Richter einer negativen Zeit wie der unseren gegenüber. Idealist von der strengsten Richtung, fühlt er sich von der Wirklichkeit abgestoßen, weil sie so wenig oder gar nicht seinen hochgespannten Idealen entspricht. Aber darum wird er wieder nicht müde, sie so grtreu wie möglich darzustellen, um der Gesellschaft ein warnendes Spiegelbild vorzuhalten und sie auf die ihre Existenz bedrohenden Gefahren aufmerksam zu machen.
Auch in den Stützen der Gesellschaft, die ganz den typischen Ausbau von Ibsens Kampsstücken haben, geht er ohne Erbarmen der heuchlerischen Gesellschaft, die ihr wahres Gesicht scheinheilig unter der Maske der Moral verbirgt, mit feiner haarscharfen Dialektik zu Liebe. Ihre wichtigste Stütze ist der Konsul Bernick, der angesehenste und eir.fluß reichste Mann der kleinen norwegischen Stadt tn der das Stück spielt; ein Muster für alle in moralischer Hinsicht; ein Muster in feinem Familienleben, in seiner Thätigkeit für das Gemeinwesen; voll selbstgefälliger Abscheu gegen die an gebliche Unsittlichkeit der Großstadtmcnschen. In der Thai ist er aber ein Egoist von der schlimmsten Sorte sowohl m feinem Verhältnis zu feiner Frau wie zu feiner Schwester und feinem Sohne. Rücksichtslos hat er einen ebenso schmäh, lichen wie grundlosen Verdacht gegen seinen Schwager, der gutmütig genug, als er seiner Zeit nach Amerika ging, eine Jugendsünde Bernicks auf sich nahm, benutzt, sich emporzu schwingen; Rücksichtslos hat er die Jugendgeliebte geopfert, um eine Reichere zur Frau zu nehmen. Die gleiche Selbstsucht zeigt er auch in seinem geschäftlichen Wirkungskreis. Sie führt ihn schließlich hart an den Rand des Verbrechens, insofern er seinen heimgekehrten Schwager, der ihm, nachdem er die Sachlage erkannt hat, mit Enthüllungen droht, auf einem seeuntüchtigen Schiffe abreisen läßt. Vergebens sucht seine Jugendgeliebte, die mit jenem zurückgekommen ist, ihm die Augen zu öffnen, damit er seinem auf dem Boden der Lüge aufgebauten Leben eine festere Grundlage gebe. Erft die Todesangst um feinen Sohn, dessen Absicht auf jenem Unglücksschiffe dem tyrannischen Vater zu entfliehen noch im letzten Augenblick vereitelt wird, bringt in ihm die Umwandlung hervor. Reuig legt er ein offenes Sündenbekenntnis ab —
ein Zug, der vortrefflich zu der puritanischen Gesinnung des Dichters paßt; der ihm in manchem geistesverwandte Carlyle hätte g<w ß diesem Ausgang feinen Beifall nicht versagt; — und nun kann Bernick ein neues Leben in Wahrheit und Freiheit beginnen. Denn das sind, nicht die Frauen, wie er in feiner ersten Dankbarkeit meint — in der That spielen fie auch in diesem Drama eine überaus vorteilhafte Nolle — die Stützen der Gesellschaft. Eine Ansicht, die von Ibsens Optimismus ein beredtes Zeugws gtebt. Wenn ihm dann auch gelegentlich die schmerzliche Erkenntnis gekommen ist, daß Wahrheit und Freiheit eher die Gesellschaft sprengen als stützen würden, so hat er es doch nie völlig aufgegeben, auf die Befferung der Thoren in der Zukunft zu hoffen. In schärferer Tonart wie die Stützen der Gesellschaft reden erst die folgenden Dramen. Das Wutgeheul her getroffenen Meute ward ihm als Antwort. Man scheute sich nicht, ihn unsittlich zu scheiten, indem man nach beliebter Art ohne weiteres den Ankläger mit dem Angeklagten, den Arzt mit dem Kranken verwechselte. Jetzt ist das ja anders geworden. Man ehrt und feiert den unbequemen Mahner nach Kräften; allerdings erinnert dies Verfahren öfters an die Art, wie die Naturvölker gefährliche Tiere göttlich verehrten, in der stillen Hoffnung, dann nicht von ihnen gefrefft n zu werden. Dnfe Verehrung Ibsens ist besonders bei der Feier seines siebzigsten Geburtstages in feiner Heimat zu Tage getreten, wo die Stützen und Spitzen der Gesellschaft ihn mit Ehrenbezeugungen überhäuften, wo ihm die Könige der skandinavischen Reiche ihre höchsten Orden auf die Brust hefteten und ihm König Oskar II. von Schweden die schönen Worte widmete: „Reichbegabte Geister sind nicht nur die Zierde ihres Volkes, sondern auch die Vorangänger für die Entwickelung und Verwertung des edlen Stoffes, den die Vorsehung in das Menfchenherz niedergelegt hat. Und wenn auch nicht gleich all das Große und Schöne, das sie offenbaren, in feiner ganzen Fülle von jedem und allen erfaßt und geschätzt werden kann, ist die gute Saat doch nicht vergebens ausgesäet. Die Zukunft wird ste heroorsprikßen sehen und zum Segen Frucht tragen. Dar ist der großen Geister Lohn und ewige Ehre." -n.
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Nr 9 Erft-, s Blatt.ÄUttwoch den II. Januar
1899
Meßmer Anzeiger
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AnttlicherTeil.
Gießen, den 5. Januar 1899. Betreffend: Register üb r Zu- und Wegzüge.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
e* die Orotzh. Bürgermeistereien des Lkreises.
Wir sehen der Einsendung der Verzeichniffe über die Zu» und Wegzüge, oder Bescheinigungen, daß Einträge in diese Register im Jahre 1898 nicht zu machen waren, bis zum 20. d. Ms. entgegen. Die Bescheinigungen sind nach dem Muster, welches auf der letzten Seite der Formulars vorgedruckt ist, auszunehmen.
Das Formular zu den Zu- und Wegzügen ist von der Großh. Centralstelle für die Landesstatistik in Darmstadt zu beziehen.
____________________v. Becktold._____________________
Bekanntmachung.
Die Maul- und Klauenseuche ist in einem Gehöfte zu Liederbach, Kreis Alsfeld, amtlich festgestellt und Gehöftesperre angeordnet worden.
Gießen, den 9. Januar 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
________________I. V : Boeckmann.________________
Zur Militärvorlage
schreibt die „Tägl. Rundschau":
Da bei dem Wiederzusammentritt des Reichstages die Militärvorlage aufs neue in dem Brennpunkte der Erörterungen stehen wird, so erscheint es zweckmäßig, sich noch einmal vorher darüber klar zu werden, was für Veränderungen sie für unser Heer beabsichtigt. Denn um zum Teil tief einschneidende organisatorische Aeuderungen, nicht um wesentliche Vermehrungen handelt es sich. Letztere sind so geringfügig, daß sie kaum ins Gewicht fallen, um so mehr, als sie sich auf einen Zeitraum von drei Jahren verteilen und in der Hauptsache nur durch die vorläufige Beibehaltung der zweijährigen Dienstzeit bedingt sind. Die Begründung der Militärvorlage sagt deshalb auch, daß die gegenwärtige
politische und militärische Lage die Möglichkeit gewährt, „von dem System plötzlicher erheblicher Heeresverstärkungen abzugehen und statt dessen einen planmäßigen, ruhigen Ausbau ins Auge zu fassen". Der Abrüstungsvorschlag Rußlands wird in kühler, lakonischer Form damit abgethan, daß er „die Gewähr bietet, daß zur Zeit ein Angriffskrieg von dieser Seite nicht beabsichtigt wird", es wird aber hervorgehoben, daß eine Abrüstung nirgends erfolgt und unter den jetzigen Verhältnissen auch kaum zu erwarten ist.
Sehen wir nun, worauf sich der planmäßige Ausbau jetzt richtet, so finden wir in erster Linie die Neuordnung der Feldartillerie, Die Schäden der augenblicklichen Einrichtung und die Wünsche für ihre Abstellung sind unseren Lesern aus dem Artikel hierüber in Nr. 271 des Blattes vom 19. November vorigen Jahres bekannt. Mit Genug- thuung müssen wir es begrüßen, daß die beabsichtigte Neugestaltung thatsächlich das dort angedeutete Ziel erstrebt. Fassen wir daher noch einmal kurz zusammen, worin diese Aeuderungen bestehen : erstens Uebereinstimmung der Friedensund der Kriegsformation, zweitens Unterstellung der Artillerie schon im Frieden in den Divisionsverband, d. h. denjenigen, dem sie auch im Kriege angehört, drittens Fortfall der sogenannten Korpsartillerie im Kriege, viertens Einführung einer Feldhaubitze d. h. eines leichtbeweglichen Geschützes, das bestimmt ist, die Wirkung der Feldartillerie gegen einen in einer Verteidigungsstellung, insbesondere in einer vorbereiteten, künstlich verstärkten, befindlichen Gegner zu steigern.
Im einzelnen betrachtet, wird sich die Organisation folgendermaßen gestalten. Jede Division erhält im Frieden wie im Kriege eine Artilleriebrigade zu zwei Regimentern. Jedes Regiment wird zu zwei Abteilungen gebildet, jede Abteilung umfaßt drei Batterien zu sechs Geschützen. Diese Batterien sind größtenteils fahrende, znm kleineren Teil reitende, einzelne sind Haubitzbatterien. Dazu treten dann int Frieden noch zu einzelnen Regimentern einige reitende Batterien, die bei der Mobilmachung den aufzustelleuden Kavalleriedivisiouen zugeteilt werden. Dies ist somit die einzige Organisationsveränderung, die bei der Mobilmachung vor sich geht, den augenblicklichen Verhältnissen gegenüber somit ein großartiger Fortschritt.
Die fahrenden und reitenden Batterien haben dasselbe Geschütz, das neueingeführte Feldgeschütz Ö. 96. Eine Umwandlung von reitenden in fahrende Batterien, wie dies zum Teil erwartet wurde, wird nicht erfolgen. Diese neuen Stahlhaubitzen, ebenso leicht und beweglich wie die neuen Feldgeschütze, führen eine wirksamere Granate als diese, die insbesondere gegen Ziele hinter Deckungen und zum Zerstören der sich im Feldkriege bietenden Deckungen zu dienen bestimmt ist.
Mit der Neuordnung ist, wie gesagt, auch die Unterstellung unter den Divisionsverband schon im Frieden verbunden, ein nicht zu unterschätzender Vorteil; denn nun ist der Divisionskommandeur auch im Frieden schon genötigt, sich aufs eingehendste mit Wesen und Wirkung dieser Waffe, über die er im Kriege verfügen soll, zu beschäftigen, was ihm bisher nur in geringem Maße möglich war. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß das Armeekorps gegen früher eine Steigerung der Geschützzahl erfahren wird, eine Maßregel, deren Notwendigkeit ebenfalls schon in Nr. 271 v. I. hervorgehoben war, denn während es bisher 120 Geschütze zählte, wird es in Zukunft deren 144 erhalten. Alles in allem muß die geplante Neuordnung als eine durchaus folgerichtig durchgeführte und außerordentlich glückliche Maßregel bezeichnet werden, die den militärischen Interessen mit möglichst geringem Kostenaufwande Rechnung trägt.
Die zweite eingreifende Organisationsänderung ist die Neuordnung der „Verkehrstruppen". Unter diesem Namen sollen in Zukunft die Eisenbahn-, Telegraphen- und Lust- schiffer-Truppeu zusammengefaßt werden. Bisher unterstand die Militärtelegraphie dem Jngenieurkorps. Dies hört in Zukunft auf, indem die Inspektion der Militärtelegraphie eingeht, und die bisher allein bestehende Telegraphentruppe, die 5. Kompagnie Garde-Pionier-Bataillons, zur Formation der Telegraphenbataillone benutzt wird. An der Spitze der „Verkehrstruppen", womit also eine neue Waffengattung ins Leben tritt, soll ein Inspekteur im Range eines Divisionskommandeurs stehen. Ihm untersteht der Kommandeur der Eisenbahnbrigade, der Inspekteur der Telegraphentruppen, der die Stellung eines Regimentskommandeurs einnimmt, sowie der in Bataillonskommandeursrang befindliche Kommandeur der Luftschifferabteilnng. Bei der Eisenbahn-
Feuilleton.
Iösens Stützen der Gesellschaft.
Zur vierten Vorstellung des Theatervereins.
Die Stützen der Gesellschaft sind das Drama, durch das Ibsen zuerst tn weiteren Kreisen Deutschlanos bekannt ge worben ist. Nach seinem Erscheinen (1877) wurde es in Berlin unter größtem Beifalle gleichzeitig auf drei Bühnen gegeben. Keines seiner Schauspiele hat später auch nur annähernd solchen Erfolg gehabt. Denn bei aller Schärfe der Kritik, die auch hier an d<m modernen Gefellschaftsleben geübt wii d, geht doch alles gut und versöhnlich aus. Außerdem findet sich n ihm noc!> nichts von der geheimnisvollen Symbolik, nichts von dem Mystischen und Märchenhaften der späteren Dramen. Das große Publikum, das so gar keine R igung hat, nach des Tages Loft ober Lust allzuheftig aufgerüttelt, erschüttert und etwa dadurch zu ebenso unbequemer wie un erfreulicher Selbsterkenntnis geführt zu werden, konnte befriedigt nach Hause gehen.
Die Stützen der Gesellschaft stehen am Anfang der langen Reihe von Gesellschafts- und Familienbramen, in denen Ibsen immer entschiedener den Finger auf die wunden Stellen unseres bürgerlichen Lebens legt. Sein Kampf gilt vor ollem dem Egoismus und fdnem ®tfolge, der Lüge, dem Selbst- -betrug, der Heuchelei und Feigheit. Das sind die Krank- heilen, die an unserem Leden zehren, und verhindern, daß wir zu einem wahren Leben kommen. Die meisten sihen fie ober nicht, ober wollen sie nicht sehen. Darum geht eben des Dichters Kunst darauf aus, auch in die dunkelsten Ecken «nd Winkel des menschlichen Herzens hineinzuleuchten und so die Selbsterkenntnis zu wecken. Diese führt dann, je nach dem Stadium der inneren Erkrankung, zur Heilung oder auch zu tragischem Ende. So entschieden Ibsen den Egoismus als die Quelle alles Nebels bekämpft, ebenso kräftig tritt er für die Rechte des Individuums ein. Seine Gegnerschaft gilt jedem, der den Menschen als Sache, Werk: ober Spiel- MS zu benützen wagt. So steht Ibsen als unerbittlicher


