Nr. 233 Zweites Blatt Mittwoch den 4. October 1899
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Polnische Lehrer.
Der Herr Abgeordnete Motty hat sich vor einiger Zeit im Abgeordnetenhaus sehr eingehend mit den Lehrern, besonders den deutschen, in der Provinz Posen beschäftigt und sie dabei als die reinen Tyrannen hinstellt. Im folgenden möge dem Herrn eine kleine Blütenlese vom Verhalten der Lehrer polnischer Nationalität zur gefälligen Kenntnisnahme vorgelegt werden.
1. Vor einiger Zeit sollte an einer katholischen Landschule, an welcher bisher nur katholische Lehrer angestellt waren, wegen der Zunahme der evangelischen Kinder ein evangelischer Lehrer angestellt werden. Gegen die Anstellung legte die Gemeinde Beschwerde bei dem Herrn Minister ein. In der Beschwerde wurde ausgeführt, daß die ganze Gemeinde evangelisch gemacht werden solle. Der Verfasser der Schrift »ar der erste Lehrer des Orts.
2. Ein deutscher Lehrer hat sich einen Mann zum Holzhauen bestellt. Der andere Lehrer der Schule sieht ihn kommen und fragt ihn, wohin er gehe. Auf die Antwort, er gehe zu dem deutschen Lehrer arbeiten, erhält er die Belehrung: „Hast Du nichts anderes zu thun als zu dem deutschen Hund (przakref mhnice) arbeiten zu gehenI"
3. Gegen eine deutsche katholische Lehrerin, die aus einem Dorfe angestellt war, wurde eine Masseneingabe bei der königlichen Negierung eingereicht. In dem Schriftstück wurde die Lehrerin der Mißhandlung der Kinder und eines unsittlichen Lebenswandels beschuldigt. Eine Prüfung der Beschwerde ergab die Grundlosigkeit der Beschwerden. Es wurden nun Nachforschungen nach dem Verfasser angestellt; diese ergaben zunächst, daß eine Anzahl Unterschriften gefälscht waren. Es waren die Namen von längst Verstorbenen mit unterzeichnet. Schließlich stellte sich durch einen Zufall heraus, daß der Geistliche der Verfasser des Schriftstückes war, und daß der Organist dieses ins Deutsche übersetzt, abgeschrieben und die Unterschriften gesammelt hatte.
4. Eine Anzahl Lehrer, darunter ein des Polnischen nicht mächtiger Deutscher, kommen nach einer amtlichen Konferenz in einem Gaschos zusammen. Die Unterhaltung ist natürlich, obgleich der Deutsche mit am Tische sitzt, nur polnisch. Der Deutschs hört sich das eine Weile mit an, endlich ersucht er seine Herren Kollegen, doch mit Rücksicht auf ihn, sich der deutschen Sprache zu bedienen. Als Antwort wird ihm: „Wenn Sie unter uns verkehren wollen, so lernen Sie polnisch. Wir können sprechen wie wir wollen!"
5. Um nicht gar zu sehr Anstoß zu erregen, beteiligen sich die polnischen Lehrer an dem gemeinschaftlichen Festessen zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät. Dann kann man jedoch stets beobachten, wie sie bei dem Hoch auf den Kaiser wohl von ihrem Platze aufstehen, jedoch in den Gesang der Volkshymne nicht mit einstimmen.
6. Einem Evangelischen, der zu einem katholischen Lehrer gehen mußte, um einen Schein zum Verkauf von Schweinen zu holen, verbat derselbe mit ihm Deutsch zu sprechen. Einem Andern sagte er: „Was haben Sie für eine (deutsche) Mütze, solche sind wir nicht gewöhnt zu sehen.
9. Vor einiger Zeit starb plötzlich ein deutsch-katholrscher Lehrer auf einem Dorfe. Die Zeit des BegräbnisieS war überall in der Umgegend bekannt gemacht. Zur Teilnahme hatten sich jedoch nur drei, ein polnischckatholischer, ein deutsch-katholischer und ein evangelischer Lehrer eingefunden. Der erste Lehrer des Ortes «Pole) war nicht anwesend. Bewohner des Ortes fehlten ebenfalls fast gänzlich. Als der Sarg aus der Wohnung getragen werden sollte, meinte der evangelische Lehrer, es würde sich doch wohl gehören, erst wenigstens ein Vaterunser am Sarge zu sprechen; dessen weigerte sich jedoch der erschienene Pole und so that- es der evangelische Lehrer. Dann wurde der Sarg von Knechten des Dominiums hinausgetragen zum Wagen. Jetzt fand sich der erste Lehrer des Ortes auch auf einen Augenblick ein. Er nahm den andern polnischen Lehrer bei Seite und sagte zu ihm auf polnisch: „Wir wollen hinten um das Dorf gehen. Es braucht Niemand zu sehen, daß wir mitgehen V* So bilden die Angehörigen des Verstorbenen und seine beiden deutschen Kollegen sein einziges Geleit.
Am Begräbnisplatz angekommen, erwarteten die dortigen Lehrer den Zug. Auch hier fiel es auf, daß die polnischen Herren nicht an
wesend waren. Auf dem Kirchhofe fanden sich auch die oben genannten beiden edlen Herren wieder ein.
8. Zur Feier des 25jährigen Amtsjubiläums eines polnischen katholischen Lehrers hatte sich aus dem Konferenzbezirk desselben ein Komitee gebildet, natürlich nur aus Polen bestehend. Der einzige in dem Bezirk angestellte evangelische, deutsche Lehrer erhielt (wahrscheinlich irrtümlich) eine Einladung zur Teilnahme an der Feier und sandte infolgedessen an das Komitee seinen Beitrag zum Jubiläumsgeschenke ein. Er erhielt ihn jedoch zurück, da seitens des Komitees die Annahme verweigert wurde.
11. Ein Lehrer hat aus Mangel an Platz ein der Schule gehörendes Bild des Kaisers in sein Wohnzimmer gehängt; dort sieht es ein anderer polnischer Lehrer, der zum Besuch kommt, und sagt zu dem ersten: „Was, ein solches Bild hast Du in Deinem Zimmer?"
12. Am Sedantage macht ein polnischer Lehrer, wie es befohlen ist, einen Spaziergang mit seinen Kindern. An einem pasienden Orte angekommen, wird längere Zeit gespielt. Schon dabei war von den Kindern fast kein deutsches Wort zu hören. Um weiter zu gehen, giebt der Lehrer auf Deutsch das Kommando: „Antreten!" Die Kinder sehen ihn groß an, aber rühren sich nicht zur Ausführung des Befehls. Erst nachdem das Kommando polnisch wiederholt worden ist, ordnen sie sich zum Zuge.
Von solchen Leuten erwartet die Regierung die Erziehung der Jugend im deutschen Sinne!
Politische Tagesüberslcht.
lieber die Maßregelung der politischen Beamten schreibt Prof. Delbrück in den „Preuß. Jahrbüchern- :
Die Räte, die den brandenburgischen Kurfürsten vom „Lande" beigegeben wurden, haben in ihrem ursprünglichen Charakter etwas vom Abgeordneten an sich, und es entsprach daher durchaus der historischen Entwicklung, daß man, obgleich ihr Beamtencharakter allmählich immer stärker geworden ist, ihnen dennoch die Wählbarkeit für die Volksvertretung ließ und die Kreise sie sogar oft mit Vorliebe deputirt haben. Daß ein gewisser Widerspruch darin liegt, ist unbestreitbar. Der Beamte, namentlich der Verwaltungsbeamte, der zugleich Abgeordneter ist, hat zwei Herren zu dienen: dem Willen von oben und dem Willen von unten. Aber da zuletzt doch alles Heil des Staates darauf beruht, daß diese beiden Willen sich immer wieder zu einem einzigen zusammenfinden, so ist es bis heute möglich geblieben, den formellen Widerspruch zu überwinden. Die Regierung war tolerant, die Landrats-Abgeordneten behandelten etwaige Opposition im einzelnen Fall mit dem nötigen Takt. Als ich selbst Mitglied des Abgeordnetenhauses war, war der Landrat v. Rauchhaupt der Führer der konservativen Fraktion und ich sagte mir damals öfter, mich in den Historiker der Zukunft versetzend, daß cs einmal als ein Ausdruck der besonderen Großartigkeit des preußischen Staatswesens betrachtet werden würde, wie ein Beamter der vierten Rangklasse mit solcher Selbständigkeit und freimütigen Kritik seinem vorgesetzten Minister als Macht gegen Macht gegenübertreten konnte, ohne daß doch das feste Knochengerüst der Subordination, dessen der Staat bedarf, dabei irgend welchen Schaden litt. Noch Herr v. Bennigsen hat als Oberpräsident den Widerstand gegen das Zedlitz'sche Volksschulgesetz geführt und die Allianz seiner Partei mit der radikalen Opposition dagegen angedroht, und das war eine
nicht blos praktisch-wirtschaftiche, sondern eine Frage fundamentaler Prinzipien.
Jetzt ist dergleichen für alle Zeiten vorbei Das Ministerium Hohenlohe-Miquel-Recke-Posadowsky hat aus unserem Staatswesen eine Kraft ausgeschaltet, die nie wieder ersetzt werden kann. Die preußischen Verwaltungsbeamten sind zu bloßen Präfekten herabgedrückt. Wenn bei den nächsten Wahlen für Landtag oder Reichstag Beamte aufgestellt oder gewählt werden sollen, so weiß man von vornherein, daß sie nichts als Regierungskommissare sein werden und sein wollen. Eine der stärksten Stützen der königlichen Autorität in Preußen, das Vertrauen, das nicht blos aus äußerem Gehorsam, sondern mit wahrer innerer Zustimmung die politische Intelligenz, die in unserem Beamtentum steckt, die Regierung unterstütze, dieses Vertrauen ist für die Zukunft unterbunden und muß absterben.
Berlin, 1. Oktober. Die „Berliner N. Nachrichten" schreiben: Der Herr Abgeordnete v. Kardorff veröffentlicht eine Erklärung, in welcher er mitteilt, daß er seine Beziehungen zu den „Berliner Neuesten Nachrichten" in Folge unserer Behandlung der Mittellandkanalfrage abgebrochen habe. Wir glauben, mit unserer Haltung in dieser Frage den Jntereffen des Landes und dem Ausgleich zwischen Osten und Westen zu dienen, von dem wir überzeugt sind, daß er erfolgen und die Zukunft die Richtigkeit unserer Haltung erweisen wird.
Aus dem Wahlkreis Wolmirstedt Neuhaldensleben meldet die „Magdeb. Ztg.": Am vergangenen Mittwoch wurde zu Wolmirstedt in einer Wahlmännerversammlung der einstimmige Beschluß gefaßt, einen Kandidaten aufzustellen, der zwar nach der zwischen der nationalliberalen und konservativen Partei bestehenden Abmachung ein Konservativer sein soll, doch seine Bereitwilligkeit zur Unterstützung der Kanalvorlage aussprechen müsse.
— Reichssreundlichkeit in München. Vor einiger Zeit brachte mit dieser Ueberschrift die Münchener Wochenschrift „Odin" die Meldung, daß das Kommando des 1. Infanterie Regiments die Regimentskapelle zu einer Feier des Offizierkorps am 18. Januar verweigert, und daß am Kaisersgeburtstag das Kaiserhoch bei einer Feier im Kadettenkorps vom Kommandeur untersagt worden sei. Das Kommando des 1. Infanterie-Regiments teilte vor einigen Tagen mit, daß es dem „Odin" eine Berichtigung senden werde; sie ist in der letzten Nummer der Wochenschrift erschienen und lautet:
Amtliche Berichtigung nach $ 11 des Preßgefetzes.
Die in Nr. 23, Seite 6, Ihrer geschätzten Zeitung unter der Spitzmarke „Retchsfreundlichkeit in München" gebrachten Mitteilungen über Vorkommnisse im 1. Jnst.-Regt. und im Kadetten- Korps find unwahr.
München, 22. 9. 99.
von Thäter, von Langenmsntel,
Komdr. dcs 1. J'.rf.-Regts. Oberst u. Komdr. des Kadettenkorps.
Der „Odin" bemerkt zu dieser Berichtigung:
Auf diese Berichtigung, die wir erwartet Haden, erwidern wir, was wir schon einmal betonten, daß wir an unserer Mitteilung sestbalten müssen. Unser Gewährsmann, dessen Namen wir selbstverständlich nicht preisgeben können, bürgt für die that-
Feuilleton.
* Der Autographenbettel. Wie einige unserer Dichter über den Autographenbettel denken, geht aus einem Dresdner Handschriftenkataloge hervor, in welchem Albumblätter von Wilhelm Jordan, Wilhelm Raabe und Johannes Scherr zum Verkaufe ausgeboten werden. Der Erstere schreibt:
„Ich soll für Dich die müde Feder schwenken?
Es giebt von mir weit bessere Angedenken, Und diese kannst Du Dir auch selber stiften: Statt meiner Schrift erwirb Dir meine Schriften."
Demselben Gedanken giebt der Dichter des „Hunger- Pastors" Ausdruck, indem er schreibt:
Wer den Bücherschrank nicht ehrt, Ist der Autographensammlung nicht wert!"
Und der urwüchsige Johannes Scherr poltert folgendermaßen: „Zu den bösesten Findern, Gründern und Schindern, welche jemals die arme Menschheit heimgesucht haben, gehört meiner innigen Ueberzeugung zufolge der Erfinder von Autographensammlungen.
Im übrigen — Im übrigen und dies beiseiten
Bin ich ein Mann von Höflichkeiten und grüße Sie herzlich.
Am Zürichberg, 29. September 76. I. Scherr."
Man könnte in diesem Zusammenhang noch Grillparzers elegischen Ausruf anfügen:
„Wann hört der Himmel auf zu strafen Mit Albums und mit Autographen!"
* Dreyfus in England. Wie schon vor einiger Zeit verlautete, soll der einstige Gefangene von der Teufelsinsel die Absicht hegen, nach Beendigung seines Aufenthaltes in Carpentras dem Lande des Nebels einen Besuch abzustatten. Die Engländer schenkten dem Gerücht jedoch nur wenig Glauben, und es erregte daher kein geringes Aufsehen, als dieser Tage — wie uns aus London geschrieben wird — eine große Anzahl von Koffern und kleineren Gepäckstücken, an denen man hier und da eine Etikette mit dem Namen des berühmtesten Mannes des neunzehnten Jahrhunderts wahrnehmen konnte, aus Carpentras in Southampton anlangte. Das Gepäck wurde mit dem Südwestdampfer „Alma" von Havre herübergebracht und sollte sofort nach London weiterbefördert werden. Gleichzeitig wissen englische Blätter mitzuteilen, daß die Kinder des Begnadigten, denen man die schreckliche Wahrheit über den früheren Aufenthaltsort ihres Vaters bisher vollkommen zu verheimlichen vermochte, jetzt endlich durch einen Zufall entdeckt haben, weshalb ihr Vater ihnen so lange fern blieb. Die mit ihrer Gouvernante während des Prozesses an der See
weilenden Geschwister kauften bei einem kleinen Krämer ihren Bedarf an Süßigkeiten und eines Tages fiel ihnen der Name ihres Vaters auf einer der aus Zeitungspapier gefertigten Düten in die Augen. Sie wurden aufmerksam und studierten mit großem Eifer einige Berichte über die Verhandlungen in Rennes. Dann fand der Knabe auch noch einen zerrissenen Papierdrachen, dessen Kopf aus einem Zeitungsblatte bestand, das eine kurze Uebersicht der ganzen Dreysusaffaire brachte. Die Kinder wandten sich um Auskunft an ihre Erzieherin und diese wollte ihnen einreden, daß es sich um einen anderen Mann namens Dreyfus handle. Der intelligente kleine Junge ließ sich aber nicht davon überzeugen, daß es außer seinem Vater noch einen anderen Hauptmann Alfred Dreyfus gäbe, dessen Frau Lucie hieße. Nun wüßte er auch den Grund, weshalb seine Mama immer so traurig gewesen märe, fügte er hinzu. Die ratlose Gouvernante nahm ihren Zöglingen das Versprechen ab, ihrer Mutter nie zu verraten, daß ihnen das Schicksal ihres Vaters kein Geheimnis mehr sei.
* In welchem Alter hat ein Mädchen die meiste Aussicht, sich zu verheiraten? Die allgemeine Meinung scheint dahin zu gehen, daß dies mit 24 Jahren der Fall sei. Mit 24 Jahren aber hat ein Mädchen bereits 3/t $rer Aussichten, sich zu verehelichen, verpaßt. Stellt man diese Aussichten


