ftr. 153 Mnftes Blatt. Sonntag den 2. Juli
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Fernsprecher Nr. 51.
Himmels - Erscheinungen im Juli.
Die große Leuchte des Himmels, das Zentralgestirn unseres Planetensystems, wendet sich langsam wieder nach Süden. Nachdem die Sonne am 21. Juni ihren höchsten Stand erreicht hatte, verringert sich die Höhe, bis zu der sie über unserm Horizonte aufsteigt, von Tag zu Tag. Zuerst ganz langsam, kaum merklich, dann aber immer schneller. Betrug ihre Höhe am längsten Tage 61 Grad, so ist sie am 1. Juli noch nicht */2 Grad geringer geworden und ist erst am 8. Juli auf 60 Grad herabgesunken. Am 15. beträgt sie nur noch 59 Grad, am 21. ist sie wieder um einen Grad niedriger geworden, desgleichen am 25., am 30., so daß sie am Mittage des 31. Juli nur 553/4 Grad beträgt.
In demselben Maße, in dem die Höhe der Sonne abnimmt, verringert sich auch die Zeit, die sie täglich über unserm Horizont verweilt. Am 1. Juli geht sie um 33/4 Uhr morgens auf und erst nach 8y4 Uhr abends unter. Der Tag währt mithin reichlich 167» Stunden. Am 31. Juli erfolgt der Sonnenaufgang reichlich eine halbe Stunde später, der Sonnenuntergang ebenso viel früher, so daß die Tageslänge im Laufe des Juli um mehr als eine Stunde abnimmt. Am 4. Juli steht die Sonne in der größten Entfernung von uns, weil dann die Erde an dem Punkt ihrer Bahn angekommen ist, der Aphel, Sonnenferne, genannt wird. 152 Millionen Kilometer beträgt dann der Abstand des Tagesgestirns von uns, sein scheinbarer Durchmesser beträgt nur 33 V2 Bogenminuten, während er zurzeit, wo die Erde im Perihel steht, um eine ganze Bogenminute größer ist.
Der Mond zeigt sich bei Beginn des Monats im letzten Viertel und entzieht sich am 7. Juli als Neumond unfern Blicken. Wenige Tage darauf taucht er als schmale Sichel in der Abenddämmerung am Westhimmel auf und steht hier am 15. Juli um Mitternacht im ersten Viertel. Am 22. kehrt er uns als Vollmond seine ganze von der Sonne beleuchtete Hälfte zu und erreicht am 29. wieder das letzte Viertel.
Von den Geschwistern unserer Erde finden wir den jüngsten, der der Mutter Sonne am nächsten geblieben ist, am Abendhimmel im Bilde des Krebses. Er geht hier am 1. Juli gegen 9y2 Uhr unter. Er durcheilt dieses Steru bild und tritt noch vor Mitte des Monats in den großen Löwen über.
Hier erreicht er am 22. Juli seinen größten seitlichen Abstand von der Sonne — 27 Grad — und geht reichlich eine Stunde nach der Tageskönigin unter. Er steht dann nicht weit entfernt von dem Regulus, dem hellsten Stern im Löwen, bei dem er am 25. südlich vorbeizieht. Der Abstand der beiden Gestirne, die etwa gleiche Helligkeit haben dürften, beträgt nur vier Vollmondsbreiten. Venus, noch am Morgenhimmel, durchläuft im Juli das Bild der Zwillinge. Sie geht am 1. Juli gegen 2i/4 Uhr morgens, zuletzt eine halbe Stunde früher auf. Am 6. steht sie in Konjunktion mit dem äußersten der Planeten, Neptun, der dann leicht, natürlich im Fernrohr, 3/4 Grad südlich von der Venus aufzufinden ist. Mars ist noch am Abendhimmel im großen Löwen zu finden, wo er am 1. Juli gegen 11 Uhr untergeht. Später tritt er in die Jungfrau über und sinkt am letzten Juli schon gegen 9 Uhr unter den Horizont. Jupiter strahlt noch am Abendhimmel in der Jungfrau und geht zuerst eine halbe Stunde nach Mitternacht, zuletzt zwei Stunden früher unter. Auch Saturn und Uranus, beide im Skorpion, stehen am Abendhimmel. Letzterer sinkt zuerst gegen U/2 Uhr morgens, am Ende des Monats zwei Stunden früher unter den Horizont, Saturn folgt ihm eine Stunde später.
Gegen Ende des Monats pflegen sich Sternschnuppen einzustellen, die, aus der Gegend der Sternbilder Wassermann und Steinbock herkommend, in langen Bahnen langsam am Himmel dahinziehen.
Bon den Fixsternen finden wir in den Abendstunden des Juli den großen Bären hoch über unserem Haupte nach Westen zu. Auf der entgegengesetzten Seite des Polarsterns erblicken wir das schiefe W der Kassiopeja. Darunter steht die Andromeda, während sich nach Norden zu der Perseus anschließt. Genau im Norden funkelt die Kapella im Fuhrmann ziemlich tief am Horizont. Im Nordwesten steht der Regulus im großen Löwen kurz vor dem Untergänge. Weiter nach Süden zu glänzt Arktur im Bootes hoch am Himmel, und darunter strahlt Spika in der Jungfrau. Genau im Süden stehen Herkules und Ophinchus und darunter der Skorpion mit Antares. Im Südosten
haben wir das nahezu gleichschenklige Dreieck: Wega in der Leycr, Deneb im Schwan und Atair im Adler, während im Osten das ausgedehnte Sternbild des Pegasus steht.
Deutsches gleich.
Berlin, 30. Juni. Das Kaiserpaar kehrte am Donnerstag um Vj4 Uhr von der Wettfahrt der Kriegschiffboote auf die „Hohenzollern" zurück und beobachtete um 3 Uhr vom Promenadendeck mit den Fürstlichkeiten das Wettrudern der Kadetten und Fähnriche zur See. Um 9yt Uhr fuhr der Kaiser nach der Marine Akademie, wo er die Preisverteilung vornahm.
Berlin, 30. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht den Vertrag zwischen dem Deutschen Reiche und Spanien zur Bestätigung der am 12. Februar d. I. in Madrid unterzeichneten Erklärung betreffend die Inselgruppe der Karolinen rc. vom heutigen Tage. Die Vereinbarung tritt mit dem 1. Juli in beiden Ländern in Kraft.
Berlin, 30. Juni. Die Kanal-Kommission des Abgeordnetenhauses trat heute vormittag in die Einzelberatung der Kompensations-Anträge. Im ganzen sind sechs Anträge von Mitgliedern der Kommission eingegangen, die zum größten Teile als durch die allgemeine Besprechung erledigt erachtet werden. Uebrig geblieben sind ein Antrag Gamp (freikons.), betreffend die ost- und westpreußischen Forderungen, zwei Anträge Graf Strachwitz (Centrum), betreffend die schlesischen Forderungen, und ein Antrag Schwartze (Centrum), betreffend Verkehrs-Verbesserungen in der Weser-Gegend und Tarifermäßigungen in dem Sieger- und Sauer-Lande. Nach längerer Debatte wurden die Anträge Gamp und Strachwitz der Regierung als Material überwiesen. Sodann wurde ein neuer Antrag Graf Strachwitz zur Beratung gestellt, der die Regierung ermächtigen will, für die Ausführung des Rhein-Elbe-Kanals 211419 700 Mark zu verwenden und die Wasserstraßen zwischen Oberschlesien und Berlin zu verbessern. Die Anträge auf Aufnahme der schlesischen Kompensationen in das Gesetz wurden mit allen gegen 2 Stimmen abgelehnt. Ferner wurde der Eventualantrag Strachwitz mit 14 gegen 14 Stimmen abgelehnt. Nächste Sitzung Samstag.
Berlin, 28. Juni. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Soeben eingetroffene Nachrichten aus unserem ostasiatischen Pachtgebiet melden, daß die vor einigen Tagen ausgebrochenen Unruhen fast vollständig beseitigt sind. Der chinesische Provinz-Gouverneur habe eine Kommission von Beamten berufen, der er zur Aufgabe gemacht, in Kaomi die völlige Ordnung wiederherzustellen. Der Erfolg der deutschen Expedition in China ist nicht zu bezweifeln.
Ausland.
Wien, 30. Juni. Die Regierung bewilligte dem Korps der Sicherheitswache Gehaltserhöhungen und zwar von heute an provisorisch und vom 1. August ab definitiv.
Rom, 30. Juni. Die Regierung hat Zanardelli verständigt, daß sie zu jedem Zugeständnis hinsichtlich der Form und des Inhalts der streitigen Verordnung bereit sei, sobald sich die Opposition zur Annahme der Reglements- Novelle verpflichtet.
Paris, 30. Juni. Der Minister des Innern dementiert entschieden das gestern verbreitete Gerücht vom Tode Dreyfus. Derselbe befinde sich vielmehr durchaus wohl.
Paris, 30. Juni. Der Justizminister Monis hat die Staatsanwälte aufgefordert, unverzüglich gegen Blätter einzuschreiten, welche Schmähungen gegen den Präsidenten der Republik, Mitglieder des Richterstandes oder sonstige Staatsbeamte veröffentlichen. — Wie verlautet, werden die Advokaten Demange und Labori sich Samstag nach Rennes begeben, um alsbald nach der Ankunft Dreyfus' in einer Unterredung mit demselben festzustellen, ob er sich in einer solchen Gemütsverfassung befindet, daß er bald vor einem Kriegsgericht erscheinen kann. Der Regierungskommissar beim Kriegsgerichte in Rennes, Major Carriöre, wird, wie es heißt, 37 Belastungszeugen vorladen. Cornely verlangt im „Figaro", daß auch General Mercier und Quesnay de Beaurepaire, welche sich anheischig machten, die Schuld Dreyfus' zu beweisen, unter allen Umständen als Zeugen vorgeladen werden sollen. Falls die Anklage dies unterlassen sollte, müßte die Verteidigung selbst die Vorladung der Genannten veranlaffen. Clömenceau erzählt in der „Aurore", daß der Chef des Militärstaates des Präsidenten der Republik, General Bailloud, welcher ein entschiedener
Antirevisionist sei, vor kurzem geäußert habe, General Mercier werde vor dem Kriegsgericht sagen: „Ich schwöre iei meiner Soldatenehre, daß Dreyfus schuldig ist." Daraufhin werde das Kriegsgericht Dreyfus verurteilen.
M.P.C. England. Es wird uns aus London berichtet, daß der einzige Grund, weshalb man von einem Rücktritt des Lord Wolseley spricht, in einem leichten Unwohlsein zu suchen ist. An einen Rücktritt vor beendeter Amtszeit sei garnicht zu denken.
— Man bespricht in England schon allgemein die leiden Persönlichkeiten, denen für den Fall einer Expedition nach Südafrika das Oberkommando übertragen wird. Der eine ist Sir Evelyn Wood, der andere Sir Redvers Buller, denen beiden große Kenntnis des Landes und des südafrikanischen Volkes zur Seite steht. Sollten in der That Feindseligkeiten zwischen England und Transvaal ausbrechen, dann würde es 2 Monate dauern, bis die englischen Truppen in Aktion treten könnten. Obgleich die englische Truppenstärke in Süd-Afrika 10000 Mann beträgt, so ist man doch allgemein der Ansicht, daß mindestens noch 30000 Mann erforderlich sind,- um die Dinge zum schnellen Abschluß zu bringen. Jedenfalls ist es Thatsache, daß eine Menge englischer Armeeoffiziere den Befehl erhalten haben, sich reisefertig zu halten. Man glaubt jedoch, daß Präsident Krüger sich durch die ernsten Vorbereitungen Englands, die ihm bekannt sein müssen, abschrecken lassen wird, zum Aeußersten zu greifen.
Bukarest, 30. Juni. Unter der Landbevölkerung des Distriktes Buzey herrscht neuerdings infolge der Aufhetzung der oppositionellen Agitation große Gährung. Die gesamte Bevölkerung von vier Ortschaften des Distrikts ist in die Wälder geflüchtet.
Petersburg,' 29. Juni. Aus Riga wird der „Frkf. Ztg." geschrieben: „Es weht offenbar wieder ein schärferer Wind in den Ostseeprovinzen. Richt nur hat man gegen eine Anzahl Pastoren Klage erhoben, was teilweise zu schlimmen Verurteilungen führte, nicht nur werden die Schulen weit strenger beaufsichtigt und genau darauf geachtet, daß die deutsche Sprache so wenig als möglich zur Geltung gelange, es sind auch aufs neue Gerüchte im Umlauf, die die bevorstehende Einführung der Landschaftsverfassung verkünden. Das ist allerdings schon so oft geschehen, ohne daß die Meldungen sich bewahrheitet Hütten, daß man auch jetzt der Sache nicht absolut glauben kann. So viel aber steht allerdings fest, daß in Petersburg seit langem im stillen die Vorbereitungen getroffen werden, um den letzten Rest der baltischen Selbstverwaltung, die Ritter- und Landschaften mit ihrer Verfassung zu beseitigen. Eines schönen Tages wird der Entwurf vollendet sein und durch einen Ukas ohne viel Umstände zur Einführung gebracht werden.
Afrika. Dem Vernehmen nach scheint die Kolonialverwaltung endlich der Frage eines Reichs san ator iums in Ostafrika näher zu treten. Wir haben stets betont, daß dies durchaus nötig sei. Die Engländer haben solches in Indien im Himalaja, die Franzosen in Tonkin und die Holländer in Holländisch-Jndien. Wünscht man, daß die Beamten sich längere Zeit in den tropischen Kolonien einleben, gute Nerven und kühles Blut behalten, so ist ein hoch im Gebirge gelegenes Sanatorium hierfür die Vorbedingung. In der kühlen Zeit wohnen die Beamten dann an der Küste, in der heißen Zeit oben im Gebirge. Der ununterbrochene Aufenthalt an der flachen und heißen Küste mit dem leidigen Kasinoleben hat sehr unangenehme Nachteile im Gefolge und den Ruf dieser Küstenplätze nicht verbessert. Ein längeres Fernsein der kaiserlichen Beamten wird viele Reibungen vermeiden und den Nichtbeamten diese Plätze unangenehmer machen. Handel und Wandel würde sich eher an der Küste etablieren, was jetzt gegenüber dem Drucke der zahlreichen und allmächtigen Beamtenschaft überall vermieden und schmerzlich vermißt wird. Andererseits ist für die Beamten eine richtige Koloniallaufbahn nur möglich, wenn sie dauernd oder wenigstens lange Jahre in den Tropen bleiben können. Wenn nun der General Siebert, um dies möglichst nahe zu haben, das Sanatorium in die Pugu-Berge, dicht hinter Dar-es-Salaam verlegen möchte, so würde dies keinerlei Abhilfe schaffen, weil diese Berge zu nahe der Küste sind, nicht hoch genug liegen und auch noch Fieber zeigen. Wir meinen, daß man mindestens bis zum Uluguru-Gebirge gehen müßte. Die Entfernung wäre nicht zu groß, und die Küste sowie auch die Herren hätten mehr Ruhe. Große Kosten würden durch die Einrichtung eines einfachen und bescheidenen Sanatoriums nicht entstehen, namentlich, wenn man der Privathotelwirtschaft freien Spielraum ließe.


