Ausgabe 
11.11.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 266 Zweites Blatt

Samstag den 11. November

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Ein Hilferuf Mataafas.

Während Deutschland, England und die Vereinigten Staaten sich anschicken, neue und dauernde Verhältnisie auf Samoa zu schaffen, dringt ein ergreifender Appell des alten Mataafa an die Regierungen und die Völker der drei LertragSstaaten über das Meer. In herzbewegenden Worten schildert er die traurige Lage seines Landes, giebt eine schlichte Darstellung aller jener Wirren und Kämpfe, die nach der letzten Königswahl die Inseln heimsuchten, und schließt mit der flehentlichen Bitte um Abstellung der Not und des Elends, das im Gefolge der inneren Zerwürfnisse auf Samoa heimisch geworden ist. Indem wir den ein­dringlichen Hilferuf nachstehend in deutscher Uebersetzung veröffentlichen, geben wir der zuversichtlichen Erwartung Ausdruck, daß der unmittelbar bevorstehende Abschluß der Verhandlungen über die Zukunft Samoas dem schönen Jnsellande ein besseres Schicksal verbürgen werde, als ihm bisher beschieden war.

Appell des Samoaköuigs Mataafa für fein Volk an die drei Großmächte.

Um meines Volkes willen, welchem ich in großer Liebe zugethan bin, flehe ich die drei Großmächte England, Deutschland und die Vereinigten Staaten an, auf meine Stimme zn hören und meine Bitte zu erfüllen. Ich ver­lange und wünsche nichts für mich selbst. Meine Jahre sind gezählt, denn ich bin alt. Bald wird sich das Grab über mir schließen, und ich werde nicht mehr sein. Aber das Volk, welches mich lange geliebt hat und noch liebt, wird noch viele Jahre leben, wenn ich nicht mehr bin. Die starken Männer, welche mir tapfer und treu gedient, die Frauen, welche um meiner Sache willen so manches Ungemach und Entbehrungen erduldet haben, und die Kinder, welche mit ihrem Frohsinn und Spiel Freude und Glück in unsere Dörfer tragen sie alle werden leben, wenn man mich in Samoa nicht mehr kennt. Um ihret­willen erhebe ich meine Stimme und flehe, daß die drei Großmächte in ihrer Großmut und Freundlichkeit meine Bitte gewähren mögen.

Dreimal bin ich zum König von Samoa gewählt, aus freiem Willen und freier Wahl der großen Mehrheit des Volkes, und gemäß den Bräuchen und Gesetzen unseres Landes. In Faleula im Jahre 1888, in Vaiala im Jahre 1889 und in Mulinu im Jahre 1898 verlangte das Volk, von mir regiert zu werden. Als das Volk mir zum letzten Male die Königswürde antrug, glaubte ich, daß «jemand gegen mich sei; denn ganz Samoa schien einig. Es lag mir nicht daran, die Herrschaft zu übernehmen; denn ich war fünf Jahre fern von meinem Vaterlande in der Verbannung gewesen, und wünschte den Rest meines Lebens friedlich und ruhig in Samoa verleben, um­

somehr, als die Könige von Samoa stets von Gefahren, Schwierigkeiten und Unruhen umringt gewesen sind.

Ich glaubte also, daß das Volk mich zum Könige wünschte, und hoffte auch, daß ich es so würde regieren können, daß ganz Samoa glücklich, zufrieden und friedlich sein würde. Aber gewisse schlechte weiße Männer geleiteten einen Teil des Volkes auf falsche Wege, indem sie ihn durch Falschheit und betrügerische Versprechungen verführten. Diese schlechten Männer überredeten eine kleine Minorität der Samoaner, einen Knaben zum König zu wählen. Sie zwangen ihn, gegen seinen Willen die Schule in Leulumaega zu verlassen; er kam nach Apia und lebte in den Häusern mehrerer Weißen, sodaß sie ihn vollkommen in ihrer Macht hatten. Sie wünschten, daß er König sei, um mit ihm machen zu können, was sie wollten, nicht zum besten Samoas, sondern zu gunsten ihrer selbstsüchtigen Pläne.

Manche Leute sagen, daß, bevor ich Jaluit verließ, um nach Samoa zurückzukehren, ich das schriftliche Ver­sprechen gegeben hätte, mich mit samoanischer Politik nicht mehr zu befassen, und daß ich aus diesem Grunde rechtlich nicht mehr hätte zum König gewählt werden können. Aber diese Darstellung ist nicht richtig. Ich habe nicht ver­sprochen, mich um die Politik Samoas nicht mehr zu be­kümmern, und das Schreiben, welches ich unterzeichnete, enthält nichts, was mich hätte hindern können, nach dem Tode Malietoa Laupepas König von Samoa zu werden.

Ich glaubte auch und war dessen sicher, daß die deutsche Negierung gegen mein Königtum nichts einzuwenden hatte. Ich kann daher nicht verstehen, warum schlechte und hinterlistige weiße Männer, welche dazu von der deutschen Regierung nicht autorisiert waren, einen Einspruch erheben sollten, welcher nicht England oder Amerika, son­dern allein Deutschland anging. Der Oberrichter jedoch, der ein unkundiger und unaufrichtiger Mann ist, hörte auf die hinterlistigen Ratgeber, schenkte auch den schlechten Ein­flüsterungen anderer gern Gehör und ernannte den

Kuabeu zum König von Samoa, entgegen den Rechten und Gebräuchen des Landes; denn niemals ist es in Samoa Brauch gewesen, einen Knaben mit der Macht und dem Ansehen eines Oberführers oder Königs zu bekleiden. Es war ein ungerechtes Urteil, ent­gegen den Wünschen der Majorität des samoanischen Volkes. Da erhob sich mein Volk in seinem Aerger und Unwillen, vertrieb die kleine Minorität, welche den Knaben zum König wollte, aus Apia und errichtete eine samoanische Regierung in Mulinu. Diese Regierung wurde von den Konsuln Großbritanniens, Deutschlands und der Vereinigten Staaten namens der drei Mächte anerkannt, bis die Mächte be­stimmen würden, was bezüglich der ungerechten Entscheidung des Oberrichters geschehen solle. Bevor aber noch die drei Großmächte Zeit fanden, mit einander zu verhandeln und

sich gegenseitig ihre Wünsche bekannt zu geben, befahl mir der amerikanische Admiral, mich dem Knaben zu unter­werfen, der, entgegen den Gesetzen vom Oberrichter, zu« König ernannt war. Er befahl gleichzeitig, daß die Re­gierung, welche In Mulinu errichtet und von den drei Groß­mächten anerkannt war, aufgehoben werden und sich mein Volk der kleinen oppositionellen Partei unterwerfen solle. Er fügte seinem Befehl die Drohung hinzu, daß, wenn seine Anordnungen nicht befolgt würden, er auf die Bevölkerung Mulinus, die vollkommen ohne Schutz war, würde schießen lassen. Diese Befehle betrübten und überraschten das Volk, da es wußte, daß sie nicht von den Großmächten ausgingen, sondern allein auf den bösen Einfluß gewisser Beamten und weißer Männer zurückzuführen seien. So verließe« denn mein Volk und ich Mulinu und gingen in den Busch. Darauf beschossen die amerikanischen und englischen Kriegs­schiffe die Stadt Apia und den Berg Vaea und schickten Truppen ans Land, um die Stadt zu besetzen. Manches Gefecht fand statt, und viele meiner Leute wurden getötet und verwundet durch die Feuerrohre, welche so viele Kugeln speien, wie Regentropfen fallen in einem heftigen Schauer. Einige der weißen Offiziere und Mannschaften wurden ebenfalls erschlagen; ich war deshalb sehr betrübt, denn ich wollte nicht, daß irgend jemand getötet werden sollte. Sehr häufig, wenn die 'weißen Soldaten durch den Busch mar­schierten, befanden sich meine Leute ungesehen zu beiden Seiten von ihnen und hätten viele töten können, aber sie ließen sie unverletzt passieren. Dann kreuzten die englischen Schiffe auf und nieder an den Küsten von Upolu und Sawaii und beschossen, viele schutzlose Städte und Dörfer, deren Bewohner garnicht an Kampf dachten, da sie fast nur aus Greisen, Frauen, Kindern und Predigern bestanden. So waren denn auch diese gezwungen,

im Busch und in den Kirchen Zuflucht

zu suchen, aber selbst die heiligen Gebäude waren nicht sicher, da mehrere von den Bomben und Kugeln getroffen wurden, was große Unruhe nnd Angst in der Bevölkerung hervorrief. Dann kamen die weißen Offiziere mit kleinen Dampf- und Ruderboten und landeten samoanische Krieger. Selbst der englische Konsul war unter ihnen, mit Schwert und Revolver bewaffnet. Die weißen Offiziere befahlen den Samoanern, die Häuser in den Städten und Dörfern anzuzünden. Alles wurde niedergebrannt, nur die Häuser der Geistlichen wurden verschont. Auch viele Plantagen und große, wertvolle Schiffe wurden zerstört, deren Her­stellung viele tausend Dollars gekostet hatte.

Infolge der Zerstörung ihrer Häuser und der Plünderung der Städte und Dörfer waren nnn auch die Greise, Frauen und Kinder gezwungen, im Busch Zuflucht zu suchen, wo sie in ärmlichen Hütten wohnten, die keinen Schutz gegen die Unbill des Wetters gewährten und sich in gesundheitS-

Feuilleton.

Theaterverein.

(Gastspiel von C. W Büller).

-r. Kietzen, 9. November. Die zweite Vorstellung unseres rührigen Theatervereins stand im Gegensatz zu der ersten, deren Stoff sich in tiefe Probleme der Lebensweisheit ver­senkte, im Zeichen des Humors, des individuellen, eigenen Humors Max Dreyers. Wenn wir sagen eigenen Humors, so stellen wir Dreyer in den Gegensatz zu dem größten Teil der übrigen Schwankdichter, denen es zur Gewohnheit geworden ist, statt eigene Schlagworte und Situationswitze zu erfinden, die in ihrer Originalität ge­eignet sind, wie ein einziger Lichtstrahl uns die persönliche Eigenart des Dichters zu enthüllen, sich fremder Federn zu bedienen. Nnd es sind doch oft recht ruppige Federn! Wir wollen hier keinen Namen anführen, aber es giebt Dichter­linge und sie sind gar nicht so unbeliebt und haben manches Kassenzugstück geliefert die einen Berliner Tages­witz, der ev. gar seine Vaterschaft demUrkomischen" des Americaintheaters verdankt, aufgreifen undum diesen herum" einen Schwank oder dgl. schreiben. Dreyer ist durch «nd durch individuell. Seine Arbeiten haben nicht immer sofort das Wohlwollen des breiten Publikums gefunden, aber nach kurzer Zeit brachen sie sich alle das dreiaktige DramaHans", das ScherzspielEine",Drei",In Be­handlung" 2c. Bahn durch das in seinen Urteilen An­fangs so divergierende Publikum und endeten mit einer fast rückhaltlosen Anerkennung. Heute ist Dreyer einer der be­

liebtesten und was wohl noch höher anzuschlagen ist litterarisch angesehensten Bühnendichter. Er greift mit kühner Hand nach dem alten Goetheschen Rezepthinein in's volle Menschenleben" und wo er's packt, da ist s auch intereffant: er erfaßt Interessantes und versteht es auch interessant zu gestalten. Welch' köstliche Figur ist doch z. B. der Baron von Wesenberg in dem JunggesellenschwankGroßmama"! Wir sind litterarisch nicht gerade so sehr verballhornisiert, um diesen Schwank für ein litterarisches Vorbild, und dasselbe nach Aristoteles oder FreytagsTechnik des Dramas" oder auch inhaltlich für ein klassisches Musterwerk zu halten, das aber steht fest: die Personen sind keine Mondschein­figuren, sie sind Menschen von Fleisch und Blut und durch­aus scharf gezeichnete Charaktere. Und nun gar von einem Büller dargestellt!Ein Junggesellenheim. Der verschlafene Baron liegt auf der Chaiselongue und bombardiert die Stubcnthüre mit seinen Pantoffeln. Friedrich, der Diener erscheint mit dem Kaffee und mit dem dümmsten Gesichte der Welt. Der Koch mit dem weißbemützten Kopf liest dem gnädigen Herrn den Küchenzettel vor. Der Inspektor mit der Leichenbittermiene tischt seine alten Klagen über die Unordnung im Wirtschaftshofe auf. Nirgends im ganzen Hause ein weibliches Wesen. Denn der Herr Baron hassen das Weib wie die Sünde seit damals, wo sie sich in der Auserwählten ihres Herzens so grausam getäuscht haben. Da mit einem Male überrumpelt die Baronin von Mierendorff, eine stattliche Witwe, den hart­gesottenen Junggesellen mit ihrem freundnachbarlichen Besuch. Der Gemahl ihrer ältesten Tochter Grete ist im Manöver, und da wollen sich die jungen Leute, die's nicht so lange

ohne einander aushalten können, auf Onkels Gut ein Stell­dichein geben. Man stürmt also die Höhle des Löwen und macht es sich dort mit zwei Töchtern und einer noch in Windeln liegenden Enkelin, sowie zwei weiblichen Dienst­boten so bequem wie nur möglich. Und siehe da! Sobald die sechs Weiber das Haus betreten haben ist der Teufel los! Aber nicht nur bei Baron Joachim von Wesenberg, teilweise auch man verzeihe mir bei dem Dichter. Auf den herzerfrischenden ersten Akt, dessen kerniger Humor so saftig wie eine pommersche Gänsebrust, folgt der etwas Possenhafte zweite, mit den drei mit Recht so beliebten, verlobten Pärchen am Schluß. Auf eine Dichtung voll Leben und Heimatluft, in der ein halbes Dutzend niederdeutscher Charakterköpfe ihren lustigen Schabernack treiben, eine Bekehrungs- und Verlobungsgeschichte! Beides geht sehr schnell. Der prächtige Junker Hagestolz wettert noch zwei Akte über das verfluchte Weibervolk, um sich im vierten mit Frühaufstehen und Gummiarabikumsuppe auf einen besseren Lebenswandel vor­zubereiten. Der dritte Akt mit den im Garten herum­schwärmenden Dienern und Köchinnen, mit Leutnant, Back­fisch, Mondschein und Grillengezirp riecht verzweifelt nach Oskar Blumenthal, wenn er nämlich mal sentimental wird Dreyer erhebt sich aber wieder ganz zu seiner individuellen Eigenart in dem Dialog zwischen Joachim und Frau von Mierendorff, in dem die schöne Frau dem grimmigen Weiberfeinde das Herz im Leibe umdreht. Dieses Zwie­gespräch ist der Glanz- und Höhepunkt des ganzen Stückes. Es wurde temperamentvoll und sicher gespielt, die Regie, in den Händen von Herrn Steinert, war lobenswert: es klappte alles vortrefflich. Unser verehrter Gast,