Ausgabe 
14.10.1899 Drittes Blatt
 
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Nr. L42 Drittes Blatt.Samstag den 14. October

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Die Sietzener

awrbtn dem Anzeiger »Schentlich viermal bei gelegt.

Gießener Anzeiger

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Aus der Lesehalle.

Von Adolf Willkomm.

(Schluß.)

Und nun zum Schluß! Ich habe hier wieder einmal eine Masse Anliegen zur Sprache gebracht, hoffentlich werden die meisten Leser daraus nur erkennen, daß mir das Wohl und die ordentliche Verfassung der Lesehalle besonders am Herzen liegt, denn nun ein Abschiedswort! Obwohl ich noch mancherlei für die Lesehalle und auch in der Lesehalle arbeiten zu können hoffe, noch Dutzende von Verbesser­ungen in allen Winkeln des Thorhäuschens sind schon lange geplant und wollen ausgesührt sein, so möchte ich mich doch heute schon als Bibliothekar der Lesehalle von meinen freundlichen Lesegästen verabschieden, da ich aus Gesundheits­rücksichten und um einer innerlicheren Arbeit willen die Ver­waltung der Lesehalle in andere Hände geben zu müssen geglaubt habe. Meine Auffassung von Wesen und Zweck der Lesehalle habe ich neulich schon in diesem Blatte andeuten können, ebenso meine Meinung über die Teilung und Ver­teilung der Verwaltungsarbeit. Der Aufruf, der vor kurzem in diesem Blatte an die jungen Mädchen erlassen wurde, daß sie sich durch Mitarbeit an der Lesehalle ernstlich in den Dienst eines großen sozialen Gedankens, in den Dienst der Allgemeinheit stellen und sich dadurch selbst an Geist und Gesinnung bereichern und festigen möchten, dieser Ausruf war ganz in meinem Sinne, und er konnte gerade jetzt mit noch größerem Rechte erlassen werden als früher, da die Leitung der Lesehalle jetzt in die Hände einer Dame über­gegangen ist.

Stärkere Benutzung der Bibliothek erheischt größeren Aufwand auch an Material; da uns nun öfters zu Ohren gekommen ist, daß mancher Freund der Lesehalle gern durch beliebige Beiträge die Bibliothek unterstützen und vermehren helfen würde, wenn es ohne Aufsehen und ohne Verpflichtung geschehen könnte, so haben wir uns entschlossen, nächstens am Eingang der Bibliothek einen Kasten zur Aufnahme solcher Beiträge beliebiger Höhe anzubringen, und wir denken damit vielen einen Gefallen zu thun, keinen zu verpflichten. Die Freiheit des Verkehrs, Freiheit und Natürlichkeit, wird in den Lesehallen immer ein wichtiges Bildungsmittel sein, weshalb auch die Gesellschaft, die allein in der Lesehalle verkehren kann, immer eine solche sein wird, für

die dieFreiheit" nicht gleichbedeutend ist mit Roheit, Rücksichtslosigkeit und kindischer Ungezogenheit, und weshalb mir immer als das Ideal eines Bibliothekars nicht der vorgeschwebt hat, der, viel wissend und alles wissend, sich als Lehrer und Meisterer für alle Menschen fühlt oder gar aufspielt, sondern der sich zu jeder Zeit bewußt ist, daß die Leute, die in die Lesehalle kommen, zwar vielfach belehrt sein wollen, aber nicht vom Bibliothekar, sondern von den Büchern, die sie entleihen, und daß die Kunst des Bibliothekars und sein ganzer Daseinszweck darin bestehe, daß er mit jedem einzelnen Leser allmählich in eine geistige Gemeinschaft komme, und dann auf gründ dieser Gemein­schaft jedem Leser die für diesen geeigneten Bücher vorlegen und mit ihm besprechen könne. Einem solchen Bibliothekar wird es dann auch gern überlassen bleiben, die Bibliothek nach seinem einheitlichen Plane auszubauen und zu ver­größern, während der Vorstand eines Lesehallenvereins durch Herstellung möglichst förderlicher Verbindungen mit anderen Vereinen, Gesellschaften und Instituten, sowie durch Beschaffung tüchtiger Arbeitskräfte die materielle, wie die geistige Grundlage des Unternehmens immer zu verbreitern bestrebt ist.

Nicht zur allgemeinen Zufriedenheit habe ich die Lesehalle bis hierher geleitet und zu fördern gesucht, aber ich habe doch noch Zustimmung genug gefunden, und namentlich: ich habe mit einem planmäßigen Ausbau der Bibliothek nach verschiedenen Richtungen hin beginnen können, sodaß ich einstweilen wohl zufrieden sein kann. Daß ich dies kann, verdanke ich zu gleichen Teilen dem besonderen Vertrauen des geehrten Vorstandes der Lese­halle und der liebenswürdigen Nachsicht des Gießener Publikums.

Da wir nun hoffen dürfen, daß der Vorstand der Lese­halle immer mehr förderliche Verbindungen erreichen und immer tüchtige Arbeitskräfte für die Bibliothek finden wird, so dürfen wir auch hoffen, daß die Zeit bald kommen wird, wo die Lesehalle wirklich als eine geistige Zentrale in der Stadt stehen wird, eine Bildungsstätte, die, ohne Umwege und Beschwerden allen zugänglich, den meisten unentbehrlich geworden, und die namentlich denen, die jetztHeran­wachsende Jugend" sind, und die allmählich von den so­genannten Jugendschristen zu ernsteren Büchern übergehen, in einer so fast einzigen und unvergleichlichen Weise ans

Herz gewachsen sein wird, daß sie mit Hochgefühl unter­einander sagen können: Wir haben das geschaffen, es ist unser.

Amidwirtschast.

Der Mittelrheinische Verbands-Kalender für Land­wirte auf das Jahr 1900 ist erschienen und wird von seinen vielen Verehrern als alter und bewährter Freund sicherlich von Herzen will­kommen geheißen. Der Kalender ist seiner ganzen Einrichtung nach dazu bestimmt, ein nützlicher und unentbehrlicher Hausfreund des Landwirts zu sein. Dem umfangreichen Kalendarium sind Termin und Witterungs­kalender beigegeben und die einzelnen Monate von einem kurzen Arbeits­kalender begleitet. Wir machen besonders darauf aufmerksam, daß in dem Witterungskalender die kritischen Tage nach Profeffor Falb, und im Anschluß an das Kalendarium die mutmaßliche Witterung der ein­zelnen Monate des Jahres 1900 ausgenommen worden sind. Es folgen die übersichtlich und zweckmäßig angeordneten Blätter für die landwirt­schaftliche Buchhaltung kleinerer Wirtschaften, für deren richtige Aus­füllung im Jahrgang 1899 erfreulicher Weise wieder Preise im Werte von Mk. 125 gegeben werden konnten. Mit ganz besonderer Sorgfalt sind die landwirtschaftlichen Hilfstabellen ausgewählt und seien unter letzteren namentlich hervorgehoben:die Beispiele von Futtermischungen für verschiedene Zwecke" nach den Wolff'schen Tabellen, die alles ent­halten, was dem Landwirt bei Ausübung seines Berufes zu wissen frommt. An Aufsätzen bringt der Kalender in diesem Jahre:Pflege der Haut bei unferen größeren Haustieren mit Abbildungen" von Dr. L. Steuert, königl. Professor, Wechenstephan.Wichtiges für Landwirte aus dem Bürgerlichen Gesetzbuchs" von Landgerichtsrat Dr. Messet, Darmstadt.Die wesentlichen Unterschiede zwischen altem und frischem, zwischen gut und schlecht wirkendem Stalldünger" von Professor Dr. A. Stutzer, Breslau.Bedeutung des Flachsbaues für die Landwirsschaft" von R. Kuhnert, Marburg.Die beste hölzerne Stalldecke der Gegen­wart" von Professor Schubert, Baumeister, Cassel.Genügt die allei­nige Stallmsstdüngung, um solche Erträge zu erzielen, wie sie bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen erzielt werden müssen". Die Nach­richten aus den beiden VerbändenMittelrhein" bringen nicht nur für die Verbandsgenossen sondern auch für alle diejenigen, welche für die Entwickelung des ländlichen Versicherungswesens «Feuer- und Hagelver­sicherung) Interesse haben, eine Fülle wertvoller Nachrichten. Ganz be­sonders sei noch auf die in dem Kalender (Seite 142) enthaltenen Be­stimmungen über den Stipendienfond des Landwirtschaftlichen Versiche« rungs-VerbandesMittelrhein" hingewiesen, welcher dazu besttmmt ist, an Söhne und Töchter der Verbandsgenossen Stipendien zum Zwecke des Besuchs landwirtschaftlicher Unterrichtsanstalten zu vergeben. Im vergangenen Jahre wurden zu diesem Zwecke Mk. 405 für 12 Stipen­dien ausgegeben. Den Schluß des Kalenders bildet ein Verzeichnis der im Verbandsgebiet und den benachbarten Provinzen abzuhaltenden Messe« und Märkte, sowie eine Aufstellung von Einrichtungen und Bedingungen einzelner landwirtschaftlichen Lehranstalten. Der Kalender ist im Buch­handel zum Preis von 80 Pfg. erhältlich und kann allen Landryirten nur aufs beste empfohlen werden.

Feuilleton.

* Eine kaiserliche Ueberraschung. Sr. Majestät dem Kaiser macht es Vergnügen, seinen fürstlichen Gästen öfter Ueberraschungen zu bereiten, die für diese etwas ganz neues sind und sie mit Bewunderung erfüllen. Eine solche Ueber­raschung stand der Königin Wilhelmina der Niederlande am Abend ihrer Ankunft in Potsdam bevor. Nach der Be­grüßung mit Ihrer Majestät der Kaiserin auf der Marmor­treppe des Potsdamer Stadtschloffes hat die Königin wohl geglaubt, nun zunächst in ihre Wohnräume geführt zu werden. Doch, als sie am Arme des Kaisers die weiteren Stufen bis zum Marmorsaal geschritten war, wandte sie sich infolge lauter Kommandos, die sie hörte, mit fragender Miene dem Kaiser zu. Dieser lächelte nur, und weit öffneten sich die Thüren zum Marmorsaal, aus dem das Kommando:Prä­sentiert das Gewehr!" herausschallte. Im Saale war die Schloßgarde-Kompagnie mit enthüllter Fahne in zwei Gliedern aufgestellt. Vor der Front stand der Kommandeur derselben, Oberstleutnant und Flügeladjutant v. Pritzelwitz, in der silbergestickten alten Uniform mit gesenktem Sponton, die Majestäten durch Entblößen des Hauptes von dem kleid­samen Dreimaster salutierend. Diese alte Garde in der eigenartigen Uniform mit den hohen Grenadiermützen, den langen Gamaschen und mit den seitwärts gestellten linken Beine machten auf die Königin zunächst einen frappieren­den Eindruck. Dann wände sie sich an den Kaiser, sprach demselben ihre Bewunderung über dessen Schloßgarde aus und demnächst ihren herzlichen Dank für die eigenartige Ueberraschung.

* Vor dem Kriege. Aus London wird geschrieben: Der aller Wahrscheinlichkeit nach zu gewärtigende Krieg in Südafrika wirft begreiflicherweise seine düsteren Schatten über ganz England. Die Stimmung in der vornehmen Londoner Gesellschaft ist eine sehr gedrückte; jeden Tag er­warten die höheren Offiziere, nach dem Kap abgehen zu müssen. Verschiedene Trauungen, die erst aus das Ende

dieses Monats festgesetzt waren und mit großem Pomp ge­feiert werden sollten, sind jetzt in aller Eile und Sülle ge­feiert worden. Eine dieser Hochzeiten war die der Tochter Lord Rothschilds mit Leutnant Clive Behrens. Die feier­liche Zeremonie fand in der neuen Westend-Synagoge statt. Das große Publikum erhielt, wie es sonst bei derartigen Gelegenheiten üblich ist, keinen Zutritt zu dem Tempel, der ausschließlich für die Hochzeitsgäste reserviert blieb. Zu den sechs Brautjungfern der Honourable Evelina Rothschild gehörte auch Lady Sybil Primrose, die älteste Tochter des Ex Premierministers Lord Rosebery, den man nebst anderen hohen Persönlichkeiten unter den Geladenen bemerken konnte. Die junge Mrs. Behrens ist fest entschlossen, den ihr eben angetranten Gatten nicht allein nach dem Schauplatz des drohenden Krieges abreisen zu lassen. Falls er wirklich die Ordre erhalten sollte, begleitet sie ihn nach Afrika. Sehr beschleunigt worden ist auch die Hochzeit der in fashionablen Kreisen bekannten und beliebten Miß Cecile Scoones mit Major Hathaway, der gleichfalls darauf rechnen muß, in den nächsten Wochen nach Natal abberufen zu werden. Die Trauung erfolgte in der St. Augustinus Kirche im Beisein von den Angehörigen und wenigen intimen Be­kannten des Brautpaares. Das kleine, aber auserlesene Hochzeitsdiener verlief fast so still wie ein Begräbnismahl. Die Aussicht auf eine nahe bevorstehende Trennung liegt überall wie ein Alp auf den Gemütern. Am meisten haben unter diesen Umständen wohl die Kaufleute zu leiden, bei denen manche schon eingegangene Bestellung wieder rück­gängig gemacht werden mußte. Um sich für die Verluste einigermaßen schadlos zu halten, preisen die Inhaber der verschiedenen Warenmagaziue jetzt die mannigfaltigsten Gegen­stände und Kleidungsstücke an, die sich vortrefflich für den Gebrauch im Burenlande eignen sollen. Ein unternehmen­der Damenschneider empfiehlt mit großer Reklame ein ganz amazonenartiges Kostüm, dem er die BezeichnungSenilery Cloth for the Transvaal" gegeben hat. Der dazu zur Verwendung kommende Stoff ist ein flachsartiges, eigen­tümliches Gewebe von bräunlicher Farbe, leicht und porös,

dabei absolut staub- und wasserdicht. Das aus fußfreiem Rocke und feschem Jaquet bestehende Kostüm hat bereits bei Damen, die keine Veranlassung haben, nach dem krieg­bedrohten Süden des dunklen Erdteils zu gehen, Anklang gefunden. Wie wenig das schwache Geschlecht vor den Ge­fahren zurückschreckt, denen es in Afrika ausgesetzt sein dürfte, beweist die Thatsache, daß eine große Anzahl Frauen und Mädchen aus den besten Ständen von der Gesellschaft desRoten Kreuzes" als Pflegerinnen sich haben anwerben lassen. Noch weit größer ist die Zahl derer, die wohl den guten Willen, aber nicht die Qualifikation zu einem so schweren Berufe haben.

* Vor und nach der Hochzeit. Die verschiedenen Wochen vor und nach der Hochzeit teilt der WitzboldSaphir" also ein: Vor der Hochzeit. Zuerst dieRitterWochen". Das sind jene Wochen, in denen man sich als Ritter einer Dame zeigt. Man hat gewöhnlich die Sporen im Kopf. Die Gitterwochen" sind die Zeit, in welcher der Ritter schon zu Fuß vor dem Gitter der Schönen auf- und abwandelt. Dann dieZitterWochen", in denen man beständig zwischen Furcht und Zittern schwebt. Nach der Hochzeit. Zu­erst dieFlitterwochen". Das sind diejenigen, in denen man Flitter für Gold hält. Wie viele Wochen das sind, hat noch niemand ergründet. Gewiß nicht vier ganze Wochen, sonst würde esFlittermonat" heißen. Dan» kommen dieZwitterwochen". Das sind jene Wochen, die schon zwitterartig zwischen Süßigkeit und Säuerlichkeit hin- und herschwanken. Ferner dieSplit ter Wochen", in denen die Eheleute anfangen, den Splitter in den Augen des Anderen zu bemerken, in jenen Augen, in denen sie vorher nichts als den Himmel sahen. Endlich kommen die Gcwitterwochen". Da wird von beiden Seiten ge­donnert und gewettert, und manchmal schlägt es auch ziem­lich kräftig ein.

* Auch etwas. Geistlicher:Hat fich der Verewigte auch um das Gemeinwohl recht verdient gemacht?" Witwe:O ja, er war viele Jahre Mitglied der Pflichsseuerwehr!"