Ausgabe 
13.8.1899 Erstes Blatt
 
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Wt. 189 Erstes Blatt.

Sonntag den 13 August

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Feil.

Bekanntmachung.

Betreffend: Schießübungen.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß das in Nr. 186 und 188 dieses Blattes bekannt gemachte Schießen seitens des Infanterie-RegimentsKaiser Wilhelm" Nr. H6 iw Gelände bei Groß-Rechtenbach am 14., 15. vad 16. l. Mts. ausfällt.

Gießen, am 11. August 1899.

Großh. Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Bekanntmachung.

In der Gemeinde Werdorf, Kreis Wetzlar, ist in sieben Gehöften, in Dillheim und Greifenstein, Kreis Wetzlar, in je einem Gehöfte dieMaul- und Klauenseuche" festgestellt worden.

lieber den ersten Ort ist Gemarlungssperre verhängt, in den beiden anderen Gehöftssperre angeordnet worden.

In mehreren Gehöften zu Frechenhausen, Kreis Biedenkopf, ist unter dem Rindvieh dieMaul- und Klauen­seuche" festgestellt und Gemarkungssperre angeordnet worden.

Gießen, den 11. August 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung,

bett.: den Viehmarkt zu Gießeu.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche in weiteren Umkreisen ausgebrochen ist, wird hiermit der auf Diens­tag den 15. und Mittwoch den 16. ds. Mts. A orgesehene Viehmarkt zu Gießen verboten.

Gießen, am 12. August 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Auf Grund des § 3 der Verordnung vom 2. Sep­tember 1893 haben wir mit Rücksicht auf den Stand der Ernte und der Weinberge das Ende der Heegzeit der Feldhühner und Wachteln in den Provinzen Starkenburg, Rheinhessen und Oberhessen mit Ausnahme der Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten auf den 20. August l. Js. festgesetzt.

Für die Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten behält es bei der allgemeinen Bestimmung, wonach die Heegzeit der genannten Wildarten am 31. August endigt, sein Bewenden.

Darmstadt, den 9. August 1899.

Großherzogliches Ministerium des Innern.

In Vertretung:

Emmerling. v. Starck.

Gesunden: 1 Portemonnaie ohne Inhalt, 1 Me­daillon, 1 Spitzenshawl, 1 Buch, 1 Geldsäckchen, 1 Regen­schirm, 2 Paar Handschuhe, 5 einzelne Manschetten, 1 Schuh- leist, 1 Hundehalsband und 1 Waage von einem Wagen.

Gießen, den 12. August 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

_______________Muhl._________________

Deutsches Reich-

Darmstadt, 11. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog werden sich, begleitet von Kabinettsrat Nömheld, am Sonntag nach Bayreuth zum Besuche der Festspiele begeben und gedenken am 17. wieder von dort ;mrückzukehren.

Berlin, 11. August. Der Kaiser wird, wie ein Tele- g.ramm aus Kassel meldet, am Dienstag auf dem dortigen Ariedrichsplatz die Parade über die Kasseler Garnison genehmen.

Berlin, 11. August. Nach einer telegraphischen Meldung b'trBert. Reuest. Nachr." aus London ist der Besuch d>es Kaisers bei der Königin Viktoria vorläufig «Ulf den 15. November festgesetzt.

Berlin, 11. August. Der Kaiser erhielt ein eigen- ;ändiges Schreiben des Präsidenten Mae Kinley, worin tiefer seine ganz besondere Freude ausspricht, daß der Ge- andte in Luxemburg, Mumm von Schwarzenstein, der in Washington noch aus seiner früheren Thätigkeit in bestem Andenken steht, mit der Vertretung des beurlaubten Bot- chasters v. Holleben beauftragt wurde.

Berlin, 11. August. Der Kaiser ist heute früh, von Kasfel kommend, in Rauxel bei Dortmund angekommen. In seiner Begleitung befanden sich Oberhofmarschall Graf Eulenburg, der Chef des Militärkabinetts v. Hahnke, der Generaladjutant v. Plessen und der Vertreter des Aus­wärtigen Amts Graf Wolff-Metternich. Reichskanzler Fürst Hohenlohe, die Minister Thielen, Frhr. v. Hammerstein und Frhr. v. d. Recke, sowie die Vertreter der Behörden empfingen den Kaiser. Im Pavillon, zu dem sich der Kaiser im Wagen begab, fand der Empfang durch die Kanal­kommission statt. Alsdann besichtigte der Kaiser das große Hebewerk, worauf die Fahrt nach Dortmund fortgesetzt wurde. Der Dortmunder Hafen, wo die Ankunft um 9*/< Uhr erfolgte, war reich dekoriert. Als der Kaiser nahte, wurden mehrere tausend Brieftauben aufgelassen, ein Posaunenchor erklang und Böllerschüsse ertönten. Nach der Begrüßung des Oberbürgermeisters Schmieding begann die Einweihungsfeier. Auf die Ansprache des Oberbürger­meisters erwiderte der Kaiser, daß er gern früher gekommen wäre; die Sorge um seine Gemahlin habe ihn aber zurück­gehalten. Der soeben eröffnete Kanal erscheine als ein Teilwerk; er und die Regierung seien fest und unerschütter- llch entschlossen, weiter zu gehen; er hoffe, daß die Volks­vertretung noch in diesem Jahr ihn in die Lage dazu ver­setzen werde. Die Rede des Kaisers wurde mit stürmischen Bravorufen entgegengenommen. Hierauf überreichte Baurat Mqthies dem Kaiser eine auf den Kanalbau bezügliche Denkschrift. Mit Gesang schloß die Feier. Der Kaiser fuhr unter brausenden Hochrufen zu Wagen zurDort­munder Union". Nach IVsstündigem Aufenthalt daselbst fuhr der Kaiser zum Alten Markt, wo er das renovierte Rathaus besichtigte. Im Festsaale begrüßte der Ober­bürgermeister den Kaiser nochmals und überreichte den Ehrentrunk in einem goldenen Pokal. Nachdem der Kaiser­aus die Begrüßungsrede des Oberbürgermeisters geantwortet hatte, unternahm er eine Fahrt durch die Stadt. Ueberall wurde der Kaiser von einer zahlreichen festlich gestimmten Menschenmenge jubelnd begrüßt.

Berlin, 11. August. Außer derNationalztg." be­sprechen auch mehrere andere Abendblätter die heutige Kund­gebung des Kaisers in Dortmund. Von den konservativen Blättern äußert sich derReichsbote" dahin, daß die Ver­antwortung der konservativen Partei unter den obwaltenden Umständen eine schwere sei. Denn bei einer Ablehnung der Vorlage müsse auch mit einer eventuellen Auflösung des Abgeordnetenhauses gerechnet werden. Unter diesen Um­ständen bleibe erwägenswert, ob die konservative Partei, so­weit sie oppositionell ist, nicht am patriotischsten und klügsten handle, wenn sie gegenüber der kommenden parlamentarischen Abstimmung über die Kanalvorlage abseits träte und sich der Stimme enthielte. DieGermania" meint, es lasse sich heute noch nicht ermessen, welche Wirkung die ent­schiedene und unzweideutige Willensmeinung des Kaisers auf die Parteien ausüben werde. Wenn man aber bedenkt, daß die Opposition gegen den von der Regierung eingebrachten Entwurf hauptsächlich in der konservativen Fraktion bestehe, so dürfe man wohl annehmen, daß die Worte des Kaisers die Aussichten der Annahme des Mittelland-Kanals gebessert haben. DasBerliner Tageblatt" sagt: Mit der Aus­sprache des Kaisers sei der Verschleppungstaktik ein Ende gemacht und die Bevölkerung wisse nunmehr, daß der preußische Landtag in wenigen Tagen über die Frage:An­nehmen oder ablehnen?" zu entscheiden hat. DieVoss. Zeitung" findet es auffallend, daß der Finanzminister v. Miquel wegen dringender Geschäfte zu der Einweihung des Dortmund-Ems Kanals nicht erscheinen konnte. Daraus werde man Schlüffe auf die Lage der inneren Politik ziehen müssen.

Berlin, 11. August. Prinz Heinrich von Preußen wird, wie aus Kiel gemeldet wird, im Herbst das Kom­mando des ostasiatischen Kreuzer-Geschwaders abgeben und die Heimreise antreten. Die Ankunft des Prinzen in Kie wird im Dezember erwartet. Das Prinzenpaar sieht einem freudigen Familienereignis für Weihnachten entgegen.

Berlin. H. August. Der Finanzminister v. Miquel trifft schon heute wieder hier ein. Er hat die Einladung des Magistrats von Dortmund zur Teilnahme an der Feier

der Einweihung des Dortmund-Ems-Kanals wegen dringender Geschäfte ablehnen müssen. (!)

Berlin, 11. August. Dem Abgeordnetenhause ift vom Minister der öffentlichen Arbeiten und vom Justiz­minister noch eine neue Vorlage zugegangen, nämlich der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Bestrafung von Zu­widerhandlungen gegen die Vorschriften über die Erhebung von Verkehrsabgaben. Das Gesetz soll schon am 1. Januar 1900 in Kraft treten.

Berlin, 11. August. DemBerliner Tageblatt" wird aus Rennes telegraphiert: Der Advokat Demange, über den Verlauf der geheimen Sitzung befragt, erklärte, die Verteidigung habe nur Ursache, zufrieden zu sein. Ganze Packete von je 10 bis 20 Briefen, welche das Dossier ent­halte, habe der Präsident ohne weiteres als absolut wertlos beiseite geschoben. Die Verteidigung habe erklärt, sie trete für jetzt in keine Diskussion des Dossiers ein und reserviere sich alle Stücke für die öffentliche Verhandlung und die Plaidoyers. Der Präsident hat dagegen keinen Einspruch erhoben. Darüber befragt, ob das Dossier wirklich so scheußliche Pikanterien enthalte, wie behauptet worden sei, entgegnete Demange, das Dossier enthalte einige kleine Cochonnerien. Das Gerücht, wonach Esterhazy an ihn ge­schrieben habe, dementiert Demange.

Berlin, 9. August. Fürst Münster führt in Zukunft den Namen eines Fürsten von Derneburg. Derneburg ist ein Besitztum des Grafen Münster im Regierungsbezirk Hildesheim. Graf Münster besitzt nach derKreuzztg." Rittergut Ledenburg, Dornum, Derneburg, Binder, Antens­burg und Kniestedt, 1., 2. und 3. Anteils, sämtlich in der Provinz Hannover. Betreffs der Familienverhältnisse des Botschafters ist hervorzuheben, daß er in erster Ehe mit der verw. Fürstin Alexandrine Dolgorukow, geb. Fürstin Galitzin, vermählt war, aus welcher Ehe zwei Söhne und zwei Töchter entsprossen sind. Der älteste Sohn, Graf Ernst Adolf, geb. 5. August 1856 zu Derneburg, ist seit 3. Mai 1885 mit der Prinzessin Melanie Ghika vermählt, aus welcher Ehe ein Sohn, Ernst Wladimir, am 18. Mai 1886 geboren ift. Auch aus der Ehe des zweiten Sohnes, Grafen Alexander, mit der Lady Muriel Hay aus dem Hause der Earls Kinnoull, ist ein Sohn geboren, so daß der Fürstentitel nicht dereinst mit seinem nunmehrigen Träger erlöschen wird. Die älteste Tochter, Gräfin Marie, geboren am 1. Juli 1848, ist unvermählt geblieben. Sie ist durch die Freundschaft der Kaiserin Friedrich ausgezeichnet, leitet den Haushalt ihres Vaters und ist bekanntlich von der Pariser Schmutzpreffe gelegentlich des Dreyfusprozesses in gemeinster Weise beschimpft worden. Die zweite Tochter, Sophie, geboren den 16. Mai 1851, ist die Gemahlin des Generalmajors z. D. v. Beneckendorf und Hindenburg zu Berlin. Fürst Münster hatte sich im Jahre 1865 zum zweiten Male mit einer englischen Dame vermählt, die ihm bereits nach zwei Jahren durch den Tod entrissen wurde, Kinder aus dieser Ehe existieren nicht.

Beschäftigung von Schulkindern. Der Stadtrat zu Gera hatte vor einiger Zeit eine Verordnung erlassen, wodurch den Schulkindern jede Arbeit vor dem Beginne des Schulunterrichts verboten wurde. Auf Grund dieser Verordnungen wurden Bäckermelfter, die trotzdem ihre Backwaren weiter durch schulpflichtige Kinder austragen ließen, mit Geldstrafe belegt. Einer der Bestraften bean­tragte richterliche Entscheidung. In letzter Instanz hat das Oberlandesgericht Jena den Bäcker freigesprochen, weil die Polizei kein Recht habe, in die freie Verfügung über die freie Zeit der Schulkinder einzugreifen, zumal deren Be­schäftigung durch Reichsgesetz geregelt werde.

Eine Hetzrede an die Dienstmädchen hat sich in der letzten Dienstbotenversammlung die bekannte Frau Lily Braun geleistet. Nach einem Bericht desVor­wärts" sagte die Dame ungefähr folgendes:Es ist hier manches gegen die Herrschaften gesagt worden, aber alle diese Reden Hangen aus in ein Loblied auf die guten Herr­schaften. Ich gebe zu, daß es Herrschaften gibt, die es mit ihren Dienstboten gut meinen, aber so lange die Gesinde­ordnung besteht, kann es den Dienstboten wenig helfen, wenn es hier und da gute Herrschaften gibt. Sie wünschen eine Verbesserung der Gesindeordnung. So ein Ding läßt sich nicht verbessern, es muß beseitigt werden. (Bravo !) Die Bewegung für die Besserstellung der Dienstboten ist durchaus berechtigt, aber wenn die Bewegung Erfolg haben soll, dann darf sie sich nicht auf Harmonieduselei gründen. Eine Harmonie zwischen Herrschaft und Dienstboten gibt es ebenso wenig, wie eine Harmonie zwischen Unternehmer und Arbeiter. Soll Ihr Verein etwas erreichen, dann muß er