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16/11/1899 Drittes Blatt
 
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Ur. L70 Drittes Blatt. Donnerstag den 16 November

189«

Gießener Anzeiger

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* Dom Kriegsschauplatz.

II.

Die Parlamentärflagge

ist, so wird von London aus mitgeteilt, nach Be­richten von beiden kriegführenden Seiten bereits wieder­holt von Engländern wie Buren mißachtet worden, wenn alle unparteiischen Zeugen in diesen unseligen Vorgängen nichts als durchaus unbeabsichtigte Mißstände gesehen haben. Wie nahe liegend, erhoben die extremen Organe beider Parteien aber sofort die schwere Anklage der beabsichtigten und planmäßigen Verletzung der Parlamentärflagge und des roteu Kreuzes, und besonders die englische Presse erhob schon seit Wochen großes Geschrei über Vorgänge, die damals noch nicht einmal in irgendwie glaubhafter Weise festgestellt waren. Die Anschuldigungen erwiesen sich, sowie GleScoe- Dundee und Elendslaagte in Frage kamen, bald als gerade so erfunden, wie die vorher ergangenen Meldungen, nach denen die Buren einen Bahnzug mit flüchtenden Frauen und Kindern beschoflen und bei der Einnahme von Dundee wehr­lose Bürger niedergemacht hätten. Dagegen stellte sich heraus, daß mindestens in einem, wahrscheinlich in drei Fällen, ein unseliges Verhängnis es gewollt, daß englische Artilleristen einmal auf einen Burenparlamentär und in den übrigen beiden Fällen (von denen indes nur einer, wie gesagt, offiziell festgestellt ist) auf Buren- ambulanzen gefeuert. Das war offenbar auch der eigentliche Grund, weshalb die englische Presse in so leiden­schaftlicher Form die Buren, nicht etwa desselben unseligen Mißverständnisses, sondern des absichtlichen Treubruchs und der Mißachtung des roten Kreuzes beschuldigte.

Heute hüllt sich diese Anklage in ein scheinbar offi­zielles Gewand, allerdings auch nur, Dank der Rabulistik einer erregteu Polemik. Sie stützt sich diesmal auf den offiziellen Bericht General Bullers, nach welchem ein Burengeschütz auf eine Patrouille gefeuert, welche unter der Parlamentärflagge zum Austausch Ver­wundeter entsandt und zwar ehe diese in die englischen

Stellungen zurückgekehrt. Offenbar ist das nicht absichtlich geschehen, denn die ganze Haltung General Jouberts wie dessen Charakter und der aller übrigen Burenführer, sprechen dagegen. Selbst die willkürliche Annahme englischer Blätter, die Buren hätten sich dafür rächen wollen, daß bei einer früheren Gelegenheit unter fast gleichen Verhältnissen auf sie geschossen worden (es handelt sich um einen Waffenstill­standsbruch englischerseits, welcher damit begründet wurde, die in dem Fesselballon befindlichen englischen Offiziere hätten während der Waffenruhe die Buren strategische Be­wegungen vornehmen sehen) erscheint hinfällig, denn dazu hätten sie schon weit früher Gelegenheit gehabt, und zwar als in einem der ersten Gefechte eine englische Bombe mitten durch eine Burenambulanze fuhr. In diesem Falle hatten die offiziellen Organe der Burenrepubliken aus­drücklich ihrer Ueberzeugung Ausdruck verliehen, daß dem nicht ein absichtlicher Treubruch englicherseits zu Grunde läge.

Umso bedauerlicher erscheint die Leidenschaftlichkeit der englischen Presse heute, wo sie sich auf das Zeugnis General Bullers berufen kann. Nicht wie ein Schrei der Entrüstung, sondern wie ein wilder Ruf nach Rache geht es durch manche dieser Blätter und selbst die maßvollsten rufen pathetisch die gesamte civilisierte Welt zum Zeugen auf gegen die Burenbarbaren. DerDaily Telegraph" fordert ein sofortiges Abkommen über die Strafen, welche für diese Barbareien zu fordern seien. Er nennt die Buren elende und verräterische Feiglinge und droht mit Vergeltung. DieTimes" sind vorsichtiger, aber ihrer Art gemäß wäscht sie sich bereits die Hände, da es nunschwierig sein wird, angesichts solcher Thatsachen, die Achtung unserer Soldaten für die Gesetze der modernen Civilisation zu sichern". Der Globe" schreibt wörtlich:Wenn der Krieg von einem Kämpfenden in böswilligen Mord verwandelt wird, so ist die Vergeltung nur allzu sicher und wird nicht zu streng getadelt werden. Wir müssen uns außerdem erinnern, daß Verrat nicht ein Laster ist, welches unter den holländischen Afrikandern sich erst in letzter Zeit entwickelte. Wir sind

im Kampf, wie bei den Unterhandlungen daran gewöhnt. DieSun", um ein extremeres Beispiel anzuführen, erklärt bereits:Es ist nicht zu bezweifeln, daß unsere Leute furcht­bare Vergeltung verüben werden, falls sich diese Nieder­trächtigkeiten wiederholen und ein furchtbares Element der Rache dürfte so in den Krieg eingeführt werden. Krügers Phrase voneinem Preise, welcher die Menschheit erblassen machen wird", ist noch nicht vergessen".

Ueber die bisherigen Operationen der Buren spricht sich dasBerliner Militär-Wochenblatt" wie folgt aus: Wenn man die Operationen der Buren und ihre taktischen Leistungen während der Anfangsperiode des süd­afrikanischen Krieges und hauptsächlich bei der Unternehmung gegen Natal betrachtet, so kann man weder ihrer Führung noch der Gesamtheit ihrer kriegerischen Scharen die be­rechtigte Bewunderung und das Zeugnis eines selten hohen Grades von Disziplin, vollen Verständnisses für die Ab­sichten der räumlich getrennten höheren Führung, zielbe* wußter, nur auf Begeisterung, Ausdauer und williger Er­tragung großer Strapazen sich aufbauender Verfolgung ihrer Ziele und der Bewährung hoher militärischer Tugenden bei der Kraftbemessung mit dem Feinde versagen. Die Aufgabe, welche sich General Joubert gestellt hatte, ein­heitlich und gleichzeitig mit allen verfügbaren Kräften vor den englischen Stellungen anzukommen und nahe vor der Front der Engländer die Vereinigung der bisher auf weiten Räumen getrennt stehenden Heeresteile des Oranje- und Transvaal-Staates zu bewerk­stelligen, stellt an die Führung und die Truppe so hohe Anforderungen, daß die neuere Kriegsgeschichte den Beleg hierfür nicht versagt, wenn sie Beispiele des teilweisen oder gänzlichen Mißlingens dieser Operation selbst bei fest« gegliederten und organisierten Heerkörpern europäischer Armeen zeigt, welche wenigstens was das Gelände be­trifft nicht mit gleichen Schwierigkeiten zu rechnen hatten, wie der Vormarsch der Buren. Daß die Schwierigkeiten dieser Operationen in einzelnen vorübergehenden oder stellen-

Feuilleton.

. * Der Buren Gottesglaube. Wie tapfer sich die Buren mit ihrem mächtigen Gegner schlagen, erzählen täglich die Depeschen vom südafrikanischen Kriegsschauplatz. Von der merkwürdigen, gehobenen Stimmung, die unter ihnen un­mittelbar vor Ausbruch des Krieges herrschte, und die ihren frommen Sinn zum Ausdruck brachte, von dem ungebeugten, trotzigen Mut, der unter ihnen alt und jung erfüllt, erfährt man jetzt aus Briefen, die die Post aus jenen fernen Ge­bieten brachte. Schade, daß nicht ein großer Maler der denkwürdigen Sitzung des Volksraad beiwohnte, die dem Kriege unmittelbar voranging; die Zahl berühmter Historien­bilder wäre gewiß um ein bedeutendes Gemälde bereichert worden. Schon der trockene stenographische Sitzungsbericht liest sich ergreifend:Beide Häuser des Volksraad waren einberufen, doch nur vierzehn Mitglieder waren zur Sitzung erschienen, die übrigen waren an die Grenzen unter die Waffen geeilt. Präsident Krüger erhebt sich, heißt es in dem Berichte, und mit ihm die ganze Versammlung. Toten­stille herrscht im Saale, und Krüger beginnt mit vor Rührung zitternder Stimme, der aber seine große, starke Ueberzeugung Kraft verleiht, zu sprechen.Die beiden Häuser," sagte er,sind nie unter so außergewöhnlichen Umständen versammelt gewesen, wie heute. Krieg droht uns, und weshalb? Weil der Geist der Lüge die Ueber- hand gewonnen hat. Wir müssen es dankbar anerkennen, daß Gott unser Volk in dieses Land gepflanzt und ge­führt hat. Wenn auch Tausende über uns kommen, ohne Gottes Willen brauchen wir nichts von dem abzugeben, was der Herr uns gegeben hat, und was wir ihm allein verdanken. Erheben wir unsere Gebete zu ihm, er wird entscheiden, und seine Entscheidung wird nicht auf Lüge gegründet sein, sondern auf Wahrheit und Recht. Lasset uns beten, fortwährend beten, damit Gott uns führe; er wird für Recht und Gerechtigkeit ein­treten, bis wir ganz von den Briten erlöst sind." Krüger forderte dann die Anwesenden auf, den Psalmvers aufzu­sagen :Der Herr wird mit uns streiten, und wenn er mit uns ist, wer wird dann gegen uns sein?" worauf er fort­fuhr:Beim Einfalle Jamesvns waren Tausende von Kugeln gegen uns gerichtet, nur drei von unseren Leuten sind gefallen, aber mehr als 100 auf der anderen Seite.

Das ist ein Beweis, daß nur Gott die Kugeln lenkt. Auch damals hat er uns gerettet, um zu zeigen, daß er der Lenker der Welt ist, und sonst niemand." Kein Applaus erscholl nach dieser Rede, kein Ruf wurde gehört, schweigend standen, die Mitglieder des Volksraad da, alle von der Wahrheit der Worte Krügers durchdrungen." So weit der Bericht. Daß auch die jungen Leute in Transvaal nicht anders denken und fühlen als ihr alter Präsident, zeigt ein Brief, den ein junger Bure an seine Mutter schrieb:Wir sind alle unter die Waffen geeilt", heißt es in diesem Schreiben,und bereit, für unser teures Vaterland zu streiten. Wir wissen, wir kämpfen für eine gerechte, ehrliche Sache. Es ist wahr, England ist mächtig, aber nicht allmächtig. Gott allein ist allmächtig, und er wird dafür sorgen, daß Macht nicht Recht wird. Wir legen unsere Sacke in seine Hand und werden ihn bitten, daß er unser General sei. H^r ist kein Haus, in dem nicht geweint und geklagt wird. Die schmerzlichsten Szenen erlebt man auf dem Bahnhofe, dort wird Abschied genommen von den Lieben, von Eltern und Geschwistern. Es ist rührend. Als gestern ein Zug mit dreihundert Mann abreiste, da sang alles auf dem Bahnhofe:Der Herr wird sich erheben zum Streite, er wird seine Hasser ver­jagen und zerstreuen." Der in Bloemfontain erscheinende Expreß" berichtet vom 10. Oktober:Der Geist, der sich des Volkes bemächtigt hat, ist erstaunlich. Alles will in den Krieg ziehen, man wird befehlen müssen, um Leute zu Hause zu halten, sonst wird die Stadt leer. Allgemein ist der Glaube, daß Gott uns retten wird."

* Ueber die zunehmende Ueppigkeit der Diners in Be­amten» und Offiziersfamilien führt das BerlinerMilitär­wochenblatt" Klage:Die Tafel, seufzend unter Silber und kostbarem Porzellan, ist mit einer Fülle seltener Blumen geschmückt, womöglich auch das Speisezimmer entsprechend dekoriert. Eine Schar von Lohndienern serviert und schenkt die Weine ein, zu jedem Gericht eine besondere Sorte. Die Gerichte nicht der Saison entsprechend, sondern Frühlings­delikatessen im Winter und von weither verschriebene Leckereien zu allen Jahreszeiten. Der Wirt muß ein großes Porte­monnaie und der Gast einen sehr widerstandsfähigen Magen besitzen, um solchen Anforderungen zu entsprechen. Auch die heutigen Bälle im Offizierskorps ersticken unter der Pracht der Ausstattung und Bewirtung." Der Artikel fordert eine

Reform des geselligen Verkehrs innerhalb des Regiments. Dort seileicht und ohne Schwierigkeit Wandel zu schaffen, wenn der Kommandeur mit gutem Beispiele voran gehe und in angemessener Weise die Parole ausgebe: Keine Diners, sondern einfache kameradschaftliche Geselligkeit".Wenn er und andere Familien es dann verstehen, dem freundschaft­lichen Beisammensein auch einen geistigen uud gemütlichen Inhalt zu geben, dann braucht man nicht zu dem öden Kommiß-Pekko früherer Zeiten zurück zu kehren, sondern man kann Anregung und Erheiterung suchen und finden, welche Form auch die Zusammenkünfte haben mögen. Der Kommandeur kann z. B. einen regelmäßig wiederkehrenden EmpfangS- abend (jour fixe) bei sich ansetzen, wo jedermann willkommen ist, wo allerlei anmutende Zerstreuung und ein einfaches Abendbrot geboten wird. Den Familien sei der jetzt viel­fach in Aufnahme gekommene 5 Uhr-Thee empfehlen. Hier bieten und Frankreich und England zwei wirklich nach­ahmenswerte Beispiele". Schwieriger gestalte sich die Reform des Verkehrs mit anderen Kreisen. Aber wo man den Offizieren geflissentlich durch lukullische Gastmähler imponieren wolle, da bleibe nichts übrig, als den Verkehr abzubrechen.. Der Artikel mahnt das Offizierkorps dringend zur Einkehr mit Rücksicht auf die Ausdehnung der Sozialdemokratie. Der biedere Offiziersbursche, der ehedem zu seinem Leutnant wie zu einem höheren Wesen aufsah, er wird jetzt sehr be­denkliche Betrachtungen anstellen, wenn er Zeuge des im geselligen Verkehr getriebenen Luxus wird. Wir selbst sammeln Brennstoff zu dem Scheiterhaufen, den die Sozial­demokratie für uns aufschichtet, wenn wir uns vom Protzen- tum imponieren lassen und es den Reichsten gleichzuthun suchen".

* Neues von Serenissimus. DieFrkf. Ztg." schreibt: Ein hoher Herr hat kürzlich irgendwo in Deutschland einen denkwürdigen Ausspruch gethan, welcher verdient, der All­gemeinheit bekannt gegeben zu werden. Das Ganze klingt wie eine Geschichte von Serenissimus, und soll auch, der Diskretion halber, als solche erzählt werden. Also: Sere­nissimus besucht eine seiner Residenz benachbarte aufblühende Stadt. Er fährt mit dem Bürgermeister durch eine Straße von schönen neuen Häusern. Gedankenvoll betrachtet er die Herrlichkeit eine Weile und wendet sich dann an den Stadtgewaltigen:Aeh, äh schöne Straße! Häuser alle hier gebaut"?