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Nr. 185 Zweites Blatt_______Mittwoch den 9. August
1899
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Der Riesen-Globus auf der Pariser Weltausstellung 1900.
(Nachdruck verboten.)
Zu den hervorragendsten Bauwerken auf der nächstjährigen Weltausstellung wird der Riesen Globus gehören, der seinen Platz am historischen Quai d'Orsay erhält. Man hat es in diesem Globus nicht mit einem Spielzeug oder mit einem dem Vergnügen geweihten Bauwerk zu thun, sondern er wird wissenschaftlichen und belehrenden Zwecken dienen. Der von außen sichtbare Teil des Globus ist eine gewaltige Kugel von 46 Mtr. Durchmesser, die auf einer Terrasse ruht, welche sich 60 Mtr. über Straßenhöhe befindet. Breite, bequeme Treppen und elektrische Aufzüge führen zu der Terrasse, deren Eckpfeiler mythologische und astronomische Figuren von ebenfalls riesenhaften Dimensionen bilden. Der große Globus zeigt den gesamten Sternenhimmel mit den allegorischen Figuren des Tierkreises und der übrigen Sternbilder. Im Innern dieser großen Kugel befindet sich eine zweite kleinere, deren Durchmesser aber immerhin noch 35 Mtr. beträgt. Auf ihr sind Mond und Planeten dargestellt, während die Innenseite des großen Globus die Sonne, Fixsterne und Kometen zeigt. In der zweiten Kugel ist wieder eine dritte, welche die Erde darstellen soll. Sie dreht sich von Westen nach Osten um die eigene Achse, und die 100 Zuschauer — so viele Personen haben im Jnnenraum der Erdkugel Platz — sehen Sterne aufgehen und verschwinden, mit einem Wort, dem Besucher wird die Bewegung der Erde zur Anschauung gebracht, da auch der Mond nicht fehlt, und sogar seine verschiedenen Phasen zur Darstellung kommen. Damit es den Besuchern auch an Unterhaltung nicht fehlt, werden auf der großen Terrasse, welche 2000 Besucher aufnehmen kann, täglich große Konzerte von einer aus 80 Personen bestehenden Kapelle unter Leitung des Meisters Saint-Saöns abgehalten. Von der Terrasse, die mit der ersten Plattform des Eiffelturms in gleicher Höhe liegt, genießt man einen herrlichen Rundblick. Es ist kaum zu bezweifeln, daß der Riesenglobus auf die Besucher der Ausstellung große Anziehungskraft ausüben wird, das Komitee rechnet mit einer Gesamteinnahme von 4700000 Frs., wovon für den Bau allein 2620000 Frs. abgehen. xx
Das Luftfahrzeug des Grafen Zeppelin.
Die neuesten Nachrichten vom Bodensee lauten dahin, daß trotz des Unfalls, der dem großen Wasserschuppen bei Manzell begegnet ist, der erste Probe-Aufstieg des lenkbaren Zeppelin'schen Luftfahrzeuges doch im September erfolgen könne. Die Konstruktionsarbeiten nehmen jetzt, da der große,
Feuilleton.
Die Heufessöosinen.
Eine heitere Ehestandsgeschichte von Alwin Römer.
(Nachdruck verboten.)
„Jetzt thust Du Dir bereits zum drittenmale Salz in die Suppe, Eberhard!" sagte halb und halb entrüstet Frau Affeffor Rauch zu ihrem offenbar über Plänen brütenden Gatten, der sich, ohne auch nur gekostet zu haben, eine derartige, schmählich beleidigende Nachwürze der vorzüglich gelungenen Hühnerbouillon erlaubt*.
„Verzeih, Klärchen," entgegnete er aufschreckend, und fuhr sich mit der Linken über Augen und Stirn — eine ausgedehnte, vollgiltige Assessorstirn — „ich war in Gedanken!"
„Das habe ich gemerkt, Eberhard. Du sollst aber während des Essens nicht grübeln. Dazu hast Du nachher noch Zeit genug!" wies die hübsche, kleine, leider ein wenig eigenwillige Frau ihn zurecht, und führte dabei einige ver- nächtende Schnitte in das etwas zähe Fleisch des Suppen- hilhnchens aus, als wären das seine obstinaten Gedanken.
„Nachher kommt mein Freund Reiser und holt mich a.b. Dann ist es zu spät. Die Sache hat nämlich Eile, u-ud da sie Dich mitbetrifft, ja, schließlich von Dir entschieden werden muß, so denke ich, wir reden gleich bei Tisch d «rüber!"
„Du machst mich neugierig, Schatz! Es ist doch nichts schlimmes?"
„Im Gegenteil! . . . Das heißt nach meiner Aufastung ... Du hast ja etwas andere Ansichten darüber."
„Aber so rede doch! Ich vergehe ja vor Ungeduld!" drängte sie, und gab den Kampf mit dem Hühnchen auf.
„Du weißt doch," begann er zögernd, „daß mir unsere augenblickliche Lage im höchsten Grunde zuwider ist . ."
„Ah, ist es das!" bemerkte Frau Klara bestimmt.
„Ja, das ist es!" erklärte er ein wenig heftig.
„Darum sollten wir uns die Suppe nicht kalt werden lassen, Eberhard!"
„Du kannst ja ruhig essen. Ich setze Dir währenddessen auseinander, was ich vorhabe. Damals, als ich die Vertretung für den Justizrat in Meppen übernehmen sollte, habe ich Dir nachgegeben und bin nicht hingegangen. Und wie ich im Frühjahre nach Krotoschin hätte kommen können, habe ich nochmals verzichtet. Jetzt aber sind wir so weit, daß mein kleines Vermögen ziemlich aufgebraucht ist, jetzt muß ich Dich ernstlich bitten, Deine Aversion gegen die Kleinstädte zu überwinden."
„Wer Dich reden hört, muß wahrhaftig denken, wir nagten am Hungertuche! Was Du von Deinem aufgebrauchten Vermögen sagst, ist Spiegelfechterei. Du weißt ganz genau, daß die Zinsen meiner Mitgift das, was wir verbrauchen, reichlich decken . . ."
„Ich mag aber nicht von den Zinsen meiner Frau leben!" donnerte er erregt.
„Du hast doch aber Mama versprochen, mich nicht in die Hundetürkei da oben zu schleppen," trumpfte sie dagegen.
„Wenn ich es vermeiden kann! Das habe ich damals ausdrücklich hinzugefügt."
„Und Du kannst es vermeiden!" blitzte sie ihn an.
„Ja, wenn ich ewig Assessor bleiben will!"
„Affeffor ist ein sehr hübscher Titel!"
„Natürlich; vier „s" und nichts zu essen!" stöhnte er. „Siehst Du denn nicht ein, daß mich das erniedrigt, als vierunddreißigjähriger Mensch von der Gnade meiner Frau leben zu müssen?"
„Wenn Du mich aus Liebe geheiratet hast: nein!"
„Dann fehlt Dir eben die nötige geistige Klarheit, das richtig beurteilen zu können."
„Darüber tröstet mich der Besitz einer anderen menschlichen Eigenschaft, die Dir langsam abhanden zu kommen scheint. Ich meine die Höflichkeit!"
„Bei Deinem Eigensinn bleibe der Teufel höflich! . . Kläre, wenn Du wüßtest, wie mich das mitnimmt, hier so herumzulungern und von Deinem Gelde . . ." Er schob den Teller von sich.
Sie ließ ihn nicht ausreden. Seine Abkürzung ihres Namens in „Kläre" war ihr „in den Tod zuwider" und brachte sie allemal in Zorn.
„Einbildung, nichts als Einbildung!" sagte sie erbost. „Ueber kurz oder lang kommst Du hier ebenso gut an. Aber Du liebst mich eben, nicht mehr. Du sehnst Dich fort von mir. Sag' es nur gerade heraus, daß Du ohne mich gehst, wenn ich mich lange sträube. Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin!"
Natürlich wurden ihr die Aug^n dabei naß. Wenn einen niemand anders bedauert, darf man schon ein bischen Mitleid mit sich selbst haben.
„Woran Du bist?" entgegnete bitter der Assessor. „Das kann ich Dir ganz genau sagen. Du bist beinahe daran, eine kleine Xantippe zu werden!"
„O Pfui, Eberhard!"
„Beweise mir das Gegenteil, indem' Du Dich meinen Entschließungen fügst. Morgen abend muß ich Nachricht geben; das ist der letzte Termin."
„Und wie heißt das Nest, wo.Du mich versauern lassen willst?" , .
„Osterode!" sagte er, empört über ihre Halsstarrigkeit.


