Ausgabe 
6.8.1899 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 6 August

1809

N«. 183

Drittes Blatt

Heneral-Anzeiger

Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

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Fernsprecher Nr. 51.

Die Besteuerung seither und in Zukunft.

Nachdem die Steuerreform zustande gekommen ist, wird eS von Interesse sein, an einigen Beispielen die Unterschiede in der bisherigen und künftigen Besteuerung zu zeigen soweit dies eben nach der Natur der einzelnen Steuern möglich ist. Voraussetzung dabei ist, daß der Steuerbedarf des Staats derselbe bleibt, wie seither; sollte er steigen, so würden natürlich auch bei dem seitherigen Steuersystem die Steuersätze (durch Erhöhung des Ausschlagskoesfizienten) erhöht werden müssen.

An Einkommensteuer, die Einkommen jeder Art (fundiertes und nicht fundiertes) trifft, sind von den neben- bezeichneten Einkommen seither und künftig die folgenden Beträge zu zahlen:

Steuerbetrag

Einkommen seither vom 1. April 1901 ab

500 Mk.

4.00 Mk.

3 Mk.

600750 Mk.

exkl. 6.40

6

2600 Mk.

44.80

50

3000

50.40

57

4000

74.40

90

5000

95.20

126

6000

117.60

160

7000

140.00

192

8000

163.20

230

9000

187.20

270

10000

224.80

315

Bei den Einkommen zwischen

750 und 2600 Mk. tritt

weiter keine Aenderung ein, als eine Abrundung des seit­herigen Steuerbetrags auf ganze und halbe Mark.

Die besondere Besteuerung des fundierten Einkommens, die seither durch die Grund-, bezw. Gewerbe-bezw. Kapital­rentensteuer erfolgte, wird ersetzt durch die das Vermögen treffende V e r m ö g e n s st e u e r. Wie sich hiernach die Be­steuerung des Einkommens aus Grundbesitz und Gewerbebetrieb gestalten wird, das läßt sich im einzelnen wegen der ganz verschiedenen, nicht vergleichbaren Grund­lagen nicht genau berechnen. Es ist hier nur hinzuweisen auf die gemeinsame Begründung zu den Gesetzentwürfen, die die Ermäßigung der Steuerlast bei schuldenfreiem Grund­besitz auf 61 Prozent (bei Verschuldung entsprechend höher) und beim gewerbesteuerpflichtigen Vermögen auf 28 Prozent im Durchschnitt angiebt. Beim Einkommen aus beweg­lichem Kapitalvermögen, bei dem bekanntlich eine Steuererhöhung um 15 Prozent eintritt, lassen sich dagegen die Grundlagen der seitherigen und der künftigen Besteuerung und die alten und neuen Steuersätze leicht miteinander ver­gleichen. Legen wir den jetzt üblichen Zinsfuß von 31/2 Prozent zu Grunde, dann ist die Besteuerung der verschiedenen Vermögen bezw. Zinseneinkommen jetzt und in Zukunft folgende:

Besteuerung

Kapital­

Zinsen­

seither

vom 1. April

vermögen

einkommen

1901 ab

3000 Mk. =

105 Mk.

1.43 Mk.

1.65 Mk.

4000 =

140

1.90

2.20

5000 =

175

2.38

2.75

10000

350

4.76

5.50

20000 -----

700

9.52

11.00

30000 =

1050

14.28

16.50

50000 -----

1750

23.80

27.50

70000 =

2450

33.32

37.95

100000 =

3500

47.60

53.90

Verzinst sich dagegen das Kapital zu 4 Prozent, so ist die seitherige Kapitalrentensteuer entsprechend höher, und es tritt durch die Vermögenssteuer keine stärkere Belastung ein; andererseits ist bei einer 3prozentigen Verzinsung der Unter­schied zwischen Kapitalrenten- und Einkommensteuer natürlich ein größerer.D. T.

Vermischtes.

* Karlsruher Mädcheugymnafium. Wie man mitteilt, hat das Karlsruher Mädchengymnasium, vor sechs Jahren von dem Verein Frauenbildung-Frauenstudium (damals Frauenbildungsreform genannt) gegründet und im Herbst 1898 in die Leitung der Stadt Karlsruhe übergegangen, vor kurzem seine vier ersten Primanerinnen entlassen. Sie haben mit ministerieller Genehmigung und unter amt­licher Aufsicht ihr Abiturientenexamen an der Anstalt selbst abgelegt und mit gutem Erfolg bestanden.

* Von der Nordpolfahrt des Herzogs der Abruzzen bringt der LondonerGlobe" bemerkenswerte Einzelheiten. Danach üam dieStella Polare" am Morgen des 30. Juni in

Archangelsk an und fuhr am 11. Juli nach dem Kap Flora weiter. In Archangelsk nahm das Schiff Kohlen, Vorräte jeder Art, Pelze u. s. w. an Bord und zuletzt 120 sibirische Hunde, die vorher mit Schlitten erpropt worden waren. Die Hunde sind an Bord auf der Schiffbrücke untergebracht, was sehr praktisch ist, vorausgesetzt, daß das Schiff nicht mit heftigen Stürmen zu kämpfen hat. Neben wichtigen Dingen wurde aber auch minder Wichtiges mitgenommen, u. a. ein Fußballspiel. In Archangelsk erprobte der Herzog mit großem Eifer seine photographischen Apparate. Von seinen Plänen sprach er fast gar nicht; er legte nur gegen die BezeichnungNordpolexpedition", die man seiner For­schungsreise beigelegt habe, Verwahrung ein. Der Pol, sagte er, sei nicht das direkte Ziel seiner Fahrt, er wolle vielmehr nur die Gegenden im Norden von Franz Josefs-Land erforschen, die von Jackson nicht erreicht worden seien. Auf die Frage, wann er nach Italien zu­rückzukehren hoffe, erwiderte er lächelnd:Das hängt ganz von dem ab, was wir leisten können. Wenn wir gut Glück haben und bald etwas Gutes sinden, werden wir uns be­eilen, zurückzukehren, wenn nicht ..." Als der Herzog hier verstummte, fügte einer von seinen Begleitern hinzu : Wenn nicht, dann werden wir eben so lange suchen, bis wir etwas finden." In Archangelsk erhielt der Herzog täglich zahlreiche Briefe aus Italien, darunter unendlich viele Ansichtspostkarten. Als dieStella Polare" am 11. Juli den Hafen verließ und durch einen Wald von englischen und anderen Handelsschiffen fuhr, ertönten von allen Seiten stürmische Hurrarufe. Das Wetter war herrlich, die Meeresverhältnisse so gut, wie man sie sich nur irgend wünschen konnte. Der Wahlspruch seines Hauses ist: Avanti, savoia! Man darf den Wunsch hinzufügen: A rivederci! (Auf Wiedersehen!)

* Verschwendung öffentlicher Gelder in den Vereinigten Staaten, lieber die Art und Weise, wie mit den staatlichen und städtischen Einrichtungen in der Union umgegangen wird, zeigt dieRevue Scientifique" an einer Reihe lehr­reicher Beispiele. Nach Mitteilungen einer Zeitung in Philadelphia wurde dort wegen des ungeheueren Ver­brauches von Elektrizität für Beleuchtungszwecke im Rat­haus eine Enquete veranstaltet, die ganz absonderliche Er­gebnisse hatte. Es sand sich keinerlei Vorrichtung zum Messen des Stromes vor, so daß die Bediensteten sich zwanglos der Verschwendung hingeben konnten. Der Saal des Finanzausschusses erfreute sich längere Zeit hindurch Tag und Nacht einer feenhaften Beleuchtung, ohne daß eine menschliche Seele in demselben geweilt hätte; nicht anders war es mit dem großartigen, durch 180 Lampen erleuchteten Empfangssaal des Stadtoberhauptes, der vor geraumer Zeit von einem Besucher besichtigt worden war, bei welcher Ge­legenheit man auch die Beleuchtungseffekte zeigte; selbst- verständlich vergaß der Diener hernach den elektrischen Strom auszuschalten. Ein ganz eigentümlicher Gebrauch oder besser Mißbrauch hat sich in verschiedenen städtischen Amtsstuben eingeschlichen, um der drückenden Hitze zu ent­gehen, sitzen die Beamten den ganzen Tag über hinter herabgelassenen Fenstervorhängen, und um der Dunkelheit zu begegnen, werden dafür während der ganzen Zeit die Raume durch die elektrischen Lampen erhellt. Das Resultat der Enquete war, daß zum Geringsten ein Viertel des elektrischen Stromes im Rathaus ganz zwecklos vergeudet wird, was einer Ausgabe von 300 Franks täglich entspricht. Ergötzlich ist die Bemerkung des französischen Blattes, daß ähnliche Statistiken über die bezüglichen Verhältnisse bei französischen Verwaltungen nicht existieren, es sei aber sehr zu befürchten, daß sie zu keinem anderen Ergebnis führen würden, wie die Untersuchungen in Philadelphia.

* Mohrenwäsche durch Elektrizität. Das Vorhandensein völlig schwarzer Menschen ist für die weiße Rasse bis auf den heutigen Tag dem Gefühl nach etwas so Außerordent­liches gewesen, daß man noch immer der Vorstellung begeg­net, als müßte die schwarze Farbe eines Negers einer gründ­lichen Behandlung weichen, und die Bezeichnung Mohren­wäsche ist uns noch heute wohlbekannt. Das kleine Mäd­chen, das auf bem: bekannten Gemälde mit einem großen Schwamm das Gesicht einer schwarzen Dienerin bearbeitet, würde aber nie zum Ziele kommen, und doch giebt es eine Möglichkeit, die Hautfarbe des Menschen völlig und dauernd zu verändern. Auch hier ist es die Elektrizität, die das scheinbar Unmögliche zustande bringt. Die wissenschaftliche Welt weiß seit langem, daß der elektrische Stom eine eigen­tümliche Wirkung auf die Gewebe und Säfte des Körpers auszuüben vermag. Worin das eigentliche Wesen dieser Wirkung besteht, ob sie mechanisch oder chemisch oder beides

abwechselnd ist, ob sie durch Elektrolyse oder gleichsam durch vibrierende Massage entsteht das ist noch alles rätselhaft. Aber die Physiologen und Aerzte haben sich dadurch nicht abhalten lassen, von der Elektrizität in allen ihren Formen einen häufigen Gebrauch zu machen, besonders zum Zwecke der Elektropunktur oder Akupunktur, bei der zwei Nadeln in geeigneter Entfernung in die Haut gestochen werden, damit zwischen ihnen ein elektrischer Strom durch den Körper hindurchgeleitet werden kann. Auf diese Weise wird z. B. ein unerwünschter Haarwuchs beseitigt, ferner Muttermale, Warzen und neuerdings auch Tätowierungen, die bisher für unzerstörbar galten. Daß die elektrische Behandlung für diese Zwecke zum Erfolg führt, kann nur dadurch erklärt werden, daß der elektrische Strom in dem Zustande oder der Ernährung der Gewebe gewisse Veränderung hervorruft. Dabei zeigt sich eine merkwürdige und bisher noch uner­klärte Folge, nämlich die Entfärbung der betreffenden Haut­stelle. Es ist außerordentlich selten, daß nach der Behand­lung einer Körperstelle mit Elektrizität zu einem der vor­genannten Zwecke nicht ein weißer Fleck von beträchtlicher Größe zurückbleibt, der sogar auf der hellen Haut des Europäers deutlich erkennbar ist; wahrscheinlich entsteht er durch den Einfluß des elektrischen Stromes auf diejenigen Stoffe, die die Färbung der äußeren Haut bewirken. Die äußere Haut oder die Epidermis setzt sich aus drei verschie­denen Lagen von Zellen zusammen, die eine über der andern liegen. In der untersten Lage, die den Namen des Mal- pighischen Netzes erhalten hat, findet sich der eigentliche Farbstoff oder das Pigment, das für das äußere Ansehen der Haut von so großer Bedeutung ist. Es giebt keine Menschenrasse, die im gesunden Zustande gar keinen Haut­farbstoff besäße, wie eben auch jede Rasse noch eine gewisse Hautfarbe hat. Wenn das Pigment völlig fehlt, so ist dies eine krankhafte Erscheinung, die nur bei den sogenannten Albinos vorkommt. Aber bei der europäischen Rasse sind die braunen Körnchen, ans denen das Pigment besteht, viel spärlicher, als bei den farbigen Rassen, und die schwarze Hautfarbe des Negers ist nur eine Folge davon, daß jene braunen Körner in der Haut unendlich zahlreicher und viel größer find als bei anderen Rassen. Die Elektrizität nun wirkt in eigentümlicher Weise gerade darauf hin, dieses Pigment zu zerstören, und macht infolge dessen die Haut farblos. Man könnte demnach einen Congo-Neger oder einen Kaffer, natürlich auch die weniger dunkeln Menschen­rassen, durch Anwendung des elektrischen Stromes weiß machen; freilich würden sie deshalb dem Europäer nicht einmal in der Farbe gleichen, sondern sie würden von dem natürlichen Weiß der Albinos sein. Daß das Experiment einmal gemacht wird, ist schon zu glauben; daß aber diese Art von elektrischer Wäsche den Negern besonders willkom­men sein sollte, darf man bezweifeln. (K. Ztg.)

gitteratur, Wissenschaft und Kunst.

DaS Rad in Reimen oder Alles was von seinem Rad jedermann zu wissen hat. Von A. von Teschendorf. Kiel und Leipzig, Verlag von Lipsius & Tischer. 1899. 138 S. kl. 8°. 1 JC. Nach Hunderttausenden, ja nach Millionen zählen heute die An­hänger des Radfahrsportes, und bald wird auf der Chaussee der Fußgänger als ein Wundertier angestaunt werden. Es ist daher gewiß mit Freuden zu begrüßen, daß Herr A. v. Teschendorf, unter welchem Pseudonym sich ein weithin bekannter Radler verbirgt, sich der Aufgabe unterzogen hat, die Jünger dieses gesunden Sports über alles aufzuklären, was mit dem Rad zusammenbängt; und noch erfreulicher ist es, daß er dies nicht in trockener Prosa, sondern in launigen, leichtfüßigen Versen thut, ohne es dabei an der nötigen Gründlichkeit fehlen zu lassen. Den Pegasus versteht der Herr Verfasser ebenso elegant zu tummeln, wie sein Stahlroß. Den ersten Hauptteil des Buches nimmt die Radfahr-Schule ein. Alle Teile des Rades Pneumatik, Sattel, Lenkstange, Laterne usw. werden eingehend erklärt, Winke zu ihrer Behandlung und Reinig­ung, sowie auch zu kleineren Reparaturen gegeben, medizinische Ratschläge erteilt rc. Der zweite Hauptteil des Buckes, dieGlocken- sprache des Radlers", bringt höchst originelle Vorschläge zur Fest­stellung internationaler Verständigungszeichen für Radfahrer. In dem derGlockensprache" folgenden TeileDas Rad und die soziale Frage" behandelt der Dichter den Gedanken, den Professor Delbrück aus Berlin auf dem Evangelisch-Sozialen Kongreß in Kiel aus­sprach: im Rade liege die Lösung der sozialen Frage. Der letzte Teil schließlich, dieInternationale Radschau", ist bestimmt, dem Neuling ein treuer Berater bei seinen Ankäufen zu sein. Die besten Erzeugnisse der deutschen Fahrrad-Industrie, auf die der Deutsche mit Recht stolz sein kann, werden in schwungvollen Versen besungen und ihre Vorzüge in das rechte Lickt gestellt. Wie kern zweites dürfte sich dieses Büchlein zu Gelegenheitsgeschenken an Radler, und namentlich für Radler unter sich, eignen. Insbesondere die Glockensprache des Radlers" läßt eS wünschenswert ersckernen, daß das Büchlein möglichst schnell in die Hände eines jeden R^fahrers kommt. Der billrge Preis wird zur Verwrrklrchung des Wunsches viel beitragen.