wiederkehrenden Kalamität erhebt sich die Frage, ob menschlicher Scharfsinn (statt daß die Landwirte die Hagelprämien zahlen und dann doch noch ärgerliche Differenzen mit der versichernden Gesellschaft über die Höhe der Entschädigung haben) nicht doch vielleicht etwas Wirksameres zum Schutze der ländlichen Kulturen vorkehren könne. Die wetterbrechende Kraft des Glockenschalles lebt im Volke von alten Zeiten her, und manche Kirchenglocke trägt die Inschrift „fulgura frango“. Nach dem heutigen Stande der Meteorologie will es als Vermessenheit erscheinen, das Wetter beeinflussen zu wollen und nun gar noch in einem mit so elementarer Gewalt daherbrausenden Phänomen, wie es der Eisschloßen bringende Gewittersturm ist. Verschiedene physikalische Momente deuten aber darauf hin, daß gerade in hageldrohenden Minuten das atmosphärische Gleichgewicht ein derart labiles ist, daß ein kleines im Bereich menschlicher Machtvollkommenheit liegendes Kraftmoment ausreichend ist, um die Entscheidung zu geben, ob der Wasserdampf der Gewitterwolke in Form großer Tropfen oder als alles zerschlagende Eiskugeln zur Erde fällt. In den südlichen Teilen der Steiermark, deren intensiver Wein- und Obstbau alljährlich durch Hagelwetter schwer geschädigt wird, begann man vor etwa drei Jahren, wenn eine gefahrdrohende Wetterwand vom westlichen Horizonte heraufzog, auf das nahende Ungewitter aus Mörsern und Böllerkanonen, die bei diesem alle Ereignisse des Menschenlebens mit Böllerschüssen feiernden Volksstamm überall vorhanden sind, mit blinden Schüssen von starker Pulverladung zu kanonieren und glaubte die Wahrnehmung zn machen, daß statt des erwarteten Hagels nur ein starker Regen niederging, der nach jedem Schüsse, ebenso wie es nach jedem Blitzschlag zu beobachten ist, vorübergehend zunahm. Auf dieser Erfahrung, welche ja allerdings manchen subjektiven Irrtümern unterworfen sein kann, baut sich das Wetterschießen auf, welches jetzt in den Alpenländern sehr fleißig betrieben wird und in Oberitalien, wo der Hagelschlag noch viel häufiger und schädlicher auftritt, mit Begeisterung und anscheinend auch mit gutem Erfolge nachgeahmt wird. Es ist gewiß richtig, daß nicht jede Gewitterwolke Hagel bringt, und vor allem steht auch fest, daß die Hagelwetter mit einer Launenhaftigkeit sondergleichen in den verschiedenen Jahren die verschiedensten Landstriche bevorzugen. Es wird daher erst eine Reihe von Sommern vergehen müssen, ehe die vergleichende Statistik einen klaren Beweis von dem Nutzen oder der Unnützlichkeit des Wetterschießens liefern kann. Deswegen darf man aber die Sache selbst nicht von vornherein lächerlich machen; denn Laboratoriumsversuche sprechen für ihre Realität. Man kann im physikalischen Kabinet einen Hagel im kleinen Maßstabe experimentell auf folgende Weise erzeugen: Wenn man die beiden Poldrähte eines starken elektrischen Stromes so anordnet, daß der eine von unten in ein Wasserbecken eintritt und bis nahe an die Oberfläche reicht, während der andere von oben bis nahe an die Wasserfläche tritt, ohne dieselbe jedoch zu berühren und sodann einen starken und hochgespannten Strom durchschickt, welcher, um seinen Ausgleich zu finden, die Unterbrechungsstelle zwischen beiden Poldrahtenden überspringen muß, so vertieft sich zwischen beiden Enden die Wasseroberfläche in Form eines anfangs seichten, später aber immer steileren Trichters, aus welchem kleine Wassertröpfchen mit Vehemenz herausgeschleudert werden. Breitet man um die Wasserschale Papier aus, so hört man deutlich den Moment, wo keine Wassertröpfchen mehr herausfallen, sondern winzige Eiskörnchen von der Gestalt der Hagelkörner. Das ganze Experiment mißlingt, wenn in der Umgebung nicht absoluteste Ruhe herrscht; die Lufterschütterung infolge einer heftigen Handbewegung des Experimentierenden und der Strom seiner Atmungsluft, wenn er dem Apparat zu nahe kommt, genügen, um die Eisbildung zu verhindern, und es verbleibt alsdann bei dem Tropfphänomen. Ganz ähnliche Verhältnisse herrschen in den Minuten vor dem Ausbruch eines Hagelwetters, mit dem einzigen Unterschiede, daß das Wasser nicht unten, sondern oben ist, und sich nicht in flüssiger Gestalt, sondern in Form des seiner Kondensation nahen Wasserdampfes vorfindet, welche Verdichtung zu Tropfen bei Abkühlung der Luft unter den Thaupunkt an den in der Luft schwimmenden Staubteilchen sofort beginnt. Im übrigen sind auch in dem Gcwitterbezirk ganz wie bei dem Versuche entgegengesetzte Elektrizitäten vorhanden, die sich auszugleichen bestrebt sind, und die unheimliche Ruhe und Windstille, welche dem Hagelschlag vorangeht, ist ganz analog der für den Laboratoriumsversuch erforderlichen Abwesenheit jeglicher Luftbeweguug. Unter diesen Umständen ist die Annahme durchaus gerechtfertigt, daß die hin und hergehenden Verdichtungen und Verdünnungen der Luft,
Dienstag den 4 Juli
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Vom internationalen Frauenkongretz in London.
Der Kongreß hat seit Dienstag die Arbeit in den Abteilungen begonnen, und zahlreiche Vorträge wurden an drei verschiedenen Orten gehalten. In der St. Martins Town Hall bei Trafalgar Square wurde über das politische Wahlrecht der Frauen verhandelt, und eine amerikanische Dame, Frau May Wright Sewall, führte den Vorsitz so sicher, würdevoll und beherrschend, daß sie manchen Spötter von seinen Vorurteilen bezüglich der Befähigung der Frauen zur Teilnahme an politischen Verhandlungen hätte bekehren können. Eine ganze Menge der Kämpferinnen für Frauenrechte war mit den modischen federgeschmückten Hutgebäuden der Jetztzeit erschienen, als ob sie zu einer Frühvorstellung ins Theater kämen, wo sie sich gar nichts daraus machen, ihren Geschlechtsgenossinnen — vom schlimmen Männervolke gar nicht zu reden — hoffnungslos die Aussicht zu versperren. Damit waren sie jedoch an den unrechten Ort gekommen, denn die Präsidentin ersuchte kategorisch, die Hüte abzulegen, und bemerkte nebenbei, sie komme aus einem Staate, wo die Männer durch förmliches Gesetz die Frauen genötigt hätten, in öffentlichen Versammlungen, wo freie Aussicht erwünscht sei, die Kopfbedeckung abzunehmen. Sie drückte unverhohlen ihre Billigung für diese Maßregel aus, und die ragenden Kunstwerke der Putzmacherinnen wurden ohne Säumen und Murren von ihren Trägerinnen aus dem Gesichtsfelde entfernt. Auch sonst wußte Frau Sewall das Ansehen des Präsidenteustuhles tapfer geltend zu machen.
Aus dem Staate Massachussetts war ein Vortrag von der Präsidentin eines Vereins eingelaufen, der gegen weibliches Wahlrecht eintritt. Frau Sewall forderte eine anwesende Dame auf, diese Arbeit zu verlesen, entfesselte damit aber einen solchen Sturm von Zischen und Widerspruch, daß man hätte glauben können, sich in einer Parteiversammlung ganz gewöhnlicher Männer zu befinden. Doch die Präsidentin wußte im Handumdrehen Ordnung zu schaffen und verwies die offenbar in der Mehrheit befindlichen Teilnehmer an dieser Kundgebung mit dem Bemerken zur Ruhe, daß keinerlei Zwang vorliege, der Versammlung beizuwohnen, daß aber die Teilnahme die Pflicht mit sich bringe, gegen die Ansichten Andersgläubiger Höflichkeit zu zeigen. Die Arbeit wurde dann verlesen. Sie bewegte sich auf der bekannten Grundlage, daß die geheime Wahlabstimmung wichtige Dienste dem Staat gegenüber mit sich bringe, die von Frauen nicht geleistet werden könnten, ohne ihre sonstige Stellung im gesellschaftlichen Zusammenhang zu schädigen. Diese alten Gründe, gegen die alle Kämpfer für Frauenrechte doch vollständig abgehärtet sein sollten, erregten in der Verlesung fortwährenden Widerspruch, Spott und Hohn, und man rief Schluß! Schluß! wie bei jeder andern Parteiversammlung. Eine amerikanische Veteranin, die seit 50 Jahren für weibliche Wahlberechtigung arbeitet, stellte mit Befriedigung fest, daß in vier Staaten bereits die Frauen heute volles Stimmrecht und in Schulsachen in fast allen Staaten das Stimmrecht genießen. In der Abteilung, die sich mit der Behandlung von Frauen und Kindern in Gefängnissen beschäftigt, führte die verwitwete Herzogin von Bedford, die zu den amtlich ernannten Gefängnisinspektorinnen gehört, den Vorsitz. Die Rednerinnen äußerten sich hoffnungsvoll über die Besserung entlassener weiblicher Gefangenen, denen man behilflich gewesen ist, ehrlich ihr Brot zu verdienen.
In der Unterrichtsabteilung wurden über Schule und Erziehung mancherlei Theorieen aufgestellt. Eine deutsche Rednerin überraschte dabei ihre Zuhörer mit dem Vorschläge, wie in Deutschland für die Männer die allgemeine Wehrpflicht bestehe, so sollte jedes Mädchen gehalten werden, für das Vaterland ein Jahr im Kindergarten zu dienen. In der Abteilung für Fachthätigkeit verlas Frau Fenwick Miller einen Vortrag über die Wirkung des Eintritts von Frauen in höhere Berufsfächer auf das häusliche Leben. Die Rednerin vertrat die Ansicht, alle Mädchen sollten zu einer bestimmten Berufsthätigkeit ausgebildet werden, falls die Eltern nicht in der Lage seien, ihnen genügendes Vermögen für ein sorgenfreies Dasein zu hinterlassen. Auch nach der Verheiratung, meinte die Verfasserin, sollten die Frauen die gewählte Berufsthätigkeit fortsetzen und nicht die mit Mühe und Kosten erlangte Kenntnis und Geschicklichkeit unbenutzt rosten laffen. Anderseits komme es bei den heutigen gesetzlichen Bestimmungen so häufig vor, daß Männer, deren Frauen durch eigene Thätigkeit zum Erwerbe des Familieneinkommens beitrügen, ihrerseits träge und verschwenderisch würden, sodaß man unter den jetzigen Ver
hältnissen kaum Frauen empfehlen könne, nach der Heirat die Facharbeit fortzusetzen. Nach Ansicht der Verfafferin müßte die Frau durch ein Gesetz in stand gesetzt werden, den Mann zur Erhaltung des Haushaltes heranzuziehen, wie er heute schon herangezogen werden kann, wenn er seine Gattin im Stich läßt. Frau Fenwick Miller hatte augenscheinlich die ideale Frau im Auge, wie die gelehrte Frau Somerville, die zugleich in der Astronomie großes leistete und eine ausgezeichnete Hausfrau war, oder wie Harriet Martineau, die namhafte historische Werke schrieb und ebenfalls in Haus und Küche niemand nachstand. Andere Sprecherinnen hoben indessen hervor, daß noch lange nicht jede Frau in solcher Weise zwei Herren dienen könne und daß in sehr vielen Fällen die Fortführung der Berufsthätigkeit die Notwendigkeit mit sich bringen würde, die Sorge um Haus und Familie andern zu überlassen. Nur sehr selten werden die Erscheinungen bleiben, die nach beiden Richtungen sich tüchtig erweisen. Selbstverständlich können hier die Verhandlungen des Kongresses, der zuweilen in fünf Abteilungen zugleich in Thätigkeit war, nur gestreift werden. Als die eigentliche Arbeit gethan war, fanden sich eine bedeutende Zahl der Teilnehmerinnen zum Thee auf der Terrasse des National Liberal Klub zusammen, — von anderen Einladungen und Zerstreuungen gar nicht zu reden.
Der Hauptanziehungspunkt war am Mittwoch der Ausschuß, in dem die „Frau in der Litteratur" behandelt wurde. Mrs. Flora Annie Steel wies in einem Vortrag auf die außerordentliche Vermehrung weiblicher Beiträge von Bedeutung und Wert hin und hoffte, daß aus der Litteratur heraus sich das wahre Ideal der Frau der Zukunft entwickeln werde. Frau Heinemann erinnerte die Versammlung daran, daß weibliche Hochschullehrerinnen schon im 15. Jahrhundert zu Bologna doziert hätten. In einem anderen Ausschüsse wurde zu gleicher Zeit ein ganz anderes Bild entrollt und die Notwendigkeit der Ergänzung der Gesetzbücher durch Maßregeln zum wirksameren Schutze der Kinderarbeit nachgewiesen. Nicht nur in den Bleiminen und Zündholzfabriken Spaniens, in den Schwefelminen Italiens, sondern auch in manchen Bezirken Englands ist den Verhandlungen zufolge ein sehr energisches Eingreifen des Staates geboten, wo die Kinder heute den schrecklichsten Berufskrankheiten (!) erliegen. Ein verwandtes Thema war die Frage der Fabrikinspektion durchFrauen. Der Wert dieser Einrichtung wurde unschwer als hervorragend nachgewiesen, als praktischer Gesichtspunkt kam die Forderung nach der Anstellung bloß kräftiger, den Amtslasten vollauf gewachsener Frauen zur Geltung. Mrs. Walter Ward erkannte im zunehmenden Mangel an Dienst - boten die Folge der höheren Auffassung der Würde der Frau, die immer weitere Stände von der „Dienstleistung" als solcher abhalte. Hier müsse eine grundsätzliche Reform einsetzen und die Arbeit der in der Familie wohnenden Gehilfinnen der Hausfrau müsse zum ehrenvolleren und darum gesuchten Berufe werden, während die grobe Arbeit durch unabhängige Taglöhnerinnen zu verrichten sei. Miß Klementina Black glaubte, der Beruf der Dienstmädchen werde weit beliebter werden, wenn durch das Wohnen außer dem Hause die Vorstellung der Hörigkeit verschwindet. Andere Rednerinnen glaubten die Dienst- mädchen-Not durch eine weitgehende Förderung der Volksküchen heben zu können. All diese Verhandlungen, wie auch jene über die Rettungsarbeit unter den Ausgestoßenen, die Sch ul frag en und vieles andere legte von einer Unmenge wertvoller Einzelarbeit Zeugnis ab. Weniger ernst nimmt, nach den Aeußerungen der Presse zu urteilen, die öffentliche Meinung die eigentlichen politischen Bestrebungen der Frauen, und es darf vielleicht auch als bezeichnend gelten, daß Mrs. Sheldon Amos folgende Taktik zur Förderung der ehrgeizigen Pläne politisierender Frauen vorschlug. „Der Mann, der gegen das Auftreten der Frau im öffentlichen Leben ist, sollte im Privatleben dafür büßen müssen. Ich habe oft gedacht, daß die Küche sich als wertvolles Mittel zu „Repressalien" erweisen könnte."
Vermischtes.
* lieber „Hagel- und Wetterschießen" entnehmen wir einem Aufsatze in der „Frkf. Ztg." Folgendes: Die Gewitterperiode des diesjährigen Juni ist für die Gegenden am Rhein und Main ungewöhnlich reich an Hagelschlägen gewesen. Bald war es dieser, bald war es jener scharfbegrenzte Strich, der von den Schleudersteinen des Himmels verheert wurde, und auch Frankfurt selber wurde an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, zuerst in seinem westlichen, dann in seinem östlichen Teile vom Hagel heimgesucht. Angesichts dieser alljährlich


