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10.1.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 8 Zweites Blatt Dienstag den 10. I rnuar

Gießener Anzeiger

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Die Gießener Aamilienbtätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal deigelegt.

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Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schutftratze Nr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Ließe«.

Fernsprecher Nr. 51.

KnitlicherEeil.

Bekanntmachung

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über btt Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert, pro Monat Deeember 1898 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen:

Hafer Mk. 16,30, Heu Mk. 5,50, Stroh Mk. 4,60.

Gießen, den 6. Januar 1899.

GroKberzoglicheS KreiSarnt Gteßen.

I. V.: Frhr. Schenck._______________

Deutsches Keich.

Darmstadt, 7. Januar. Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog empfingen heute den Dr. jur. und Hof­junker Frhrn. Heyl zu Herrnsheim, den Steuerrat Dr. Knell aus Friedberg, den Garteninspektor F. Rehnelt von Gießen, den Oberförster Mettenheimer von Fischbach i. Schl.; den König!. Großbritannischen Geschäftsträger Mr. Buchanan; zum Vortrag den Staatsminister Rothe, den Justizminister Dr Dittmar, den Kabinetsrat Römheld.

Berlin, 7. Januar. Gegenüber der Mitteilung, wonach das deutsche Kaiserpaar aus Anlaß der geplanten Reise nach Rom einen Ausflug nach Aegypten beabsichtigen soll, muß hervorgehoben werden, daß von einem solchen Ausflug an unterrichteter Stelle nicht das mindeste bekannt ist- Im Hinblick auf die neue künstlerische Ausschmückung des Palazzo Caffarelli, der deutschen Botschaft in Rom, gedenkt der Kaiser, wie dieNational-Zeitung" berichtet, allerdings sich nach Italien zu begeben, lieber den Zeit­punkt und die Dauer der Reise liegt jedoch noch keine be­stimmte Angabe vor.

Berlin, 7. Januar. Im Reichstage ist der in der vorigen Session nicht mehr zur Beratung gekommene Gesetzentwurf betreffend die eingeschriebenen Berufs- vereine von der freisinnigen Volkspartei wieder ein­gebracht worden.

Berlin, 7. Januar. Das Staatsministerium trat heute Nachmittag um 2 Uhr unter dem Vorsitz des Reichs- kauzlers Fürsten Hohenlohe in seinem Dienstgebäude zu einer Sitzung zusammen.

Berlin, 7. Januar. Zur Feier der Eröffnung des preußischen Landtages werden auf Befehl des Kaisers die aktiven Generale der Berliner Garnison an­wesend sein.

Berlin, 7. Januar. Gegenüber anderen durch die Blätter gehenden Nachrichten, die stark mit der Möglichkeit rechnen, daß das deutsch-englische Handels-Ab­kommen nicht zur rechten Zeit vollzogen werde und daher das gegenwärtig bestehende Handels-Provisorium noch einmal verlängert werden müsse, erfährt diePost" daß zu obiger Besorgnis keine Veranlassung vorliegt, da man dem Ein­treffen der englischen Antwort jeden Tag entgegensetzen darf und auch immerhin bis zum Ablauf des Handels-Provisoriums noch Zeit zu weiteren Verhandlungen übrig bleibt.

Berlin, 7. Januar. Aus dem Reichstag. In dem Haushaltsausschuß des Reichstags sind die Berichterstatter für die zweite Lesung des Haushalts-Entwurfs bestimmt worden. Berichterstatter für den Militäretat sind: Graf Roon und Dr. v. Hertling für die fortdauernden Ausgaben, Gröber und Graf Klinkowström für die einmaligen Aus­gaben. Die Ernennung von Berichterstattern für den mit der neuen Militärvorlage zusammenhängenden Nachtrags­etat ist noch Vorbehalten. Für die Marine und Kiautschou sind Abg. Lieber und Graf Stolberg zu Berichterstattern bestellt, für die Post- und Telegraphenverwaltung Dr Paasche und Lingen-, für das Auswärtige und die Kolonien Prinz Arenberg und Dr. Hasse. Für die Reichseisenbahnen sind Möller-Duisburg und Dr. Müller-Sagan bestellt.

Austritt aus der Zentralstelle. Ihren Austritt aus derZentralstelle zur Vorbereitung von Handelsverträgen" haben die Mitglieder des deutschen Tabaksverbandes erklärt, und zwar sollen sie, wie ein Berliner Berichterstatter schreibt, zu diesem Schritt bewogen fein, weil, wie-man sagt, die Zentralstelle sich mehr und mehr in eine derartige Opposition zur Regierung gestellt habe, daß ein ersprießliches Zusammenwirken kaum noch zu er­warten stehe. Auch der Führer der sächsischen Tabaks­industriellen, Kommerzienrat Collenbusch, der zugleich auch dem Vorstand derZentralstelle zur Vorbereitung von Handelsverträgen" angehörte, hat unter Niederlegung seines Amtes seinen Austritt erklärt.

Fleischbeschau-Gesetz. Infolge der bisher über den Inhalt des in Aussicht stehenden Fleischbeschau- Gesetzes bekannt gewordenen Mitteilungen ist in den Kreisen der zur Zeit thätigen örtlichen Fleischbeschauer die Besorg­

nis wachgerufen, daß sie ihr Gewerbe nicht mehr würden ausüben können und durch Staatsbeamte ersetzt würden. Demgegenüber kann dieTägl. Rundschau" auf Grund ihrer Erkundigungen mitteilen, daß eine solche Besorgnis unbegründet ist, und daß vielmehr in Zukunft die Dienste der jetzigen Fleischbeschauer noch mehr als bisher aller­dings, was nur in ihrem Interesse liegen kann direkt vom Staat in Anspruch genommen werden sollen. Da­neben wird die Einstellung neuer Kräfte zur Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen notwendig werden.

Aus Sachse», 5. Januar. Die Ueberfüllung der ge­lehrten Berufskreise fängt an, bei uns Besorgnisie zu erregen, da noch keine Abnahme des Zudranges zu ihnen, sondern eher eine Zunahme desselben wahrzunehmen ist. Die Zahl der Referendare, die nach Ablegung der vor­geschriebenen Prüfung zu Affefforen ernannt worden sind, betrug im Jahre 1894 in Sachsen 44. Seitdem ist deren Zahl alljährlich gestiegen und wuchs im letztverflossenen Jahre auf 132! Im ganzen wurden in den letzten fünf Jahren 412 Assessoren ernannt; von diesen sind nach und nach 139 aus dem Justizdienst ausgeschieden; zu Amts­richtern, Landrichtern und Staatsanwälten aber wurden in diesen fünf Jahren 133 befördert. Sonach ist in Sachsen ein ziemlich bedeutender Ueberschuß an Assessoren vorhanden, was zur Folge haben muß, daß der Zeitraum, der von der Ernennung zum Affessor bis zur Anstellung verstreicht und der jetzt schon nicht leicht unter vier Jahren beträgt, immer größer wird. Daran war man bisher bei uns nicht gewöhnt. Ganz besonders klagen aber auch die jungen Theologen, die oft lange Jahre warten und mit den bescheidensten Hilfslehrerstellen an Volksschulen vorlieb nehmen müssen, ehe sie in ihrem Beruf thätig sein können. Auch die Zahl der jungen Aerzte übersteigt weit den Bedarf des Landes, doch kommt ihnen der weltbürgerliche Charakter ihrer Wissen- schast zu statten, der ihnen eine gewisse Freizügigkeit sichert, und das Wort medicina est certissimum viaticum behält darum seine Geltung.

Ausland.

Wien, 7. Januar. Die ungarischen Minister wurden auf 4 Uhr nachmittags zum Kaiser berufen. Einstweilen läßt Banffy alle Gerüchte über einen Kabinettswechsel dementieren.

Rom, 7. Januar. Wie im Vatikan verlautet, wird der

Die Freunde der Sache veranstalteten am 16. Januar 1881 1 tinc große Volkversammlung, um die Oeffentlichkeit dafür ' intereffiren, und diese Versammlung verlief bei weitem

die Straßen Edinburgs riesige Plakate - - . i denen an alle, die sie lesen wollten, die

ohnung gerichtet war:

Februar, fit w bit aut®*

Feuilleton.

Englische Wolksöibliotheken.

Von Dr. Ernst Schultze.

Steuerzahler! Fallt nicht auf diesen Volks- vtbliotheksmumpitz herein, sondern wahrt Euch gegen die Last von 6000 Pfund neuer Stenern, schickt Eure Karte mitNein!" zurück."

I Dieser Appell an dasHosentascheneigentum", wie karlyle sagen würde, hatte Erfolg, denn von den 41,000 die ihre Stimmen abzugeben hatten, schickten (die ,^mmung wurde diesmal auf Postkarten vorgenommen) bOOifjrJa" und 15,700 ihrNein" die übrigen Eilten sich der Abstimmung.

Daß dies ein ziemlich hoffnungsloses Resultat war,

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208 a tDT' Gegner wußten eben nur einen einzigen Grund tajt ö torzubrmgen, der sich zu einer Behandlung in einer längeren 0 r. öor einer großer Versammlung nicht recht eignete, X t1? cr sich gar zu armselig ausgenommen hätte. Deshalb ,kte 6-berai1 g^Ls frkd . man/ stm ihn zur Kenntnis des großen Publikums

(3. Fortsetzung.)

Man ließ 13 Jahre ins Land gehen, ehe man einen neuen Versuch in der gleichen Richtung unternahm. In dieser Zeit hatte eine große Zahl von englischen Städten

---I V Vit 11

Twart-Bill angenommen, und man glaubte deshalb eher ukelv, e~ Oii5 eus einen Erfolg rechnen zu können, als im Jahre 1868.

konnten sich die Anhänger der public libraries nicht ver­hehlen, wenngleich es ja bereits bei weitem günstiger war, als der Versuch des Jahres 1868. Wer weiß aber, wann Edinburg nun wirklich eine große Volksbibliothek bekommen hätte, wenn nicht Andrew Carnegie durch die Darbietung einer größeren Geldsumme wirksam nachgeholfen hätte. Carnegie ist ein geborener Schotte; als er 10 Jahre alt war, siedelten seine Eltern nach Pittsbnrg in den Bereinigten Staaten (Pennsylvania) über, wo er sich von den kleinsten Anfängen aus so energisch emporarbeitete, daß er jetzt die ausgedehntesten Eisen- und Stahlwerke besitzt, die je in der ganzen Welt von einem einzelnen Menschen geleitet worden sind.

Carnegie weiß es aus eigener Erfahrung, wie bitter es thut, wenn man so gern etwas lese» möchte, aber nichts hat. Er erzählt von sich in seiner, ja auch dem deutschen Publikum bekannten kleinen Schrift über die Pflichten des Reichtums:

Als ich ein Knabe war, öffnete Colonel Anderson of Alleghany ein Name, den ich nie ohne das Gefühl der tiefsten Dankbarkeit aussprechen kann in Pittsbnrg seine kleine Bibliothek von 400 Bänden uns Knaben. Jeden Sonnabend Nachmittag war er selbst damit beschäftigt, die Bücher umzutauschen. Niemand, der es nicht selbst gefühlt hat, kann sich kaum die unsägliche Sehnsucht denken, mit der wir das Erscheinen des Sonnabends erwarteten, an dem wir ein neues Buch haben könnten. ... Damals, als ich in diesen Schätzen schwelgte, war eS, daß ich beschloß, wenn ich jemals zu Reichtum gelangen sollte, ihn dazu zu ver­wenden, Freibibliotheken zu errichten, damit auch andere arme Jungen in eine ähnlich glückliche Lage versetzt würden, wie die es war, für die wir diesem edlen Manne unseren Dank schulden."

Carnegie hat diesen Vorsatz gehalten. Er hat eine ganze Reihe von Volksbibliothekeu in Nordamerika nnb Schottland in- Leben gerufen; allein für schottische Volks­

bibliotheken hat er etwa 78,000 Pfund St. (d. h. etwa IVt Mill. Mk.) geschenkt.

Mehr als die Hälfte dieser Summe entfällt nun auf eine großartige Schenkung, die er der Hauptstadt seines Vaterlandes, Edinburg, im Jahre 1886 machte. Er setzte nämlich 25,000 Pfd. St. für die Errichtung eines Volks- bibliotheks-Gebäudes unter der Bedingung aus, daß die Stadt die Bibliotheksakte annähme. Aber schon wenige Tage, nachdem dieser Brief in Edinburg eingetroffen war, telegraphierte Carnegie:Glaube, 50,000 notwendig, um Edinburg Bibliothek zu geben, wie es sie braucht; erhöhen Sie meinen Antrag auf 50,000."

Dieses Eingreifen desEisenkönigs", wie Carnegie häufig genannt wird, gab der Wage der Voksgunst endlich den entscheidenden Ausschlag nach der gewünschten Seite. 50,000 Pfd. St. (1 Mill. Mk.) sind nicht eine Kleinigkeit, die sich die Bürger einer Stadt so leicht entgehen ließen. Diesmal war das Resultat derartig, daß unter der ganzen, mehrere tausend Köpfe zählenden Versammlung, die über den Vorschlag abzustimmen hatte, sich nur zwanzig Leute fanden, die ihre Hand dagegen erhoben, aber sofort unter allgemeinem Gelächter verblüfft den Saal verließen.

Auch ii anderen Städten stieß die Annahme der Ewart- Bill auf größere oder geringere Schwierigkeiten. Nament­lich die verschiedenen Bezirke Londons zeichneten sich durch wiederholte Ablehnung derselben aus; die erste Ablehnung erfolgte dort am 5. November 1855. 1856 war inner­

halb Londons die erste Annahme der Bill zu verzeichnen (durch zwei kleine Gemeinden in Westminster) dann folgt eine lange Reihe von Ablehnungen über Ablehnungen, bis im Jahre 1883 Wandsworth die Errichtung einer public library beschloß. Dann haben immer mehr Be­zirke das Versäumte nachzuholen gesucht, und heute haben von den 82 parishea Londons 51 die Bibliotheks-Akte angenommen.

(Fortsetzung folgt.)