Ausgabe 
16.12.1899 Erstes Blatt
 
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«<-. 296 Gi-ftcs Blatt. Samstag dm 16. Drcember»SO«

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bestehen zurzeit:

Neustadt 30, M Mootz.

Seltersweg 59, Rühl Wwe.

Wallthorstraße 45, Kaufmann ß. Aort.

Weserstraße 8 (Ecke Steinstr.), Köchlin Wwe. Ludwigsplatz 4, R- Schlabach Rachfolger. Klinikstraße (Ecke Frankfurtersttaße), Kaufmann Lenhard.

Erke Liebig- und Ebelftraße,

Kaufmann Rfeiffer.

Rodheimerstraße (Krofdorferstraße 2), Wirt ßh. Kaubach.

Amtlicher Keil.

Bekanntmachung.

Vetr.: Landwirtschaftliche Vorträge.

Am Sonntag dem 17. d. Mts., nachmittags

4 Uhr, wird Herr Landwirtschaftslehrer Reichelt aus Alsfeld in Ettingshausen im Rathaussaal einen

Vortrag

über Irüyjayrsöestellung und Saatgut

halten.

Ich lade hierzu jedermann freundlichst ein und ersuche die Herren Bürgermeister von Ettingshausen und der um­liegenden Orte um ortsübliche Bekanntmachung.

Gießen, den 11. Dezember 1899.

Der Direktor des landw. Bezirksvereins.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Nach Beschluß des landwirtschaftlichen Bezirksvereins Gießen soll der Bezug von Thomasphosphatmehl, Super­phosphat und Kainit durch den landwirtschaftlichen Bezirks- Verein, jedoch ohne jegliche Garantieleistung durch den Verein, vermittelt werden. Es wird dies unter dem An­fügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht:

1) daß bei Bestellungen von Mitgliedern des landwirt- schastlichen Bezirksvereins, die den Betrag von 40 Mk. nicht übersteigen, die Kosten des Transports der künst­lichen Dünger per Bahn bis Gießen, Grünberg, Hungen, Lollar, Lang-Göns auf die BezirkSvereinS- kaffe übernommen werden;

2) daß Bestellungen von Landwirten, welche nicht Mit­glieder des landwirtschaftlichen Bezirksvereins sind, ebenfalls ausgeführt werden. Dieselben haben aber, wenn sie nicht vorher noch Mitglieder des landwirt­schaftlichen Bezirksvereins werden und sich zu diesem Behufe bei dem Unterzeichneten anmelden sollten, den vollen Kostenbetrag für Ausführung ihrer Bestellungen zu vergüten;

3) daß zur Ausführung der Bestellungen rc. eine Kom- Mission gebildet werden wird;

4) daß Bestellungen bei dem Unterzeichneten bis längstens 10. Januar 1900 einzu- reichen sind;

5) daß die Zahlung des Düngers bei Empfang der Ware alsbald zu erfolgen hat.

Die Vermittlung wird nur dann anSgefühtt, wenn bis

zum 10. Januar Bestellungen in genügender Zahl ein­gelaufen sind.

Die Herren Bürgermeister werden ergebenst ersucht, vorstehende Bekanntmachung in ihren Gemeinden zu ver­öffentlichen, Anmeldungen entgegenzunehmen und längstens bis zum 10. Januar an den Unterzeichneten einzusenden.

Gießen, den 11. Dezember 1899.

v. Bechtold.

Bekanntmachung,

In Inheiden ist die Maul- und Klauenseuche er­loschen und Aufhebung der Sperrmaßregeln angeordnet worden.

Gießen, den 15. Dezember 1899.

Großh. Kretsamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

In Bettenhausen ist in einem Gehöfte die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Gehöftsperre angeordnet worden.

Gießen, den 15. Dezember 1899.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

In Rödgen ist die Maul-und Klauenseuche erloschen. Aufhebung der Sperrmaßregeln ist angeordnet.

Gießen, den 15. Dezember 1899.

Großh. Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Nach amtlicher Feststellung ist die in zwei Gehöften hiesiger Stadt bestehende Maul- und Klauenseuche am 20. d. Mts. noch nicht abgeheilt. Mit Rücksicht hierauf darf gemäß § 64 der Instruktion des Bundesrats, Be­kanntmachung des Herrn Reichskanzlers vom 27. Juni 1895 der auf den 20. Dezember d. Js. in der Stadt Wetzlar anstehende Biehmarkt nicht stattfinden. Die Abhaltung dieses Marktes wird deshalb hiermit verboten.

Die Herren Gemeindevorsteher des Kreises ersuche ich, die vorstehende Anordnung auf ortsübliche Weise in ihren Gemeinden sofort bekannt machen zu lassen.

Wetzlar, den 11. Dezember 1899.

Der Königliche Landrat.

Eduard v. Hartmann über die Aufgaben Deutschlands im zwanzigsten Jahrhundert.

Aus Berlin wird uns geschrieben:

Ein geistreicher Kopf hat einst den Philosophendas Gehirn" der Welt"-genannt. Dieser Ausspruch ist nicht nur geistreich, sondern auch sehr richtig. Oftmals find die kommenden Ereignisse von den Denkern ihrer Zeit voraus­gesagt worden, nicht etwa weil sie ein besonderespro­phetisches Gemüt" hatten, sondern nur, weil sie eben ver­standen, die Geschichte, diese uralte Lehrmeisterin des Lebens, richtig zu interpretieren. Aber in den seltensten Fällen hat man diesen Voraussetzungen Glauben geschenkt, und wenn die Ereignisse später dem Propheten recht gegeben, dann hatte man diesen längst vergessen.

Ein solcher Prophet darf der einst so vielgenannte Philosoph des Unbewußten", Eduard v. Hartmann, ge­nannt werden. Als echter Denker hat Eduard v. Hartmann den Zusammenhang mit der Außenwelt nie ganz verloren, und einige Mal im Jahre brachteDie Gegenwart" Auf fätze aus der Feder des Gelehrten, in welcher dieser zu den Ereignissen des Tages Stellung nimmt. Die Ereignisse der letzten Jahre, die Entwicklung Deutschlands zu seiner heutigen Weltmachtstellung hat Eduard v. Hartmann in diesen seinen Aufsätzen bereits zu einer Zeit prophezeit, da noch niemand daran dachte.

Da wir augenblicklich vor einer ereignisreichen Zeit stehen, bin ich wieder einmal nach der stillen Villa in Groß - Lichterfelde hinauspilgert, um mit dem Philo- sophen über dieEreigniffe des Tages" zu sprechen. Die Unterhaltung ging bald auf die Verhandlungen im Reichstag über, und ich frug den Philosophen, was er über das Schicksal der Flottenvorlage denke.

Ich glaube, die Sache ist schon heute erledigt," ent­gegnete er,Sie werden in den Kreisen der Intelligenz

wohl überall die gleiche Antwort finden, volle Zustimmung zu der Vergrößerung unserer Flotte, und da schließ ich und endlich in allen derartigen Fragen die Intelligenz der Nation das entscheidende Wort spricht, so glaube ich, daß schon heute die Annahme der Vorlage durch den Reichstag gesichert ist."

Ich machte den Einwurf, daß Deutschlands Hauptstärke doch in seiner Landmacht liege, und der Philosoph, der selbst aktiver Ossizier war, gab dies auch zu.

Aber die Situation," so erklärte er,Hot sich in den letzten Jahren eben vollständig geändert. Der japanisch- chinesische Krieg hat den Schwerpunkt der auswärtigen Politik Rußlands von Europa nach Asien verlegt. Als wir noch in der Gefahr waren, von Frankreich und Rußland gleichzeitig angegriffen zu werden und wenig Aussicht auf eine erfolgreiche Hilfe seitens Oesterreichs und Italiens für uns vorhanden war, da war ich selbst einer der eifrigsten in der Forderung, jeden nur verfügbaren Groschen für die Landarmee zu verwenden, denn das Hemd ist uns näher als der Nock; es war damals wichtiger, erst unsere Existenz zn sichern, als an eine Marine zu denken. Seit dem japani­schen Krieg hat sich die Sache vollständig geändert. Ruß­land hat erkannt, daß es in Asien größere Interessen hat, als in Europa, und auch in Frankreich ist die feindliche Stimmung gegen uns im raschen Schwinden begriffen. Wir sind zudem Frankreich in der Einwohnerzahl über den Kopf gewachsen und dadurch auch mit unserer Armee de« Franzosen numerisch überlegen; durch die Caprivi'sche Heeres- vorlage, welche die zweijährige Dienstzeit eingeführt hat, ist außerdem unsere Armee in einer Berfaffung, daß wir mit Ruhe den Dingen entgegensetzen können."

Wenn wir eine allen anderen überlegene Armee haben, so warf ich ein, wozu brauchen wir noch eine große Flotte? Etwa zum Schutz unseres Handels? Wie kommt es dann, daß wir trotz unserer bisherigen kleinen Flotte doch die zweite Stelle im Welthandel errungen haben? Ist es bei dem heutigen System des freien Handels für alle Nationen denn nicht eigentlich eine Last, Kolonien zu erwerben und eine Kriegsflotte zu bauen?

Solange England der Beherrscher des Welthandels war," entgegnete der Philosoph,so lange konnte es in großmütiger Weise dem Handel der fremden Staaten die offenen Thüren gewähren. Aber aus dem bescheidenen Kou- tinentalstaat Deutschland ist in wenigen Jahrzehnten eine Weltmacht geworden. Die englischen Kaufleute klage« immer mehr, daß die deutschen Waren an vielen Orten den englischen Handel verdrängen. England konnte Deutschland gutwillig dulden, so lange deffen Handelsthätigkeit sich in bescheidenen Grenzen bewegte. Heute ist Deutschland ein ebenbürtiger Konkurrent Englands auf dem Weltmarkt ge­worden, der England immer unangenehmer wird und dieses wird nicht Anstand nehmen, in den überseeischen Gebiete», die es durch seine starke Flotte beherrscht, den deutschen Kaufmann au die Wand zu drücken, ebenso wie es wahr­scheinlich mit Vergnügen eine Gelegenheit ergreifen würde, die deutsche Flotte hinwegzusegen, um dadurch den deut­schen Handel zu vernichten, der ihm immer unbequemer wird."

Die Frage des zwanzigsten Jahrhunderts wird die sein, ob es drei oder vier Weltmächte geben wird. Ob neben England, Rußland und Amerika, Deutschland seine Weltmachtstellung erhalten, oder ob es wieder verkümmern wird, wie die skandinavischen Staaten und wie Frankreich, deffen langsamer aber sieter Niedergang im Vergleich zu seinem Nachbar unverkennbar ist."

Die Frage, ob Deutschland seine Weltmachtstellung erhalten wird, hängt von der Frage ab, ob es im stände ist, eine Flotte zu schaffen, um gegebenen Falls seine über­seeischen Interessen mit dieser Flotte verteidigen zu können. Die Weltmachtstellung Deutschlands ist durch seinen über­seeischen Handel bedingt und für diesen überseeischen Handel ist ein Schutz durch eine starke Kriegsflotte unentbehrlich. Der spanisch-amerikanische Krieg, der Samoa-Konfltkt und neuerdings der südafrikanische Stieg, haben Deutschland die Notwendigkeit, seine Kriegsflotte zu vergrößern, so recht ad ocuhis demonstriert und niemals sicherlich ist die Stim­mung in Deutschland für eine Flottenvermehrung günstiger gewesen, als gerade im gegenwärtigen Augenblick. ES spricht für den psychologischen Scharfsinn unseres Kaisers, daß er gerade im gegenwärtigen Augenblick die Initiative zu der Flottenvorlage ergriff, wo das rücksichtslose Vor­gehen Amerikas und Englands auf Samoa den Deutschen noch in frischer Erinnerung ist, und unsere Ohnmacht zur See uns in dem südafrikanischen Kriege eine Neutralität