daß nämlich ein Prediger in einer Predigt den orthodoxen Glauben und die Negierung geschmäht habe, und auch diese Angabe ist nur aus der Luft gegriffen. Die Lage der evangelischen Kirche im Lande ist neuerdings wiederum eine so bedenkliche geworden, daß, wie in den schlimmsten Zeiten Alexanders IIL, die Amtsentsetzungen und Verweisungen der Pastoren eine ganz gewöhnliche Erscheinung sind. In den ersten Jahren der Regierung Nikolaus II. konnte man noch von einem Einfluß seiner Gemahlin zugunsten der Kirche, der sie selbst einst angehört hatte, reden: heute ist er geschwunden, und allein der heilige Synod herrscht. Eine Unwahrheit ist ferner, daß der Bericht von einer Propaganda der lutherischen Geistlichkeit in den Ostseeprovinzen spricht, von ihrem agressiven Treiben gegen die griechische Kirche. Propaganda, und zwar in der offensten Form, von den polizeilichen Gewalten mit allen Mitteln unterstützt, treibt nur die griechische Kirche. Der russische Bischof von Riga fährt u. a. zum Besuche in die evangelischen Landschulen, die ihn nichts angehen sollten, beschenkt die Kinder, und sucht mit den verwerflichsten Mitteln der Bestechung und Bethörung die Jugend kirre zu machen. Die evangelische Kirche ist gegen dieses Auftreten völlig machtlos, ist doch der Staat nicht einmal bereit, die Geistlichen bei der Einführung in ihr Amt gegen die Gewaltthätigkeiten zu schützen, mit denen eine von den griechischen geistlichen Beamten aufgestachelte Minderheit im Landvolke die lutherischen Pastoren bedroht. Es wird eine Anarchie von den Männern, die in der obersten geistlichen Behörde des Reiches sitzen, großgezogen, die sich einst an den Gewalthabern selbst rächen wird. Es ist übrigens, wie die „Voss. Ztg.", der wir die Ausführungen entnehmen, mit Recht bemerkt, eine Thatsache, die nicht ohne einen pikanten Beigeschmack ist, daß die russische „Petersb. Ztg." (Petersb. Wjedomosti), die der vertraute Freund Kaiser Nikolaus' II. Fürst Uch- tomski leitet, der schwer gekränkten evangelischen Kirche ihre Spalten öffnet.
Mairs und Provinzielles.
Bad-Nauheim, 13, Juli. Gestern abend wurden auf dem hiesigen Bahnhof zwei Hochstaplerinnen verhaftet, die im Begriff waren, abzureisen. Die Schwindlerinnen haben in verschiedenen hiesigen Gasthöfen Betrügereien verübt. — Heute vormittag gegen 11 Uhr ertönte plötzlich Feuerlärm. Es brannte der Dachstuhl des Wohnhauses des Flaschenbierhändlers Brand an der Frankfurterstraße.
L. Friedberg, 15. Juli. Vom 3. bis 8. ds. Mts. sand an der Großh. Obstbau- und Landw. Winterschule dahier ein Uebungskurs in Fütterungslehre, Düngerlehre, Bekämpfung der Pflanzenkrankheiten, Obstbaumtaxation und landw. Buchführung statt, also den Fächern, die heute ein Landwirt, will er rationell wirtschaften, beherrschen muß. Einsender, als Teilnehmer an diesem Kurs, möchte es nicht versäumen, seinen Berufsgenossen den Besuch eines solchen Kurses aufs angelegentlichste zu empfehlen; denn obwohl wir die landw. Schule s. Z. durchgemacht haben, haben wir wieder so viel Anregung mit nach Hause genommen, daß wir noch mehr wie vorher dazu entschlossen sind, nach den gegebenen Hinweisen zu wirtschaften. Wir verstehen gar nicht, wie ein Landwirt ohne diesen Rückhalt der wissenschaftlichen Errungenschaften erfolgreich arbeiten kann. Jedenfalls kann man es mit tieferem Verständnis und regem Interesse nur bann thun, wenn man sich in die wissenschaftliche Auffassung hinein gearbeitet hat. — Den Herren aber, die so opferwillig und bereitwillig uns ihre Zeit gewidmet haben, aufrichtigen Dank.
P C. Groß Umstadt, 15. Juli. Der von Herrn Schützen- meister Horn hier auf dem Schützenfest in Gießen erschossene 1. Preis, eine prachtvolle, vielbewunderte Jardiniere, Ehrenpreis der Stadt Gießen, wird auf der hiesigen Pr ovinzial- Gewerbeausstellung auf vielfach geäußerten Wunsch den Besuchern zur Besichtigung bargeboten werben. Die
Ausstellung, welche am 30. Juli feierlich eröffnet wirb unb bis zum 17. September dauert, verspricht einen vollen Erfolg, sowohl was die Reichhaltigkeit (280 Meldungen), als auch was den Wert der Ausstellungsgegenstände betrifft. Aus allen Zweigen des Handwerks werden sehr gute, zum großen Teil künstlerisch hervorragende Leistungen zu bewundern sein. Von einzelnen Ausstellern errichtete Betriebe, Elfenbeinschnitzerei, Weberei, Häfnerei, Schuhmacherei mit deutschen und amerikanischen Maschinen, werden das Gesamtbild beleben. Es steht bestimmt zu erwarten, daß die Ausstellung weit über die Grenzen der Provinz Starkenburg hinaus lebhaftes Interesse erwecken wird.
§§ Auerbach (Hessen), 15. Juli. In diesem Sommer sind es 50 Jahre, seit Josef Viktor v. Scheffel sechs Wochen im „Gasthaus zur Krone" in Auerbach zubrachte. Die aus etwa 80 Personen bestehende „badische Kolonie" — u. a. Häusser, Gervinus, Jolly — wohnten daselbst während der Stürme der badischen Revolution. Oesters wurden gemeinsame Spaziergänge und Ausflüge unternommen, zu denen die herrlichen Punkte der wald^ und burgenreichen Umgebung Auerbachs — schon dem Studenten Scheffel vertraute Bekannte — einluden. Scheffel erfreute die Gesellschaft auch durch die Mitteilung neuer, in Auerbach gedichteter Lieder. — Zur bleibenden Erinnerung an diese Zeit wird am Sonntag, dem 23 Juli, Nachmittags 2 Uhr, an der „Krone" eine Gedenktafel enthüllt und dann am „Scheffelplatz" die eigentliche Festrede von Herrn Hauptmann a. D. Zernin aus Darmstadt gehalten werden. Im Walde an den „Neun Aussichten" ist noch eine Nachfeier beabsichtigt. Alle Vereine Auerbachs haben ihre Mitwirkung zugesagt, und werden auch von auswärts nicht wenige Scheffelfreunde sich einfinden.
Vermischtes.
Düsseldorf, 12. Juli. Die Industrie- und Gewerbe- Ausstellung Düsseldorf 1902 hat einen Jdeen-Wettbe- toerb ausgeschrieben und unter den eingelaufenen Arbeiten den ersten Preis dem Architekten Herrn Georg Thielen- Hamburg zuerkannt, dessen Entwurf die schönste Verteilung der Einzelbauten in dem Ausstellungsgelände enthält und ungemein großartige Wasserkünste und ähnliche landschaftlich- anziehende Szenerien vorsieht. Durch eine Anzahl Bauten für die Ausstellungen in Hamburg 1889 und 1897, Lübeck 1895, Kiel 1896 und endlich die im Bau begriffene Halle für die deutsche Schiffahrts-Ausstellung auf der Pariser Weltausstellung hat Thielen seine Befähigung bewiesen. Er wurde beauftragt, seinen Entwurf unter Berücksichtigung der bei Erlaß des Preisausschreibens noch nicht genau bestimmbaren Eisenbahn-Anschlüsse, der projektierten Rundbahn, der großen Pavillon-Bauten, insbesondere auch der Wünsche der Jury und ihres Mitgliedes Herrn P. Wallot zu bearbeiten; den definitiven Entscheid wird alsdann Die Baukommission der Ausstellung treffen. Die Vorarbeiten für die Ausstellung sind im allgemeinen so weit gediehen, daß man hofft, im nächsten Frühjahr mit Errichtung der Hauptgebäude beginnen zu können. Die Zahl der provisorischen Anmeldungen ist schon so beträchtlich, daß der verfügbare Raum nahezu in Anspruch genommen wird; zur Erweiterung der großen Maschinenhalle mußte ein Stück Gelände aus Privatbesitz gemietet werden. Das Ausstellungs-Komitee erwägt deshalb, einen Teil der Restaurants 2C. auf das linke Rheinufer zu verlegen und eine Dampferverbindung ins Leben zu rufen.
* Von den Bayreuther Festspielen. Aus Bayreuth wird dem „Wiener Extrablatt" geschrieben: Die Vorbereitungen zu den Festspielen haben nunmehr ihren Höhepunkt erreicht, und in den nächsten Tagen schon beginnen die Generalproben, zu denen sämtliche Mitwirkende, die Sänger, Orchestermitglieder und Dirigenten eingetroffen sind. Aus dem einen Fenster vernimmt man das „Hojvtvhv" der Brünhilde, biegt man um die Ecke, so tönen Einem die
Weherufe des Amfortas entgegen, nebenan bemüht sich David mit der Aufzählung Der Meisterweisen, während auf der anderen Seite Beckmesser sein Ständchen übt. Auf der Bühne finden blos Dekorations-, Maschinen- und Szenen- proben statt. Siegfried Wagner sitzt am Klavier, während seine Mutter, unterstützt von dem Münchener Oberregisseur Fuchs, sich abmüht, aus den Konzertsängem Sistermans und Dr. Kraus, welche noch nie eine Bühne betreten haben, fertige Schauspieler zu machen. Sistermans singt den Gurnemanz („Parsifal") und den Veit Pogner („Die Meistersinger"), während Dr. Kraus den Hagen darstellen wird. Die Orchesterproben, deren Schauplatz die „große Restauration" ist, kommandiert Hans Richter. Den Clou der Festspiele werden diesmal zweifellos die „Meistersinger" bilden, die von Grund auf neu studiert werden. Zu den mitwirkenden Sängern ist Emil Gerhäuser (Karlsruhe) getreten, welcher mit Schmedes in der Rolle des Parsifal abwechseln soll. Die Festspiele beginnen am 22. d. M. mit dem „Nibelungen"-Cyklus, hierauf folgen die „Meister- finger", dann „Parsifal". Interessant ist, daß Herr Richter infolge des Rücktrittes Mottls in diesem Jahre zum ersten Male den „Parsifal" dirigieren wird.
Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Getraute.
Mirkusgemeinde.
«Den 8. Mai. Karl Wilhelm Schwan, Kaufmann zu Gießen, und Anna Katharine Kreiling, Tochter detz Lokomotivführers Konrad Kreiling zu Gießen.
LukaSgemetnde.
Den 8. Juli. August Hermann Friedrich Guntrum, Etfrn- dreher zu Gießen, und Katharine Horn, Tochler des Ackermanns Ludwig Horn II. zu Burkhardsfelden
JodanneSgemetnde.
Den 8. Juli. Heinrich Velten, Lohgerber zu Gießen, und Katharine Bartel, Tochter des verstorbenen Schuhmachers Georg Martin Bartel zu Butzbach.
Den 9. Juli. Otto Hermann August Wilhelm Gunther, Kaufmann zu Stralsund, und Anna Marte Katharine Elise Häuser, Tochter des Buchbindermetsters Johannes Häuser zu Gießen.
Getaufte.
Matthüusgemeinde.
Den 9. Juli. Dem Packmetster Heinrich Engelbach eine Tochter, Anna Katharine, geboren den 21. Juni.
Denselben. Dem Bauunternehmer August Scheppelmann eine Tochter, Auguste Else, geboren den 11. Mai.
MarkuSgemetnbe.
Den 9. Juli. Dem Briefträger Karl Wilhelm eine Tochter, Karoline, geboren den 24. Mai.
Johonnesgemeinde
Den 9. Juli. Dem Buchbinder Heinrich Sann ein Sohn, Heinrich Ernst, geboren den 18. Juni.
Milttärgemeinde.
Den 9. Juli. Dem Sergeant Georg Karl Haupt eine Tochter, Hedwig Marie Margarethe, geboren den 3. Juni.
Beerdigte.
JohanneSgemeinde.
Den 8. Juli. Easadethe Berck, geb. Appel, Witwe deS Pfarrers Johannes Berck, 53 Jahre alt, starb den 6. Juli.
Den 11. Juli. Katharine Henß, geb. Ranft, Ehefrau des städtischen Arbeiters Christoph Henß, 40 Jahre alt, starb den 10. Juli.
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