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3.6.1899 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

Samstag den 3. Juni

1899

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Deutsches Reich.

Nerlw, 1. Juni. Die sogenannte Zuchthaus-Do r- 'I ige ist heute int Reichstage eingegangen. Sie trägt den ' Kid: Gesetzentwurf zum Schutze des gewerblichen Arbeits- verhältniffes. Der Entwurf umfaßt 11 Paragraphen. In § 8 heißt es u. a. Ist infolge eines Arbeiter-Ausstandes »der t iner Arbeits-Aussperrung eine Gefährdung der Sicher- hnl ieS Reiches oder eines Bundesstaates eingetreten oder eine Gemeingefahr für Menschenleben oder Eigentum her- btigeftührt worden, so ist auf Zuchthaus bis zu drei Jahren, Mn die Rädelsführer auf Zuchthaus bis zu 5 Jahren zu erfeneen.

Berlin, 29. Mai. Arbeitspensum des Reichs­tag e-S bis zur Vertagung. Die heute dem Reichstage Wlgrgangene (aber bis Montag abend im Druck noch nicht »rteilte) Vorlage wegen Verlängerung des handels- yvlitischen Provisoriums mit England erweitert Än »reis derjenigen Gesetze, die bis zur Vertagung un- tbinyt erledigt werden müssen. Die Gegner der Handels- xtträge lassen sich zweifellos diese schöne Gelegenheit nicht «itgchen, noch einmal vor den langen Reichstagsferien ihr chrz durch heftige Angriffe gegen die Staatssekretäre ». T^ielmann und v. Bülow zu erleichtern. Hinsichtlich «iniger anderer Vorlagen, die durch ein mühevolles Ver- Wat in der Kommission das nächste Vorrecht beanspruchen Mtftm, noch vor der Vertagung die ersehnte Verabschiedung F erlangen, stehen die aus ein und derselben Quelle Menden Nachrichten über die Gewerbenovelle in sstarkt m Widerspruch zu einander. Wird die Parole aus- zrgeben: die Regierung rechne sicher auf die Erledigung Lieser Novelle, so bewegt sich diese Sicherheit durch die Müirung: der Mehrzahl der verbündeten Regierungen sei He Bestimmung des obligatorischen Ladenschlusses mvnehmbar was thatsächlich zutrifft doch auf sehr schwachen Füßen. Regierung und Reichstag darf zufrieden |(in und aufatmen, wenn es in den Junitagen gelingt, auch mt das allernotwendigste, was sozusagen auf den Nägeln trennt, in die Reihe der Reichsgesetze einzustellen--

«Iso das Jnvalidenversicherungsgesetz, jenes Handelsprovisorium mit England, den Nach- tragSctat und allenfalls noch die Vollmacht für die Ge- tühren-Erhebung auf dem Kaiser-Wilhelm-Kanal. Zeichen und Wunder müßten geschehen und der Staats- srkrrtär v. Podbielski müßte über eine Art hypnotischen

Einflusses auf die lässigen Reichstagsmitglieder verfügen, sollten auch noch die Postgesetze vor der Vertagung ihrem noch immer ungewiffen Schicksal entriffen werden. Aller­dings kann die Vertagung sich verhängnisvoll für diese Ent­würfe gestalten, da ziemlich sicher anzunehmen ist, daß der in der Kommission leider eingeschläferte Widerstand gegen den Postzeitungstarif und die Erweiterung des Postregals im Herbst wieder erwacht zu stärkerer und nachhaltigerer Bethätigung. Für den Nachtragsetat stehen namentlich der Kolonialverwaltung heiße Debatten bevor. Die Angelegen­heit der Gebrüder Denhardt kann so, wie der Nachtrags­etat vorschlägt, nicht endgiltig geregelt bleiben; solch übel angebrachte Knauserigkeit der Regierung wird ihr selbst den größten Verdruß bringen und kann wahrlich koloniale Unter­nehmungen nicht ermutigen. Einen wahrscheinlichen Vorstoß der Sozialdemokratie gegen angeblich unerträgliche Verhält­nisse der Eisenbahnarbeiter beim Bau der kleinen Bahn in Südwest-Afrika dürste die Kolonialverwaltung dagegen sehr leicht abzuwehren sich in der Lage fühlen. M. N. N.

Berlin, 31. Mai. Der Kanal der zwei Meere. Man schreibt derT. R." aus Paris: DerGaulois" nimmt heute die Gelegenheit wahr, von neuem auf die nationale Bedeutung des projektierten Zwei-Meer-Kanals hinzuweisen. Er zweifelt nicht daran, daß die Möglichkeit, auf kürzestem Wege, ohne Spanien umschiffen zu müssen vom Atlantischen Ozean zum Mittelmeer zu gelangen, stark ausgenützt werden wird, sodaß also die wirtschaftliche Ren­tabilität gesichert erscheint. Das ist durch die Berichte von einer ganzen Reihe technischer Kommissionen festgestellt worden. Das, was aber besonderes Interesse erregt, ist die Bedeutung des Kanals vom Gesichtspunkt der nationalen Verteidigung. Und hier ist den Verteidigern des Projekts ein starker Bundesgenosse in dem Admiral Fournier ent­standen, der in seinem BuchFlotte neceaaaire von den Mitteln spricht, die man hat, England an der Ausführung seiner Absicht, den größten Teil der französischen Flotte im Mittelmeer einzuschließen und von der Ozeanflotte abzu­schneiden, zu hindern. Fournier schreibt:Man erkennt leicht, wie sehr der Zwei-Meer-Kanal, den man zwischen Mittelmeer und Atlantischem Ozean zu bauen vorhat, diesem strategischen Plane zugute kommt. So wäre die furchtbare Barriere, von Gibraltar, die das französische Nord- und Südgeschwader trennen und England die Vor­herrschaft zur See im Mittelmeer sichern und den direkten Seeweg nach Indien überwachen sollte, zum Vorteile Frank­

reichs gewandt. Obendrein immobilisiert die für das französische Geschwader vorhandene Möglichkeit, in diesen Kanal zu entschlüpfen, im Kriegfall einen großen Teil der englischen Flotte an der Küste des Atlantischen Ozeans und würde sie allem Ungemach und Sturm schutzlos preisgeben. Der Kanal wäre außerdem ein Gegengewicht gegen den Nordostseekanal." Diese Aeußerungen bekommen den Cha­rakter des Aktuellen besonders durch die neueren von Madrid herüber gemeldeten Nachrichten von ganz außer­ordentlichen Anstrengungen, welche die Engländer in Gibraltar machen, das neue Schnellfeuerbatterien erhalten hat. Man sieht, die Franzosen find gar nicht beruhigt über die Ab­sichten ihrer Nachbarn von jenseits des Kanals, und es be­greift sich, weshalb von gewisser Seite auf die Kammer gedrückt wird, daß sie durch die Bewilligung des Projekts sich ein dauerndes Verdienst um die nationale Verteidigung erwerbe.

Aus Sachsen-Koburg und Gotha. In der Sitzung des gemeinschaftlichen Koburg-Gothaischen Land­tages kam es zu einer bemerkenswerten Debatte. Bei der Haushaltsberatung führte der Abg. Liebetrau aus, daß die Frage der Thronfolge des Herzogtums Sachsen-Koburg- Gotha über die Grenzen desselben in weiten Kreisen eifrig und ernst besprochen werde, wozu nicht zum geringsten manche befremdliche Aeußerung der englischen Presse den Anlaß gegeben habe. Der Landtag weise das vorgeschlagene Eingreifen der Reichsinstanz zurück, lege jedoch dagegen Verwahrung ein, als könne Land und Volk von Koburg und Gotha als ein totes Familienerbstück betrachtet werden. Nach Paragraph 4 der Verfassung habe der Herzog seinen wesentlichen Aufenthalt im Staatsgebiete zu nehmen, um mit den Zuständen des Landes und den Bedürfnissen des Volkes vertraut zu sein. Dieser Gesichtspunkt sei auch für den Thronfolger geltend, der seinen wesentlichen Aufenthalt im Lande nehmen müsse. Nach dieser Richtung hätte die Staatsregierung längst eine beruhigende Erklärung erlaffen sollen. Redner glaubt im allgemeinen Einverständnis zu handeln, wenn er diese hochbedeutsame Frage hier anrege und der Staatsregierung Gelegenheit gebe zur Aeußerung, bevor dieser Angelegenheit an Wichtigkeit nachstehende Fragen bei der Etatsberatung besprochen werden. Hierauf bringt der Abg. Arnold folgenden Antrag ein:Der gemeinsame Landtag wolle die herzogliche Staatsregierung ersuchen, an höchster Stelle darauf hinzuwirken, daß der nach mensch­lichem Ermessen dereinst zur Thronfolge berufene Prinz

Feuilleton.

Unser Harten im Juni.

(Nachdruck verboten.)

Der Monat der Rosen, der Erdbeeren und der Gemüse, foelisch veranlagte Menschen, Prosaiker und Feinschmecker, «lle bekommen ihr Teil. Die Hausfrau ist sehr erfreut Iber die Menge der Gaben, die der Juni ihr bietet, denn jiht ist das Gemüse soweit gediehen, daß mit wenig Kosten liefe schmackhafte und gesunde Kost sich erwerben läßt.

Im Juni ist dem Rasen viel Aufmerksamkeit zu widmen. l>Ls Gras wächst nun am raschesten und oft muß Sichel ick Sense oder die Rasenmähmaschine in Thätigkeit treten. - Früher war es eine gewaltige Summe, die für ein HIches Instrument angelegt werden mußte, aber die Massen- ^krikation hat dafür gesorgt, daß man für ein Goldstück sho n eine gute und dauerhafte Maschine bekommt, die unter liirn NamenVictor" sich bereits in den meisten größeren Irrten befindet. Das Walzen oder Treten des Rasens uch dem Schnitt wird im allgemeinen noch viel zu wenig -Gewendet. Wenn man aber diese sammetartige, dichte mbi dicke Rasennarbe erreichen will, die wir an den Rasen- flackhen in England bewundern, so soll man diese Arbeit iifyt versäumen. Rasen, der im Wachstum zurückbleibt, iiimtern wir mit einigen Gaben lose darüber gestreuten Wi-Salpeters wieder an. Dies darf aber nur bei Regen- Witter geschehen.

Im Blumengarten schneiden wir die verblühten Blumen «b oder ziehen abgeblühte einjährige Pflanzen aus. Nichts is! nnsympatischer, als wenn die häßlichen Ueberbleibsel in« das Sterben der Natur schon im Sommer vor Augen sihue». Bei den Rosen ist daneben noch das Abschneiden irr sich dem Abblühen nähernden Blumen ein kräftiger Intlrieb, daß die Kräfte erhalten bleiben nnd sich der Ver­

vollkommnung der übrigen Blüten und dem Neutrieb dienst­bar machen. Man schlägt also zwei Fliegen mit einer Klappe.

Von Mitte des Monats ab beginnt die beste Zeit zum Vermehren der Pflanzen durch Ableger, Senker und Steck­linge. Gegen Ende des Monats werden Bohnen und Erbsen, Winterrettig und Möhren für den Herbstverbrauch ausgesäet. Nie laffe man ein abgeerntetes Gemüsebeet unbepflanzt liegen. Bei dem Gartenfreund muß es nicht allein heißen: Zeit ist Geld, sondern auch: Platz ist Geld. Wenn wir Gemüsepflanzen versetzen, so nehmen wir diese Arbeit am Abend vor.

Spargel kann bis zum 20. Juni gestochen werden. Sticht man noch länger, so schadet man der nächsten Ernte. Was von den herauskommenden hübschen Bäumchen später gelb wird, schneidet man tief in der Erde ab und ver­brennt es.

Bei Gurken, Melonen und Kürbissen werden die Ranken gleichmäßig verteilt. Rechts und links von den Gurken­reihen steckt man Holzreisig mit einer leichten Neigung nach hinten. Die Gurkenranken klammern sich daran, und ihre Früchte sind der Fäulnis nicht so sehr ausgesetzt, die Ranken verteilen sich auch besser und tragen reichlicher. Melonen- und Kürbisranken stutzt man über dem vierten und fünften Blatt, schneidet die männlichen Blüten aus und behält nur so viel davon, wie zum Befruchten nötig find. Die Fruchtranken stutzt man bei dem zweiten Blatt über der Frucht ein.

Die Sonne steigt höher und höher, sie scheint über Gerechte und Ungerechte, letztere find für den Gartenfreund die Feinde seiner Lieblinge, die Insekten.

Häufig kann man jetzt die Weidenbohrraupe (Coaana ligniperda) erwischen. Diese 8 bis 10 Ctm. lange, dunkel­rote Raupe findet ein Vergnügen daran, in Weiden-, Obst­und Laubbäumen fingerdicke Löcher zu bohren und Gänge auzulegen. Mehrere dieser Raupen können einem Baum

den Tod bringen. Man träufelt in die Bohrlöcher etwas Schwefelkohlenstoff und verstreicht das Loch mit Lehm. Wenn man den Schmetterling erlangen kann, ist es noch besser. Er ist ein träges Tier, 4 Ctm. lang, braungrau und sitzt in halber Höhe des Stammes.

Wir schütteln den Apfelblütenstecher von den Bäumen. Dieser Rüsselkäfer ist ein gefährlicher Feind der Obstzucht. Er ist nicht sicher auf den Beinen. Schlägt man ganz früh am Morgen mit einer oben mit Stroh umkleideten Stange an die Zweige, dann fällt er auf die untergelegten Tücher und wird vernichtet. Dabei finden auch noch verschiedene andere Schädlinge ihren verdienten Tod.

Der Apfelwickler (Tortrix pomonana) hat eine Made, die sich nach dem Kernhaus durchfrißt. Die braune Masse in dem Gang ist etwa kein verdorbenes Apfelfleisch, sondern direkt Unrat der Made.

Gegen die Raupen in unseren Gemüsegärten hat mau jetzt einenRaupengreifer" erfunden, ein scherenartiges Instrument, das die Jagd auf die Raupen zum Sport macht.

Am 21. beginnt der Sommer.

Sommersonnenwende das ist für den Gartenfreund der Tag, an dem er Bilanz zieht, sich Rechenschaft giebt über alles, was er zum Wohle seiner Pfleglinge gethan hat und hätte thun können ... das weitere steht nicht in seiner Macht, die volle Reife, das Resultat muß höheren Gewalten überlassen werden.

Wie gut und nötig wärs doch, wenn wir immer an den Tag dächten, an dem wir uns vor uns selbst über die Erfüllung unserer Pflichten verantworten müssen.

Und wie nützlich, an der Sonnenwende unseres Lebens, wo noch gebessert werden kann, derlei Betrachtungen anzustellen.

I. C. Schmidt in Erfurt.