Dienstag den 14. März
1890
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zu einem kräftigen Angriffe gegen ihre schlimmsten Feinde, die Grundbesitzer und die Kapitalisten im eigenen Lande." Nachdem Cuninghame Graham unter häufigem Beifalle gegen die Heuchelei des kriegführenden englischen Imperialismus und die Gatling-Geschütze geredet hatte, ergriff Liebknecht das Wort, und mit ihm erhoben sich viele der Tausende im Saale und auf den Galerien, um den „Marschall Vorwärts" der deutschen Sozialdemokratie mit Tücherschwenken und lautem Beifall zu begrüßen. Liebknecht sprach, während alles gespannt zuhörte, in fließendem Englisch von der Sozialdemokratie Deutschlands und den Fortschritten, die sie errungen habe, worüber jedoch die englischen Zeitungen das englische Publikum zu wenig unterrichteten, von der „politischen Heuchelei", von der „Zivilisation des Kapitalismus", die dort herrsche. Er bemerkte, daß er den zivilisierten Teil seiner Landsleute vertrete, während die herrschenden Klassen „mittelalterliche Obskuranten und einfache, reine Reaktionäre" seien, daß das deutsche nationale Leben eine Pyramide sei, die sich auf dem allgemeinen Stimmrecht aufbaue und im Helm des Kaisers endige, und daß die deutschen Sozialdemokraten mit ihrem Leben das Band verteidigen würden, das sie an das gemeinsame Vaterland kettet: das allgemeine Stimmrecht. Die stehenden Heere, bemerkte Liebknecht, seien gegen die Sozialdemokratie gerichtet, und zum Schluffe betonte er, wie sehr die deutschen Sozialdemokraten zu den Kameraden in der Nation hinüberblickten, welche das Sprichwort erfunden habe: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg! Nach Liebknecht sprach Jaurös, der mit ebensolchem, vielleicht sogar noch lauterem Beisalle begrüßt wurde. „Vive la Francei" wurde aus der Versammlung gerufen, anwesende Franzosen riefen: „Vive l’Angleterre!" und Jaurös antwortete mit dem Rufe: „Vivent tone les peuples libree!" Er sprach von den 800,000 Landsleuten, die er vertrete, vom französischen Schutzzollsystem und vom englischen Imperialismus und von der Souveränetät organisierter Arbeit, die allein zum allgemeinen Frieden führe. Zuletzt redete Vandervelde, der behauptete, das Friedensmanifest des Zaren würde gerade so ergebnislos sein, wie die Arbeiterdekrete des deutschen Kaisers. Die Resolution wurde einstimmig gebilligt. Die ganze Versammlung verlief in vollkommener Ordnung.
— Selbst in denjenigen (namentlich englischen) Kreisen, wo man anfangs das„Fr i e d e ns m a nif e st"des Zaren mit so stürmischer Begeisterung aufnahm, hat sich diese schon stark abgekühlt, und noch schlimmer steht es natürlich um die Hoffnungen derer, die von vornherein die Ankündigung der Abrüstungs-Konferenz mit großem Mißtrauen aufnahmen. Trotzdem darf dies Werk ja nicht unbeachtet bleiben und so sei denn mitgeteilt, daß die Konferenz am 18. Mai im Haag zusammentreten wird. Der vom Zar zur Vertretung Rußlands auf der Konferenz ausersehene Botschafter am Londoner Hofe, Herr v. Staal, soll anfänglich nur geringe Neigung gehabt haben, diese Aufgabe zu übernehmen. Der Zar selbst hat jedoch im Interesse des Erfolges der Konferenz großen Wert darauf gelegt, den ältesten und erfahrensten unter den gegenwärtigen russischen Diplomaten, insbesondere auch im Hinblick auf die lebhaften Sympathien, die er in England genießt, mit dieser Aufgabe zu betrauen. Den Vorsitz wird allerdings nicht der Vertreter des Kaisers von Rußland, welcher die Konferenz angeregt hat, sondern der Minister des Aeußern der Niederlande, W. H- de Beaufort, als Vertreter desjenigen Staates, von dem die Einladungen zur Teilnahme an der Konferenz ausgegangen sind, führen.
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* Verkehrswesen. Der b-Zug Nord-Süd-Expreß, ... von Berlin täglich nach Verona fährt, drei Mal wöchentlich bis Mailand und ein Mal in der Woche bis Nom und Neapel mit Anschluß nach Alexandrien und Kairo durchgeführt wird, wird vom 14. ds. Mts. ab zwei Mal wöchentlich Berlin und Venedig direkt verbinden. Fahrzeit 20 Stunden. Abfahrt von Berlin nach Venedig jeden Sonntag und Freitag abend ll46 Uhr Anhalter Bahnhof, von Venedig nach Berlin jeden Mittwoch und Sonntag. In Venedig von Alexandrien Anschluß jeden Mittwoch durch
Wt, «2 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Die Gießener Kamikienbkäller »erden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegk.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. März. In der Wahlprüfungskommission des Reichstages ist gestern abend da- Mandat des Abgeordneten Bass ermann (natl.) für gültig erklärt worden.
Berlin, 11. März. Die Reichstags-Kommission für das Invaliditäts-Versicherungsgesetz begann heute mit der Beratung des § 51 über die Errichtung von örtlichen Organen der Versicherungsanstalten, den Renten- stlllen, den wichtigsten Paragraph der Vorlage. Ein Beschluß wurde noch nicht gefaßt und die Besprechung vertagt.
Berlin, 11. März. Das Abgeordnetenhaus setzte heute die Beratung des Kultus-Etat fort. Bei dem Titel „Altkatholische Geistlichen und Kirchen" beantragt die Kommission die zur Ausbildung altkatholischer Theologen nsorderlichen Ausgaben von 6000 Mark zu streichen. Hierüber entspann sich eine längere Debatte, deren Ergebnis war, daß die Position mit 135 gegen 128 Stimmen ab- gelehnt wurde. Nachdem noch das Kapitel „Universitäten" erledigt war, vertagte sich das Haus auf Montag.
Berlin, 11. März. Nach den im Reichs-Eisenbahnamt ausgestellten Nachweisen sind auf den deutschen Eisenbahnen ausschließlich Bayern im Monat Januar d. I. 216 B e > triebs-Unfälle vorgekommen, wobei 69 Personen getötet und 115 verwundet wurden.
Berlin, 11. März. Die heikle Frage der russisch- französischen Beziehungen wird neuerdings wieder in einer von der Newa stammenden halbamtlichen Auslassung berührt. Nach einer der „Pol. Korr." aus Petersburg zugehenden Meldung wird dort von unterrichteter Seite die in gewissen Pariser Kreisen herrschende Anschauung, daß die Wahl des Herrn Loubet zum Präsidenten der Republik an den maßgebenden Stellen in Petersburg mit geringem Beifialle ausgenommen worden sei, als durchaus unzutreffend bezeichnet. Der Persönlichkeit des neuen Präsidenten werde, wie überall im Auslande, auch in Rußland sympathische Achtung entgegengebracht. Insbesondere müsse aber — wie mn betont — der etwaigen Annahme entgegengetreten werben, als ob durch den Personenwechsel an der Spitze Per Republik das russisch-französische Bundesverhältnis irgendwie beeinträchtigt werden könnte.
Berlin, 12. März. Nach einer Meldung des „Kleinen Hournal" aus Petersburg begiebt sich das Zarenpaar im Monat August auf mehrere Monate zum Besuch nach larrn stabt. lieber eine andere Auslandsreise des Zarenpaares sei nichts bekannt.
— Zur Militärvorlage geht der „Germania" tinehöchsteigentümlich gefaßte Zuschrift aus parlamentarischen Uieisen zu, die sich in folgender Weise ausspricht: „Die Annahme der Militürvorlage in der vollen Höhe des tigierungsentwurfs erscheint nicht ausgeschlossen, wenn, wie es schon manchmal vorgekommen, eine Anzahl Mitglieder ks Centrums zu Hause bleibt oder zu spät kommt. Die Mscheibenbe Abstimmung findet voraussichtlich Dienstag den 14. März, kurz nach 1 Uhr, statt. Wer sich also mit der f Öffnung begnügt, es werde am Dienstag noch zu langen Debatten kommen und die Abstimmung erst am Mittwoch htifinben, wird bei feiner verspäteten Ankunft die Sache Icreitö entschieden finden und dann die Verantwortung für lit Annahme der vollen Regierungsvorlage tragen. Daß tin Kompromiß zwischen Centrum und Regierung abgeschlossen mb dessen Annahme gesichert sei, ist eine durchaus falsche Darstellung, die Regierung besteht auf voller Forderung lach dem Entwurf, Konservative, Antisemiten, Bund der Landwirte, Nationalliberale und Freisinnige Vereinigung find bereit, alles zu bewilligen, und es wird auch vielleicht iurch das Zuhausebleiben oder Zuspätkommen eines Teils der suddeutschen Abgeordneten alles bewilligt werden. Diese Herren mögen dann auch die Verantwortung dafür tragen." Hieraus kann sich jeder das feinige entnehmen. Es ist natürlich eine Mahnung zum pünktlichen, vollzähligen Er- $einen; sollte sie in anderer Weise als Wink aufgefaßt werden, so kann die „Germania" nichts dafür, schreibt iie „T. R."
Samoa. Der „Hamb. Korresp." teilt einen Brief mit, btt von einem der angesehensten in Apia ansässigen üin.trikaner herrührt, der „die Verhältnisse auf Samoa btsfftr kennt, als alle Konsuln zusammen." In diesem Brief Men die Vorgänge auf Samoa in wesentlicher Ueberein- fiimmung mit den deutschen Berichten dargestellt, während bic amerikanischen Darstellungen sogar direkt als Lüge be-
Ausland.
Wien, 11. März. Der aus Prag zurückgekehrte Graf Thun ist heute vormittag vom Kaiser in anderthalbstündiger Audienz empfangen worden.
Prag, 11. März. Das hiesige Tageblatt versichert aufs bestimmteste, daß die Regierung entschloffen fei, ohne Rücksicht auf die Anfechtungen und den Widerspruch den Sprachen st reit im Verordnungswege aus der Welt zu schaffen, da dies die Grundbedingung für das Bestehen des Reiches und die Aufrechterhaltung des Dreibundes sei.
Lemberg, 11. März. Aus hinterlassenen Briefen ist nunmehr unzweifelhaft festgestellt, daß der Selbstmord des Direktors der Kreditbank wegen stattgefundener Unter- schleise erfolgt ist. Der Ansturm auf die Bank seitens des Publikums, welches seine Einlagen zurückfordert, ist ganz kolossal. . i
— Ein s ozialdemokratisches Friedens- Meeting. Der „Franks. Ztg." wird aus London unterm 9. März geschrieben: Tausende von englischen Sozialdemokraten hatten sich gestern abend in der St. James Hall zu einem Friedensmeeting zusammengefunden, auf dem in Gegenwart der ausländischen Svzialbernvkraten.Lieb- knecht, Jaurös und Vandervelde für den internationalen Frieden auf der Grundlage der Sozialdemokratie demonstriert werden sollte. So viele rote Hutbänder und Kravatten, die die Masse von Frauen und Männern im Saale trug, und so viele rote Fahnen mit Sinnsprüchen, welche die Wände schmückten, 'hat man selten bisher auf einer englischen sozialdemokratischen Versammlung gesehen. Viel sozialistische Litteratur wurde zum Verkauf ausgeboten, darunter auch Hyndmans Broschüren über Indien. Orgelmusik leitete das Meeting ein, und zwar wurden verschiedene Nationalhymnen gespielt. Die bekannte Melodie „Auld Lang Syne" galt für Schottland, „The Wearin' o' the Green" für Irland, der „Yankee Doodle" für die Amerikaner und die „Wacht am Rhein", die zwar überall fälschlich als deutsche Nationalhymne gilt, aber auf diesem Friedensmeeting am wenigsten am Platze schien, wurde zu Ehren der deutschen Sozialdemokraten gespielt. Dann kam die „Marseillaise" an die Reihe, und unter ihren Klängen bestiegen die Ehrengäste unter Hyndmans Führung die Plattform. Liebknecht wurde mit lautem, demonstrativem Beifalle begrüßt, ebenso Jaurös, dessen Name hauptsächlich deshalb einen guten Klang hier hat, weil sein mutiges Eintreten für die Wahrheit in der Dreyfus-Angelegenheit so allgemein bekannt ist. Der Belgier Vandervelde, der Parse und frühere Parlamentsabgeordnete Dadabhai Naoroji, der Schriftsteller Cuninghame Graham, der frühere Chefredakteur des „Daily Chronicle", A. E. Fletcher und der Führer der Gasarbeiter und allgemeinen Arbeiter Pete Curran nahmen ebenfalls auf der Plattform ihre Sitze ein. In einer kurzen Eröffnungsrede machte Hyndman die Versammlung mit den fremden Gästen bekannt. Liebknecht nannte er einen Marschall Vorwärts", der beim Anblick von London sagen rnüffe- „Was für eine Stadt, um sie aufzuwecken!" (Blücher, der erste „Marschall Vorwärts", hatte bekanntlich beim Anblicke Londons ausgerufen: „Was für eine Stadt, um sie ,u plündern!" Red.) Jaurös nannte er den größten Vorkämpfer der Gerechtigkeit für Dreyfus. Dann führte er aus daß die Sozialdemokratie viel mehr den Frieden bedeute, als das „heuchlerische Manifest des Zaren und seiner Myrmidonen", der seine eigenen aufgeklärten Unterthanen einkerkern laffe und die Freiheiten der Finländer unterdrücke. Hyndman sprach auch von Unterdrückung der Freiheit in Italien unb Deutschland, und schließlich wies er darauf hin, daß die Völker nur auf sich selbst ihre Hoffnungen bauen dürften, und daß keine Feindschaft zwischen der Bevölkerung Frankreichs und Englands ober Deutschland und Englands bestehe, welche Bemerkung mit großem Beifall ausgenommen wurde. Die ausländischen Redner, welche zur Versammlung sprechen würden, brächten nichts Gefährlicheres mit, als das Dynamit der Ideen und die Explosivstoffe der Vernunft Peter Curran brachte folgende Resolution em: Diese Versammlung von Bürgern Londons erklärt, daß die Solidarität und Brüderlichkeit der Arbeiter aller zivilisierten Länder auf der Grundlage des internationalen Sozialismus die einzige Hoffnung auf beständigen Frieden unter den Völkern bildet, und sie beschwört die industriellen Klaffen überall, allen Gegensatz gegenüber den Kameraden anderer Nationalitäten fallen zu lassen und sich zusammenzuschließen
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* Aus Studios Dasein. Studio Süffel ist gewohnt, in jedem Briefe von seinem Papa eine Banknote zu finden. Eines Tages erhält er ein vier Seiten langes Schreiben ohne die erwünschte Beilage. „Nicht schlecht", ruft Süffel aus, „jetzt scheint mein Alter auf seine alten 2age bo. Briefschreiben zu verlernen!" Megg. -öl.
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