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15.4.1899 Zweites Blatt
 
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Samstag den 15 April

1S99

Zweites Blatt

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erwünschter Uebergang zu einem dauernden Handelsvertrag angesehen wird. Für uns entsteht die Frage, wie lange ein solches Provisorium noch wünschenswert sein kann. Im Juni 1898 ist durch Beschluß des Bundesrates verfügt worden, daß nach Ablauf des englischen Handelsvertrages am 31. Juli 1898 den Erzeugnissen des Vereinigten König­reiches und seiner Kolonien, mit Ausschluß Canadas, bis auf weiteres die Meistbegünstigung zuzugestehen sei. Dieses Verhältnis der Meistbegünstigung würde mit dem 31. Juli 1899 aufhören. Da es nun selbstredend als ganz ausgeschlossen gilt, daß innerhalb der nächsten drei Monate ein Handelsvertrag zum Abschluß kommen kann, so steht zu erwarten, daß in kürzester Zeit dem Reichstag eine neue Vorlage, betreffend die Verlängerung des Meistbe­günstigungsverhältnisses auf ein weiteres Jahr, zugehen wird. Die Genehmigung dieser Vorlage muß als außer Frage stehend, angesehen werden. Denn wenn auch nach den Erklärungen der Regierung bereits im vorigen Jahre von England ein Entwurf zu einem neuen Vertrage vor- gelegt worden ist, so bestehen doch zurzeit keinerlei Anhalts­punkte, nach denen man den Inhalt dieses Entwurfs und den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen mit einiger Sicherheit beurteilen könnte. Es wird daher auf unserer Seite als eine nicht unnatürliche Lösung angesehen werden müssen, wenn wir uns mit einem von Jahr zu Jahr ver­längerten Provisorium so lange begnügen, bis auch unsere Handelsbeziehungen zu anderen Mächten auf einen neuen Boden gestellt werden, d. h. bis zum Jahre 1904. Wir wissen, mit welcher Sorgfalt die produktionsstatistischen Er­hebungen angestellt werden. Sie sollen das Fundament für die neuen Verträge liefern; ihre Beendigung aber steht noch in weitem Felde und es ist nur eine logische Konsequenz, wenn wir für einen Handelsvertrag mit England die gleiche Vorbereitung auf statistischer Grundlage verlangen, wie bei den demnächst abzuschließenden Verträgen mit Rußland, Oesterreich, Italien u. s. w. Man wird deshalb vom Stand­punkt unserer deutschen Interessen keinen erheblichen Ein­wand gegen den Abschluß des definitiven englischen Handels­vertrages im Jahre 1904 erheben können, um so weniger, als der gegenwärtige Zustand keinen Anlaß zu Klagen bietet und außerdem im Laufe der nächsten Zeit gewisse Wand­lungen in Aussicht stehen, die unsere Stellung, wenn auch nicht zu England selbst, so doch zu einigen seiner wichtigsten Kolonien beeinflussen könnten.

In Kanada hat man von dem Versuch, die wirtschaft­liche Stellung zum Mutterlande ebenso unabhängig zu ge­stalten wie die politische, zunächst noch keine goldenen Früchte

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12.

den Renaissancestil pflegende Periode weist Namen wie Gottfried Semper (18031879), Heinrich v. Ferstel, Leins, Naschdorf, Zitek usw. auf. Von Semper stammen unter anderem das 1869 abgebrannte Hoftheater und Museum in Dresden, besonders durch den Bau des ersteren wirkte er bahnbrechend für den modernen Theaterbau, während er in seinem epochemachenden Werke über den Stil (1863) eine ganz neue Epoche für die archäologisch-ästhetische Forschung und für das Kunstgewerbe ins Leben rief. Auch in den letzten 20 Jahren entwickelte die Baukunst eine außerordentlich mannigfache Thätigkeit, die öffentlichen Bauten und Privathäuser erfuhren eine immer künstlerische Ausführung, ältere Kunstwerke wurden wieder hergestellt. Künstler wie Wallot, Ludwig Hoffmann. Hugo Licht, Roßbach beteiligten sich an der Lösung dieser Aufgaben.

Die Bildhauerkunst erfuhr im 19. Jahrhundert einen großartigen Aufschwung. Bahnbrechend wirkte vor allem der Italiener A. Canova (17571822, deffen Werke, wie Theseus und Minotaurus, Amor und Psyche, Hebe, Statue Napoleons, sich durch große Formenschönheit aus­zeichnen. Ferner Joh. Hch. Dannecker in Stuttgart (geft. 1841), der Schöpfer der Kolossalbüste Schillers m Stuttgart und der Ariadne in Frankfurt a. M., der Däne B. Thorwaldsen (gest. 1844), der, wie Kugler treffend ausführt,den Adel und die Keuschheit der griechische« Meisterwerke in sich aufzunehmen und mit ebenso reichem Geiste, wie mit tiefem innigem Gefühle zu durchaus neue« und eigentümlichen Schöpfungen zu beleben vermochte". Gottfried Schadow aus Berlin (gest. 1850), ein vorzüglicher Charakteristiker, der Bildner des Wittenberger Luthers, des Deffauer in Berlin und des Blücher in Rostock. Schadow ist wesentlich der Vorarbeiter des Realismus in der Kunst. In München zeichnete sich Ludwig Schwanthaler, der Schöpfer der Bavaria, ein mit unerschöpflicher Phantasie

Utng 1898/Ü 1899/1900

Der Bori

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geerntet. Nach Ablauf des englisch deutschen Handelsvertrage­hat der Bundesrat Kanada von den den MeistbegünstigungS- ändern zuteil werdenden Zollermäßigungen ausgeschloffen. Von der kanadischen Einfuhr nach Deutschland werden da­durch Getreide, Hülsenfrüchte und Holz empfindlich getroffen, während andrerseits unser Rohzuckerexport nach Kanada durch die britisch-westindischen Kolonien konkurrenziert wird. Gleichzeitig hat Kanada der Einfuhr aus England einen Zollnachlaß von 25 Prozent gewährt. Es hoffte, damit den Anstoß zu einer ähnlichen Vorzugsbehandlung Englands seitens der übrigen Kolonien zu geben, ist jedoch mit dieser Maßregel vereinsamt geblieben trotz der zeitweilig erklingen­den Lobgesänge auf denGroßbritannischen Zollverein". Keine der anderen Kolonien hat sein Beispiel nachgeahmt und keine macht Miene, es zu thun. Andererseits ist auch England nicht geneigt, die von Kanada verlangte Gegen­leistung, die Einführung eines Differenzialzolles auf nicht britische Rohstoffe und Lebensmittel zu bewilligen. Vor allem aber ist Kanada mit seinem autonomen Zolltarif in einen sehr unangenehmen Konflikt mit den Ver­einigten Staaten geraten. Wir haben diese Differenzen mit dem mächtigen Nachbar kürzlich im Handelsteil geschildert und verweisen auf das damals Gesagte. Jeden­falls sind alle diese Erfahrungen, die Kanada bisher mit seiner zollpolitischen Scheidung von England gemacht hat, wohl dazu angethan, die Nachteile dieses Schrittes recht fühlbar zu machen, so daß unter dem Einfluß dieser Er­kenntnis Kanada vielleicht in ein oder zwei Jahren bei einem abzuschließenden Vertrage unseren Exportmtereffen ein größeres Entgegenkommen zeigen wird, als zur Zeit der Kündigung des englisch-deutschen Handelsvertrages.

Nächst Kanada ist es in jüngster Zeit Indien, das mit seiner Zollerhöhung auf Prämienzucker der deutschen Ausfuhr Schwierigkeiten zu machen droht. Der indische Staats­sekretär hat den protektionistischen Charakter dieses Zuschlag­zolles offen eingestanden, wenn er als sein Ziel bezeichnete, zu verhindern, daß eine große einheimische Industrie Indiens, die auf freies Unternehmen und freie Industrie gegründet ist, nicht durch die subsidierten Produkte fremder Länder untergraben wird". Die freihändlerische Presse weist darauf hin, daß dieses Prinzip, wenn es richtig wäre, auch auf Großbritannien angewandt werden müßte, das durch Export­prämien nicht weniger affiziert sei, als Indien. Die Oppo­sition befürchtet, daß hinter der ganzen Sache die Absicht der englischen Negierung steckt, die öffentlichen Meinung auf die Einführung einer ähnlichen Maßregel seitens Groß­britanniens selbst vorzubereiten. Der unionistischeDaily

In der neuesten Zeit hielt auch die allgemeine realistische Richtung ihren Einzug im Reich der bildenden Künste, vor allem gewann die japanische Kunst einen erheblichen Einfluß auf das moderne Schaffen.

Betrachten wir zuerst kurz die Entwickelung der Architektur, so treffen wir Schinkel (17811841) als denjenigen Meister, welcher sich an die Spitze der auf das Erfassen der Antike gerichteten Bewegung stellt.Er erfüllte die entartete Architektur", sagt Lübke,zuerst wieder mit dem reinen Hauche antik-hellenischer Werke; er lehrt sie, die nach bachantischem Taumel erschöpft einherschwankte, den elastischen, edel gemessenen Schritt griechischer Schönheit. Seine Säulenhalle des (alten) Berliner Museums ist ein köstliches Zeugnis von der Frische und dem feinen Geiste, mit welchem er die Antike wiederzugeben wußte." Der Wirkungskreis Karl Friedrich Schinkels war Berlin, wo er von 1830 ab als Baudirektor und seit 1838 als Ober­landesbaudirektor wirkte. Die Reichshauptstadt verdankt seinem Schaffen das Schauspielhaus, das Museum auf der Museumsinsel, die Wache usw. In München verfolgte zu gleicher Zeit dieselben geistigen Ziele Leo v. Klenze (gestorben 1864), der Erbauer der Glyptothek und Pinakothek. Unter den Schülern Schinkels ragten Schadow, Persius, Heffe, Strack und andere hervor. Die romantische Richtung fand ihre Pflege vorwiegend in dem katholischen München, wo in König Ludwig der Kunst ein opferfreudiger und begeisterter Protektor erstanden war. Friedrich v. Gärtner (gestorben 1847) erbaute die Ludwigskirche, die Bibliothek und Uni­versität in München. O h l m ü l l e r bevorzugte die gothischen Formen, ebenso Ernst Friedrich Zwirner (18021861), der sich vor allen Dingen als Baumeister der Vollendungs­arbeiten am Kölner Dom hervorthat. In Frankreich find in erster Linie Biollet-le-Duc und in England Barry als Vertreter der mittelalterlichen Baukunst hervorzuheben. Die

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandwirt, Mütter für hessische Ualksbunde.__

Unser handelspolitisches Verhältnis zu England.

Hierüber schreiben treffend dieMünch. N. Nachr."

In dem Maße, als Deutschland ein ausschlaggebender Maltor in der Weltpolitik geworden, hat auch die Nervo- prlit umseres öffentlichen Lebens in merkbarer Weise zu- glommen. Die Zahl der Punkte, an denen uns der Strom dim Ei eigniffe berührt, ist größer geworden, und die Sensi- tnflitit unseres politischen Empfindens hat sich in entsprechender LÄrisc verschärft. Das zeigt sich namentlich dort, wo große IQanbliungen auf dem Gebiet der internationalen Wirtschaft trat gehen, und zugleich in die politischen Tagesfragen eemgrtiFen, denn Weltmarkt und Weltpolitik sind heute zwei NÄH gegenseitig bedingende Größen. Gerade hier aber ist roßtroiffe philiströse Ruhe eine Tugend, die es am leich- tit^trt ermöglicht, Anfang und Ausgang eines Ereignisses i listig abzuschätzen und auszunützen. Das mag nicht jisillrtzt derjenigen Macht gegenüber gelten, mit der uns die c ngi'td wirtschaftlichen Beziehungen verknüpfen, England. 2®qii erinnert sich noch der außerordentlichen Bewegung, uHldjc die Kündigung unseres Handelsvertrages seitens Eng- I InM ivor zwei Jahren hervorrief. Damals glaubte die öGnt^che Meinung, vor einer entscheidenden Wendui.g v mitter internationalen wirtschaftlichen Beziehungen zu s hchn. Man sah England bereits im Banne des Schutz- t W ntnb unseren Handel nach seinen Kolonien durch das ^Arcikgebilde eines Großbritannischen Zollvereins lahm- galigt. Eine tiefe Verstimmung ergriff damals unsere pro- biyjifTflnbe und exportierende Gesellschaft, und es hat unter d Lu Einfluß agrarischer Anschauungen nicht an Stimmen g^skhlt die zu Retorsionen rieten, und einer Politik wilder winisschuftlicher Fehde das Wort redeten. Inzwischen sind s zwei Jahre vergangen, und man hat sich allmählich bkutan gewöhnt, unser handelspolitisches Verhältnis zu Eng- I mb t üchterner und ruhiger aufzufassen. Die drohenden CAMnisse sind nicht eingetreten. Der Traum eines Groß- bmtamtischen Zollbundes ist heute noch nicht viel weiter ge- b fein, als im Sommer 1897 nach der Konferenz der Klulonmlminister in London, und die Abwendung vom System d » Freihandels stößt auch heute noch in England auf einen »GMtanb, ber schwer zu brechen ist, weil er mit bem Jn- t.rrqjc ber großen Mafien ber konsumierenben Bevölkerung z -chvimenfällt.

So hat es geschehen können, baß bie Aufhebung eines u miatgsmäßigen unb bie Substituierung eines provisorischen ^örnhältnifieS zu Englanb nun schon balb ein Jahr bauert, «mt allf beiben Seiten nicht als eine Störung, sonbern als

Bezugspreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatüd) 7.'» Pfg. eilt Bringerloh».

Bei Postbezug Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

* feint täglich er Ausnahme des MontagS.

die Gießener liilienblätter iHtm dem Anzeiger »MaMich viermal beigelegt.

Feuilleton.

Pas 19. Jahrhundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herauSgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder AuSzug verboten.)

VIII.

Bildende Künste (Kuustgewerbe).

Auf allen Gebieten ber Kunst unb bes geistigen Lebens f ityn wir am Enbe bes vorigen unb am Anfang unseres £ unbcrtS bie klassische Richtung triumphieren. Was für b^ii sicheren Materien zutreffenb war, gilt auch für bie s iöfinonnten bilbenben Künste; an ber Hanb der Antike s altem deutsche wie französische Künstler einen Ausweg aus tx to Unnatur und dem trockenen Fanatismus der .vorher- g pl'nioen Periode. Das Streben nach reineren, strengeren g^-rnen und einem ernsteren Inhalt wurde allgemein. ,Wisar klassizistischen Richtung", sagt Bruno Bucher,welche i: ii beit französischen Revolution und unter Napoleon I. z,gleich politischen Ideen dient, und in welcher bald eine i! deistische und eine realistische Strömung sich sondern, ttnih im Anfänge dieses Jahrhunderts bie Romantik ent» g^tyn, welche im Zusammenhänge mit ber romantischen Be- »[«jniug in ber Xlitteratur unb indbefonbere ber neu erwachten rtijiö'ien Begeisterung sich an ber im 17. unb 18. Jahr- h mbcvt verachteten Kunst bes Mittelalters bilbet unb Fühlung biem nationalen Geiste sucht. Von ber Mitte beS <Urhumberts an beginnt roieber eine elektrische Strö- Böin@, innerhalb bereu zunächst bie Nachahmung ber 9 vaMance vorherrscht, balb aber sämtliche Kunstrichtungen fc ® 3etit vom 17. bis zum Anfang unseres JahrhunbertS *«Ech auftauchen."

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