Ausgabe 
3.10.1899 Drittes Blatt
 
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der folgende Vorgang. In einer kleineren Mitagsgesellschaft saß der Kronprinz zwischen der Frau vom Hause und der Frau des Anstallsgeistlichen und trank, da der Hausherr für einen leichten Wein gesorgt hatte, von dem er .wußte, daß er den jungen Herren gut mundete, mehrere Gläser. Der gegenübersitzende erste Gouverneur des Prinzen, Ge­neralmajor v. D., hatte dies bemerkt und sagte:Aber, Prinz Wilhelm, Sie haben schon das dritte Glas geleert." Gewiß," antwortete dieser,der Wein schmeckt mir", worauf der General dem Diener befahl, dem Kronprinzen ein Glas Wasser zu bringen. Als dies geschehen war, er­suchte auch die Frau Pastorin den Diener um ein Glas Wasser; der Prinz aber schob ihr schnell das ©einige zu und sagte:Hier, Frau Pastorin, nehmen Sie dies, ich mache doch keinen Gebrauch davon."

Auf Befehl des Kaisers wird darauf geachtet, daß die Erziehung der Prinzen eine gleichmäßige bleibt. Die jungen Herren sollen sich nicht mit einseitiger Passion einem ein- zslnen Zweige der Wissenschaft oder der Kunst hingeben. So der Kronprinz nicht der Musik, wofür er reich begabt ist. Wird doch sein Geigenspiel sehr gelobt. Auch ist es den prinzlichen Lehrern untersagt, in übertriebener Weise den Hohenzollern-Kultus zu Pflegen. Dagegen wird na­türlich der stolzen und festen preußischen und deutschen Ge­sinnung, die in den Prinzen lebendig ist, keine Schranke gesetzt. Es sind schon ein paar Jahre her, als die Prinzen mit der gesamten Kadettenschar einen Ausflug nach der Höhe von Düppel machten, wo die Felder von Knicken um­säumt sind. Plötzlich rief der Kronprinz: ..Wer ein Preuße ist, folgt mir nach!", und die ganze Schar stürmte mit ihm über den dichtbewachsenen Knick. Als er zum ersten Male dem Zaren vorgestellt wurde, redete er diesen deutsch an und erklärte später, daß er dies in voller Absicht gethan habe. Auch hat er sich darüber ausgelasien, daß es ihm sehr wenig angenehm ist, mit der Kaiserin Friedrich englisch sprechen zu müssen. Diese hohe Frau nennen übrigens die PrinzenKaiserin Friedrich". Wenn sie von ihrer Groß­mutter sprechen, so meinen sie die Herzogin Adelheid, die Mutter der Kaiserin Auguste Viktoria.

Als die Witwe Kaiser Friedrichs im vorigen Jahre von Kiel aus ihre Enkel in Plön besuchte, unterzog sie auch die ganze Schloßanlage einer genauen Besichtigung. Die prächtige Aussicht und der herrliche Park entzückten sie sehr; auch hatten die Einrichtungen für den Sport, der Lawn-Tenis-Plotz, die Schwimmanstalt, der kleine Boots­hafen, ihren ganzen Beifall. Sie bezeigte ferner ihr In­teresse an der Architektur des Schlosses und an dessen in­nerer Einrichtung; nur bemerkte sie in dem großen Schlaf­saale der Kadetten, daß ihre Stallknechte besser schliefen als diese. Dem Kronprinzen schien diese Aeußerung nicht zu gefallen. Wie die Prinzen sich einen besonderen Platz in der Kiche verbeten haben und mitten zwischen den Ka­detten sitzen, so nehmen sie auch öfter an deren Mahlzeiten Teil, und es ist ihnen jeder Platz auf den langen hölzernen, der Lehne entbehrenden Bänken recht.

Wenn der Kronprinz anfänglich in seiner körperlichen Entwickelung und in der äußeren Erscheinung etwas gegen seinen jüngeren Bruder, den Prinzen Eitel-Friedrich zurück- ftand auch Prinz Adalbert ist ein sehr hübscher Knabe so hat er das in wunderbarer Weise nachgeholt. Er ist jetzt ein schöner junger Mann voll Kraft und Mut, mit freiem, offenen Blick und von stattlicher Größe. Ebenmäßig gewachsen und von schlanker Statur, ist seine Haltung gleich sicher und elegant. So stellt er sich auch in der letzten von ihm, und zwar in Zivilkleidung, aufgenommenen Photo­graphie dar. Leider ist dieses überaus wohlgelungene Bild, das der Prinz nur verschenkt, nicht käuflich zu erlangen.

Nach alledem dürften sich die stolzen Hoffnungen, die Deutschland auf seinen zukünftigen Kaiser, der dereinst den Namen Wilhelm III. führen wird, setzt, in vollstem Maße erfüllen. Den Grund dazu hat mit treuer Liebe und klarer Einsicht das Kaiserliche Elternpaar gelegt, aber auch die verständnisvolle Umsicht und die gewissenhafte Sorgfalt, womit das Plöner Kadettenhaus verwaltet wird, haben ihren Anteil an dem glücklichen Erfolge der prinzlichen Erziehung. Desien wird sich das anmutige holsteinsche Städtchen in aller Zukunft rühmen können.

Kirche und Schule.

* «m so. Kongreß für Innere Mission, der in dm Tagen vom 2. bis 5. Oktober in Straßburg stattfindet, wird, wie die Darmst. Ztg." schreibt, als Vertreter des Großherzoglich Hessischen Oberkonsistoriums Herr Oberkonsistortalrat D. Walz teilnehmen. An den Vorträgen des Kongresses, dessen ausführliches Programm von uns bereits früher veröffentlicht wurde, beteiligt sich von hessischen Geistlichen Stadtpfarrer Scriba von Erbach i. O, der in der Spezialkonferenz am Mittwoch, 4. Oktober, überDie Innere Mission auf dem Lande" referieren wird. Gleichzeitig mit dem Kongreß soll am Dienstag, 3. Oktober, nachmittags 3 Uhr, in Straßburg die 35. Jahresversamm­lung der Südwestdeutschen Konferenz für Innere Mission ab­gehalten werden.

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Nr. 232 Drittes Blatt. Dienstag den 3 October

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Belehrung über das Wesen und die Ver- breituugsweise der Pest.

1) Die Pest ist eine ansteckende Krankheit, die aus­schließlich dadurch hervorgerufen wird, daß ein bestimmter Srankheitskeim (die Pestbazillen) Eingang in den Körper gefunden hat. 2) Sie stellt ein plötzlich ober nach kurzem, allgemeinem Uebelbefinden einsetzendes fieberhaftes Leiden dar, welches in der Mehrzahl der Fälle, und zwar gewöhn­lich zwischen dem dritten und fünften Krankheitstage, zum Tode führt und bei den Genesenen nicht selten mehr ober minber schwere Nachkrankheiten hinterläßt. Die Erkrankten pflegen unter auffallenber Verminbernng ber Arterien­spannung unb Vermehrung ber Zahl ber Pulsschläge sehr rasch in hochgrabige Schwäche unb Teilnahmlosigkeit zu verfallen. Nach bem Sitz und der Intensität der Krank­heit sind verschiedene Formen der Pest zu unterscheiden. Am häufigsten ist die Drüsen- oder Bubonenpest, welche durch schmerzhafte Anschwellung einer ober mehrerer Lymphdrüsen, besonders ber an ber Schenkelbeuge, ber Achselhöhle unb bem Halse belegenen, gekennzeichnet ist. Die Höhe ber Erkrankung wirb bei ihr meist schon am ersten Tage erreicht. Im Verlauf ber Krankheit kommt es iit ber Regel zu Blutergießungen in bie Schleimhäute (Blutharnen), Entleerung schwärzlicher Massen durch Er­brechen und Stuhlgang, seltener in die Haut. Ist der Tod nicht bereits in den ersten Krankheitstagen erfolgt, so kann die Drüsengeschwulst in Vereiterung oder langsame Zerteilung übergehen. Bei einer weiteren Form der Pest bildet das Auf­treten eines Bläschens aus irgend einer Hautstelle, aus welchem sich das bisweilen zu bandgroßen Gewebszer- zerstörimgen führende Pestgeschwür ober bie Pestpustel ent­wickelt, das charakteristische Merkmal. Der Krankheits­verlauf ist hier im allgemeinen etwas milder als bei der Drüsenpest. Die Lungenpest bietet das Bild einer plötzlich beginnenden schweren Lungenentzündung und ver­läuft fast ausnahmslos tötlich. Der Auswurf des Kranken enthält Pestbazillen in zahlloser Menge. Personen, welche an chronischen Lungenkrankheiten, namentlich an Schwind­sucht leiden, sind für diese Form ber Pest besonbers empfäng­lich. Der in ber Lunge lokalisierte Krankheitsprozeß kann ju Zerstörungen bes Lungengewebes unb äußerst starken

Lungenblutungen mit nachfolgendem Brand führen (der schwarze Tod" des Mittelalters). Von einzelnen Forschern ist eine vierte schwere Form der Krankheit, die Darmpest, beobachtet worden; es soll hierbei zu Geschwürbildung auf der Magen- und Darmschleimhaut kommen und der Ver­lauf der Erkrankung dem eines schweren Unterleibstyphus gleichen. Diese Krankheitsformen der Pest können sehr bald nach Beginn ber Erkrankung burch Verallgemeinerung ber^ Infektion eine gewaltige Steigerung ihrer ohnehin großen" Bösartigkeit erfahren, so baß sie unter bem Zeichen einer allgemeinen Sepsis unter Umstänben in wenigen Stunben zum Tobe führen. Außer biesen schweren sinb jeboch, wenn auch weit seltener, noch leichte Formen ber Pest beobachtet worben, bie zum Teil mit kaum merkbaren allgemeinen unb örtlichen Erscheinungen einhergehen unb in ber Regel einen günstigen Verlauf nehmen. 3) Der A n - steckungsstoff befinbet sich im Blute, bem In­halt unb bem Gewebe ber erkrankten Lymphbrüsen, ber Pestgeschwüre unb -Pusteln, bei ber Lungenpest im Aus­wurf unb Speichel, seltener im Stuhl unb Urin bes Kranken; er kann von biesen auf anbere Personen, sowie auf manche Tiere, wie Ratten unb Mäuse, übergehen unb in bie mannig­fachsten Gegenstände geraten und mittels derselben verschleppt werden. Solche Gegenstände sind beispielsweise Kleidungs­stücke, Leibwäsche, Bettstücke, Lumpen, Wolle, Teppiche, Haare, ungegerbte Felle u. dgl.; auch Speisen und Getränke sind unter Umständen geeignet, die Ansteckung zu vermitteln. 4) Die Uebertragung des Ansteckungsstoffs auf Menschen unb auch bie bafür empfänglichen Tiere erfolgt am häufigsten in der Weise, daß derselbe durch kleine, un­beachtete Verletzungen der Haut, z. B. Kratz- und Rißwunden ober Schrunben, ober burch Stiche von Insekten, welche an pestkranken Tieren ober Menschen sich befunben hatten, in ben Blutkreislauf gelangt. Die Uebertragung kann auch badurch zu Staube kommen, daß Staub oder Nahrungs­mittel, denen Ansteckungsstoff anhaftet, eingeatmet bezw. zum Munde geführt werden. Bei der Lungenpest geschieht die Ansteckung gewöhnlich von Person zu Person durch Ver­mittlung des bazillenreichen Auswurfs des Erkrankten. 5) Die Ausbreitung derPest nach anberen Orten kann geschehen: a. durch ben Aufenthaltswechsel solcher Personen, welche nur leicht an ber Seuche erkrankt ober in

ber Genesung befinblich sinb; b. burch Versenbung un- besinfizierter Gebrauchsgegenstände von Pestkranken, nament- von Kleidung, Wäsche oder Bettstücken; c. durch Wanderung ober Transport von Ratten, Mäusen unb anberen an Pest erkrankten Tieren; bas ihnen anhaftenbe Ungeziefer, ihre Absonberungen, event. ihre Kabaver vermitteln bie Ver­schleppung ber Seuche.

Feuilleton.

Unser Kronprinz im Kadettenßanse.

lieber bas Leben unb bie Erziehung der Kaiserlichen Prinzen: Kronprinz Wilhelm, Prinz Eitel-Friedrich unb Prinz Abalbert im Plöner Kabettenhause veröffentlicht bie N. Fr. Pr." einige interessante Einzelheiten.

Bekannt ist, baß die Prinzen mit einigen ausgewählten labetten besonderen Unterricht erhalten, aber im übrigen als einfache Schüler Der Anstalt angesehen unb auch von der Dienerschaft, nicht mit Kaiserliche ober Königliche Hoheit, sondern einfach als Prinz Wilhelm, Prinz Fritz und Prinz Adalbert angeredet werden. Sie haben auch bei dem um­wohnenden Landadel, ben Rantzaus, ben Reventlows, ben Brockborffs keine Besuche gemacht, sondern sind gesellschaftlch einfache, ihrer militärischen und wissenschaftlichen Ausbildung beflissene Kadetten. Der Kronprinz ist jetzt 17 Jahre alt unb wirb im nächsten Jahre majorenn, wo er seinen eigenen Hofstaat erhält. Trotzbem erschien er kürzlich im Hause des Kommanbeurs mit einem Packet unter bem Arm unb überreichte es ber Frau vom Hause mit den Worten: Meine Mutter läßt bestens grüßen unb schickt bie Altar- decke" eine von ber hohen Frau für bie Plöner Schloß- Upelle selbst gestickte Decke. Ein andermal musizierte rr mit einer im Hause des Kommandeurs zu Besuch an- rcerfenben Dame, als die Rede auf ein Musikstück kam, das bie Gesellschaft noch gern gehört hätte. Sofort stand der Acvnprinz auf und erklärte, die betreffenden Noten holen zu wollen. Man fragte, ob sie nicht ein Diener holen tömne; aber der Kronprinz lehnte dies mit den Worten ab, daß er sich nicht gerne in seinen Sachen kramen ließe und machte sich selber nach bem Prinzenhause auf ben Weg. Überhaupt ist ber Prinz aufmerksam, ja dienstfertig gegen Damen und ältere Personen, er ist liebenswürdig ohne Zwang und ganz frei von Dünkel und Selbstgefälligkeit.

Andererseits weiß er freilich auch, wenngleich immer in feiner und geschickter Weise, selbst den höheren Vorge- teten gegenüber seinen Willen zu behaupten. Das zeigt