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Sonntag den 10. September
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Nr. 213 Zweites BLatt
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Fernsprecher Nr. 51.
Feuilleton.
Aas „Land der tausend Seen".
Reise-Erinnerungen von Erwin Bauer.
(Nachdruck verboten.)
VI.
Quer durch West Aiuulaud.
Eine Regenpartie durch den Wald. — Ein Abenteuer. — Segnungen der nationalrusfischen „Civilisation". Die Heilkraft des Grog. — Von Riihim'äki uach Rordwesteu. — Landschaftlicher Charakter West-Fiuulands. — Die Tavasten. — Unterschiede zwischen Ost- und West-Finnland. — Tavastehus. — Das Zellengefänguis. — Tammerfors. — Finnländische Industrie. — Die Umgebung von Tammerfors. — Ein Malheur.
Willmanftrand machte bei strömendem Regen natürlich einen noch trübseligeren Eindruck, als bei Sonnenschein, und niemand von uns Reisenden hatte deshalb Lust, dort zu bleiben. Was war aber da zu thun? Sollten wir in Willmanftrand übernachten, oder sollten wir, wie es anfangs beabsichtigt war, in Kariols — die Verbindungsbahn war noch nicht in Betrieb — nach der, etwa 2 bis 3 Wegstunden entfernten Station der Helsingfors-Wyborger Eisenbahn fahren? — das war die Frage. Ich, der ich mich in meinem langen Gummiregenmantel mit der schützenden Kapuze ganz wohl fühlte, war zu letzterem entschlossen, und es gelang mir, fünf Reisegefährten zu bewegen, daß sie sich mir anschlössen. Das Unglück wollte es, daß es gerade Sonntagabend war, und daß die Poststation in Willmanftrand von Russen besorgt wurde. Alles war be-
Politische Wochenschau.
Eine recht bewegte Woche liegt hinter uns. An erster Stelle zu erwähnen sind die Ministerveränderungen in Preußen, welche wir ja bereits eingehend besprochen haben. Irgend welchen Einfluß auf die innere Politik dürfte der Ministerwechsel kaum haben, da der Kurs streng vorgezeichnet ist und derselbe bleiben wird. Auch dem Land- wirtschaftsminifter Freiherrn v. Hammerstein schrieb man Amtsmüdigkeit zu, doch wurden diese Gerüchte in den letzten Tagen offiziös dementiert, was freilich noch lange nicht besagt, daß Herr v. Hammerstein nicht doch in allernächster Zeit den Herren v. Bosse und v. d. Recke folgen wird. Interessant wäre es, zu ersahen, ob die Negierung wirklich beabsichtigt, den Bund der Landwirte zu maßregeln, d. h. den Beamten die Zugehörigkeit zum Bunde zu verbieten. Die Regierung würde damit einen Sturm gegen sich entfachen, dessen sie schwerlich wieder Herr werden könnte, und deshalb wollen wir jene Nachricht mit gehöriger Vorsicht aufnehmen. Daß die Kanalfrage nicht zur Ruhe kommt und immer wieder in weilen Kreisen darauf hingewiesen wird, wie wenig Scharfblick die Regierung verraten hat, als sie die politischen Beamten für ihre Abstimmung maßregelte, dafür sorgen die Abschiedserlasse der betreffenden Landräte, welche von der Presse mit einer gewissen Schadenfreude kommentiert werden. Aber die Zeit wird auch hier ausgleichend wirken und hoffentlich bald vergessen machen, daß die Regierung einen bedenklichen Fehlgriff gethan hat, als sie gegen die Abgeordneten, welche politische Beamte sind, vorging.
Viel besprochen wird die Rede welche der Kaiser am Dienstag in Straßburg hielt und in. der er die Kaiserliche Hand und das Wappenschild des deutschen Reiches als den einzigen Halt und den alleinigen Schutz der Kirche Pries. Demselben Gedanken gab der Kaiser auch in Stuttgart Worte, wo er das Königtum als die einzig wirklich sichere Stütze von Altar, Religion und Sitte bezeichnete. Beachtenswert ist jedenfalls die warme Aufnahme, welche der Kaiser wiederum im Süden des Reiches gefunden hat.
Während wir noch vor einigen Tagen darlegten, daß der Schluß des DreyfusProzesses sich voraussichtlich noch weiter hinziehen werde, ist unerwartet schnell am Donnerstag das Beweisverfahren abgebrochen worden, so daß man heute, spätestens Montag das Ende des Dramas erwartet. Daß die Auffassung über das Urteil, der wir vor kurzem Ausdruck gaben, berechtigt war, geht aus dem Anträge des Regierungsvertreters Carriöre hervor, der neuerdings das „schuldig" über Dreyfus verlangte.
Die schönen Tage von Konstantinopel sind für den Fürsten von Montenegro nun vorüber, und er
lenkt seine Schritte zurück nach den Schwarzen Bergen. Man will wissen, Fürst Nikita und der Sultan hätten ein Schutz« und Trutzbündnis geschlossen für etwaige Vorkommnisse auf dem Balkan. Ob der Montenegriner reich beladen mit türkischen Pfunden den Heimweg angetreten hat, darüber verlautet noch nichts, jedenfalls beginnt der Fürst, einer der Schwiegerväter Europas, eine immer einflußreichere Person zu werden.
Noch immer ist das Verhältnis zwischen England und Transvaal sehr fraglich: während auf der einen Seite gar nicht mehr an dem Ausbruche des Kriegs gezweifelt wird, hoffen andere fortgesetzt auf eine friedliche Lösung. Uebrigens werden allem Anscheine nach Transvaal und der Oranjefreistaat gemeinschaftliche Sache gegen John Bull machen. Unter den Liberalen Englands wird lebhaft agitiert gegen die aggressive Politik Chamberlains, und es ist nicht unmöglich, daß noch in letzter Stunde das Schwert wieder in die Scheide gesteckt wird. Auch für den Frieden Europas wäre eine solche friedliche Entscheidung sehr wünschenswert, denn wer weiß, welche Verwickelungen aus dem Vorgehen Englands gegen die Burenrepublik entstehen können!(xx) -
* Der Kaiser in Württemberg.
Wie in den Reichslanden, ist der Kaiser auch in Württemberg von der Bevölkerung mit begeistertem Jubel empfangen worden. Er hat seiner Genugthuung hierüber bei dem Paradediner, das in Stuttgart ftattfand, sprechenden Ausdruck gegeben. Die Trinksprüche, die bei dieser Gelegenheit von dem König von Württemberg und in Antwort auf dessen Rede vom Kaiser ausgebracht wurden, bilden eine Bekundung der warmen, bundesfreundlichen Gefühle, von denen die beiDen Monarchen beseelt sind, die ihre Wirkung auf die weitesten Kreise nicht verfehlen wird. Ueber den Aufenthalt in der Hauptstadt des Landes, in dem, wie er hervorhob, die Wiege des Hohenzollerngeschlechtes stand, erhalten wir noch folgende ergänzende Nachrichten:
Wie bereits gemeldet, brachte der König von Württemberg bei dem Paradediner folgenden Trink- \ spruch auf den Kaiser aus:
„ES ist mir eine große Freude, daß Ew. Majestät in meinem Lande wieder Einkehr gehalten haben. Die glänzenden Augen und der Jubel der Bevölkerung werden Zeugnis abgelegt haben für die treuen und aufrichtigen Gefühle derfelben. Wie einstenS Seiner Majestät d m hochseligen Kaiser Wilhelm dem Großen, dessen Denkmal Ew. Majestät gesehen haben, und dessen Errichtung aus den innersten Gefühlen des württembergtschen Volkes hervorgegangen ist, so schlagen auch heute dem Enkel des großen Kaisers die Herzen entgegen. Ich gebe meinem Danke dafür Ausdruck, daß Ew. Majestät auch heute den Leistungen meines Armeekorps ein wohlwollendes und lobendes Urteil gespendet haben. Der Stolz des Soldaten ist es, seinem obersten Kriegsherrn zu zeigen, daß er ebenso wie auf dem
trunken, und es gelang uns nur mit Mühe, die drei Kariols aufzutreiben, deren wir bedurften. Endlich fuhren wir ab und gerieten bald in den dunkelen, regenfeuchten, unendlichen Wald. . .
Das war nun freilich keine Waldpartie in nordischer heller Sommernacht mit Nachtigall-Schluchzen und geheimnisvollen Schattenbildern, wie ich sie mir geträumt hatte, aber ohne Abenteuer verlief die Fahrt doch nicht. Anfangs unterbrachen die russischen und finnischen Schimpfworte der Postillone das eintönige Rauschen und Plätschern des Regens, dann wurde es stiller; wir versuchten, auf dem hohen Kariol zusammengekauert sitzend, einzunicken, und bald hörte ich außer dem Getrampel der Pferde und dem leichten Rollen des Wagens nur noch das laute Schnarchen meines Kutschers, der merkwürdigerweise selbst im Schlafe auf der Fehmerstange sicher balanzierte und sich nur leicht mit dem Rücken an das Kariol anlehnte. Da gab es plötzlich vor uns einen lauten Krach, ein Rollen und Purzeln und dann ein zorniges Schelten, dem einige Peitschenhiebe folgten, die auf irgend etwas Nasses aufklatschten. Wir kamen näher und erfuhren, daß das erste Kariol mit dem einen Rade in ein tiefes Loch gefahren und umgestürzt war; die Achse war gebrochen, einer der Jnsaffen hatte sich beim Sturze das Bein derart verstaucht, daß er sich nicht erheben konnte, und sein auf das höchste erbitterter Mitfahrer bearbeitete mit der dem Kutscher entfallenen Peitsche den breiten, nassen Rücken desselben und versuchte vergeblich, ihn nüchtern zu prügeln.
Ein Loch in einer finnländischen Landstraße — das war unmöglich! Ich kletterte von meinem Kariol herab und überzeugte mich bald, daß wir von der Landstraße ab«
Paradestlde, fäbig sein wird, wenn der Ruf deS obersten Kriegsherrn an ibn ergeht, in ernster Waffenthat sich zu bewähren und sein Blut für Kaiser, König und Vaterland zu vergießen. Ich danke für die besondere Gnade, Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit den Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen von nun an in den Listen meines Armeekorps führen zu können. Ich erblicke darin einen neuen Beweis besonderer Gnade und Huld für mein Hau« und mein Armeekorps. Daß wir aber nicht ruhen, sondern mit demselben Elser fortfahren werden, das fasse ich zusammen in dem Gelöbnis ewiger Treue und Aufopferung bis zum letzien Blutstropfen. Seine Majestät der Kaiser und König Hurra! Hurra l Hurra!"
A Die Antwort des Kaisers auf diesen Toast seines Gastgebers hat nach einer weiteren Meldung folgenden Wortlaut:
„Ew. Majestät bin ich dankbar für die soeben geäußerten Worte. Es ist mir in der That eine hohe Freude gewesen, das wunder volle Armeekorps unter Ew. Majestät Führung zu sehen. Ich beglückwünsche Ew. Majestät dazu. Ew. Majestät werden es mir nicht verdenken, wenn auf württembergtschen Boden die Pulse meines Herzens schneller schlagen als irgendwo; denn dieses Land bildet die Wiege meines Geschlechts, und von hier aus zogen meine Vorfahren in die ferne Nordmark, um ein neues Vaterland zu gründen und Jahrhunderte lang für daS Emporblühen eines neuen Volkes zu arbeiten. Ich glaube, den in der That zum Herzen gehenden Jubel und den begeisterten Empfang dahin richtig zu begreifen, daß ich an^ nehme, daß das Volk stolz ist, seine Armeekorps unter der Führung seines Königs zu (eben. Darin versinnbildlicht sich, wie in unseren Monarchteen das Königtum an der Spitze eines Volkes die einzig wirklich sichere Stütze für die Bewahrung von Thron und Altar, Religion und Sitte am Ausgang des 19. Jahrhunderts ist.
Ich fasse alle meine Gefühle und all meinen Dank zusammen in dem Wunsche, daß es Ew. Majestät und Ihrem Hause gegönnt fein möge, alle Zett so zu sprechen rote dereinst Ew. Majestät erlauchter Vorfahre, daß Sie allezeit und überall Ihr Haupt in ben Schoß Ihrer Untertanen legen können. Se- Majestät der Kön g und sein Haus und das Land Württemberg Hurra! Hurra! Hurra!
*
Karlsruhe, 8. September. Die Kaiser-Parade des 14. Armeekorps begann heute vormittag um 8y2 Uhr, statt wie bestimmt um 10 Uhr. Es erfolgte nur ein einmaliger Vorbeimarsch. Von Fürstlichkeiten wohnten der Parade außer dem Großherzog und dem Erbgroßherzog von Baden der König von Sachsen, der Herzog Johann von Mecklenburg, Prinz Albrecht von Preußen, der Großherzog von Hessen, Prinz Leopold von Bayern bei. Auch die Großherzogin und die Erbgroßherzogin von Baden wohnten der Parade an. Um 121/, Uhr heute mittag hielt der Kaiser an der Spitze der Fahnen-Kompagnie seinen Einzug in die Stadt. Ihm zur Seite ritt der Großherzog von Baden. Den Zug eröffneten Garde-Kürassiere, dann kam die Musik des Leib- Garde-Kürassier Regiments Nr. 109. Hiernach ritten der Kaiser an der Seite des Großherzogs der Fahnen-Kompagnre des Leib-Grenadier-Regiments voraus. Den Schluß bildete die Regimentsmusik. Die die Straßen dichtanfüllende Menschenmenge begrüßte den Kaiser mit lebhaften Ovationen.
geirrt und auf einen primitiven Weg für Holzhauer geraten waren. Das Loch, in dem das erste Kariol zerbrochen war, wurde durch eine natürliche Senkung unter einer stark emporragenden Wurzel eines uralten Tannenbaumes gebildet. Wir unterwarfen nun die Kutscher einem scharfen Verhör in russischer Sprache, konnten aber nichts anderes aus ihnen herausbringen, als daß sie selbst nicht wüßten, wo wir wären und wie wir dahin gekommen seien. Sie schauten bald sich, bald uns mit stupidem Lächeln an, zuckten die Achseln und kratzten sich hinter den Ohren. Wir ließen den einen Kutscher mit dem zerbrochenen Kariol und dem einen Pferde im Walde zurück; die beiden Mitreisenden, die keinen Wagen mehr hatten und von denen wir den einen heben mußten, brachten wir mit großer Anstrengung auf unseren heilen Kariols unter, und dann fuhren wir im Schritte den Waldweg zurück, bis wir die Landstraße wieder erreichten.
Eine Stunde darauf langten wir endlich auf der Bahnstation an, durchnäßt und hungrig und natürlich zu spät für den Nachtzug nach Helsingfors, den wir benutzen rooHten. Der nächste Zug kam erst frühmorgens, und wir beschlossen, die wenigen Stunden, die uns bis dahin verblieben, bei einem wärmenden Grog zu verbringen. Die Postknechte wurden mit einigen nicht gerade sehr schmeichelhaften Wendungen über die Segnungen der nationalrussischen Kultur, deren Anfänge für Finnland wir soeben durchgekostet hatten, entlohnt und nach Hause geschickt, und bald saßen wir um den summenden Samowar vor dampfenden Groggläsern, und mit Wärme zog auch der Humor wieder in uns em. Als um etwa 5 Uhr der Schnellzug heranbrauste, da hatten wir uns so zu sagen von innen heraus vollkommen abge-


