Ausgabe 
12.12.1899 Drittes Blatt
 
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Dienstag den 12 Deeember

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Drittes Blatt

Kiehener Anzeiger

Keneral-Anzeiger

Zlints- ur.b Zlnzeigeblcrtt für den Kreis Meszen

monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

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Erscheint ILgkich mt Ausnahme de» Montag».

Die Gießener Aamikienßcälter »erden dem Anzeiger »Schmllich viermal betgelegt.

Jittrratur.

+ Eiu Jubiläum. Wenn die heutige Generation die Schmierig' feiten nicht mehr kennt, mit denen noch vor einigen Jahrzehnten der ge­samte Handelsstand zu kämpfen hatte, sobald es sich darum handelte, irgend eine Erkundigung an einem auswärtigen Platze, sei es eine.Kredit- auskunft, sei es die Adresse eines Anwalts, Spediteurs oder Bankhauses einzuz'ehen, so verdankt sie dies in erster Linie einer Idee, welche vor jetzt 25 Jahren von einer damals noch kleinen Hamburger VerlagSsirma verwirklrcht worden ist. Mit vielen Mühen wurde damals nach Jahr und Tag ein Merkchen zusammengesttllt, das auf 192 Seiten dem Kauf­mann zum erstenmale das Material in die Hände legte, sich direkt an auswärtigen Plätzen informieren zu können. Diese Betrachtungen kommen uns heute, wo uns die Jubiläums-Ausgabe jenes Buches, d h. der fünfund zwanz tg ste Jahrgang von C. R e g e n h a rd t L Geschäftskalender für den Weltverkehr 1 900 vorliegt, der auch dieses Jahr pünktlich, wie immer, erschienen ist Wir erinnern uns noch des kleinen Büchleins, das damals auf besagten 192 Seiten sich zunächst nur mit 2240 Orten und 9530 Firmen befaßte. Heute enthält dasselbe auf 376 Seiten 14 0(0 Orte und gegen 60 000 Firmen. Die heutige Verbreitung des Buches und das geradezu erstaunliche Wachsen seines Umfanges und seines Inhaltes sind ein Beweis dafür, wie notwendig das Buch gewesen ist und wie sehr es sich in Handels kreisen eingebürgert hat. Wir können es uns nicht versagen, die Ver- lagsanstolt zu ihren weitgeh-nde Erfolgen auf das herzlichste zu beglück­wünschen und unseren Freunden den E Regenhardt'schen Geschäftvkalender auf das angelegentlichste zu empf.hlen; den geringen Preis von 2.80 Mk. wird es hundertfach lohnen

Die von uns kürzlich erwähnte ^Illustrierte Geschichte de« Reuuzehuten Jahrhunderts* (Union Deutsche Verlaosgesellschaft in Stuttgart) hat einen großen Erfolg zu verzeichnen. Von Lieferung zu Laserung mehrt sich die Zahl der Abnehmer dieses glänzend aus­gestatteten und allgemein verständlich geschriebenen Werkes. In den neuesten Abschnitten führen uns prächtige Illustrationen in packendster und lebendigster Weise die großen Schlachten des Deutschen Befreiungs- krieges vor bie Augen und schon diese Bilder allein sind es wert, dast man die geringe Ausgabe der Anschaffung der bereits erschienenen Hefte (ä 25 Pfg ) nicht scheut.

Nützliche Weihnachts-Geschenke bereiten stets Freude, deshalb versäume niemand, 1 Karton ä 3 Stück (Mk. 1,50) der in allen Familien so sehr beliebten Pat. Myrrholin-Seife zu kaufen; dieselbe ist ein Produkt ersten Ranges und unübertroffen an Feinheit und vorzüglichen Eigenschaften zur Haut- und Schönheitspflege. Ueberall, auch in den Apotheken, erhältlich; nach Orten ohne Niederlage versendet die Myrrholin-Gesellschaft m b. H. in Frankfurt a. M. zwei Kartons franko gegen Nachnahme von Mk. 3.. 7563

Arbaklion, Expedition und Druckerei:

Achnkstraße Nr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Famiiienblütter, Der hessische Landwirt, Dlätter für hessische Volkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße».

Fernsprecher Nr. 51.

Eine Auseinandersetzung.

Von Adolf Willkomm.

(Schluß.)

Ich kann den Gegensatz von Lesehalle und Volks­bibliothek, der notwendigerweise jetzt noch besteht, auch so ausdrücken: Lesehalle bedeutet: unbedingte Achtung vor dem Menschenwesen als solchem, geistige Aufhebung von äußeren Machtunterschieden, Standes- und Vermögensunter' schieden. Volksbibliothek bedeutet: bedingte Achtung vor dem Menschenwescn, geistige Begründung und Sanktio­nierung von äußeren Machtunter senden.

In der Lesehalle gilt allein der Mensch mit seinem Drange nach Auslebung, Welterfassung, in der Volks« bibliothek gilt des Menschen Kleid, (Stand, Einfluß, Ansehen), das je nach seiner besseren oder geringeren Art jenen Drang entweder fördert oder unterdrückt.

Lesehalle ist ein Gedanke der Menschheit, Bolksbibliothek ist ein Gedanke der Kaste, des Geistes der Zerklüftung, denn sicherlich: wer vonVolkS"bibliothek redet, will zumeist nicht selber zu demVolke" gehören, das er meint.

Zu Ehren wird der NameVolksbibliothek" erst wieder d a kommen, wo einmal eine allgemeine Bildungs-- bibliothek wirklich vom Volke als der einen Ge­samtheit gegründet und erhalten wird, nicht mehr nur oder vorwiegend von einer Volksklasse, einer Partei. Gewiß werden mir jetzt auch diejenigen, die andere Ansichten hierüber haben, meine freiere Meinungsäußerung nicht ver­übeln, da ich ja jetzt ohne Einfluß auf die hiesige Anstalt bin.

In dem Bewußtsein, hier in Gießen einer allge­meinen Bildungsbibliothek zu dienen, habe ich nun auch die größeren Schüler als notwendigen Bestandteil des Lesehallenpublikums betrachtet, und es haben immer die menschheitlichen Erwägungen bei mir obenan gestanden. Ich habe cs für gut gehalten und muß es für gut halten, daß die Lehrlinge des Wissens mit den Lehrlingen des Hand­werks mit Bewußtsein an derselben Quelle schöpfen und Freunde werden, sodaß der Geist der Zerklüftung möglichst früh schon einem besseren Geiste das Feld räumen muß. Ob die Schüler oder sonstige Besucher der Lesehalle außer­halb dieser noch Sonderbibliotheken zur Verfügung haben, danach hat die Lesehalle gar nicht zu fragen, diese Frage würde nur dem Verteidiger der Sonderbibliotheken zustehen, denn der letzte Zweck in der Lesehalle ist ja eben nicht das Bücherlechen und -lesen, sondern das ernstgemeinte Dort-Vcrkehren. Mir scheinen Sonderbibliotheken zu allgemeinen Bildungszwecken nicht so sehr durch ihren Inhalt, als schon durch ihr Vorhandensein dem Geiste der Zerklüftung zu dienen; als das allein Zeitgemäße er­scheint mir:

in jeder Stadt, in jedem Dorfe die vorurteilslos und mit künstlerischem Geschmack zusammengestellte, auch mit Nach­

bildungen von Kunstwerken und mit Musikalien ausgeftattete, sich stetig neu bildende Lesehalle, Universalbibliothek, mit der nötigen Anzahl von Filialen, verwaltet und bedient von vorurteilsfreien, sach und verkehrskundigen Leuten, dabei aber, aus moralischen Gründen, möglichst seltene Trennung von Kindern und Erwachsenen, viel­mehr in der Ausleihe alles durcheinander, und möglichst lange Ausleihezeit!

Schülerbtbliotheken werden dann so gut wie Volks­bibliotheken und ähnliches wohl allmählich überflüssig wer­den. Hoffnung habe ich allerdings wenig, daß sich die deutsche ZerklüftungS- (Vereins- und Partei)-sucht zu so etwas aufschwingen können.

So ist meine Ansicht in der Lesehallenfrage, und so ist sie während meiner hiesigen Thätigkeit recht geworden. Sollten sich nun, wie es mir scheint, die pädagogischen Bedenken gegen meine Zulasiung von Schülern auch auf die älteren Schüler erstrecken, (Heimliches Lesen) Suchen nachunerlaubter" Lektüre!) so würde ich nicht gut ver­stehen, warum man dieselben Bedenken nicht auch bei den Lehrlingen und bei den jungen Mädchen hätte und nicht auch diese in die pädagogische Fürsorglichkeit mitein und aus der Lesehalle mit aus schlösse, so gänz­lich andere Wesen sind doch die Schüler nicht, daß man sie sogar in der Lesehalle so absonderlich behandeln müßte. Warum also nicht gleich eine Bibliothek nur für ganz Erwachsene vielleicht einmal für eine gewisie Zeit deutlich ankündigen?

Das würde doch vom Standpunkte der noch all­gemein anerkannten Sonderbestrebungen ganz gut möglich und recht sein.

Und zweitens: eine Schule ist eine Lesehalle ja nicht, noch ist sie eine Gehilfin oder Fortsetzerin der Schule, (Ausführerin von Schulbestimmungen), sondern sie ist, da jeglicher äußere Zwang und fast jede pädagogische Bevor­mundung wegfällt, etwas Andersartiges, und der Bibliothekar ist kein Lehrer. Ich wenigstens würde eine allgemeine Bibliothek niemals besuchen, in der ein anderer Ton herrschte, als der Ton aufrichtiger Gesellschaft- keit: Gastgeber und Gäste, aber aufrichtig und ohne Phrasenschwall. Mit diesem Tone schon fallen manche Schulunarten und damit manche pädagogischen Bedenken weg: Im Zuge des Großen verschwindet bei vielen schon das Interesse am kleinen und kleinlichen.

Die Jugend ist durchschnittlich das, als was man sie behandelt: kommt man den jungen Menschen mit der ihnen gebührenden Achtung vor dem Menschenwesen entgegen und verhandelt man mißtrauenslos, ruhig und vernünftig mit ihnen als mit vernünftigen Wesen, so sind sie auch meistens ganz vernünftig und gutwillig. Schon mancher ist bescheiden geworden dadurch, daß ihm ungewohnte Achtung widerfahren ist. Daß dies auch hier in Gießen nicht anders ist, glaube ich in der Lesehalle erfahren zu haben. Dazu gehört frei­

lich in die Lesehalle ein Bibliothekar, dessen ganzer Berus in der Lesehalle liegt. Ich selbst kann mir vorläufig feinen schöneren Beruf denken.

Ich habe mich hiermit noch einmal ausgesprochen, nur, um mich ausgesprochen zu haben über den Teil einer Sache, der mich beunruhigt hat. Ich denke wohl, daß ich in dieser Auseinandersetzung es nicht selbst an der Klarheit und Ein­deutigkeit gegenüber dem Publikum habe fehlen lassen, die ich in der Behandlung der Lesehallenfrage allgemein al« ein Haupterfordernis ansehen muß. Wie die hiesige Lese­halle fortan laufen wird, Normen existieren nicht, der Geist muß alles wirken, der Grift, der die Menschen zu­sammenführt, nicht nur manche, sondern alle.

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Feuilleton.

Kffizier-Mettstunde*)

von Fried. Freiherr von Dincklage.Campe.

Ich habe Ihnen vorläufig dieAndromache" bestimmt, Herr Leutnant," sagte der Chef mit einem so milden Tone, als ob er etwas Angenehmes mitteile,sie ist das schönste Pferd in der Batterie und will nur geritten sein."

Daß dieAndromache" zu dem schönsten Pferde auch der tollstePuckler" in der ganzen Abteilung ist, das weiß natürlich der Herr Leutnant ebenso gut wie sein Chef. Aber so ein junger Offizier hat Mut und Selbstbewußtsein. Jetzt sitzt er oben auf dem schönsten Pferde. Schon bei« Aufsitzen hat ihnAndromache" mißtrauisch und ..lusch" von der Seite angesehen. Im Schritt gehts

*) Wir entnehmen vorstehenden Aufsatz dem so-ben erschienenen illustrierten Prachtwerk »Die liebe schönt Leutnant-zeit", Schil­derungen aus Heer und Flotte von Friede. Freiherr von Dtncklage- Campe, Generalleutnant z. D. (Verlag von Rich. Bong, Berlin W. 57, Preis 20 Mark), der mit kundiger Feder das Leben unserer Leutnants im Heer und in der Flotte, im Dienst und außer Dienst, in charakteristisch treffender und anschaulicher Weise schildert. Die glänzende Aus­stattung des Buches, sein prächtiger Bilderschmuck, an dem ein- Anzahl hervorragender Maler mitgewirkt, sichern dem Prachtioerk einen Ehren­platz auf dem deutschen Büchertisch. Allen aktiven wie inaktiven Offi­zieren und deren Angehörigen, namentlich auch den angehenden Offizieren und den Einjährigen Freiwilligen, sowie überhaupt allen, die sich für ttnser Heer interessieren, sei das herrliche Buch bestens empfohlen.

der Leutnant atmet auf, das Selbstgefühl ist im Steigen begriffen. Aber

Batterie Traab'' tönt das Kommando des Ab­teilungs-Kommandeurs ( er läßt dieOffiziertour" selbst reiten) und wer niemals aus einem Harttraber mit hochgezogenem Rücken und kitzlichen Weichen saß,der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte!"

DieAndromache" machte ihrem Renommee, dieun­bequemste Bestie" zu fein, alle Ehre.

Nach rechts rutscht der Reiter Schluß mit dem linken Knie Hochziehen des Puckels Schwung nach links Berührung mit dem rechten Sporn, infolgedessen erneute Spannung' des Rückens der lugendsamen Stute. Ein Riß ins Msul mit dem rechten Zügel, an dem der Reiter das Gleichgewicht herzuftellen sucht, unterbricht plötzlich die Trabbewegung durch eine Halbwendung in die Bahn. Der Herr Leutnant fällt vornüber, die Unter­schenkel klammern sich in natürlichem Erhaltungstriebe um die Weichen des Pferdes, die Sporen drücken sich hinter die kurzen RippenAndromache" schreit empört auf, und in gerechtem Zorne macht sie ein paar rasch sich folgende, kurze, hochziehende Rückenbeweg­ungen, zugleich mit beiden Hinterfüßen kurz ausschlagend. Batterie haalt" kommandiert der Major.Aber Herr Leutnant, so bleiben Sie doch derAndromache" mit dem Sporn au» dem Leibe und geben Sie keine Landwehr­paraden!" t

Fa erst können," denkt der Offizier und thut dann

im Entschuldigungstone die. schüchterne Aeußerung:die Bestie bockt!"

Ungeheures Erstaunen in des Majors Zügen.

Seit wann erzählt mann denn im Gliede Romane Herr Leutnant? Ich muß doch bitten!Batterie draaab!"

Mit aller Energie rüttelt sich der junge Offizier in das Gleichgewicht. Erhört die Engel singen", aber er hält sich brav. Fast ist die Stunde vorüber da ertönt ein entsetzliches Wort von des Majors Lippen:Stange 'rein" ruft er mit rauhem Tone, als solle seine Stimme dieBahn du jour" zerschmettern. Der brave Kanonier stürzt hinaus, um bald mit einem strohbewickelten Baume wieder zu erscheinen, welcher mit einem Ende nicht allzu hoch in eine Oeffnung der Barriere gelegt, am anderen Ende durch den Kanonier gehalten wird.

Nacheinander nehmen die sieben Offiziere das Hindernis. Die Andromache stutzt allerdings aber dann thut sie de« Reiter doch den Gefallen.Etwas zulegen" kommandiert jetzt der Major.

An der Tote wird das Tempo verstärkt. Die anderen Pferde ziehen an, fallen in Galopp, und unwiderstehlich folgt die Andromache. Unmittelbar an der Stange stutzt sie abermals die Vorderfüße stemmen sich vor, der Rücken wölbt sich, und weit schieben sich die Hinterfüße unter. Der Reiter fliegt vor den Sattel, dem Beharrungsvermögen folgend die Sporen kitzeln die Stute, diese macht noch eine kurze Rückenbewegung, und der Leutnant nimmt das Hindernis allein ohne seineAndromache" ... .