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Nr. 214 Zweites Blatt Dienstag den 12 September
1899
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung,
betr. Maßregeln zur Abwehr der drohenden Pestgefahr.
Unter Bezugnahme auf den nachstehend abgedrucktcn Erlaß des Reichskanzlers vom 26. August 1899 ordnen wir hiermit auf Grund des Art. 79 des Gesetzes vom 12. Juni 1874, die innere Verwaltung und Vertretung der Kreise und Provinzen betr., vorläufig auf die Dauer von 4 Wochen an, daß jeder innerhalb des Kreises Gießen vorkommende Pestfall und jede pest verdächtige Erkrankung sofort bei dem Großh. Kreisgesundheitsamt Gießen und der betr. Ortspolizeibehörde bei Meldung einer Geldstrafe bis zu 90 Mk. zur Anzeige zu bringen ist.
Zur bakteriologischen Feststellung der Pest ist eine Untersuchungsstelle in Verbindung mit oem hygienischen Institut der Landesuniversität errichtet worden.
Gießen, den 9. September 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Berlin, den 26. August 1899. Der Reichskanzler.
(Reichsamt des Innern.)
I. 7623.
Nachdem die Pest im Laufe dieses Jahres mit ihrem Auftreten in Alexandrien bis in die unmittelbare Nähe Europas vorgerückt war, ist sie nunmehr bereits in Europa selbst und zwar zu Porto in Portugal aufgetreten. Ferner ist die amtliche Mitteilung eingegangen, daß im Kreise Zarewo des russischen Gouvernements Astrachan eine epidemische, den Beroacht der Pest nahelegende Krankheit ausgebrochen sei. Unter diesen Umständen erscheint die Gefahr der Einschleppung der Pest nach Deutschland näher gerückt. In Anbetracht des sprungweisen Vordringens, welches die Pest in der letzten Zeit gezeigt, ist die Befürchtung nicht zurückzuweisen, daß vereinzelte Fälle von Pest sich auch in Deutschland ereignen können.
Wenngleich nach den Erfahrungen, welche die im Jahre 1897 von Reichswegen zum Studium der Pest nach Indien entsandte Sachverständigenkommission gesammelt hat, nicht wahrscheinlich ist, daß die Seuche, falls sie im Reiche ausbricht, größere Verbreitung finden wird, so wird es immerhin des einheitlichen und zielbewußten Zusammenwirkens aller in Betracht kommenden Faktoren und insbesondere der rechtzeitigen Vorbereitung von Ab- wehrmaßnahnien bedürfen, um gegebenen Falles die ausgebrochene Krankheit unterdrücken zu können.
Um dec Gefahr einer Einschleppung der Seuche durch den Schiffs- und Warenverkehr entgegenzuwirken, ist durch Einwirkung der gesundheitspolizeilichen Kontrolle der aus verseuchten und verdächtigen Häfen kommenden Seeschiffe und durch den Erlaß von Einfuhrverboten gegen die von der Pest heimgesuchten Länder das Erforderliche bereits veranlaßt worden. Daneben aber erscheint es geboten, -schon jetzt noch auf Folgendes Bedacht zu nehmen.
1. Um eine Weiterverbreitung der Pest im Lande wirksam zu verhindern, ist es von entscheidender Bedeutung, daß schon die ersten Krankheitsfälle alsbald nach ihrem Auftreten ermittelt und unschädlich gemacht werden. Dazu ist aber vor allem erforderlich, daß eine Anzeigepflicht für Pestfälle besteht, und zwar nicht nur für Erkrankungs- und Todesfälle, bei denen offensichtlich Pest vorliegt, sondern auch für solche, bei denen es sich nur um den Verdacht der Pest handelt. Damit die Anzeigepflicht ihren Zweck erfüllt, wird sie ferner nicht nur dem behandelnden Arzte, sondern jeder sonst mit der Behandlung oder Pflege des Erkrankten beschäftigten Person, oder falls solche Personen nicht vorhanden sind, dem Haushaltungsvorstand oder demjenigen, in dessen Wohnung der Erkrankungs- oder Todesfall sich ereignet hat, obliegen müssen. Da die Pest in Deutschland plötzlich auftreten kann, erscheint die Einführung der Anzeigepflicht dringlich. Eine Beunruhigung der Bevölkerung oder eine Gefährdung des deutschen Handels ist von einer derartigen Vorsichtsmaßnahme nicht zu befürchten, da nicht etwa schon vorliegende bedenkliche Krankheitserscheinungen innerhalb des Reichs, sondern lediglich das Gebot der Vorsicht dazu geführt hat, die für eine Reihe anderer Krankheiten bereits bestehende Anzeigepflicht auf die Pestseuche auszudehnen.
2) Für die zu ergreifenden Maßnahmen ist es von großem Werte, daß eine Centralstelle von den einzelnen Krankheitsausbrüchen thunlichst rasch und zuverlässig benachrichtigt und so in den Stand gesetzt wird, über die jeweiligen Verhältnisse sichere Auskunft zu geben. Es empfiehlt sich daher, dem Kaiserlichen Gesundheitsamte, welches als gemeinsame Meldestelle in Aussicht genommen ist, von jedem Auftreten der Pest oder pestverdächtiger Fälle unverzüglich auf telegraphischem Wege Mitteilung zu machen.
3) Um bei den einzelnen Erkrankungs- und Todesfällen so schnell.wie möglich Gewißheit darüber zu erlangen, ob es sich in der That um Pest handelt, und um der Verbreitung falscher Nachrichten nach Möglichkeit vorzubeugen, wird eine ausreichende Anzahl von Untersuchungsstellen vorhanden sein müssen, in welchen die bakteriologische Feststellung der Pest in zuverlässiger Weise erfolgen kann. Es wird sich empfehlen, schon jetzt Vorsorge zu treffen, daß bei einem etwaigen Ausbruche der Pest solche Stellen in genügender Zahl zur Verfügung stehen.
Im Auftrage:
gez. Hope.
Gießen, den 9. September 1899. Betr.: Wie oben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an Großh. Polizeiamt Gießen und die Großh. Bürgermeistereien derLaudgemeiudeudes Kreises.
Unter Hinweis auf vorstehende Bekanntmachung geben wir Ihnen auf, sobald ein Pestfall oder eine pestverdächtige Erkrankung in Ihrer Gemeinde zu Ihrer Kenntnis gelangt, hierüber uns sofort Bericht zu erstatten. Vorstehende Bekanntmachung haben Sie ortsüblich bekannt zu machen.
v. Bechtold.
Die Kaisermanöver.
Beim Einzüge des Kaisers itt Karlsruhe hielt Oberbürgermeister Schnetzler, an der Spitze des Bürgerausschusses, eine Ansprache, in der er den Kaiser als den obersten Kriegsherrn des Reiches und stark bewehrten Hüter und Wahrer des Friedens bezeichnete; Gerechtigkeit und Tugend könnten derzeit in den Kämpfen des Lebens nur dann wirksam bestehen, wenn sie mit hinreichender Macht ausgestattet seien. Redner dankte dem Kaiser für die unermüdliche Sorge um die Wehrhaftigkeit der Nation, und sprach die Hoffnung aus, daß Seine Majestät in dem wachsenden Wohlstände, in dem Bildungsstande und dem Glück eines freien und treuen Volkes einen segensvollen Lohn finden möge.
Die Manöver.
Karlsruhe, 9.September. Der Kaiser begab sich um 6 Uhr 10 Min. früh mittels Sonderzuges in das Manöverterrain, um den ersten Zusammenstößen der Truppen beizuwohnen. — Gestern bereits hat bei den Truppen für die Dauer der Manöver der kriegsmäßige Zu stand begonnen, und schon am heutigen ersten Manövertage kam es auf den Höhen zwischen Nagold und Würm zu heftigen, interessanten Zusammenstößen in Anwesenheit des Kaisers, der mit dem König von Württemberg den Bewegungen der Truppen folgte. Eine blaue Armee — 14 Korps unter Generalleutnant Freiherr v. Bissing, mit der 28. und 29. Division, und dem 13. Korps unter Generalleutnant Freiherrn v. Falkenhausen, mit der 26. und 27. Division, sowie der Kavalleriedivision A unter General Freiherrn v. Scheele — unter dem Oberkommando des Generals der Kavallerie v. Bülow stehend, hatte den Auftrag, den Gegner, die rote Armee, am Ueberschreiten des Schwarzwaldes zu hindern, der schon den Rhein überschritten und sich seit gestern in Besitz mehrerer Schwarzwaldpässe gesetzt hatte. Die rote Armee, bestehend aus Truppen des 15. Korps (Elsaß), und zwar der 30., 31. und 39. Division, und der kombinierten 41. Division, sowie der Kavalleriedivision B unter Generalleutnant v. Engelbrecht, sollte unter dem Oberbefehle des kommandierenden Generals v. Meerscheidt'Hüllessem, nach dem Ueberschreiten mehrerer Schwarzwaldpässe heute den Vormarsch über die Nagold fortsetzen. Während die blaue Armee, die in drei Kolonnen über Renningen, Maichingen und Sindelfingen vorrücken und den Gegner aushalten sollte. Der Kavalleriedivision B gelang es gestern, auf das rechte WUrmufer zu gelangen, sie wurde aber zurückgeworfen und ging auf der
Linie Weilderstadt-Simmozheim auf das linke Würmufer zurück. Im Laufe des gestrigen Tages drangen Vortruppen der blauen Armee vor, nahmen die Würmübergänge bei Weilderstadt und Merklingen, und zwangen die Kavalleriedivision B, auf die Linie Althengstedt-Simmozheim-Neu- hausen zurückzugehen; letztere hatte den Auftrag, den rechten Flügel des 15. Korps (rote Armee) zu decken. Der Gegner brach heute früh über Renningen, Weilderstadt und Mag- stadt vor, und besetzte die Höhen beim 507 Meter hohen Markstein mit Artillerie, die durch heftiges Feuer den rechten Flügel der roten Armee, die Kavalleriedivision B, zwang, sich über Simmozheim-Möttlingen zurückzuziehen. Der Kampf begann schon heute in aller Frühe in der Nähe von Weilderstadt. Gegen 9 Uhr stießen am Galgenberg die 27. (blaue) mit der 30. (roten) Division zusammen; es kam, während sich die Kavalleriedivision B in die Waldungen zwischen Simmozheim und Merklingen zurückzog, auf den Hängen des Galgenberges zu einem heftigen Jnfanterie- gefecht, das mit dem Rückzüge der 30. Division von der roten Armee endete, als um 9®/a Uhr das Gefecht abgebrochen wurde.
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Hechingen, 9. September. Der Kaiser traf mit Gefolge heute mittag P/3 Uhr auf der Station Zollern ein, wo Fürst Leopold von Hohenzollern ihn empfing, und fuhr mit dem Fürsten nach der Burg Hohenzollern. Heute nachmittag um 4 Uhr reist der Kaiser voraussichtlich nach Karlsruhe ab.
Die Kaisertage unb das Ausland.
Die so glänzend verlaufenen Straßburger Kaisertage haben auch im Ausland bedeutendes Aufsehen erregt. Die begeisterte Stimmung der Bevölkerung und der vorzügliche Verlauf der Kaiserparade des 4. September werden lebhaft anerkannt und erörtert.
Im Pariser .TernpL" wird die Entfaltung der Truppenmacht von 30,000 Mann auf dem Polygon ,absolument imposant“ genannt, und tm Vergleich mit den in Frankreich üblichen Paraden der deutschen Paradeordnung in Bezug auf die wichtigen Truppenbewegungen zwischen den beiden Vorbeimärschen, der Vorzug zuerkannt; sie verleihe der Truppenschau „mehr Interesse und Nutzen". Ebenso rühmt das Pariser Blatt, daß der Kaiser die Fahnen grüße, ohne daß diese, wie in Frankreich, sich neigen; in einem „demo- ttatischen Staat" dürfe doch vor allem das „embldme de la patrie“ sich nicht vor dieser oder jener militärischen Persönlichkeit d>ugen, und man hätte mit diesem Mißbrauch schon lange aufräumen sollen.
In der Schweiz, deren Bevölkerung eine sehr feine Fühlung für militärische Dinge besitzt, haben die militärischen Vorgänge in Straßburg auch die weitestgehende Beachtung gefunden. Aber auch die persönliche Aufnahme des deutschen Kaisers durch die Bevölkerung wird richtig beurteilt. Die demokratischen unabhängigen „Basler Nachrichten" geben den nachstehenden Ausführungen ihres Berichterstatters Raum:
Der Jubel, der den Monarchen auf demlangen Wege begleitete, war geradezu elementar, daran läßt sich nicht deuteln. Ebensowenig an der Thatsache, daß von den Tausenden, welche zu beiden Seiten die Trtumphstraße etn- fäumlen, mindestens die Hälfte auS Einheimischen bestand. Und der Kaiser war und blieb, trotz der glänzenden Suite, die ihn umgab, und dem ganzen Aufgebot militärischen Pompes der eigentliche Mittelpunkt des Interesses. Ibn und nur ihn wollte man sehen, ihm zurufen. Die Leute durchbrachen, wo er vorübergerttten war, die Schutzmannsketten, um ihre Huldigung womöglich an der nächsten Straßenecke noch einmal darbringm zu können. Die Begrüßung hatte dieses Mal unleugbar etwas ungemein Persönliches, nicht bloß dem gekrönten Staats oberhaupte, sondern auch dem Menschen Geltendes, und der Kaiser schien dies auch zu fühlen, denn sein sonst so ernstes Gistcht strahlte eitel Freundlichkeit. Fort und fort dankte er aufs lebhafteste nach allen Seiten, indem er entweder chevalereök den Degen senkte oder lächelnd nickte. Einer Gruppe junger Elsässerinnen, die am Kleber- plctz scheu und ehrfurchtsvoll zu ihm ausblickten, warf er im Vorbetretten eine Kußhand zu. Der Kaiser erfreut sich — darüber besteht kein Zweifel — starker und stetig steigender Sym- yathteen tm Elsaß und dazu haben verschiedene Vorgänge der letzten Zett nicht unwesentlich betgetragen. Man braucht dabet nicht immer an das Erkalten der Beziehungen zu Frankreich infolge der Dreyfusvorgänge zu denken, wenn schon diese zu dem entschieden bemerkenswerten Umschwung der Stimmung tm deutschfreundlichen Sinne nicht unwesentlich betgetragen haben, nein, auch das positive Moment kommt, was die Person des Kaisers anbetrifft, zu seinem Recht. Das tadellos korrekte Verhalten des deutschen Reichsobrr- hauptes in der berühmten „Affaire" und die chevalereske Art, mit der der Kaiser bet Gelegenheit die Nachbarn jenseits der Vogesen behandelt, haben die grade für solche persönlichen Züge außerordentlich empfänglichen Elsässer sehr für ihn eingenommen. Besonders ein Bevölkerungselement schwärmt direkt für ihn; das der noch zahlreichen lebenden alten französischen Soldaten und zwar seitdem der Kaiser vor wenigen Wochen anläßlich der DenkmalS- enthüllung bet St. Privat der Tapferkeit des damaligen GcgnerS ein so schönes Kompliment machte.


