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Nr. 193 Erstes Blatt. Freitag den 18 August
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Amtlicher Teil.
Gießen, den 15. August 1899. Betreffend: Die Feier des 2. September.
DieMoW. Kreisschulkommission Gießen
au die Schulvorstände des Kreises.
Wir beauftragen Sie, rubr. Fest wie seither, in den Ihnen unterstehenden Schulen feiern zu lassen. ____________________v. Bechtold.____________________
Bekanntmachung.
Unter dem Rindviehbestand des Jakob Franz zu Bischoffen, Kreis Biedenkopf, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Gehöftsperre angeordnet worden.
Gießen, 15. August 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. _________________I. B.: Frhr. Schenck._________________
Bekanntmachung.
Betreffend: Maßregeln zur Abwehr und Unterdrückung der Maul- und Klauenseuche.
Mit Rücksicht auf die hochgradige Verseuchung der ganzen Umgegend und der dadurch vermehrten Ansteckungsgefahr ordnen wir hiermit gemäß § 8 des Ausschreibens Großh. Ministeriums des Innern vom 3. Juli 1897 an, daß wandernde Schafherden im Kreise Lauterbach nur die Kreisstraßen benutzen dürfen und der Führer derselben mit dem Zeugnis eines beamteten Tierarztes versehen sein muß, in welchem das Freisein der Herde von Maul- und Klauenseuche bescheinigt ist. Ein solches Zeugnis ist drei Tage lang gütig und muß dem Polizei- und Aufsichtspersonal, in allen Fällen aber unaufgefordert der Ortspolizeibehörde desjenigen Ortes vorgezeigt werden, in dessen Gemarkung die Herde zum Aufenthalt eingeführt wird. Zuwiderhandlungen unterliegen der Strafbestimmung in § 66,4 des Reichsgesetzes vom 23. Juni 1880.
Lauterbach, den 9. August 1899. Großherzogliches Kreisamt Lauterbach. Dr. Wallau.
Prozeß Dreyfus.
Rennes, 15. August.
Nachdem die Sitzung des Kriegsgerichts heute früh um V27 Uhr eröffnet worden war, beantragte Advokat Demange Vertagung des Prozesses bis zum Montag. Er begründete den Antrag mit der Verwundung des Verteidigers Labori. Der Negierungskommissar Saniere antwortete, er sehe die Notwendigkeit einer Vertagung nicht ein. Er sei überzeugt, daß die Verteidigung sich in den besten Händen befinde, weil dieselbe mehr Zeit gehabt habe, das Dossier ausführlich zu studieren, als die mit der Anklage betrauten Personen. Diese Erklärung rief allgemeine Verwunderung hervor. Die Mitglieder des Kriegsgerichts zogen sich hierauf zur Beratung zurück, und als sie wieder im Sitzungssaale erschienen, erklärten sie, die Vertagung sei einstimmig abgelehnt worden. Nunmehr wurde die Verhandlung fortgesetzt. Als erster Zeuge wurde der frühere Justizminister Guerin aufgerufen. Derselbe bekundete, die Angelegenheit Dreyfus gar nicht zu kennen. Er habe als Minister nur das Bordereau als Beweis für die Schuld Dreyfus gekannt. Er habe niemals erfahren, daß geheime Schriftstücke gegen Dreyfus beständen; desgleichen habe er von angeblichen Geständnissen Dreyfus nichts gehört. Mercier habe übrigens niemals in einem Ministerrate dessen Erwähnung gethan. Der nächste Zeuge, der frühere Kolonialminister Lebon äußerte sich ebenfalls dahin, daß er in der Dreyfusangelegenheit nichts besonderes wisse. Während der Aussagen dieses Zeugen hörte man öfters die Worte: „Seht den Mann, welcher Dreyfus die eisernen Doppelklammern anlegen ließ." Dreyfus, der heute sehr blaß aussah, zeigte deutlich genug seine Empfindungen gegen den Chef seiner Peiniger. Lebon vermied konsequent, Dreyfus anzusehen. Bezüglich der gegen Dreyfus auf der Teufelsinsel ergriffenen Vorsichtsmaßregeln bekundete Zeuge Lebon, daß er mit bestem Gewissen, wenn er diese Maßregeln noch einmal zu ergreifen hätte, nicht zögern würde, dies zu thun. Zeuge wies darauf hin, daß ihm von mehreren Seiten vorgestellt worden sei, daß eine Entführung des Gefangenen mit großen Mitteln durchgeführt werden sollte. Des weiteren rekapitulierte Lebon die alten Matrosengeschichten
und sprach schließlich sein Bedauern aus, daß er, durch allerlei Jntriguen irregeführt, eine Zeit lang die Korrespondenz des Angeklagten mit seiner Familie inhibierte. „Ich hob," so rief Lebon in elegischem Tone, „dieses Verbot auf, weil es mir zu grausam und barbarisch erschien." (Bewegung.) Zeuge bekundete weiter, eines Tages sei ein Brief für Dreyfus eingegangen, welcher, vor das Licht gehalten, die Spuren von Geheimtinte zeigte. Gefragt, ob er sich dieses Briefes erinnere, sagte Dreyfus: „Gewiß. Der Brief sprach von einer mir völlig fremden Familiensache und war mit „Weyler", einem mir ganz unbekannten Namen, unterzeichnet." Regierungskommissar Carriöre verlangte hierauf zu wissen, warum Dreyfus für jeden nach Paris gerichteten Brief 30 Konzepte machte. Advokat Demange erwiderte, er glaube, es sei besser, die Erinnerung an jene Härte gegenüber dem Gefangenen, dessen einziges Labsal eine Verständigung mit seinen Angehörigen gewesen, lieber vollständig zu bannen. Auf die Frage des Präsidenten, ob Dreyfus eine Bemerkung zu machen habe, erwiderte dieser: „Nein, ich bin hier, um meine Unschuld zu beweisen, nicht um über erlittene Qualen zu klagen." (Bewegung.) Die nächste Zeugin war die Witwe Henry's. Sie trug ein schwarzes Kleid und gab ihre Aussagen sitzend ab. Sie bekundete mit leiser Stimme, daß ihr Gatte mit einer Frau B., welche Gelegenheit hatte, interessante Papierschnitzel aufzulesen, in stetem Verkehr gestanden habe.
Eines Abends habe Frau B. das Bordereau gebracht. Henry habe zu seiner Frau gesagt: „Das ist eine wichtige Sache". Von einem der Richter über die Fälschung ihres Gatten befragt, antwortete die Zeugin: „Mein Mann schrieb mir vor seinem Tode, er habe die Fälschung begangen, um die gefährdete Ehre der Armee zu retten." (Bewegung). Der Präsident frug Dreyfus, ob er etwas zu bemerken habe, worauf dieser eine verneinende Bewegung machte. Als die Witwe Henry die Estrade verließ, wurde sie im Saale vom General Mercier empfangen, der ihr mit einer Verbeugung die Hand drückte. Die klassische Schönheit der Zeugin erregte lebhafte Aufmerksamkeit. Nunmehr trat eine kleine Pause ein. Nach Wiederaufnahme der Sitzung wurde General Roget aufgerufen. Er machte einen sehr eleganten Eindruck und brachte seine Ausführungen ungemein lebendig und schneidig vor. Er bemerkte, gegen Esterhazy bestehe absolut kein Schuldbeweis als die Aehnlichkeit der Schrift und des Papiers. Trotzdem Esterhazy erklärt, das Bordereau geschrieben zu haben, müsse er sagen, daß dies Geständnis Esterhazys falsch sei. Esterhazy habe einmal gesagt, daß man ihm 600 000 Franks geboten habe, wenn er sich als Autor des Bordereaus bekennen wolle. Er, Zeuge, wisse nicht, ob Esterhazy sie angenommen habe. Roget gab alsdann eine Darstellung des Zwischenfalles Henry—Bertulus und erklärte weiter, indem er Dreyfus scharf ansah: „Das Bordereau ist geschrieben von Dreyfus!" (Erregung im Saale). Den guten Glauben der Diplomaten und Gelehrten, die die Unschuld Dreyfus' behaupten, wolle er nicht anzweifeln, aber seiner festen Ueberzeugung nach befänden sie sich in einem Irrtum. Das Bordereau sei, trotz gegenteiliger Behauptung, in der Botschaft einer fremden Macht gefunden worden. Wenn der Botschafter dieser fremden Macht gesagt, so wichtige Papiere würde man nicht so umherliegen lassen, so müsse er, Zeuge, entgegnen, daß er Briefe eines Militärattachees in Händen gehabt habe, die für die Ehre einer dritten Person kompromittierend gewesen seien, (es waren dies Liebesbriefe Schwartzkoppens), und die im Papierkorb gefunden wurden. Aus den Geheimakten zitierte ferner Roget den Inhalt eines von Schwartzkoppen geschriebenen Zettels, welcher lautete: „Hanotaux sagte: Verlangen Sie nur, wir bewilligen Ihnen alles." Damals habe man im Januar 1895 in der deutschen Botschaft eine Spur gefunden, daß im Hause der Botschaft spioniert werde. „Alle Welt", so sagte Roget, „wurde verdächtigt, besonders der Sohn des Hausbesorgers, welcher in der Fremdenlegion gedient hatte." Bei der nun folgenden technischen Prüfung des Bordereaus sah Roget den Angeklagten Dreyfus fortgesetzt herausfordernd an. Oft machte er eine kleine Pause, während welcher er Dreyfus mit sarkastischem Lächeln betrachtete. Diese Szenen machten den denkbar peinlichsten Eindruck. Als Roget nach 21/Jjftünbigetn Vortrage noch nicht geendet, vertagte der Präsident Jouaust die Sitzung auf morgen. Dreyfus erhob sich und sagte weinend: „Es ist schändlich, daß ich das alles stundenlang anhören muß, ohne antworten zu können. Rogets Aussagen enthalten Anklagen, und ich kann ihnen nicht entgegentreten. Man zerreißt mir Herz und Seele!"
Präsident Jouaust erwiderte, Dreyfus werde morgen Gelegenheit haben, zu antworten.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. August. Der Rittergutsbesitzer v. Zitzewitz, Mitglied des Herrenhauses, ist gestern gestorben. — Der Oberbürgermeister von Halberstadt, Bödcher, Mitglied des Herrenhauses, ist in vergangener Nacht gestorben.
Berlin, 16. August. Graf Strachwitz (Centr.) hat zur zweiten Lesung der Kanal-Vorlage einen neuen § 6a (Kompensation für Schlesien) beantragt. — Die freikonservative Fraktion des Abgeordnetenhauses hat heute beschlossen, den Antrag auf Erbauung des Küstenkanals, statt des sogenannten Mittellandkanals, falls dieser abgelehnt werden sollte, zu stellen.
Berlin, 16. August. Der frühere nationalliberale Abgeordnete Menda ist heute früh im Alter von 83 Jahren auf seinem Gute Rudow bei Berlin gestorben. Derselbe gehörte 40 Jahre, bis zu den letzten Wahlen, dem Abgeordnetenhause an und über 30 Jahre dem Reichstage. Die Beerdigung findet Samstag statt.
— Die Stadtverwaltung von Kiel hatte den Zensus für Gemeindewahlen wesentlich erhöht, das Oberverwaltungsgericht aber auf erhobene Klage die Maßregel als ungesetzlich bezeichnet. Trotz dieses Urteils hat das Stadtverordneten-Kollegium vorgestern die Aufnahme von mehr als 3000 Einwohnern in die Bürgerrolle, die sich bet ihrer Reklamation auf dieses Urteil berufen haben, abgelehnt.
— Die Ausweisungen ausdemwestfälische« Streikgebiet dauern, wie der „Rh. Wests. Ztg." aus Herne geschrieben wird, fort. Vor wenigen Tagen wurde ein Bergmann aus Castrop ausgewiefen, der sich bei Gelegenheit des Streiks den Behörden gegenüber unliebsam bemerkbar gemacht hatte, jetzt ist aus dem benachbarten Holsterhausen der Bergmann Anton Zieger, österreichischer Nationalität, mit samt seiner Familie, bestehend aus neun Köpfen, durch Verfügung des Regierungspräsidenten ausgewiesen worden, weil er sich lästig gezeigt hat.
Magdeburg, 16. August. Der 12. Verbandstag des Zentralverbandes deutscher Bäcker Innungen „Germania" erledigte heute einige wichtige Punkte über polizeiliche Brottaxen und über Regelung der Lehrlingsfrage. Allgemein wurde geklagt, daß für den Bäckerberuf Lehrlinge fast gar nicht zu haben feien. Beschlossen wurde, in Städten bis 20000 Einwohner Zentral-Sprechämter für arbeitsuchende Bäckergehilfen zu errichten, die Jnnungs-Sprechämter mit dem Centralbureau zu verbinden und arbeitsuchende Gesellen einander auf Kosten der Auftraggeber zuzuweisen. Vom Ausstellungskomitee wurde mitgeteilt, daß die Ausstellung ein Defizit ergeben habe. Aus der Verbandskasse wurde ein Zuschuß von 500 Mk. bewilligt. Bei der Neuwahl des Zentralvorstandes wurde der bisherige Vizepräsident Bernard- Berlin zum ersten Präsidenten gewählt; der bisherige erste Präsident Kunze-Berlin hatte sein Mandat niedergelegt. Dem letzteren wurde ein Ehrensold in Höhe von 3000 Mk. bewilligt. Um 3 Uhr nachmittags wurde der Verbandstag geschlossen.
Dortmund, 16. August. Die Einweihung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. auf der Hohensyburg, welches aus freiwilligen Mitteln der Provinz Westfalen errichtet wird, findet im August des nächsten Jahres statt. Der Kaiser hat bei seiner Anwesenheit in Dortmund seine Teilnahme an den Feierlichkeiten zugesagt. Der Hörder Bergwerksverein stiftete für das Denkmal, um den Bau zu fördern, abermals 10000 Mk.
Posen, 16. August. Wie die „Posener Neuesten Nachrichten" aus Jnowrazlaw melden, ist der Raubmörder, der am 31. Mai auf dem Wege von Bütow in Pommern nach Vcrent in Westpreußen einen Knecht, namens Czarnowski, ermordet und beraubt hat, ergriffen worden, da er sich vagabondierend umhertrieb. Die Staatsanwaltschaft hatte auf seine Ergreifung eine Belohnung von 500 Mark ausgesetzt.
Schwerseuz, 16. August. Heute früh 6 Uhr ist hier ein großes Feuer ausgebrochen, durch das bisher 8 Häuser zerstört sind. Wegen des herrschenden Mangels an Wasser kann die Feuerwehr nicht Herr des Feuers werden, zumal sie, weil die Straßen sehr eng sind, nicht mit Erfolg vorgehen kann. Bis jetzt, nach 12 Uhr, greift der Brand noch immer weiter um sich.
Kol», 16. August. Die „Köln. Ztg." schreibt zu der von verschiedenen Seiten kommenden Aufforderung, Deutsch-


