Ausgabe 
3.1.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 2 Zweites Blatt Dienstag den 3. Januar 1899

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Wl.

Bekanntmachung,

betreffend dar Ersatz-Geschäft für 1899.

Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr« Ordnung werden 1) alle im Jahre 1879 geborenen Militär- pfl chtigen, sowie 2) die in früheren Jahren geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, oder 3) welche hin­sichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiung vom Militärdienste noch keine definitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben, oder in demselben als Studenten, Gymnasiasten und Zöglinge anderer Lehranstalten, oder als Haus« und Wirt­schaftsbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lehrburschen, Dienstboten, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Eigenschaft sich aufhalten, hiermit aufgefordert, sich behufs Eintragung ihrer Namen in die Stammrolle in der Zeit vom 5. Januar bis zum 15. Januar L I bei der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres dauerudeu Aufenthaltsortes zu melden und dabei, wenn sie an diesem Orte "icht geboren sind, ihren Geburtsschein, welcher nunmehr von dem betreffende« Standes« amt zu erwirken ist, und wenn sie sich bereUs bet einer früheren Musterung gestellt haben, ihren Losungs-Schein vorzulegen.

Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Die­jenigen, welche die Anmeldung unterlassen, zu gewärtigen haben, daß sie mit einer Strafe bi» zu 30 Mark oder mit Haft bi» zu drei Tagen belegt, von der Teilnahme an der Losung ausgeschlossen und chrer etwaigen Ansprüche auf Zurückstellung rc. verlustig erklärt werden.

Bezüglich derjenigen Militärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend sind, find deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherren zu diesen Anmeldungen verpflichtet.

Die Großberzoglichen Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lassen.

Gießen, am 2. Januar 1899.

Der Civilvorsitzende der Grobherzoglichen Ersatz-Commission Gießen.

Boekmann.

Gießen, den 27. Dezember 1898. Betr.: Die Feuerwehrzeitung.

Das Großherzoyliche Kreisamt Gießen

«ft die Groffh. Bürgermeistereien des Kreises.

Das nachstehend abgedruckte Ausschreiben Großherzog­lichen Ministeriums des Innern vom 8. Oktober v. I. theilen wir Ihnen zur Kenntnißnahme und thunlichsten Be­rücksichtigung mit.

v. Bechtold.

Darmstadt, den 8. Oktober 1897. Betr.: Wie oben.

Das Großh. Ministerium des Innern

an die Großh. Kreisämter.

Die seit 12 Jahren als Organ der hessischen Feuer­wehren bei W. Jeckel in Büdingen zum jährlichen Abonnements- preis von 5 Mk. erscheinendeFeuerwehrzeitung für das Großherzogthum Hessen" hat sich als ein geeignetes Förderungs- Mittel für die Zwecke und Interessen der Feuerwehren wie des Feuerlöschwesens überhaupt erwiesen. Sie hat jedoch ms jetzt noch nicht die wünschenswerte Verbreitung unter den Feuerwehren des Landes gefunden, was hauptsächlich m dem Mangel an Mitteln bei den meisten Feuerwehren seinen Grund haben dürfte. Es ist deshalb von dem Landes­ausschuß hessischer Feuerwehren bei uns darum nachgesucht worden, daß die Gemeinden zum Halten der Feuerwehr- zeitung veranlaßt werden möchten.

Wir glauben in Uebereinstimmung mit der Großh. Brandversicherungskammer dieser Anregung Folge geben zu follen und empfehlen Ihnen daher unter Bezugnahme auf die lithographierte Verfügung vom 22. Oktober 1891, zu . I- 28287, bei den Ihnen unterstellten Bürger­meistereien darauf hinzuwirken, daß die Fcuerwehrzeitung ru Lasten der Gemeindekasse gehalten und den Leitern der "Euerwehren zugänglich gemacht werde. Inwieweit hierbei QU(9 solche Gemeinden in Betracht zu ziehen sind, in

denen die Zeitung bereits von den Feuerwehren gehalten wird, bleibt Ihrem Ermessen überlassen.

____________________Finger.____________________

Gießen, den 31. Dezember 1898.

Das Großh. Rentamt Gießen oh die Großh. Bürgermeistereien des Rentamts- bezirks Gießen.

Wir ersuchen Sie, "in ^yreu Gemeinden auf orts­übliche Weise bekannt machen zu lassen, daß die am 31. De­zember l. I. sowie die zu Anfang Januar 1899 fälligen Domanialgefälle, als Grummetgras- und Submissionsholz­gelder, Handabgaben vom 4. Quartal 1898 sowie Fischerei- Pächte und ständige Mühlgrabenzinsen pro 1899 bis zum 25. Januar 1899 ohne Kosten bezahlt werden können.

Dexheimer.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Januar. Der Jahresbericht der Handelskammer zu Hamburg, der soeben erschienen ist, enthält über die allgemeine Geschäftslage folgende Mit­teilungen, die ein allgemeines Interesse beanspruchen dürften: Das deutsche Wirtschaftsjahr 1898 weist im wesentlichen dieselben Merkmale auf, wie das Vorjahr. Die Thätigkeit in Industrie und Handel war im allgemeinen eine recht lebhafte und befriedigende; die Landwirtschaft sieht auf ein günstiges Jahr zurück, auch die neue Ernte war eine außer­ordentlich reichliche und konnte zu verhältnißmäßig guten Preisen verwertet werden. Der Verkehr auf den Eisen­bahnen, die Zahl und Stärke der Arbeits- und Betriebs­maschinen der Industrie sind in ständiger, bedeutender Steigerung begriffen. Der starke Geldbedarf für die Aus­dehnung der gewerblichen Thätigkeit und für die zum Teil unter staatlicher Mitwirkung mächtig aufstrebenden Genossen­schaften, die, mit eigenen größeren Kapitalien nicht aus­gerüstet, für die Deckung des von ihnen gewährten Personal­kredits auf den allgemeinen Geldmarkt zurückgreifen müssen, hatte eine Versteifung des Geldstandes in Deutschland zur Folge. Die Reichsbank sah sich im Herbst genötigt, ihren Diskont in rascher Folge bis auf 5 v. H. zu erhöhen, was, wenn auch keinen Grund zu ernsten Besorgnissen gebend, doch nicht verfehlen konnte, eine hemmende Wirkung aus die wirtschaftliche Thätigkeit auszuüben. Die innere Gesundheit des gegenwärtigen Aufschwunges zeigt sich darin, daß der­selbe vorwiegend durch den Bedarf des Inlandes hervor­gerufen ist, dessen Produktiouskraft durch die Erweiterung bestehender und Begründung neuer Unternehmungen erheb­lich gestärkt wird. Allerdings legt dieser an sich günstige Umstand die ernste Mahnung nahe, den Verhältnissen des ausländischen Handels die sorgfältigste Berücksichtigung zu schenken, da, wenn die Ausfuhr mit den vermehrten Pro­duktionsmitteln nicht gleichen Schritt halten sollte, ein Rück­schlag in der wirtschaftlichen Lage Deutschlands und die daraus folgende Verminderung des inländischen Absatzes sich doppelt schwer fühlbar machen müßte. Die Ausfuhr aus Deutschland (ohne Edelmetalle) erreichte in den neun ersten Monaten dieses Jahres den Betrag von 2742 Millionen Mark gegen 2684 Millionen Mark in der gleichen Zeit des Vorjahres, ein nicht ungünstiges Ergebnis, zumal da in derselben Periode die Ausfuhr Frankreichs mit 2554 Mill. Franken um 93 Millionen Franken, und die Ausfuhr Eng­lands mit 172 Millionen Lstrl, um 3 Millionen Lstrl. hinter dem Vorjahre zurückgeblieben ist. Immerhin mehren sich aber die Vorzeichen dafür, daß die Errungenschaften Deutsch­lands auf den überseeischen Märkten seine Konkurrenten zu gesteigerter Thätigkeit angespornt haben, und Deutschlands Industrie und Handel haben alle Ursache, sich vor Ueber- hebung zu wahren, die nur ihren Konkurrenten die Wege ebnen kann. Wir sind daher dem Herrn Reichskanzler sehr dankbar dafür, daß er anläßlich verletzender Angriffe in deutschen Zeitungen sowohl gegen das konkurrirende Aus­land, namentlich England, als auch gegen Absatzländer, darauf aufmerksam gemacht hat, wie solche Angriffe geeignet sind, das Ausland zwecklos zu reizen, deutschfeindliche Strömungen zu stärken und den Absatz deutscher Erzeugnisse zn hindern. Es ist zu hoffen, daß dieser Hinweis allseitig wird beherzigt werden. Die letzten Sätze dieser Stelle erfordern allerdings eine Einschränkung-und Berichtigung. Zwecklose und leichtfertige Angriffe gegen fremde Völker, mit denen wir in Frieden und freundschaftlichen Beziehungen leben, sind selbstverständlich im höchsten Grade unklug und tadelnswert. Gewisse Handelskreise aber verlangen mehr.

Sie verlangen, daß die heimische Presse über offenbare Anmaßungen oder uns schädliche Bestrebungen des Aus­landes schweigend hinweggehen soll, damit die Stimmung der Fremden nicht gegen uns erregt wird, nnd der deutsche Kaufmann beim Abschluß seiner Geschäfte keine Unbequem­lichkeiten findet. Dieses Verfahren mag wohl zeitweise dem Interesse einzelner Firmen und Persönlichkeiten entsprechen; die Gesamtheit des deutschen Handelsstandes steht sich auf die Dauer dennoch besser, wenn man im Aulande weiß, daß der Deutsche ebenso fest und mutig sein Recht vertritt, wie man es bei. anderen Völkern ganz selbstverständlich findet. Sollte Qbef auch wirklich einer oder der andere Kaufmann dadurch ernstlich geschädigt werden, so-ist das ein Opfer für das Gesamtinteresse, wie es jeder Serufsstand_ gelegent­lich bringen muß. Was die ermähnte bes^Reichs-

kanzlers betrifft, so muß doch daran erinnerl wcr^, daß, was dort alsAngriff" bezeichnet ist, in WirklichkeitAb­wehr" war, nämlich Abwehr der Folgerungen, die in Eng­land an die ganz offen besprochenen angeblichen Abmach­ungen mit Deutschland geknüpft wurden. Da die Regie­rung aus Gründen, die sie nicht bekannt geben tonn e, dazu schwieg, war es Recht und Pflicht der nationalen Presse, ihre Meinung zu sagen. Erwähnenswerth dürfte noch der Schluß des Jahresberichtes sein: Die Hoffnungs­freudigkeit, mit der wir der Zukunft entgegenblicken dürfen, gemahnt uns, auch an dieser Stelle mit dankbarer Ver­ehrung des großen deutschen Mannes zu gedenken, der durch die Einigung des Vaterlandes den Grundstein zu Deutsch­lands Macht auch auf wirtschaftlichem Gebiete gelegt hat, und als der letzte der Vorkämpfer jener großen Zeit in diesem Jahre dem ersten deutschen Kaiser ins Grab gefolgt ist. Ungetrübt durch Gegensätze, welche diesen Verdiensten gegenüber völlig verschwinden, wird das Andenken des Fürsten Bismarck in Hamburgs Kaufmannschaft und Ham­burgs Bevölkerung unvergänglich fortleben.

M.P.C. Berlin, 1. Januar. In hiesigen politischen Kreisen möchte man mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß das bayerische Ministerium in der nächsten Zeit großen Schwierigkeiten in der Kammer begegnen wird. Ob diejenigen Recht haben dürften, welche meinen, daß wenn es sich als notwendig Herausstellen sollte, daß der Prinz­regent zur Neubildung des Cabinets zu schreiten sich ver­anlaßt sähe, in erster Linie die Person des langjährigen bayrischen Gesandten in Berlin, des Grafen Lerchenfeld, in Betracht kommen würde, welche damit betraut zu werden einen ersten Anspruch hätte, das Ministerium zu rekonstruiren, möchten wir einstweilen als dahingestellt betrachten. Graf Lerchenfeld ist in Berlin in einem Maße persona grata wie zur Zeit kaum ein zweiter bayrischer Staatsmann. Ob dies aber als so schwerwiegend angesehen werden kann, um seine Person für den angezogenen Fall in erster Linie in Frage kommen zu lassen, erscheint doch im hohen Grade ungewiß.

Ausland.

M.P.C Frankreich. Zur Verteidigung der Küsten am Senegal geht in den nächsten Tagen ein Bataillon der 4. Marine-Jnfanterie-Brigade von Toulon und ein Bataillon vom Hafen von Rochefort ab.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland erörtert eine offenbar gut unterrichtete Berliner Mitteilung wie folgt: Dem neuerlichen Brief­wechsel zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren Nikolaus wird von russischer Seite aus nicht mit Unrecht eine politische Bedeutung insofern beigemessen, als derselbe in der That dazu geführt hat, den Versuchen gewisser russischer Kreise, aus der Orientfahrt des Kaisers Wilhelm und dem Abschluß des englisch-deutschen Abkommens in deutschfeindlichem Sinn Kapital zu schlagen, ein Ende zu bereiten. Anscheinend haben jene österreichischen Politiker, die dem Auftreten des Grafen Thun in Sachen der Ausweisungsangelegenheit Beifall zollten, gehofft, daß zwischen Deutschland und Ruß­land in der Thal aus den angedeuteten Ursachen ein ge­spanntes Verhältnis entstehen könnte, welches die Intimität zwischen Oesterreich und Rußland noch erhöhen könnte. Nur so ist der elegische Ton zu verstehen, der aus dem bekannten Nachwort desPester Lloyd" zu der officiellen Erklärung der endgiltigen Beilegung des Falles Thun spricht. Jedenfalls ist es der Leitung der deutschen Politik auf da» Beste gelungen, die Pläne derjenigen politischen Kreise zu durchkreuzen, die den Sommer über eifrig au der Arbeit gewesen sind, gegen das Deutsche Reich und die Reichs­regierung zu intriguiren.