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13.8.1899 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 13. August

1899

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Liweites Blatt

Heneral-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieszen.

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schlossen sei. Dem Könige von Preußen wurde der Ent­schluß schwer, und wäre die Schlacht von Langensalza nicht geschlagen, wäre nicht so viel Blut vergossen worden, so fragt es sich, ob er sich dazu entschlossen hätte. Graf Münster bat den ihm persönlich bekannten Grafen Bismarck um eine Unterredung, die am 7. August stattfand. Graf Bismarck sagte, es gehe ihm selbst jetzt manches zu rasch, er könne versichern, daß er die Annexion nicht beabsichtigt habe, daß er von vornherein die Selbständigkeit Hannovers habe achten wollen. Anfangs Mai habe er Hannover noch ein Neutralitätsbündnis angeboten ohne Reformprojekt und mit Garantie des ganzen Territorialbestandes; er habe immer gehofft, Hannover würde, wie im siebenjährigen Kriege zu Preußen halten und hätte nie glauben können, daß es solche vorteilhafte Anerbieten hätte ausschlagen können . . . Der König von Hannover habe keine Ge­legenheit versäumt, seinem Hasse gegen Preußen Luft zu machen und habe jede Verhandlung unmöglich gemacht. Graf Münster meinte, Bismarck möge von der Person des Königs absehen, es handle sich um das Schicksal einer der ältesten Dynastien in Europa, er möge die Abdankung des Königs verlangen und erklären, er wolle nur mit dem Kronprinzen verhandeln. Graf Bismarck erwiderte, er habe diese Idee auch gehabt, habe auch den König darum in Wien sondieren lassen, indessen wie immer die Antwort erhalten: ein Welf könne sich unter einen Hohenzoller nicht beugen. Graf Münster stellte dem Grafen Bismarck noch einmal vor, daß es auch im Interesse Preußens liege, einen 2 000 000 Seelen starken Stamm sich durch ein Bündnis zum Freunde zu machen, statt ihn durch plötzlichen Ueber- gang sich zu verfeinden, die antipreußische Stimmung habe von jeher bestanden und existiere auch jetzt noch. Für einen engen Anschluß an Preußen seien aber, da die Bundesverhältnisse nicht mehr zu halten, auch diejenigen, die es früher nicht gewesen wären, jetzt entschieden, für die Annexion niemand. Auf Münsters Anfrage, ob Se. Majestät und das Ministerium die Annexion schon bestimmt und formell beschlossen hätten, sagte Bismarck ja. Alsdann

es mir aufgefallen, wie wenig umfangreich die Sprachkennt­nisse der gebildeten Finnländer sind und wie geflissentlich sie es vermeiden, auch nur zu verraten, daß sie vielleicht Deutsch oder gar russisch verstehen.*) Die beiden Sprachen sind, wie ich überzeugend wahrnehmen konnte, den Finnländern nicht nur unbekannt, sondern sie lieben sie auch nicht. Sie sind wie die Engländer und halten jedermann für un­gebildet, der ihre schwedische oder finnische Muttersprache nicht kennt. Indes, mit dem Französischen war ich bisher doch ganz gut durchgekommen, hier aber versagte auch das Idiom der grande nation. Da ich's nun für unmöglich hielt, in einem civilisierten Lande gegenüber einem offenbar gebildeten Menschen nicht einen Sprachlaut ausfindig machen zu können, der Halbwegs eine Verständigung ermöglichte, erkundigte ich mich mit der Schüchternheit, die mir meine eigene mangelhafte Kenntnis auferlegen mußte, ob der Herr- Pfarrer vielleicht englisch verstehe. Er schüttelte wiederum den Kopf, eine gewisse Röte peinigender Unbeholfenheit stieg in seinem Gesichte auf, und er murmelte einige Worte, die offenbar finnisch waren, denn sie erinnerten mich an das Esthnische in meiner Heimat Livland. Froh, vielleicht doch noch eine Brücke sprachlicher Verständigung zu finden, begann ich esthnisch zu sprechen. Und siehe da! Die Miene meines Gegenüber klärte sich ein wenig auf. Zwar sind finnisch und esthnisch sprachlich etwa so verschieden, wie hochdeutsch und holländisch, aber ein gewisser Wortschatz ist beiden ver­wandten Idiomen doch noch gemeinsam, sodaß mit Hilfe von Gesten eine Unterhaltung immerhin möglich ward. Und als ich dann auf den Gedanken kam, einige lateinische Brocken einzuflechten, da war mein Landpfarrer ein solcher war es ganz entzückt, und ich muß beschämend gestehen, daß er die Sprache der alten Römer recht fließend redete, während ich unzählige Stoßseufzer an den heiligen Zumpt richten mußte, um mit Hilfe meiner Schulennner- ungen an seine Lehren nur einigermaßen Rede und Antwort stehen zu können.

Wir radebrechten über Finnlands Gegenwart und Zu­kunft. Ich gewann ein ziemlich klares Bild von der Selbst­verwaltung des Landes, von der Vierkammer-Verfassung, in der die Adelskammer mit 100, die Geistlichkeit mit 37,

«) Eine Ausnahme machen vielleicht nur die Großindustriellen und Grotzkaufleute, die natürlich in den modernen Kulturfprachen bewandert sein müssen.

haben, hat die Reise des französischen Ministers des Aeußern De lc ässe nach Rußland viel Beachtung gefunden. Alle daraus gezogenen Schlüffe sollte man aber vorsichtig auf­nehmen, da es sich bei der Reise scheinbar hauptsächlich nur um eine Erwiderung des Besuchs Muraviews in Paris handelt.

' Daß Rußland gesonnen ist, eine Art Oberaufsicht in Ostasien auszuüben, geht daraus hervor, daß es in Peking Vorstellungen erhoben hat gegen das beabsichtigte chinesisch­japanische Bündnis. Welchen Erfolg dieser Protest haben wird, besonders bei Japan, läßt sich noch nicht ermessen; käme die chinesische Regierung allein in Betracht, so würde sie sich jedenfalls fügen.

In England ist das Parlament geschlossen worden, nicht ohne daß noch vorher ernste Drohungen gegen Trans­vaal ausgestoßen worden seien. Der britische Löwe erhebt seine Tatze gegen eine Fliege!

WenrUch die in Rennes stattfindenden Verhand­lungen im Dreyfus-Prozesse noch immer die Augen der Welt auf sich lenken, so beginnt doch das Interesse vorläufig zu erlahmen, da man bezüglich der Freisprechung Dreyfus' sich keinen Zweifeln hingiebt. Größere Spannung erregt das Auftreten Merciers in den nächsten Tagen und der übrigenKronzeugen", die die Verurteilung des Kapitäns auf de n Gewissen hatten. Man nimmt an, daß noch viel Unrat zu Tage gefördert werden wird. (xx)

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1 Dänemark verwendet.

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monatlich 75 Pfg mit Bringerloh».

Bei Postbezug R Mark 50 P^. »ierteljährlich

Deutsches Reich.

M.P.C. Berlin, 10. August. Der jetzt in den Fürsten­stand erhobene Graf Mün st er, der Nachfolger Hohenlohe's auf dem Pariser Botschafterposten ist bekanntlich Hanno­veraner. Im August 1866, als bekannt wurde, daß Hannover annektiert werden würde, ging Graf Münster teils im Auftrage seiner Standesgenossen, teils der Königin Marie nach Berlin, um dort im Interesse des Welfenhauses zu wirken. Er erfuhr dort, daß die Annexion fest be-

Politische Wochenschau.

Die Anwesenheit des Kaisers in Dortmund bei der Einweihung des Dortmund-Ems-Kanals stand im Laufe der letzten Woche im Vordergründe des Interesses. Der Monarch hat durch sein Erscheinen bei der Feier allein schon beur­kundet, welch hohen Wert er dem vollendeten Werke nicht nur beimißt, sondern welche Bedeutung für ihn der Mittel­landkanal hat, der als eine Fortsetzung der eben eröffneten Strecke anzusehen ist. Uns erschien es von jeher nicht an­gemessen, daß der Ausbau des Kanalsystems, das doch dazu bestimmt ist, die Verkehrsinteressen zu fördern, und der All­gemeinheit zu dienen, zum Ausgangspunkt von politischen Agitationen gemacht worden ist. Wir stehen im Zeichen des Verkehrs, und da will man verhindern, daß Verkehrswege geschaffen werden?

Nicht geringe Aufmerksamkeit hat man der Ernennung des deutschen Botschafters in Paris Grafen Münster zum Fürsten von Derneburg zugewendet. Kundige wollen darin eine neuerliche Bestätigung dafür sehen, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich die besten sind, und zu einem erfreulichen Ausblick in die Zukunft Anlaß geben. Es ist ja zu hoffen, daß das, was Graf Münster in Paris gesäet hat, nämlich Frieden und Versöhnung, im Laufe der Zeit hundertfältig aufgehen wird. Der Botschafter konnte fieilich besonders deshalb so erfolgreich wirken, weil er die Leberzeugung hegen durfte, daß der Kaiser die eingeschlagenen Bahnen billigte und die gleichen Wege wandelte.

In der letzten Woche war wieder viel von einem be­absichtigten Besuche des Kaisers in England die Rede. Veranlassung hierzu gab wohl die Meldung, daß zwischen Wilhelm II. und der Königin von England Handschreiben ausgetauscht worden seien.

Aus der Thatsache, daß die britischen Blätter immer wieder den Besuch anregen, kann man übrigens ersehen, wie hohen Wert man darauf jenseits des Kanals legt.

Wie wir schon in einem besonderen Artikel dargethan

wenigen Minuten auf irgend ein wüstes, kleines, tannen­bedecktes Eiland fahren zu lasten, und von dem höchsten Punkte desselben aus, umgeben von lautloser Stille, einsam und allein stundenlang Umschau zu halten, Robinson Crusoe inmitten höchster Zivilisation, bis der schrille Pfiff der Dampfpfeife das Nahen des Schiffchens kündet, das einen b«r Weltvergessenheit wieder entreißt und in unglaublich kurzer Zeit dem vollen Pulsschlage westeuropäischen Lebens ^uf^Von Helsingfors aus hat der Reisende die Möglichkeit, auf der finnländischen Eisenbahn in raschem Fluge nach Osten auf der Linie Wyborg-St. Petersburg, oder nach Nordwesten auf der Linie TawastehuusTammerfors Uleaborg zu fahren. Ich schlug die erstgenannte Richtung ein, um zur größten Sehenswürdigkeit des Landes, dem Jmatra, zu gelangen. Bis zur Station Riihimäki laufen diese Linien zusammen; dort trennen sie sich, um fast in einem stumpfen Winkel auseinanderzugehen.

Wie prächtig fährt es sich auf der finnischen Eisen­bahn, der einzigen Bahn im heiligen Rußland, auf der ein anständiger Mensch auch dritter Klasse reisen kann! Auf hartem Granitboden, auf eisernen Brücken über Schluchten und Flüßchen, in kurze Tunnel hinabtauchend, geht es glatt und geräuschlos dahin, sodaß von dem Schwanken und Lärmen gewöhnlicher Eisenbahnen garnichts zu merken ist: es ist, als rutsche man pfeilschnell über Parquet dahin! Der Blick auf die vorüberfliegende Gegend ist anziehend, aber er bietet, nachdem man die ersten Eindrücke in sich ausgenommen hat, wenig Neues, Ab­wechselndes; der Charakter des Landes ist überall der­selbe, nur die Dimensionen wechseln. Das zeigt sich auch sonst im Lande, ob man es im Norden oder Osten oder Westen bereise.

Ich begann mich deshalb für meine Mitreisenden zu interessieren. Mir gegenüber, am Fenster des Waggons, saß ein ehrwürdiger Greis, dessen Aeußeres auf einen Pfarrer schließen ließ. Ich eröffnete ein Gespräch mit ihm in deutscher Sprache, erhielt aber auf meine Frage, wie lange wohl die Fahrt bis Wyborg dauern würde, nur ein Kopfschütteln, das soviel wie das bekannte holländischeKann nit verftahn!" bedeuten sollte. Ich that meine Frage nun auf französisch dasselbe Kopfschütteln. Ich fragte russisch keine Antwort. Sonderbar! Schon in Helsingfors war

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Feuilleton.

AasLand der tausend Seen".

Reise-Erinnerungen von Erwin Bauer.

(Nachdruck verboten.)

II.

Auf der firruläudischen Eisenbahn nach Wyborg. Die Umgebung von Helsingfors. In den Skären. Die flnnländische Eisenbahn. Sprachkenntnifse der Finnländer. Eine interessante Unterhaltung. Finnlands Staats- Verfassung. Wyborg. Der Segen der deutschen Kultur. Die Wunder vonMonrepos". Ein letzter Blick auf Wyborg.

Der Saima-Kanal.

Die Umgebung von Helsingfors ist schön und eigen, aber nicht so großartig wie die Landschaft im Osten und Nordosten des Landes; hier walten in der Hauptsache noch ungeschwächt die Kräfte und Gebilde der Natur, während um Helsingfors, wie überhaupt im Westen Finnlands, überall die Menschenhand verbessernd, ausschmückend, künst­lerisch und wirtschaftlich schaffend und die Naturschöpfungen verkleinernd emgegriffen hat. Sehr interessant ist immerhin eine Fahrt in den sogenannten Tierpark, eine Alpen­landschaft im kleinen nördlich von Helsingfors, mit präch­tigen Anlagen, mühsam zu ersteigenden Aussichtspunkten und einem hoch gelegenen, im Schweizerstile gehaltenen Restaurant.

Der Hauptreiz in dieser Gegend bleibt indes das Meer, und eine Fahrt durch die Skären auf den kleinen Dampf- booten, die vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hiinein das Jnselgewirr durchkreuzen, ist ungemein lohnend. Diese Skären sind nämlich durchaus nicht überwiegend kahle »der doch unbewohnte Granitfelsen mit spärlicher Vege- t.aiion; die größeren derselben sind vielmehr mit kräftigem Walde und einer bunten Flora bedeckt und dienen den vornehmen Bewohnern von Helsingfors als herrlich ge­legene, kühle Villeggiaturen in dem kurzen, aber heißen Sommer. Ich habe auf diesen Inseln schloßartige Villen mit Park- und Blumenanlagen und Kolonien für Sommer- snischler gefunden, die sich mit ähnlichen Kolonien und Willen überall in der Welt messen können. Besonders reizvoll aber ist es, sich von diesen bewohnten Inseln in

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