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prr. 55 Viertes BlM. Sonntag den 5. März
1899
Amts- und Auzeigeblutt füv den Ttveis Gietzen.
«„ahme van «n,eigen j* Wr uachmitta-S fftr den folgenden Lag erscheinenden Nummer bis »arm. 10 Uhr.
«Nr Anzeigen-vermittlungSstellen de» In- und Ausland«» nehmen Anzeigen für den «Siebener Anzeiger entgegen.
«edaktton, Expedition und Druckerei:
Kchnlfir.ße Ar. 7.
Siebenbürgen erwähnt, der Kußmarkt zu Halmagen. Hal- magen ist eine romanische Gemeinde bei Hatzeg, die 1200 Seelen zählt. Am Tage des hl. Theodor findet dort ein Jahrmarkt statt, an dem die Einwohner von 60 bis 80 Dörfern teilnehmen. Zuerst wimmelt der Ort von jungen, neuvermählten Frauen, die als Jungfrauen geheiratet haben. Wieder verheiratete Witwen bleiben in ihrem Dorfe zurück. Am frühen Morgen des hl. Theodor nimmt Halmagen ein heiteres, festliches Gesicht an. In ihrem schönsten Schmuck erscheinen die jungen Frauen, selten von ihren Männern, meistenteils von ihren Schwiegermüttern begleitet, oder sie kommen auch ohne diese, und dann zu zwei oder drei, mit blumengeschmückten Weinkrügen in den Händen. Wer ihnen begegnet, wird geküßt, wen sie geküßt, dem reichen sie den Krug zum Nippen, wer getrunken hat, der beehrt sie wieder mit einem kleinen Geschenk. Von dem angebotenen Wein nicht trinken, ist eine Beleidigung, die der jungen Frau und ihrer Familie zugefügt wird. Deshalb sind die „Küssenden" dem Fremden gegenüber zurückhaltend. Und nur dann lassen sie ihn ihres Kusses teilhaftig werden, wenn sie über- zeugt sind, daß er aus dem dargebotenen Krug trinken werde. Das „Küssen" geschieht überall, auf der Gasse, in den Weinstuben, in Privathäusern. — Nördlich von Hatzeg grüßt uns das gewaltige Königsschloß Vajda Hunyad. Die Gebirgsbahn durch das Hatzeger Thal zeigt uns die vom Baniczafluß durchströmte Höhle Ce,tate boli und führt über Petroscheny und dem den Uebergang nach Rumänien vermittelnden Szurdukpaß. Wir begleiten dann Turisten auf den aussichtsreichen, 2520 Mtr. hohen Verfu mundri und sehen auf den Paclisasee herab. — Ein dreitägiger Ritt übers Gebirge bringt uns nach Hermannstadt, dem Hauptort der Siebenbürger Deutschen, das wir vom Kurhaus „Hohe Rinne" erblicken. Weiter geht die Reise über das erst im vorigen Jahrhundert abermals durch Deutsche neubesiedelte Mühlbach nach Karlsburg ; überall sehen wir die sächsischen Kirchenburgen, in die die Bauern im Fall eines Türkeneinfalls ihre wertvollste Habe retteten. Wir wandern in den Siebenbürger Alpen; unser nächstes Ziel ist die Negoi- spitze, der höchste Gipfel der Siebenbürger Karpathen. Beim Abstieg finden wir am Bulleasee eine bequeme Schutzhütte des Karpathenvereins. Wetterharte Bergsteiger wandern auf dem Gebirgskamm weiter nach Kronstadt; die Hänge sind von Alpenrosen bedeckt, Rudel von Gemsen scheuchen wir auf, oft frischen Bärenspuren begegnend. Wir wandern durch das Dimbovicathal und verweilen länger in der Hauptstadt des Burzenlandes, Kronstadt, dessen Kirchen, Thore und Umwallung von der Bedeutung der Stadt zeugen. Im Südwesten steht fast isoliert der 2241 Mtr. hohe Königstein, dessen scharfer Grat in der Sonne weiß erglänzt. Wir machen den Aufstieg durch die enge Felsenschlucht Crepatura. Damit nicht zufrieden, eilen wir hierauf auf den massigen Felsenstock des Putschetsch. Durch die Felsenschlucht der Propasta absteigend, gehen wir an der alten Törzburg vorbei, die auf steilem Kalkfels zum Schutz des Passe- vor 700 Jahren erbaut wurde. Das Malajeschter Thal führt uns nach dem rumänischen Königsschloß Sinaia. — Schließlich sei noch das seltsame Höhlenkloster Skit la Jalomnicza im wilden Felsenthal Gaura erwähnt. — Eine Reise nach Siebenbürgen erfordert weder viel Zeit noch viel Geld (z. B. Billet Budapest—Karlstadt 3. Klasse 4 Gulden!) Möchten unsere deutschen Brüder, die zähen Siebenbürger Sachsen, in ihrem Kampf um die Erhaltung ihres Volkstums immer mehr durch reichsdeutsche Turisten unterstützt werden!
** Prüfungs-Konzerte der Schule für elementares und höheres Klavierspiel von Fräulein Minna Körner im Saale des Einhorn. Die Prüfungs-Konzerte werden, worauf wir schon früher hinwiesen, an zwei Tagen stattfinde» und zwar werden die ganz jugendlichen Schüler am 10. März, die vorgeschrittenen und die auf höherer Stufe stehenden am 11. März ihre seit vorigem Jahre gemachte» Fortschritte bekunden. Die Programme sind sorgfältigst zusammengestellt und bürgen dafür dieNamen hervorragender musikalischer Autoren, wie Beethoven, Brahms, Schn- mann, Weber, Chopin, Wagner, Liszt rc. Programme ä 0,50 Mk., die vom 8. März ab in der Musikalieu- Handlung von Ernst Challier zu heben sind, berechtigen zum Eintritt zu den Aufführungen.
*• Oberhesfischer Geschichtsvereiu. Der Bericht über die Versammlung vom 3. März folgt in nächster Nummer.
** Die Univerfitäts-Eugelapotheke ging durch Kauf aa$ dem Besitz des Herrn L. Roth in den des £>err» Schwieder aus Frankenbach über, welcher den Besitz mit 1. Juli d. I. antreten wird.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.
«dreffe für Depeschen: Anzeiger chtetz«.
Fernsprecher Nr. 51.
Lokales und Provinzielles.
Gießen, den 4. März 1899.
• • Ordensverleihung. Seine Königliche Hoheit der Hrroßherzog haben Allergnädigst geruht, dem seitherigen 1. Direktor der Sparkasse Zwingenberg, dem t. k österreichischen Oberleutnant a. D. Iwan v. Gordon, das Merkreuz 1. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Groß-
gSepigsprel» vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerloho.
8ei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
Ausland.
Rom, 3. März. Ein heute Mittag 11 Uhr 30 Min. ausgegebenes Buletin über das Befinden des Papstes lautet: £)k Aerzte bezeichnen den Zustand des Papstes verhältnis- mäßig ausgezeichnet. Die Nacht war ruhig, so daß die gewünschte Unbeweglichkeit weiter beibehalten werden konnte. Die Secretorien sind normal. Die Temperatur 37 Grad. Der Puls 70. Die Athmung 22. Der Wund-Prozeß befindet sich in rascher Heilung. Die Ernährung ist aus- mchend, den Wünschen der Aerzte entsprechend.
Paris, 3. März. Der „Gaulois" meldet: Am Todestage des Präsidenten Faure sei am Nachmittag um vier vhr auf dem Postamte der Börse ein Telegramm mit sagendem Inhalte aufgegeben worden: „Demission Faure. kahl Loubets gesichert." Der „Gaulois" sagt hierzu, es sei die Pflicht der Regierung, den Absender des Telegramms vder wenigstens den Empfänger desselben, das heißt, denjenigen, an welchen das Telegramm gerichtet war, zu er- »itteln, da dies von größter Wichtigkeit sei.
Paris, 3. März. Gestern abend vereinigten sich die Anhänger des Internationalen Schieds-Gerichtes zu einem 8a.nfette unter dem Vorsitz des Akademiker Passy. Etwa fllitdert Personen waren erschienen. Nach einer längeren kln spräche des Vorsitzenden wurde eine Resolution verlesen und gtnehmigt, worin die Anhänger des Internationalen Schieds- xrrichtes den Wunsch aussprechen, die vom Zaren angeregte Ib-rüftungs-Konferenz möge von Erfolg gekrönt sein, und Iwrin die Mitglieder sich verpflichten, mit allen Mitteln jur Abschaffung des Rechtes des Stärkeren einzutreten und iafür zu wirken, daß eine Internationale Jurisdiktion ge- schaffen werde.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener ZaWitienStätter »erden dem Anzeiger »Lcheutlich viermal beigelegt.
Deutsches Keich.
— Botschafter White über die deutsch- «merikanischen Beziehungen. Das „Deutsche Wochenblatt" veröffentlicht in seiner soeben erschienenen Plummer eine Unterredung mit dem Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin, Andrew D. White, zu deren Wiedergabe die erwähnte Wochenschrift ermächtigt ist. Der Botschafter stellte auf eine bezügliche Frage den günstigen Eindruck fest, den die Rede des Herrn v. Bülow bei den urteilsfähigen Leuten in Amerika hervorgebracht habe. Im Laufe der weiteren Unterhaltung schien es dem Besucher nicht unangebracht, auf die Samoa-Angelegenheit und ihre möglichen Folgen für die deutsch-amerikanischen Beziehungen hmzudeuten. Botschafter White, dem eine eingehende Er- Lrlerung dieser schwebenden Frage aus naheliegenden Gründen nicht angezeigt erscheinen konnte, glaubte doch eine freundschaftliche Regelung der Angelegenheit in Aussicht pellen zu dürfen. Samoa habe, so führte der Botschafter aus, schon zu wiederholten Malen Anlaß zu Schwierigkeiten gegeben. Es liege dies in den Verhältnissen auf der Inselgruppe begründet. Aber immer noch seien bisher diese Schwierigkeiten in zufriedenstellender Weise behoben worden. Ei sehe keinen Grund, aus dem im vorliegenden Falle ein Weniger günstiges Endresultat abgeleitet werden könnte. „Ich habe keine Furcht, daß der Samoa-Zwischenfall zu Verwicklungen führt": das ist das Urteil des amerikanischen Staatsmannes in dieser aktuellen Frage. Auch die augenblicklichen Wirrnisse würden, wie bisher noch stets, zur Zufriedenheit der drei Vertragsmächte ihre Regelung finden.
M.P.C. Unsere Annahme, daß das Kompromiß in der Militürvorlage, das thatsächlich abgeschlossen ist, in einzelnen Punkten von der Fassung, welche die „Freisinnige Zeitung" veröffentlicht hat, abweiche, erweist sich als zutreffend. Anscheinend ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen, es ist also nicht ausgeschlossen, daß noch vor oder in der zweiten Lesung, welche in der Kommission stattfindet, ein weiteres Entgegenkommen seitens des Centrums gezeigt werden wird. Jedenfalls ist an der Thatsache nichts zu ändern, daß das Centrum resp. dessen Leitung es verstanden hat, den Moment wahrzunehmen, um diesmal den Anschluß an die Politik der Der» bündeten Regierungen zu gewinnen.
wütigen, dem Rittmeister und Eskadronschef de Neufv ill e vom Dragonerregimeut v. Arnim (2. Brandenburgischen) Nr. 12, seither im 1. Großh. Dragonerregiment (Garde- Dragoner-Regiment) Nr. 23 das Ritterkreuz 2. Klasse desselben Ordens zu verleihen.
• • Auszeichnung. Seine Majestät der Kaiser haben dem Wegemeister a. D. Philipp Ruppert-Ät Eppelsheim, im Kreise Worms, bisher in Saargemünd, oas Allgemeine Ehrenzeichen Allergnädigst zu verleihen geruht.
• • Technische Hochschule Darmstadt. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 1. März den außerordentlichen Professor an der Technischen Hochschule Dr. Georg Scheffers zu Darmstadt zum ordentlichen Honorar-Professor für darstellende Geometrie an dieser Hochschule, mit Wirkung vom 1. April l. Js., zu ernennen.
* * Von der Universität. Die durch die Pensionierung des iProfeffors Dr. Gaehtgens erledigte Professur der Pharmakologie ist durch die am 20. Februar d. I. erfolgte Berufung des Professors Dr. Geppert in Bonn wiederbesetzt worden. Der neue Pharmakologe wird mit Beginn des Sommersemesters 1899 hier seine Thätigkeit beginnen. — Das pharmakologische Institut, das sich zur Zeit bekanntlich in dem Kollegiengebäude befindet, wird mit Ablauf des Sommersemesters aus diesem entfernt werden, nachdem infolge der zunehmenden Frequenz der Hochschule ein Mangel an Räumen für die Vorlesungen schon seit Jahren empfunden worden war, und weil sich außerdem Unzuträglichkeiten schon sehr bald nach der Aufnahme des pharmakologischen Instituts in das Kollegiengebäude herausgestellt hatten. Für das genannte Institut ist das sog. Schwesternhaus erworben worden, wohin voraussichtlich noch im Sommer dieses Jahres die Uebersiedelung erfolgen wird.
• • Verzeichnis der Sitzungen des Schwurgerichts pro 1. Quartal 1899:
1. Montag den 6. März, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen Philipp Groh aus Groß-Gerau wegen Sittlichkeitsverbrechen. Die Anklage vertritt: Ober-Staatsanwalt Dr. Gängerich; die Verteidigung führt: Rechtsanwalt Weidig.
2. Dienstag den 7. März, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen Friedr. Wilh. Fauerbach aus Okarben wegen Urkundenfälschung rc. Die Anklage vertritt; Staatsanwalt Zimmermann; die Verteidigung führt: Rechtsanwalt Engisch.
3. Mittwoch den 8. Mürz, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen Heinrich Karl Förster ans Gießen wegen Notzuchtsversuch. Die Anklage vertritt: Staatsanwalt Koch; die Verteidigung führt: Rechtsanwalt Katz.
4. Donnerstag den 9. März, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen Christian Sänger Ww. aus Klein-Karben wegen Mord. Die Anklage vertritt: Ober-Staatsanwalt Dr. Güngerich; die Verteidigung führt: Rechtsanwalt Mendelsohn.
5. Freitag den 10. März, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen Christian Bender aus Friedberg wegen Brandstiftung. Die Anklage vertritt: Ober - Staatsanwalt Dr. Güngerich; die Verteidigung führt: Rechtsanwalt Dr. Spohr.
6. Samstag den 11. März, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen August Hinz aus Pokallna wegen Notzuchtsversuch. Die Anklage vertritt: Ober - Staatsanwalt Dr. Güngerich; die Verteidigung führt: Rechtsanwalt Geh. Justizrat Baist.
7. Montag den 13. März, vormittags 9l/< Uhr, An- klage gegen Reinhold Großmann aus Ober-Lind wegen Notzuchtsversuch. Die Anklage vertritt: Staatsanwalt Zimmermann; die Verteidigung führt: Rechtsanwalt H oos.
8. Dienstag den 14. März, vormittags 9 Uhr, Anklage gegen Peter Weitzel aus Groß-Felda wegen Brandstiftung. Die Anklage vertritt: Gerichtsaffeffor Reuß; die Verteidigung führt: Rechtsanwalt Rosenberg II.
** Sektion Gießen des D. u. Oe. A.-V. Durch das freundliche Entgegenkommen des siebenbürgischen Karpathenvereins in Hermannstadt war die Sektion Gießen des D. u. Oe. A.-D. in der Lage, in ihrer letzten Sitzung ihren Mitgliedern und Gästen einen hochinteressanten Vortrag Über Siebenbürgen zu bieten, der durch 50 Skioptikonbilder unterstützt wurde. Wir sahen die mannigfaltigen Bewohner des Landes und ihre Städte an unserem Auge vorüberziehen. Aus dem Anfang der Reise, die uns durch das Marosthal nach Siebenbürgen geführt hat, sei ein Bild aus dem rumänischen Volksleben im Hatzeger-Thal im südwestlichen
Coicßener Anzeiger
Hmeral-Anzeiger


