum viele Für und Wider hören.
Wir sind im allgemeinen für die Beobachtung größter Pietät gegenüber den Wagner'schen Gedanken und erinnern uns noch mit einem gewissen Schrecken des ersten Aufführungsjahres des „Siegfried", in welchem das Werk ohne die Erda-Szene erschien. Aber einer unverkürzten
Deutschland und seitens der verantwortlichen Leitung der deutschen Reichsgeschäfte erstrebt wird. Die deutschen Dinge und das deutsche Leben und Streben erscheinen danach für die Amerikaner mit einem trügerischen Schleier verhüllt. Die Schuld daran trifft in erster Linie den Umstand, daß direkte Kabelverbindungen in wünschenswertem Umfang zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Nordamerika nicht bestehen. Um so notwendiger erscheint es, daß die deutsche Presse thunlichst einig sich in dem Bestreben zeigt, der Wahrheit gemäß von einer schlecht unterrichteten öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staate» an eine bessere zu appellieren. Es ist einfach wahrheitswidrig, daß unsere Regierung auf den Philippinen etwas anderes erstrebt, als den berechtigten Schutz der dort vorhandenen deutschen wirtschaftlichen Interessen. Honny eoit qui mal y pense.
M.P.C. Große soziale Mißstände werden dadurch herbeigeführt, daß durch die private Bauthätigkeit in den großen Städten fast nur für die Herstellung größerer Wohnungen gesorgt wird. Dadurch werden viele Familien genötigt, eine größere Wohnung zu mieten, als ihrem Vermögen entspricht. Ihre Existenz wird von vornherein gewaltsam auf eine Höhe des Verbrauchs geschraubt, die zum Schuldenmachen zwingt. Das ist nicht nur in Berlin, sondern auch in den meisten anderen großen und größeren Städten der Fall. Umsomehr ist es zu begrüßen, wenn sich entweder, wie es in Frankfurt a. M. unter der Aegide des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Miquel bekanntlich der Fall gewesen ist, Erwerbs-Aktiengesellschaften zur Herstellung, Unterhaltung und Verwertung von kleineren Wohnungen bilden, oder Miets- und Bauvereine auf genossenschaftlicher Grundlage zu Stande kommen. Letzteres ist neuerdings in Karlsruhe der Fall gewesen. Der dortige Mieter- und Bauverein beabsichtigte die Erbauung von nicht weniger als 250 Einfamilienhäusern. Diese sollen mit je drei Zimmern, Küche, Mansarden, Veranda und Hausgärten zum Preise von insgesammt je 6100 Mk. in Albthal oberhalb Ettlingen hergestellt werden. Die Mitglieder des Vereins würden die Häuser ohne Anzahlung durch jährliche Abgabe von 300 Mk. in 28 Jahren als Eigentum erwerben können. Zur Fortsetzung dieses Ziels soll der Versuch gemacht werden, die Baukosten im Wege dreiprozentiger Kapitalanleihen bei der gut situierten Bürgerschaft der Stadt aufzubringen. Der Großherzog und die Großherzogin haben sich bereit erklärt, mit einem Betrage von 100000 Mk. an die Spitze der Zeichner zu treten.
Aus Deutsch-Südwestafrika. Am 30. November ist Major Leutwein von dem Zuge nach dem Süden in Windhoek wieder eingetroffen, und bald folgte ihm auch die Truppe nach. Die Beilegung der Bewegung ist schon berichtet worden, doch ist noch zur Ergänzung nachzutragen, daß die beiden schuldigen Kapitäne (Willem Christian der Bondel-
Wiedergabe der umfangreichen Partitur, die mehr als irgend ein anderes Stück der Tetralogie auf epischen Rückblicken verweilt, können wir nur dann das Wort reden, wenn zufällig ein Elite-Ensemble vorhanden ist, Künstler, die das Durchschnittsmaß überragen und jede Szene in ihrer Klarheit und charakteristischen Bedeutung herauszuarbeiten vermögen.
Der Frauenchor des Vereins hessischer Lehrerinnen, der fich unter Leitung des Fräulein Luis a Müller bereits eines guten Rufes im hiesigen Musikleben erfreute, trat zu Beginn des neuen Jahres zum erstenmal mit einem gehaltvollen Konzertprogramm in die Oeffentlichkeit, das u. a. recht schwierig zu verarbeitende Chorkompositionen von Brahms und Rossini enthielt.
Der „Familien-Abend" des Musikvereins am letzten Samstag that sich durch ein sehr abwechselungsvolles Repertoire hervor: eine Lustspielouverture für großes Orchester, das die Freunde und Mitglieder des Vereins stellten, ein Lustspiel von I. Sommer, eine allerliebste Operette von Ferd. Gumbert: „Die Kunst, geliebt zu werden", und zum Schluß eine flotte Quadrille, arrangiert von der Hofsolotänzerin Fräulein Swoboda. Die 16 Paare trugen die Tracht von Schulmädels und Schulbuben. Auf der kleinen Bühne des Saales, deren Prospekt die Front des Viktoria-Schul-Gebäudes zeigte, entwickelte sich die Quadrille und erreichte ihren Höhepunkt in einem kleinen mimischen Intermezzo, das die Dazwischenkunft der zürnenden „Lehrerin" behandelt, die schließlich in den Kreis der tanzenden Schuljugend hineingezogen wird. -sch.


