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Viertes BlE
Sonntag den 12. Februar
1899
Gießener Anzeiger
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Politische Wochenschau.
Der Tod des Grafen Caprivi, des Deutschen Reiches zweiten Kanzlers, hat zwar nicht annähernd diejenige Be- «veg-ung hervorgerufen, welche das Ableben des großen Vor- giimiers verursachte, immerhin aber weilten die Gedanken der polnischen Welt in diesen Tagen viel in dem abgelegenen kkh ren, und Erinnerungen an die sympathische Persönlichkeit Caprivis fanden eine willkommene Stätte.
Die öffentliche Meinung hat sich im Laufe der letzten Woche weniger mit der hohen Politik beschäftigt, als mit Lorkommnissen mehr lokaler Natur. Da war zunächst das Urteil des Dresdener Schwurgerichts gegen neun an einem Exzeß beteiligt gewesene Maurer, welches viel besprochen wurde und manche harte Kritik erfuhr. Ferner wurde die Frage vielfach erörtert, ob auf Grund des Privat- bozemtengesetzes gegen den sozialdemokratischen Dr. Arons tingeschritten werden würde. Die Norddeutsche Allgemeine beruhigt alle darum besorgten Gemüter und stellt fest, daß ein Verfahren gegen Arons bereits eingeleitet worden ist. Der weitere Verlauf der Angelegenheit dürfte sehr interessante Phasen zeitigen, da es sich um die Entscheidung der Frage handelt, ob die Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei mit der Stellung eines Universitätslehrers unvereinbar ist.
Der Tod des Erbprinzen von Sachsen-Koburg- Gotha hat wieder die dortige Thronfolge auf die Tages- orbtiung gesetzt und die gewagtesten Reimereien über den zur Thronfolge Berechtigten werden laut. Anscheinend hat man sich mit dem Gedanken, daß ein nicht deutscher Prinz ben Koburger Thron einnimmt, einstweilen ausgesöhnt.
Vom Auslande ist nicht viel zu melden. Das britische Parlament wurde mit einer Thronrede eröffnet, welche mehr verheimlicht, als offenbart. Auch die Adresse auf die Thron- rede ist sehr farblos gehalten.
In Oesterreich wird die Regierung die Einzelland- iagc für die nächste Zeit einberufen, damit die Regierungs- Raschine nicht ganz still steht. Der Reichsrat in seiner jttziAen Zusammensetzung ist zu jeder parlamentarischen Thäßigkeit unfähig. Auch Neuwahlen dürften daran kaum «was ändern, weil aller Voraussicht nach die Gegensätze m noch schroffer werden würden.
Große Sorge bereiten den Amerikanern zur Zeit die Philippinen wo es bekanntlich zu blutigen Zusammenstößen -ml den Eingeborenen gekommen ist. D,as Annektieren der Inselgruppe hat sich sehr leicht gemacht, schwieriger ist es, las Erworbene festzuhalten.
Der Kassationshof in Sachen Dreyfus hat seine Arbeiten ton bet, und die Entscheidung steht bevor. Mit großer khoirgnis darf man dem Lauf der Dinge in Fränkisch entgegensehen. Wir haben uns vor einigen Tagen hruiber ausführlich geäußert, sodaß wir uns an dieser klelle weiterer Bemerkungen enthalten können.
Wie nunmehr feststeht, tritt die Abrüstungskonferenz ii' März im Haag zusammen. Hoffentlich haben die Be- mll)ungen wenigstens einigen Erfolg! (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Februar. In der Budget-Kommission »cs Reichstages wurde heute die Beratung über die «arvorlage fortgesetzt. In der Debatte betonte Minister «.Gtoßler wiederholt die Pflicht der Militärverwaltung, die Äkihaltmsse überall eingehend zu studieren, und stets auf Mi Hohe zu bleiben. Der Friede sei nur durch unsere gim Heeresrustungen erhalten worden und weiter zu er- Meii. Die tonischen Einrichtungen müßten denjenigen ? Galgen Gegner voraus sein. Die vorgeschlagene DWN.satwn werde den Frieden auf lange Zeit hinaus *«•8« der Abstimmung wird die gefordert- Vermehrung »-F-ld.Art,ller,e mit 11 gegen 10 Stimmen angenommen «JHgheber fehlten. ®afur stimmten beide konservatweu Mcien, die Nationalliberalen und vom Zentrum Dr Lieber i z-ch-rr v. Hertling und Prinz' Arenberg, dagegen bie Mfiinmgen, Sozialdemokraten, süddeutsche Volkspartei Sim und vom Zentrum Gröber, Lingens und Müller-
Die Vermehrung der Fuß-Artillerie wurde darauf « r g^en 9 Stimmen bewilligt, da Dr. Singens jetzt «d« Mehrheit stimmte. Die Kommission vertagte sich i'«nu bis Dienstag.
Aerlin, 10. Februar. Die „Nordd. Allg. Ztg.» schreibt: Smr; Zprozentige Reichs- und Staats-Anleihe - 125 !mÄ?”en deutsche Zprozentige Reichsanleihe und ... -Ewnen Mark preußische Zprozentige Konsols —
«pestern rund 4 Milliarden gezeichnet worden; ein
erheblicher Teil davon offenbar zu dauernder Anlage. An Zeichnung haben sich sowohl alle Teile des Reiches, wie auch in starkem Maße das Ausland beteiligt. Das Ergebnis ist ein untrügliches Zeugnis des Vertrauens in die finanziellen Verhältnisse Preußens und des Reiches und zugleich ein Ausdruck der Zuversicht zu der Friedenspolitik Deutschlands.
Berlin, 10. Februar Zulassung der Frauen zum Studium der Medizin. Die kürzlich angekündigte Vorlage des Reichskanzlers betr. die Zulassung der Frauen zum Studium der Medizin befindet sich schon seit einiger Zeit beim Bundesrat. Sie beruft sich darauf, daß die Bewegung zugunsten der Zulassung immer mehr an Stärke und Umfang zunehme, und daß diese Forderung in den thatsächlichen Verhältnissen und Bedürfnissen begründet erscheine. Außer dem medizinischen soll auch das zahnärztliche Studium sowie das Apothekergewerbe den Frauen freigegeben werden. Den jetzt bereits ohne Immatrikulation als „Hospitantinnen" die Vorlesungen besuchenden Frauen sollen ihre Semester angerechnet werden.
Berlin, 10. Februar. In der Iustiznovelle, die an Stelle des Voreides den Nacheid einführt, wird auch für einen erweiterten Schutz des Beichtgeheimnisses gesorgt durch die aus der neuen Militär-Strafgerichtsordnung übernommenen Vorschriften, wonach Geistliche, die wegen dieses Beichtgeheimnisses das Zeugnis verweigern, von einer besonderen Glaubhaftmachung des Verweigerungsgrundes künftig befreit sein sollen und wonach im übrigen zur Glaubhaftmachung des Rechts der Zeugnisverweigerung die Versicherung an Eidesstatt genügen soll.
— Ein sehr bezeichnender Umstand ist es, daß die beiden leitenden Dänenblätter Nordschleswigs, nämlich der „Heimdal" des Abg. Hanssen sowie „Flensborg Avis" ihren Lesern zwar die Einbringung der Ausweisungs-Interpellation Johannsens mitteilen, jedoch noch nicht hinzuzufügen wagen, daß diese von der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages und nur von dieser unterstützt ist. Man wird den im Grunde ihres Herzens durchaus konservativen dänischgesinnten Großbauern Nordschleswigs diesen harten Biffen wohl noch erst etwas mundgerecht machen und es fragt sich, ob alle ihn auch wirklich werden hinabwürgen können. — Daß ihrerseits die sozialdemokratische Fraktion durch keinerlei Kenntnis der nordschles- wigschen Verhältnisse in ihrer Unterstützung des einstigen diesseitigen Agenten der den Zaren anbetenden militaristisch- provisoristischen Rechtenpartei Dänemarks behindert wird, ergiebt sich aus dem „Vorwärts" deutlich genug, der es unlängst als „geschichtliche Wahrheit" verkündete, das Deutschtum habe sich in Schleswig „eigentlich erst während des zweiten Viertels dieses Jahrhunderts in der südlichen Hälfte eingebürgert". Die beste Ironisierung dieses tollen Unsinns liegt darin, daß der „dänische" Antragsteller in der That gar kein Däne, sondern ein Süd-Schleswiger mit plattdeutscher Muttersprache ist. Ein bischen Reichsdänisch hat er sich erst unter dem dänischen Schulzwange der von Dänemark ausgeübten Gewaltherrschaft in seiner niedersächsischen Heimat angeeignet. Jetzt freilich bemüht er sich mit großem Eifer den Nationaldänen zu spielen, wie es sein Beruf so mit sich bringt.
— Sozialdemokratische Maßregelung? In der sozialdemokratischen Wochenschrift „Die Neue Zeit" sucht der sozialdemokratische Abgeordnete Max Schippel nachzuweisen, daß Engels über das Milizsystem anders gedacht habe, als die „Genossen" im allgemeinen. Schippel erklärt sich aber auch selber für absehbare Zeit gegen das Milizsystem und wünscht nur eine weitere Herabsetzung der gegenwärtigen Dienstzeit. Als am 6. Februar Pfarrer Naumann in einer großen sozialdemokratischen Versammlung im Osten Berlins gegenüber dem Abgeordneten Bebel auf Schippels Aeußerungen über das stehende Heer hingewiesen hatte, sagte Bebel, über Schippel werde er an anderer Stelle sprechen (jedenfalls im Parteivorstand). Dann werde „die Abrechnung gründlicher ausfallen, als Herr Naumann sich träumen läßt."
Gotha, 10. Februar. Die Leiche des verstorbenen Erbprinzen von Sachsen-Koburg-Gotha ist heute vormittag in der Schloßkirche zu Friedenstein bei Gotha feierlich beigesetzt worden. Bei der Feier waren u. a. anwesend : Herzog Albrecht, die drei Schwager des Erbprinzen, der Gesandte Prinz von Ratibor als Vertreter des Kaisers und der Gesandte v. Reitzenstein als Vertreter des Königs von Sachsen.
Ausland.
Wien, 10. Februar. Das „Neue Wiener Tagblatt" bemerkt zu dem Dresdener Schwurgerichtsurteil: Man habe offenbar durch ein ungesetzliches Tendenzurteil ein abschreckendes Beispiel geben wollen, dabei aber nicht bedacht, daß ein solches Urteil nicht nur die Justiz eines Landes schände, sondern daß es auch politisch unklug sei. Man bekämpfe eine Partei nicht, indem man ihr Märtyrer schaffe.
Prag, 10. Februar. Das Blatt „Politik" dementiert das Gerücht, daß die Verfassung geändert und eine neue föderalistische Konstitution eingeführt werden soll, konstatiert jedoch, daß im böhmischen Landtage, falls die Deutschen in denselben eintreten, eine Verständigungs-Aktion auf der Basis der Kuriengesetze und der Wahl-Reform gemacht werden könnte.
Cettiuje, 10. Februar. Der Fürst von Montenegro erklärte einem Abgesandten des mazedonischen Komites, er könne vorläufig nichts für die Mazedonier thun. Er empfehle denselben, Ruhe zu halten.
Frankreich. Unmittelbar vor der parlamentarischen Entscheidung über das Gesetz betreffend den Kassationshof haben hervorragende Vertreter der verschiedenen republikanischen Gruppen eine Kundgebung erlassen, worin es heißt: „Eine Illusion ist nicht mehr erlaubt. Die Feinde der Freiheit rühren und verschwören sich. Die klerikale Reaktion und die cäsarische Demagogie vereinigen sich abermals gegen die Republik. Mögen wir ihnen nicht selbst durch unsere Schwäche und unentschuldbare Abdankung die Waffen in die Hand geben !" Außer von den Gemäßigten Poincars, Deerais, Henri Blanc, Barthou und Jonnart, von den Radikalen La Porte Bourgeois, Brisson, Sarrien, Mesnreur, Pelletan, den Sozialisten Millerand und Viviani ist die Kundgebung auch von Jsambert, dem Führer des äußersten linken Flüges des Centrums, unterzeichnet. Trotz des Manifestes scheint der Sieg der Regierung aber mehr als wahrscheinlich. Dupuy verfügt über die Rechte, die Ralliirten, die Antisemiten, die Natonalisten, die Centrumsgruppe Meline und über einen Teil der nationalistisch gefärbten Radikalen.
Ljfteratur, Wissenschaft und Kunst.
— Eine Pariser «utscherschule. In dem riesenhaften Verkehr auf den Pariser Boulevards gehört gleichwohl ein Unfall zu den Seltenheiten. Geradezu bewundernswert gewandt sind vor allem die Lenker der Motorwagen, die ihre Fahrzeuge ebenso schnell wie sicher durch jede schmale Lücke, die der Wagenkomplex bietet, hindurch steuern. Immerhin, Unglücksfälle kommen doch vor, und meist sind gerade die Motorwagen ihrer höheren Schnelligkeit wegen die Schuldigen. Da hat sich denn die Pariser Pollzet leit dem Austauchen eines neuen Verkehrsmittels, der elektrischen Droschken, aenötigt gesehen, ein regelrechtes Gcschicklichkeitsexamen von den Führern dieser Gefährte zu fordern. Ein solches Examen, jedenfalls ganz neu in seiner Art, schildert in Wort und Bild m ihrem neuesten Hefte die allbeltebte illustrierte Familtenzeitschrtst „Zur Guten Stunde" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W. Preis des V'erzebntag^heftes 40 Pfg.). Der übrige reiche Inhalt des Heftes behandelt u. a.: Das Charlottenburger Jugendheim, die Londoner Docks, die Frage, ob eS in Deutschland eines staatlichen Hygiene-Zwanges bedarf u. s. w. Die Abteilung „Für unsere Frauen" dringt außer ihrer gewohnten Fülle an prall,schen Darbietungen über Hauswirtschaft, Gesundheitspflege, Haus- und Zimmer- gartnerei, Handarbeit, Haustterzucht u. s. w. eine Plauderei über Anfertigung von Maskengarderobe, sowie eine neue, rentable Hühner- forte, die Poloerara Hühner. Die Serie „Allgemeine Warenkunde' wird fortgesetzt. Die beiden Romane „Baroneß Köchin" und „Der Schürzenbauer" entwickeln sich äußerst fesselnd, während die Gratisbeilage „Illustrierte Klassikerbibliothek" die „Meisternovellen des 19. Jahrhunderts" mit Annette von Droste-HülShoffs Musternovelle „Die Judenbuchr" fortsährt.
Verkehr, Land- und Volkswirtschaft.
— Die Feuerverficherungsbank für Deutschland zu Gotha, welche ,m Jahre 1ö21 auf Gegmieuigkeit errlchiet ist, hat mit dem Jahre 1898 Acht und Siebenzig Jahre ihrer gemeinnützigen Thätiakeit vollendet. Im Jabre 1898 waren für 5,327.891,800 Mk. (gegen 1897 mehr 151,941,600 Mk.) Versicherungen in Kraft. Die Prämieneinnahme dieser Anstalt betrug im Jahre 1898: 16.784,957 Mk. 50 Pfg. (gegen 1897 mehr 803,617 Mk. 70 Pfg.). Von der PrSmieneinnahme wird in jedem Jahre derjenige Betrag, welcher nicht zur Bezahlung der Schäden und Derwaltungs- kosten, sowie für die PiLmtenreseroe erforderlich ist, den Versicherten zurückgewährt. Nach dem jetzt veröffentlichten Rechnungsabschlüsse für das Jahr 1898 betrug dieser den Versicherten wieder zufließende Ueberschuß 12,285,265 Mk., gleich 74 Proz. der etngezahlten Prämie. Im Durchschnitt der zwanzig Jahre von 1879 bis 1898 sind jährlich 74,i8 Proz. der etngezahlten Prämien an Ueberschuß den Versicherten zurückerstattet.


