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13.9.1899 Erstes Blatt
 
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Gießener Anzeiger

General-Unzeiger

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Gratisbeilagen: Gießener Zamrtienbtätter, Der hrUfche Kandwirt, KISttrr für hessische Volkskunde.

Abreffe für Depeschen: Anzeiger Gtetz«° Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Teil.

Beim diesseitigen Kommando ist zum 1. Oktober d. IS. die Stelle eines zweijährig-freiwilligen Schreibers zu besetzen.

Geeignete Bewerber mit sehr schöner Handschrift, guten Schulkenntnissen und tadelloser Führung wollen sich unter Vorlage eines selbstgeschriebenen Gesuchs nebst Lebenslauf alsbald hier melden. '

Junge Leute, welche später kapitulieren wollen, erhalten den Vorzug.

Gießen, den 7. September 1899.

Großherzogliches Bezirks-Kommando: F. d. b. B. K.

Monneweg, _____________Hauptmann und Bezirksoffizier._____________

Höerhesstscher Höstbauverein.

In den Räumen des Saalbaus zu Friedberg findet vom 22. bis 25. September eine Obstausstelluug für die Mitglieder des Vereinsbezirks Friedberg-Gießen des Oberhessischen Obstbauvereins statt.

Die Ausstellung umfaßt: 1. Obstsammlungen von Hoch- und Zwergstämme, 2. Einzelne Obstsorten, 3. Handelsobst, 4. Weintrauben, 5. Obst- und Beerenweine und andere Produkte der Obstverwertung, 6. Geräte.

Die auszuftelleuden Gegenstände müssen am Mittwoch, dem 20. September in der Ausstellung abgeliefert werden.

Die feierliche Eröffnung findet am Freitag, dem 22. Sep­tember, nachmittags 5 Uhr statt. An dieselbe schließt sich ein einfaches Abendessen.

Eintritt vom 22. September, nachmittags 3 Uhr ab.

Schluß Montag den 25. September, nachmittags 4 Uhr.

Anmeldungen zur Ausstellung müssen umgehend an die Geschäftsstelle des Oberhessischen Obstbauvereins gemacht werden.

Mitglieder haben für ihre Person freien Eintritt.

Nichtmitglieder zahlen am ersten Tage 50 Psg., an den übrigen 20 Pfg. Eintritt.

Gießen, den 12. September 1899.

Der Vorsitzende

des Bezirksvereins Gießen des Oberhessischen Obstbauvereins. Frhr. Schenck.

Wach dem Dreyfus-Wrozeß.

Bei der allgemeinen Erregung, die die abermalige Verurteilung des Hauptmanns Dreyfus hervorgerufen hat, ist es begreiflich, daß mau überall mit größter Spannung weiteren Nachrichten aus Paris entgegensieht. Stehen dem schwergeprüften Lande neue Stürme bevor? Wie hat die unruhige, zu Excessen leicht fortzureißende Bevölkerung der französischen Hauptstadt das Ereignis ausgenommen? Diese Fragen sind überall, auch in Kreisen, die sich sonst gern zu den unpolitischen rechnen lassen, mit regem Eifer erörtert worden. Wir glauben, uns den Dank unserer Leser zu verdienen, wenn wir ihnen auf alle die Fragen eine Antwort erteilen, eine Antwort, die beruhigend ausfallen kann, da die vielfach befürchteten Ausschreitungen in Paris unter­blieben sind und die Unberechenbarkeit der Pariser Be­völkerung sich insofern wieder glänzend bewährt hat, als sie vollständig ruhig blieb, während alle Welt sie in wilder Unruhe wähnte.

Die Stimmung in Paris.

So lange das Kriegsgericht in Rennes tagte, war der Name dieses kleinen bretonischen Ortes in aller Munde. Jetzt konzentriert sich das Hauptintereffe wieder auf die Stimmung in Paris. Die erste Aufregung ist vorüber, und auf die mehr oder weniger lebhaften Kundgebungen des Samstagabends folgte ein vollkommen ruhiger Tag. Presse und Publikum kommentieren das Renner Urteil. Allein während die Presse beider Parteien eine leidenschaftliche Sprache führt, zeigt die Pariser Bevölkerung eine über­raschend ruhige Haltung. Man hörte mit Ausnahme der nächtlichen Kundgebung nur vor der Redaktion derLibre Parole" die traditionellen RufeNieder mit Dreyfus! Nieder mit dem Verräter! Nieder mit den Juden!" Die Thatsache, daß zwei der Richter für DreyfuS' Unschuld stimmten und weiter die bei Hochverrat unbegreifliche Ge­währung mildernder Umstände hat hier viele Leute, selbst enragierte Revisionsgegner, stutzig gemacht. Im Volke konnte

man schon gestern Aeußerungen hören, welche erkennen liefen, daß man die Begnadigung Dreyfus' nicht mißbilligen würde. Das allgemeine Mitleid aber wendet sich der Gattin, den Kindern und den Brüdern Dreyfus' zu. Ein Umschwung ist nicht zu verkennen. Der bisherige Haß scheint milderen Gesinnungen Platz zu machen. Am lebhastesten interessieren die Namen der beiden Richter, welche Dreysus unschuldig fanden. Der Figaro" nennt Major Merle und Capitain Beauvais, die Lanterne" Major Breon und Capitain Beauvais,Patrie" die Majore Breon und Profilet. Am Vorabend der Urteils­fällung sah man Major Breon in der Renner Kirche auf einem Beischemel in tiefe Andacht versunken.

Sonntagvormittag kursierten Gerüchte von Manifesta­tionen, die für Nachmittag und Abend zu erwarten seien. Die Polizei traf umfassende Vorkehrungen, hatte jedoch nirgends Anlaß zum Einschreiten. Den ganzen Nachmittag regnete es tüchtig, und alle Welt blieb ruhig zu Hause.

Wie das Urteil zustande kam.

Recht interessante Details über die Vorgeschichte der Urteilsfüllung bringt dieAgence Nationale: Im Laufeder einmonatigen Verhandlung fanden drei Richter die Anklage wenig gerechtfertigt, und waren dem Freispruch geneigt. Heimliche Besucher versuchten nun die drei Richter für die Verurteilung umzustimmen, zwei blieben unerschütterlich, der dritte zögerte noch, aber Demanges Plaidoyer vom Freitag schien tiefe Wirkung auf ihn auszuüben, sodaß ein Pariser Advokat von der Generalspartei Samstag morgen den Kommissar Carriäre verständigte, daß die Gefahr eines Freispruchs drohe, woraufhin Carriöre am Nachmittage auf das Plaidoyer replicirte. Die Beratung über das Urteil dauerte sehr lange; zwei Richter beharrten auf dem Frei­spruch, der dritte, noch zögernde ließ sich den Schuldspruch durch Gewährung mildernder Umstände entreißen. Chin- cholle seinerseits erzählt imFigaro", daß man während der Mittagspause vom Samstag eine dem General Mercier befreundete Generalsfrau im Wagen jedes Mitglied des Kriegsgerichtes besuchen sah, die ihnen wahrscheinlich sagte, ihre Freunde wünschten offenbar eine einstimmige Verurtei­lung zu erwirken. Die Dame vermochte jedoch ihre Mission nicht durchzusetzen, denn zwei Richter, die sich schon am ersten Verhandlungstage gegen den Ausschluß der Oeffent- lichkeit aussprachen, stimmten auch am Samstag für nicht­schuldig. Pressens« weist in derAurore" nach, daß das Verdikt wegen eines Formfehlers der Annullierung verfalle, denn das Militärstrafgesetz befiehlt ausdrücklich, es fei im Verdikt anzuordnen, daß dem Verurteilten nach verbüßter Strafe gewisse Kontroll- und Aufenthaltsbedingungen auf­zuerlegen seien. Oberst Jouaust hat nun diese Bestimmung dem Verdikte einzufügen vergessen, das Verdikt sei daher gesetzlich fehlerhaft und nicht rechtsgiltig. Der Londoner Korrespondent desNew-York Herald" interviewte Ester­hazy; dieser sagte:Ich bin über Dreyfus' Verurteilung sehr glücklich, denn er ist tausendmal schuldig. Daß das Verdikt mysteriös, ist sür mich eine sehr gute Sache." Esterhazy bestätigte neuerdings, der Schreiber des Bordereaus zu sein, er warte die weiteren Ereignisse ab, denn die Affaire sei nicht zu Ende. Für die weiteren Fragen des Interviewers verlangte Esterhazy fünf Pfund Honorar, worauf sich der Besucher entfernte. Aus Rennes wurden am Samstag über das Verdikt 1,300,000 Worte tele­graphiert.

Die weitere Euiwickelurrg und die Folge» der Affaire.

Der weitere Gang der Dreyfusangelegenheit dürfte, wie nach einer Mitteilung der Agence Havas angenommen wird, folgender sein: Nach Einreichung des Revisions­gesuches würden die Akten sofort nach Paris, dem Sitze des Revisionsgerichts, abgehen. Die zuständige Behörde werde die Akten prüfen und sie einem von ihr zu wählen­den Berichterstatter zustellen, der einen eingehenden Bericht liefern werde. Eine zu diesem Behuse eingesetzte Kommission werde über die Begründetheit der im Revisionsgesuch vor­gebrachten Punkte entscheiden und das Revisionsgericht als- dann in letzter Instanz urteilen. Wenn dieses das Urteil des Kriegsgerichts kassiere, werde der Angeklagte vor ein neues Kriegsgericht gestellt werden, im anderen Falle müßte die erkannte Strafe volle Wirksamkeit erlangen. DasBerl. Tagebl." erhält massenhaft Zuschriften, welche gegen eine Beteiligung Deutschlands an der Pariser Weltaus­stellung protestieren. Die Agitation gegen dieselbe nimmt auch bereits seste Gestalt an. Wie das genannte Blatt erfühlt, wird in der nächsten Sitzung der Berliner Stadt-

verordneten-Versammlung der Antrag eingebracht werden, die Stadt Berlin möge von der auf der Pariser Welt-Ausstellung geplanten Sonder-Ausstellung Abstand nehmen. Nach der ,?Dosi. Ztg." ist bereits hier ein Ausschuß in der Bildung begriffen, der gegen die Beschickung der Ausstell­ung durch die deutsche Industrie und Kunst wirken soll. Einzelne unserer ersten und berühmtesten Firmen sollen bereits die Erklärung abgegeben haben, daß sie ihre An­meldungen zurückziehen.

Lemberg, 11. September. Der Petroleum-Gruben­besitzer Berkins entließ wegen des Urteils im Dreysusprozeß sämtliche frauzöfische Beamte.

New-York, 11. September. Infolge der Verurteilung Dreyfus' durch das Kriegsgericht in Rennes ist die Ab­lehnung des französisch-amerikanischen Reci- procitäts-Vertrags im Kongreß wahrscheinlich.

London, 11. September. DieTimes" sagt in einer Besprechung des gegen Dreyfus gefällten Urteils, dieses sei die größte und entsetzlichste Schändung der Ge­rechtigkeit der Neuzeit, die ganze civilisierte Welt sei da­durch vor Schrecken und Scham erzittert. Ehre und Wahr­heit seien in offenkundiger Weise, mit voller Ueberlegung und ohne Erbarmen mit Füßen getreten worden. Das Urteil sei ein Schlag ins Gesicht nicht nur für die beiden großen Mächte, welche sehen müssen, wie man sich über ihre wiederholten deutlichen Erklärungen einfach hinwegsetzt, sondern auch für das Gewissen der Menschheit. Frankreich habe sich jetzt vor der Geschichte zu verantworten. Der Standard" sagt, das Urteil sei eine grobe Beleidig­ung für Deutschland, da aus demselben hervorgehe, daß nach der Ansicht des Kriegsgerichts die deutsche Regier­ung absichtlich falsche Erklärungen abgegeben habe. Der deutsche Kaiser könne es möglicherweise ablehnen, diese Beschimpfung ruhig hinzunehmen, aber vielleicht könnte er auch mit einem Anflug spöttischer Verachtung den stillen Beschluß fassen, Frankreich noch etwas länger in seinem eigenen Fette schmoren zu lasten.

Stuttgart, 11. September. Wie sicher die Familie Dreyfus auf die Freisprechung des unglücklichen Kapitäns gerechnet hatte, beweist der Umstand, daß sie bereits eine Wohnung in Herrenalb mietete, wo sich Dreyfus in der würzigen Schwarzwaldluft erholen sollte.

Petersburg, 11. September. Die Erledigung desDreysus- Prozestes erfährt in der hiesigen Presse, entsprechend der politischen Stellung der einzelnen Blätter eine einander zum Teil gradezu widersprechende Beurteilung. Die Deutsche Petersburger Zeitung sagt, Frankreich sei eine Niederlage zugefügt worden, die größer sei als die von Sedan. Das Urteil des Kriegsgerichts koste Frankreich mehr an Ansehen als Faschoda. Die Nowosti behaupten, die Untersuchung wäre nicht leidenschaftslos geführt worden. Man habe alles gethan, um die Anklage zu verschärfen und die Ver­teidigung abzuschwächen. Für alle leidenschaftlosen Menschen, die in der Angelegenheil des unschuldigen Dreysus nur Licht und Wahrheit suchten, sei das Urteil des Kriegsgerichts durchaus nicht der Schlußakt der erschütternden Tragödie. Die Untersuchung habe deutlich die Unschuld des Angeklagten erwiesen; diese Thatsache könne kein Urteil fortschaffen. Bestimmt werde der Tag kommen, wo solches- ganz Frank­reich anerkennen werde. Der Swet dagegen schreibt, das Urteil habe deutlich die Unabhängigkeit der Vertreter der französischen Rechtspflege bewiesen. Das Blatt freut sich mit allen wahren Franzosen über den Ausgang des Prozestes und wünscht, daß der Pariser Nebel, den die Dreyfusfreunde verbreiteten, bald verschwinde.

Neunes, 11. September. General Mercier hat heute dem Obersten Jouaust einen Besuch abgestattet. Einem Journalisten gegenüber weigerte sich Jouaust Er­klärungen abzugeben, mit dem Bemerken, er habe nichts zu sagen. Der Revisionsantrag Dreyfus wird, wie derKöln. Ztg." gemeldet wird, vor dem Pariser Revisionsrat zur Verhandlung kommen. Seine Mitglieder sind der Direktor der Genieabteilung von Paris, Brigadegeneral Marcille, Oberst Courbebaiffe vom 36. Infanterie-Regiment, Oberstleutnant Lagrenöe vom 117. Infanterie-Regiment, Major Kopp vom 130. Infanterie-Regiment, Major Allard vom 74. Infanterie-Regiment, in dem Esterhazy stand. Ein Regierungskommistar und ein Schriftführer werden beigegeben. Sämtliche Mitglieder des Revisionsrates sind Offiziere oder Ritter der Ehrenlegion. Die Mitglieder des Kriegs­gerichts sind heute Nachmittag zusammengetreten, um sich über die Unterzeichnung des Gesuches schlüssig zu machen, das sich dafür aussprechen soll, Dreyfus die Strafe der Degradation zu erlassen.