Donnerstag den 2. November
Nr. 258 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger
Generat-^Unzeiger
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schwichtigend hervorlugen. Nur keine Aufregung, nur keine
Feuilleton
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*^Der Kaiser und die Flotte.
Gießen, 1. November 1899.
In hohem Maße ist unser Volk gegenwärtig von politischen Fragen in Anspruch genommen. Die Reise des Kaisers, die Vermehrung der Flotte, der Streit um Samoa, der Freiheitskampf der Buren — welche Menge wichtiger, für unser politisches Leben, wie für unsere nationale Entwickelung und Machtstellung hochbedeutsamer Fragen! Aber während sonst rege Thätigkeit auch frohe Stimmung schafft im alltäglichen wie im politischen Leben, will eine rechte Freudigkeit jetzt gar nicht zum Durchbruch kommen. Im Gegenteil, die Stimmung ist flau, gedrückt, nicht gerade verzagt, aber auch nicht thatenfroh. Aeußere Hindernisse und Widerstände können den nationalgesinnten deutschen Mann nicht schrecken und aufhalten; aber wenn dicke Luft und dichte Nebel ihm den offenen Blick auf den Feind versperren, das freie Atmen erschweren, die Bewegungsfreiheit der kraftschwellenden Glieder lähmen, dann ist Gefahr, daß auch dem deutschen Manne der Mut sinkt.
Solchem Zustande ist die Stimmung unserer Tage verzweifelt ähnlich: wir empfinden es mit untrüglicher Gewißheit, daß Gefahren nahe sind, daß Feinde unserer warten, daß die Ehre und Größe des Vaterlandes mutige, kampfbereite und opferfreudige Männer fordert; aber wir vermissen die Führung, deren auch die tapfersten Scharen nicht entraten können. In den letzten Tagen freilich sind wir zu der Ueberzeugung gekommen, daß auch in den leitenden Kreisen rege Thätigkeit herrscht: Die gleichzeitigen Vorträge der Chefs des Auswärtigen Amtes und der Flotte bei dem Kaiser waren sichere Zeichen dafür. Aber wir lauschen vergeblich auf irgend ein klärendes Wort, irgend einen Fingerzeig, irgend ein Feldgeschrei. Ja, es waren herrliche Worte, die wir in Hamburg aus dem Munde des Kaisers vernahmen. Aber in Deutschland ist schon allzuoft die Erfahrung gemacht worden, daß die Begeisterung, die des Kaisers Reden entfachte, schnell verflog, nein, daß sie erstickt wurde von den Offiziösen. Kann es ein jammervolleres Bild geben, als diese Presse? Aus jeder einzelnen ihrer Kundgebungen sieht man den verknöcherten, saftlosen, bebrillten, bureaukratischen Geheimrat mit Vatermördern, engen Aermeln, Cylinder und Regenschirm be-
laute Begeisterung; so etwas macht im Auslande keinen guten Eindruck, was sollte vor allen Dingen England davon denken I *
Es ist wirklich so. Der Kaiser sagt: Bitter not thut uns eine starke Flotte. Der Geheimrat aber erklärt bedächtig in der „Norddeutschen Allgemeinen": Der Haushaltplan für die Marine hält sich genau innerhalb des Rahmens des Flottenbaugesetzes; es werden sogar noch 1V2 Millionen gespart. Was soll man von solchem Kommentar denken? Wenn des Kaisers Worte nicht einmal mehr für die Beamten des Staates die strengste Regel und Richtschnur bilden — für wen dann? Woher kommen solche Zustände? Wenn nicht ausschließlich, so doch zum guten Teile daher, daß es an der scharfen Aufsicht und an der straffen Zucht mangelt, durch die unser Beamtentum tüchtig und zuverlässig geworden ist, ohne die es aber selbstherrlich und vorlaut wird.
Man könnte ja Bände darüber reden, was für ein Unterschied auch darin gegen früher eingetreten ist. Man erinnere sich nur daran, wie früher alle Reichsämter streng in einem Geleise geleitet wurden, wie aus allen einzelnen Ressorts die Fäden in einer einzigen mächtigen Hand zusammenliefen. Heute aber wird dem einzigen verantwortlichen Beamten des Reiches im günstigsten Falle hinterher mitgeteilt, was die Staatssekretäre anzuordnen für gut befunden haben. In den hohen Beamtenkategorien wie in den unteren ist der Grund der Lockerung derselbe: der Mangel einer verantwortlichen kraftvollen Persönlichkeit. Ohne ihren Schutz arbeiten auch die tüchtigsten Einzelbeamten ihre beste Kraft auf vor der Zeit und ohne — Erfolg.
Aus solchen Zuständen kann ja dann natürlich nichts weiter sich ergeben als allgemeine Verwirrung. Diese aber greift zusehends um sich. Sogar Blätter gut nationaler Richtung geraten in Gefahr, aus dem richtigen Kurs zu kommen. Alles arbeitet, spricht und schreibt, ohne klar zu sein über Zweck und Ziel. So die angebliche Reise des Kaisers nach England. Wir würden sie, wie wir sattsam betont haben, tief bedauern; denn wir sind nach wie vor und bleiben unter allen Umständen fest davon überzeugt, daß sie in aller Welt, bei Freund und Feind zum Nachteil des Kaisers und zum Schaden des
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Kaiser und Heneral.
In Richard Fleischers „Deutscher Revue" (Deutsche DerlagSanstalt in Stuttgart und Leipzig) erzählt General Izzet Fuad Pascha, Kommandant der kaiserlich ottomanischen Kavallerie in Aleppo (Syrien), eine Episode aus der ersten Orientreise Kaiser Wilhelm II. Dieser Bericht enthält einige höchst amüsante Einzelheiten, die hier in Kürze wreder- gegeben seien. Der türkische General schildert zunächst den Ritt des Kaisers, den dieser am ersten Tage seiner Anwesenheit in Konstantinopel nach Tschamlidja auf dem Berg Bul- zurbu unternommen.
„Es war, glaube ich, nach Zurücklegung des zweiten LilometerS, als der Kaiser, dem unmittelbar v. d. Goltz Pascha und General Hobe folgten, sich im Sattel umwendet unb einen Befehl geben will. Ich sprenge im Galopp heran, und während ich an Hobe vorbeireite, empfange ich von dessen Pferd einen Hufschlag gegen die Mitte meines rechten Schienbeines, einen fürchterlichen Schlag, der auf meinem Stiefel, glücklicherweise einem äußerst soliden New Macquett- Stiefel, wie ein Keulenschlag schallte. Dem Kaiser entfuhr eint „Uff!" und er lächelte mir mit seinem reizenden und gutmütigen Lächeln zu. Das war meine Herzstärkung, denn sonst wäre mein Schmerz derartig gewesen, daß ich dcavon unfehlbar zu Boden gefallen wäre. . . . Beim Herab- ic-iten vom Berge verschlimmerten sich meine Schmerzen bedeutend.
Die vier Kilometer wurden im Trab zurückgelegt. Am
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vierteljährlich 2 Mark 20 Pf, monatlich 75 Pf, mit Bringerloi;».
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pf, vierteljährlich.
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Landeplatze von KadüKeny bestieg der Kaiser mit seinem Bruder und einigen Generalen ein Dampfboot. Ich wandte mich nach einem anderen Boote, welches das kaiserliche Gefolge aufnehmen sollte. Ich schritt, auf einen Kameraden gestützt, einher, als ein kaiserlicher Adjutant herankam und mir sagte, Seine Majestät erwarte mich auf ihrem Fahr- zeug. In dem Augenblick, als ich die kleine 9)nd)t betrat, saß der Kaiser vor einem Tisch, auf dem das Frühstück serviert war. Er lehnte sich auf seiner Bank etwas zurück, streckte seinen Degen vor uud sagte: „Voyons! Colonel, sautez-moi cela!“ Und trotz der tausend Nadelstiche, die ich in meinem Bein verspürte und die es ganz starr machten, würde ich auf einen so liebenswürdigen, so von Güte und teilnahmvollem Wohlwollen erfüllten Befehl hin über das Fahrzeug und über den Bosporus gesprungen sein! „So", sagte Seine Majestät zu mir, „das läßt mich hoffen, daß der Unfall keine Folgen haben wird; aber legen Sie sich dorthin (in eine Kabine, die an die seinige stieß) und vor allem, rühren Sie sich nicht." Ich streckte mich sofort auf die Bank aus.
Lieber Leser, ich merke, daß Du neidisch wirst, und ich weiß, daß Du Dich gern einem zwei-, drei-, ja zehnmal größeren Unfall ausgesetzt haben würdest (wie ich übrigens ebenfalls), um in Deinem Leben einmal einer so großen Ehre teilhaftig zu werden, um Dir eine so reizvolle Erinnerung zu wahren, und eines Tages sagen zu können: „Mir stieß einmal ein Unfall zu, und der deutsche Kaiser pflegte mich!" Denn mir, neidischer Leser, geschah das; der Kaiser nahm sich meiner an, wie er sich meiner angenommen hätte, wenn ich auf dem Schlachtfelde verwundet
deutschen Volkes aufgefaßt werden würde. Die englische Presse hat ja schon Proben genug dafür geliefert, wie sie die Reise sür englische Interessen politisch verwertet. Trotzdem verhehlen wir uns nicht, daß vielleicht höhere politische Rücksichten walten, die dieReise unvermeidlich machen und somit einOpfer vom Kaiser wie vom Volke fordern. Ist das der Fall, dann würden wir uns natürlich, wenn auch schweren Herzens, in das Unabwendbare fügen müssen; dann ist es aber unerläßliche Pflicht der Regierung, wenigstens irgend ein Wort der Aufklärung und der Belehrung verlauten zu lassen! Der größeren Sachkenntnis und dem natürlicherweise viel weiteren Ueberblick würden wir ja den Platz räumen müssen.
Ebenso liegt die Sache mit der Flottenfrage. Wohl wird jetzt allseitig angenommen, daß es sich bei den Vorträgen der beiden Staatssekretäre um diese Frage gehandelt hat. Aber wer will und kann die Verantwortung dafür tragen, daß in einer Sache, in der jeder einzelne Mann aus dem Volke für die verbündeten Regierungen von Wert ist, das ganze Volk im Dunkeln gelassen wird? Wer kann den Schaden verantworten, der daraus entsteht, daß uns die Flottenfeinde tagtäglich ihre Tiraden vorsingen, während ein klares Wort von Regierungsseite genügte, um ein millionenfaches freudiges Echo im Volke zu wecken, ein Echo, das jene Unkenrufe gründlich verstummen macht! Darüber dürfen sich die verbündeten Regierungen doch nicht täuschen, daß erstens eine kleine Vermehrung der Flotte uns nichts nützt, daß aber deren Forderung bei den prinzipiellen Gegnern eines seemächtigen Deutschlands schon denselben erbitterten Widerstand finden würde, wie die einer großen; daß aber außerdem eine umfassende Vermehrung unserer Flotte mit dem gegenwärtigen Reichstage nicht durchzusetzen ist, und daß deshalb ev. Neuwahlen nötig werden. Unzweifelhaft werden sich diese unter der Parole der Flottenvermehrung vollziehen. Kann der Kaiser, dem doch packende Worte und Gedanken in reicher Fülle zu Gebote stehen, nicht einen zündenden Aufruf erlassen? Fürst Bismarck sagte einmal: „Es ist hart, wenn zwischen Mutter und Tochter, zwischen Bruder und Schwester eine Landesgrenze als Scheidelinie der Interessen liegt" — er sprach von dem preußischen Kronprinzenpaar und dem englischen Königshaus; er hat aber nichts gesagt von „Großmutter und Enkel"!
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worden wäre! Während ich auf der Bank ausgestreckt lag, brachte mir der Kaiser eine Platte mit Litern Fleisch und allem, was zum Essen gehört. Niemals ist mir ein Frühstück so ausgesucht vorgekommen, und niemals habe ich mit so viel Appetit gegessen. Aber ich hatte ja Befehl, mich nicht zu rühren, und ich rührte mich nicht. Ich hatte Befehl zu essen, und ich aß für viere! Eine Flasche Champagner nebst einem Glase folgte der Platte. Ich trinke, ich leere den Champagner auf das Wohl des würdigen Nachkömmlings des großen Friedrich, und einen Bleistift aus der Tasche ziehend, setze ich auf die weiße Etikette der kostbaren Flasche das Datum dieser „reizvollen Episode".
Der Kaiser aber hatte sich erhoben, um das Meer zu betrachten, und schwärmte. Man sah es seinem Acußern an, daß er wie ein Seemann, wie ein „Yachtmann“ schwärmte. Endlich legte das Dampfboot am Landungsplätze von Makry Keny an. Der Kaiser springt behend ans Land, sieht Militär aufgestellt und hat mich vergessen. Ich aber verharre ruhig in meiner Lage! Hatte ich nicht kaiserlichen Befehl, mich nicht zu rühren? Aber ich merke, daß man mich vollständig vergißt, und, meinen ganzen Mut zusammennehmend, bitte ich den letzten, der das Schiff verläßt, Seine Majestät zu fragen, ob ich ewig in meiner Lage verharren müsse. Einige Minuten darauf kommt man, mich abholen, und ich klettere auf eines der zahlreichen Pferde, die Seine kaiserliche Majestät der Sultan für die Teilnehmer an dem Ausflug geschickt hatte. Der Kaiser sprengt im Galopp davon. Am Landeplatz am Goldenen Horn an* gelangt, finden wir daselbst die Kaiks und Dampfboote


