Nr. 192 Drittes Blatt. Donnerstag den 17. August
1S99
Gießener A nzeiger
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Vermischtes
Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter sind die Kerntruppen der Sozialdemokratie; als solche haben sie sich noch auf dem letzten Gewerkschaftskongreß vorgestellt, der Anfang Mai in Frankfurt a. M. stattfand, und von dem Vorsitzenden des Kongresses mit dem deutlichen Hinweis geschlossen wurde: „die deutschen Gewerkschaften sind unpolitisch, aber ihre Mitglieder sind fast ausnahmlos Sozialdemokraten; die Gewerkschaften wissen, daß die Not der Arbeiterklasse nicht eher aufhören wird, als bis die gegenwärtige Produktionsweise durch eine genossenschaftliche ersetzt wird." Der Kampf der Gewerkschaften bewegt sich nur auf wirtschaftlichem Gebiet. Ihre Waffe ist die Agitation von Arbeiter zu Arbeiter, in der Werkstatt, von Familie zu Familie ; sie sind die Vollstrecker des Koalitionszwanges, der Terrorisierung der Mitarbeiter, die sie damit legitimieren, daß dieser Zwang im Interesse der Gesamtheit notwendig und dadurch auch in allen seinen Gestalten sittlich gerechtfertigt sei, eine Moral, deren Aushängeschild die allmonatlich von dem sozialdemokratischen Parteivorstand veröffentlichte „Märtyrertafel" ist.
Lerbandsorgan; das bedeutet eine Jahressteuer von mehr ls 90 Mk; wohl gemerkt zu „normalen Zeiten". Man
* Als Warnung vor der französischen Fremdenlegion mag eine Zuschrift dienen, die die „Konst. Ztg." aus Genf von einem Leser erhält, der seinerzeit dort beim Infanterie- Regiment Nr. 114 gedient hat: „Dieser Tage saß ich am Biertisch in meinem Restaurant mit einigen deutschen Studenten aus dem Reich. Zwei Soldaten in französischer Uniform gingen am offnen Fenster vorbei; sie sprachen zu meinem Erstaunen deutsch. Mittags kamen die zwei Soldaten in Begleitung einiger Herren in mein Geschäft. Bald vernahm man, daß die zwei deutsch sprechenden Soldaten Rheinbayern sind, die sich der Fremdenlegion schriftlich für fünf Jahre verbürgten. Der eine erzählte: „Voriges Jahr war ich in Tonking. Mein Offizier war ein Grieche, bei dem ich Diener war. Als wir vernahmen, daß Deutschland Kiautschou besetzt hatte, kam mir immer wieder der Gedanke, die roten Hosen los zu werden, und die Strafe, die mich erwartete, im Vaterland zu tragen. So machte ich einen Fluchtversuch. Er gelang nicht. Zur Strafe wurde ich an einen Palmenpfahl gebunden, die rechte
stelle sich nun vor, ein Bruchteil davon sollte für öffentliche Zwecke von Staat und Gemeinden erhoben werden!
Auf diese Weise ist für Organisationszwecke eine Jahreseinnahme von 5.5 Mill. Mark im Jahre 1898 eingekommen, aus Arbeitergroschen. Ausgegeben worden sind 4,28 Mill. Mk. Davon kommen allein eine halbe Mill. Mk. auf die Verbandsorgane; für Agitation 136000 Mk., für Streikunterstützungen 1073290, Gehälter 140423, Verwaltungskosten 165 926 Mk. Sonstige Ausgaben figurieren mit 107 759 Mk. Etwas über 1 Mill. Mk. wurde für Reise-, Arbeitslosen-, Kranken- und Jnvalidenunterstützung, für Rechtsschutz und „Gemaßregelte" ungefähr je 40000 Mk. verwandt. Das sind Summen, die die bürgerlichen Parteien nicht ohne Beschämung empfinden lassen sollten, daß Opferwilligkeit herrschen muß, wenn politische Erfolge errungen werden sollen, und wie sehr sich die des Besitzes sich erfreuenden bürgerlichen Schichten bei den sozialdemokratischen Arbeitern unterrichten könnten, was sie zu thun hätten, zumal wenn es sich nicht nur um die Verteidigung ihrer Ideale, sondern auch — ihres Besitzes handelt.
I- Ztg-
In Rücksicht auf die dadurch der übrigen Gesellschaft aufgenötigte Abwehr ist die Entwickelung der Gewerkschaften von mindestens ebenso großem Interesse wie die der gesamten sozialdemokratischen Partei. Genauere Zahlen darüber bringt eine soeben von der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführung veröffentlichte Statistik für das Jahr 1898, die bis in das Jahr 1891 zurückgeht und dadurch ein anschauliches Bild von der Entwickelung der Gewerkschaftsbewegung gibt: Im Jahre 1891 betrug die Mitgliederzahl 287 659, 1898 waren es 511242. Im Jahre 1891 halten die Gewerkschaften noch kein weibliches Mitglied, 1892 gab es deren bereits 4355, im Jahre 1898 mehr als dreimal soviel, nämlich 13481. Im einzelnen werden 57 verschiedene Gewerkschaftsorganisationen für das Jahr 1898 nachgewiesen, die gegen das Jahr 1897 eine Gesamtzunahme von rund 80 000 Mitgliedern, das ist um 20 Prozent, zu verzeichnen haben. Nicht alle Gewerkschaften nahmen freilich zu. In jenem Zuwachs ist die Abnahme von 5350 mit verrechnet; abgenommen hatten die Steinarbeiter um 1500; Litographen und Hafenarbeiter um je 950; Brauer, Glasarbeiter und Seeleute um nahezu 500. Der Zuwachs fällt insbesondere ins Auge bei den Bera-
arbeitet 48 988 (+ 8* *12); Maler 8291 (+ ’1430)- biX/mittet b-n Lesern Ihres geschätzten
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die Tabakarbeiter mit 18613 Mitgliedern. Das sind be- sstnat il J rV nicht..glauben, m einem
achtenswerte Zahlen, unb sie bekunden, mit welcher Energie aL m unI rem I ben S “ '*E und b-guemer, und welchem Erfolge die Gewerkschaftssührung es verstanden . «inu e r... „ .
hat, die Gunst der wirtschaftlichen Konjunkturen und die Qn «MS ^^-Zwe.unddreißlger zur Erinnerung
Z. A 7 . des deutschen Vaterlandes, waren zu dem Ehrentage des
Zur Beschaffung der Mittel ist em regelrechtes Steuer- I Regiments zusammengeströmt. Die Thüringer und Hessen system eingerichtet. Zunächst em Eintrittsgeld, das in der bilden den Kern. Das Regiment selbst hatte eine Anzahl
FtT i cmt' den Brauern, Buchdruckern, Offiziere und Unteroffiziere entsandt, an ihrer Spitze Oberst Gastwirtsgehilfen 1 Mk., Handschuhmachern 1,20 Mk., bei I von Viehbahn und Major Giersberg. Der Herzog von
den Seeleuten 1,50 Mk., bei den Hutmachern bis auf 2,25 Meiningen, der Chef des Regiments, ließ sich durch zwei
hinaufgeht. Die Wochenbeiträge schwanken m der Regel Flügeladjutanten vertreten. Auch ein altes Fräulein, zwischen 20 bis oO Pf., bei den Buchdruckern beträgt der Schwester Oberin Mayer-Levy, die den Krieg als Kranken-
Beitrag pro Woche 1,10 Mk. Dazu kommen dann „Dele- Pflegerin mitgemacht hat, hatte es sich nicht nehmen lassen,
giertensteuern für den Verbandstag; Beiträge für die I an diesem Tage bei ihren „Söhnen" zu sein. Das Denkmal Generalkommission; Extrabeitrage; freiwillige Beiträge; selbst - ein Werk Prof. Eberleins — besteht aus künstlerisch Veremsbeitrage und Abonnementsbeiträge, wofür dann I übereinandergeschichteten Quadern, die von einem Adler mit Reffe- und Arbeitslosenunterstutzungen" nach längerer, teils ausgebreiteten Flügeln gekrönt sind. Auf den einzelnen
‘ QMÄ'iger aRitgltebfc^aft gewährt werden. Felsstücken sind in goldenen Buchstaben die Namen der So hat z. B. em Maurer m seinem ersten Beitragsjahr I Schlachten und Gefechte eingegraben, woran das Regiment unter normalem Verhältnis zu bezahlen : 50 Pfg. Eintritts- 1870/71 beteiligt war. Es ist errichtet auf der Stelle, wo
i maI 20 Pfg- sind 16 Mark. Ein seiner Zeit das Regiment, aus den Höhen herauskommend, Buchdrucker: 1 Mk. Eintrittsgeld; 57 Mark an Jahresbei- durch eine Rechtsschwenkung zum ersten Male den Feind tragen; dazu einen Extrabeitrag von mindestens 2,50 Mk., I zu Gesicht bekam, also gewiffermaßen die Feuertaufe er- fliL dazu 4 Mk. für das | hielt. Die Weihe vollzog ein Feldzugskamerad, Pfarrer
Kettels aus Meeden bei Koburg.
Mteralur, Wissenschaft und Kunst.
Seit dem Erscheinen des zweiten Bandes des Werkes: „Das Neunzehnte Jahrhundert iu Bildnissen", herausgegeben von Karl Merck meist er, Verlag der Photographischen Gesellschaft, Berlin, liegen bereits 3 neue Lieferungen vor, welche dem löblichen Bestreben, die großen Menschen unseres Zeitalters und das Beste ihres Wirkens an unserem geistigen und körperlichen Auge vorüberziehen zu lassen, neues Material und reiche Ausbeute zuführen.
Den neuen Band leitet Peter Cornelius ein, von dem ein interessantes Selbstporträt aus der ersten römischen Zeit und der nach dem Leben gefertigte Stich von Jacoby gegeben sind, begleitet von einem längeren Aussatze von Fritz Knapp, der sich in die GeisteSwelt jener Tage, in den hohen Schwung einer andern Zeit hineinvertieft und uns eine interessante Schilderung seines Lebensganges und seiner mächtigen Kompositionen giebt.
Eine Reihe von Gelehrten-Porträts fällt uns in die Augen, so Macaulay, deffen hundertsten Geburtstag das nächste Jahr feiern wird, nach dem Bilde in der Londoner Porträt-Galerie. Der Einfluß des großen englischen Geschichtsschreibers auf das politische Leben Deutschlands, der ihn fast neben Dahlmann und Gervinus stellt, wird von Ottokar Lorenz, Jena, in einer eingehenden biographischen Charakteristik berührt. Gustav Theodor Fechner, der stille Gelehrte, der in seiner Persönlichkeit den scharfsinnigen Philosophen und Psychologen mit dem humorvollen Erzähler Dr. Mises vereinigt, und Friedrich Albert Lange, der Verfasser der Geschichte des Realismus, sind nach ausgezeichneten Naturaufnahmen gegeben, beide eingehend gewürdigt von Kurd Laffwitz, Gotha.
Der bescheideneren Gelehrten-Erscheinung Friedrich Eduard Benekes (nach einer Lithographie von Uber) wird von Friedrich Jodl. gedacht. Ein schönes Bildnis von Friedrich Theodor Vischer, dem Aesthetiker, dem großen Repetenten deutscher Nation für alles Schöne, Gute, Rechte und Wahre (nach Gottfried Kellers Worten), gemalt von Emilie Weister, folgt; als Biograph zeichnet Hugo Falkenheim, München. Für Jakob Burkhardt, den großen Baseler Kunsthistoriker, tritt H. Trog begeistert ein. (Das Bildnis ist gezeichnet von Hans Lendorff, Basel.)
Ueber Carl Schnaase, den Verfasser der Geschichte der bildenden Künste, schreibt Carl Neumann, Heidelberg, (Bildnis von M. Wiegmann in der National-Galerie.)
Es folgen aus der Welt der medizinischen Wissenschaft: Jos. Skoda, der Pfleger der systematischen Untersuchungsmethode der Kranken," der Auskultation und Perkussion," der wundervolle Kopf Albrecht von Gräfes, des populären Schöpfers und Begründers der neueren Augenheilkunde, gezeichnet von C. Wildt, und der große Pathologe und vielseitige Gelehrte auf dem Felde der Anthropologie wie der übrigen Naturwissenschaften, der als Schriftsteller, Volksredner und Hygieniker gleich hervorragende Rud. Virchow, gemalt von Hans Fechner. Ueber diese drei Männer schreibt Julius Pagel, Berlin.
Kurz erwähnen wir noch ein Porträt Friedrich Fröbels mit biographischer Skizze von Eugen Pappenheim, die Bildnisse der Begründer der Landwirtschaft Thaer und Th ün en und den Sozialpolitiker Louis Blane (nach dem Gemälde von Pierre Dupuis behandelt von Karl Wilke, Leipzig, sowie aus dem Gebiete der Technik Humphrey Davy, Thomas Graham (gemalt von Trautschold), Biographieen von Otto N Witt, S.chönbein, den Erfinder der Schießbaumwolle, Oersted und die Porträts von 3 großen Russen: Puschkin, Dostojewski und Glinka.
Deutsche Baukunst im Mittelalter. Von Prof. Dr. Adelbert Matthaei. Mit zahlreichen Abbildungen. („Aus Natur und Geisteswelt." Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 12 monatliche Bändchen zu je 90 Pf., geschmackvoll gebunden zu je JL 1,15, oder 54 wöchentliche Lieferungen zu je 20 Pf.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig.
Die Baukunst gewinnt in unserer Zeit eine immer größere Bedeutung; neue Aufgaben werden ihr gestellt, das Jntereffe für sie wird wieder ein lebhafteres und mit ihm der Wunsch, ihr mit besserem Verständnis gegenübertreten zu können. Darum ist es zu begrüßen, daß ihr in der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt" das letzterschienene Bändchen gewidmet wird, in welchem den Zielen der Sammlung entsprechend der KielerUniversitätsprofestorMatthaei durch eine Darstellung der Entwickelung der deutschen Baukunst bis zum Ausgang des Mittelalters über ihr Wesen als Kunst aufklärt, zeigt, wie sich im Verlauf der Entwickelung die Raumvorstellung klärt und vertieft, wie das technische Können wächst und di: praktischen Aufgaben sich erweitern, wie in dem behandelten Zeitraum das germanische Volk aus der Erbschaft der Antike, die in der Basilika vorliegt, etwas Neues, die romanische Kunst entwickelt, die in den Kaiserdomen am Rhein ihren Höhepunkt erreicht, wie in den Zeiten der Kreuzzüge neue Anregungen kommen, die zur Goii! führen. Innerhalb jeden Abschnittes werden Wesen und System der Bauweise nach Grundriß, Aufriß, Auhenbau, Formenschatz und Bauverfahren entwickelt, die wichtigsten Vertreter jeder Periode besprochen.
Der Verfaster hat sich mit Erfolg bestrebt, diesen Entwickelungsgang jedermann verständlich zu machen und sich dabei gleich weit entfernt zu halten von weniger verständlicher, allzugroßer wissenschaftlicher Genauigkeit, rote von Oberflächlichkeit. Da das Bändchen auch mit zahlreichen vortrefflichen Illustrationen ausgestattet ist, kann ihm die weiteste Verbreitung, die der billige Preis ja auch ermöglicht, gewünscht werden.
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