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Donnerstag den 14 December
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GruttsKeilagen: Gießener Familienblätter, Der heUche Landwirt, Ktätter für hessische Volkskunde.
hören, indessen steht diese Aussage vereinzelt da und schnitt nicht recht mit seinem sonstigen Wesen zu harmonieren, das, wenn er sich nicht beobachtet weiß, und dann die Miene äußerster Gleichgiltigkeit annimmt, von einem düsteren in sich verschloffenen Trotz durchdrungen scheint. Gelegentlich von einem Wärter befragt, ob er irgend welche Wünsche habe, antwortete er nach längerem Zögern, er möchte wohl wissen, ob seit seiner Einkerkerung wieder eine große That von Seite der Anarchisten ausgeführt worden sei. Der Wärter erwiderte, daß mau seitdem von den Anarchisten nichts mehr gehört und gesehen habe, worauf Luccheni aus- rief: „Wenn Sie etwas wissen, werden Sie es mir doch nicht sagen. Ich bin sicher, daß etwas geschehen ist!" Der Wächter zuckte die Achseln und gab hierauf keine Antwort. Die diesen Worten entsprechende, von Luccheni in der ersten Zeit zur Schau getragene Zuversicht scheint ihn jetzt verlassen und einer immer zunehmenden Verbissenheit Platz gemacht zu haben.
*• ES ist kalt geworden, so kalt, daß man sogar der Gefräßigkeit des trauten Kachelofens noch mehr als sonst nachgeben und demselben immer größere Nahrungsmassen in Gestalt von Holz und Kohlen zuschieben muß. Das Schwärmen für den Wald ist so ziemlich zu Ende, es sei denn, daß man gegen melancholische Anfälle, wie sie das ersterbende Leben der Natur zu erzeugen pflegt, hinreichend gewappnet ist. Es sieht ja auch nicht besonders einladend da draußen aus — nur noch ein paar gelbe Blätter auf der Erde, fast völlig kahle Bäume, denen die Trauer aus jedem Zweige und jedem Aste blickt, und verzweifelt piepsende Spatzen, welche sich nach den verloren gegangenen Fleischtöpfen Egyptens, resp. nach den Körnern des Sommers sehnen. Manche werden freilich auch jetzt noch eine Fülle von Schönheiten entdecken. Es kommt eben ganz auf die Augen an, welche sehen, und auf die Herzen, welche fühlen, um für oder wider diese winterliche Natur zu sein. Jedenfalls ist es geboten, solche Betrachtungen unter freiem Himmel im wärmenden winterlichen Paletot anzustellen, und diese Notwendigkeit scheint auch in erfreulichem Maße erkannt zu werden; denn alle leichten Hüllen sind verschwunden, und sogar der höchste Ausdruck der Winter- lichkeit, der Pelz, ist auf der Bildfläche erschienen. Doch gehen wir nun wieder aus dem Freien in das Zimmer! Je unwirscher der Dezembersturm an unseren Fenstern
einen zinnernen Becher, den wir in eine ungeheure zinnerne Suppenschüsiel tauchten und dann austranken. Den Luxus eines Löffels mußte man.sich versagen. Gleich zu anfang wurde ein großer Klumpen Salz herumgereicht, von dem sich jeder mit den Fingern ein Stückchen abbrach. Der nächste und letzte Gang bestand in einem Stück Brot und einer Portion geräucherter Zunge. . Da Messer und Gabeln ebenso wie Teller durch Abwesenheit glänzten, mußten wieder die Finger in Anspruch genommen werden, und man nagte abwechselnd von der Zunge und dem Brot etwas ab. Als Beleuchtung bei diesem Lucullusmahle dienten drei Talgkerzen, die man in leere Kakaobüchsen gesteckt hatte. Keiner der Anwesenden war seit einer Woche rasiert oder aus den Sachen gekommen. Die Uniformen, in denen sie einen oft durch Flüsie und Sümpfe führenden Marsch von 50 englischen Meilen gemacht hatten, starrten natürlich von Schmutz. In einer solches Verfasiung kann man es mit der Etikette gerade nicht sehr genau nehmen. Niemand aber läßt ein Wort der Klage oder des Unmutes hören.
• Der Teufel i« Eisenbahn,uge. Neuerdings wird die folgende hübsche Geschichte wieder in Erinnerung gebracht: Der berühmte Bassist Scaria, ein Stern der Dresdener Hofoper, hatte im Musentempel von Elbflorenz den Mephisto in GounodS „Margarete" gesungen, als er beim Eintritt in seine Garderobe mit Schrecken bemerkte, daß zum Abgang des Nachtschnellzuges nach Wien nur noch eine Viertelstunde fehlte. Diesen Zug mußte er aber benutzen.
Monate zu verbleiben hatte.
In der ersten Nacht war sein Schlaf sehr unruhig, dann befferte er sich, doch wurde Luccheni bet Visitationen häufig wach gefunden, und seine Züge verrieten deutlich, daß er sich kurz vorher in aufgeregtem Zustande befunden
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2 Mark 20 Pf? monatlich 75 Pfß mit Bnngcrtoh»
Bei Postbezug
2 Mark 50 Pf» vierteljährlich.
Beim Mörder der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich.
Luccheni ist der für alle zu lebenslänglicher Einschließung Verurteilten giltigen GesängniSordnung unterworfen; dem- zufolge ist er bis jetzt in Jsolierhaft. Er arbeitet in einer anderen Zelle, als derjenigen, welche von ihm bewohnt wird; erstere ist Heller beleuchtet, als letztere, ohne daß diese indessen so düster sei, wie dies in den Veröffentlichungen verschiedener Zeitungen geschildert wurde. Beide Zellen befinden sich im ersten Stock des Gefängnisses.
Bis zum 16. Oktober 1899 wurde er mit der Herstellung von Pantoffeln und von Kartounagen beschäftigt, er zeigte guten Willen, aber wenig Geschicklichkeit für die Arbeit, welche ihm aufgetragen wurde.
In Bezug auf seine Führung habe ich bis heute keinen Tadel gegen ihn auszusprechen.
Was die Gefühle betrifft, die ihn gegenwärtig bewegen, so ist es schwierig, über dieselben ins Klare zu kommen, teils wegen der Schwierigkeit, die er empfindet, wenn er sich in französischer Sprache ausdrücken will, teils weil er in dieser Beziehung sehr zurückhaltend ist. Ich glaube indeffen — dies ist nur meine rein persönliche Meinung — daß er seine That zwar nicht bereut, aber daß er in Anbetracht der lebenslangen Strafe, welcher er zu erdulden haben wird, doch lieber seine That nicht begangen haben möchte.
Sein Gesundheitszustand ist gut, und er hat nie den Beistand des GefängniSarzteS in Anspruch genommen.
Bon einem der Wächter, welche früher in der Abteilung Dienst hatten, der Luccheni angehört, hören wir über denselben folgendes: Als Luccheni kurz nach seiner Verurteilung von Herrn Lafond, Direktor des Untersuchungsgefängnisses St. Antoine, abends um 11 Uhr geweckt wurde, um nach dem Strafgefängnisse de l'Evßchö überführt zu werden, war er einen Augenblick fassungslos. Er gewann jedoch rasch seine Haltung wieder, während Herr Lafond ihm verkündete, welchen Regeln er im Strafgefäng- nifse unterworfen sein werde.
Fünf Gendarmen und zwei von uns (den Wächtern) nahmen ihn in ihre Mitte, und ziemlich rasch bewegte sich der kleine Zug durch die menschenleeren Straßen. Bor dem Strafgefängnisse angekommen, zögerte Luccheni, einzutreten, und sah sich um, als ob er von irgend einer Seite her Befreiung erwarte. Er wurde jedoch rasch in das inzwischen geöffnete Thor hineingeschoben, nach Erledigung der üblichen Formalitäten eingekleidet — er bekam Nr. 1144 - und in seine Dunkelzelle gebracht, in der er die ersten sechs
«refft für Depeschen: Auzetger Fernsprrcher Nr. 51.
da am folgenden Tage sein Gastspiel in Wien beginnen sollte, Zum Ablegen des Kostüms war feine Zeit mehr, er mußte sich in eine Droschke stürzen und nach dem Böhmischen Bahnhof jagen. (Eine Minute vor Abfahrt des ZugeS stieg Mephisto, in einen großen Mantel gehüllt, in das Kupee. Unterwegs wurde es dem Künstler zu warm, (er entledigte sich seines Mantels und spazierte zum Entsetzen der Reisenden — von Bodenbach gab es die österreichischen Durchgangswagen, denen unsere V-Züge nachgebildet find — an den Kupees vorbei. Anfangs glaubte man es mit einem Verrückten zu thun zu haben, dann vermutete man, daß der teuflische Reisende zu einer Maskerade fahre, endlich aber löste der Künstler selbst das unheimliche Rätsel, indem er „im Mäntelchen von starrer Seide, die Hahnenfeder auf dem Hut" die nötige Erklärung gab und nun unter stürmischer Heiterkeit der Mitreisenden als roter Teufel auf dem Dampfroß nach Oesterreichs friedlichen Gefilden eilte.
* Aus der italienischen Schulftube. In einer italienischen Elementarschule entspann sich dieser Tage, wie die römische „Tribuna" schreibt, zwischen dem Lehrer und einem kleinen ABC-Schützen ein hochdramatisches Zwiegespräch. Der Lehrer wollte seinen Zöglingen die Geheimnisse der Subtraktion offenbaren. Lehrer: „Sieb acht, Sarlchen: wenn beim Mittagessen drei Kirschen auf dem Tische wären und Deine Schwester eine davon essen würde, wie viel würden übrig bleiben?" — Karlchen: „Wie viel Schwestern?" — Lehrer: „Nein. Sei ansmerksam! Wenn auf dem Tische
* Ein Offiziersdiner in Ladysmith. Wie aus London geschrieben wird, erschien in der „Pall Mall Gazette" vor kurzem ein Auszug aus einem Briefe, den ein in Ladysmith weilender Mr. Hannah an seinen Vater, den Vikar von Lriahton, gerichtet hatte. Der junge Mann ist nach dem Kriegsschauplatz gereist, um von den Offizieren des Lel- cestershire Regiments näheres über den Tot seines bei Dundee gefallenen Bruders, des Leutnants Hannah, in Erfahrung zu bringen. In diesem vom 3. November datierten Schreiben heißt eS unter anderem: „Gestern abend speiste ich mit den Offizieren der Dundee-Kolonne. Ich will nun zu schildern versuchen, wie die von Burns als „vergoldete Gecken" bezeichneten Krieger eines der smartesten britischen Regimenter im Felde sich behelfen müssen. Weder im Speisezimmer noch im Vorraum war ein Tisch oder Stuhl m sehen. Wenn man sich setzen wollte, mußte man sich ♦ben auf dem Fußboden niederlaffen. Jeder von uns erhielt
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Fokales und Provinzielles.
Gießen, 13. Dezember 1899.
** Gefchichisralendtr. (Nachdruck verboten.) Vor 100 Jabren, em 14. Dezember 1799, starb zu Mount Vernon der erste Präsident und Begründer der Unabhängigkeit der Bereitigten Staaten, Georg Walhtngton. Als Staatsmann undFeldberr gleich ausgezeichnet, widmete er dem hohen Ziele, Befreiung des Vaterlandes, seine That- kraft und sein Vermögen.
Nr. 294 Drittes Blatt
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Das Große vergeht und das Schöne verwelkt; aber der geistige Erwerb bletbt; dte Fackel, die erloschen ist, hat andere entzündet und ihr hol- derSchein leuchtetvon Geschlecht zu Geschlecht. J. J. Mohr.
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Stube, vorausgesetzt natürlich, daß die Zimmertemperatur den Anforderungen der Gesundheitsregeln entspricht.
•* DerSprechverkehr zwischen Gießen und MingolS- heim ist am 11. Dezember eröffnet worden.
Sakularpostkarteu. Wie gemeldet, beabsichtigt die Reichspostverwaltung, Säkularpostkarten zur Jahrhundertwende herauszugeben; dabei handelt es sich nicht um eine neue Art von Postkarten, vielmehr sollen diese Gelegenheitspostkarten mit demselben Stempel hergestellt werden, wie die gewöhnlichen Postkarten. In der Wahl der Schriftgattung für den Vordruck der Postkarten und der Beschaffenheit der Kartons soll auch bei der NeuauSgabe der Briefmarke überhaupt nichts geändert werden Lediglich der Wertstempel wird durch eine neue Marke mit dem Brustbild der Germania ersetzt. Die Säkularpostkarten werden sich von den gewöhnlichen neuen Postkarten dadurch unterscheiden, daß das Markenbild von einem Lorbeerkranz umrahmt wird. Die Ausgabe dieser ersten deutschen Ge- legenheitspostkarte erfolgt zu Ende des alten und zu Anfang des neuen Jahres, das bekanntlich sowohl amtlicherseits, wie in der volkstümlichen Anschauung als Anfang des Jahrhunderts betrachtet wird.
4- Berstadt, 12. Dezember. Die Ehefrau unseres Mitbürgers W. Hinkel hatte heute eines ihrer Ferkel, das zum Stalle herausgelaufen war, in denselben bringen wollen, als sie plötzlich, von dem Mutterschweine an- gefallen wurde, hierbei zu Boden stürzte und von dem Tiere dann in das eine Bein sowie am Arm gebiffen wurde; herbeigeeilte Nachbarn befreiten die bewußtlos gewordene Frau rechtzeitig ans ihrer Notlage.
RüdeSheim, 10. Dezember. Der seit einiger Zeit zur Einführung gelangte einfache Drückerverschluß an den Thüren der Eisenbahnwagen führte heute in dem Schnellzuge Nr. 56 auf der Strecke zwischen Lorch und Aßmanns- hausen einen sehr bedauerlichen Unglücksfall herbei. Das fünfjährige Söhnchen des Geschäftsführers R. ans Krefeld stand an der Wagenthüre und beschäftigte sich wahrscheinlich irgendwie mit dem inneren Drücker, wobei die Thür aufsprang und das Kind in voller Fahrt hinaus- stürzte. Der Schnellzug wurde zum Halten veranlaßt, sodaß der Vater das verunglückte Kind bis zum nächsten Kranken- Hause in Rüdesheim mitnehmen konnte. Die hinzugerufenen Aerzte konstatierten einen mehrfachen Schädelbruch, welchem das von Beginn bewußtlose Kind etwa zwei Stunden nach dem Unfall erlag. Wohl jeder, der diesen Verschluß gesehen hat ist sich der Unzulänglichkeit desselben und der großen Möglichkeit derartiger Unglücksfälle bewußt geworden. Es ist ja nicht zu leugnen, daß ein solcher Verschluß für die Reisenden und das Zugpersonal sehr bequem ist. Doch hätte man auch daran denken müssen, daß ein Teil der Reisenden, zumal Kinder,


