Ausgabe 
2.7.1899 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 2. Juli

1809

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren

Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den falzenden Lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.

Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In- und Ausländer nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgfgoi.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schnkstratze Ar. 7.

Parlamentarisches aus Hessen.

Der Zweiten Kammer ist der Entwurf eines Gesetzes zugegangen, betr. die Ergänzung und Aenderung des Ge­setzes, den Gerichtsstand und das gerichtliche Verfahren in Ansehung des Landesherrn und der Mitglieder des Groß­herzoglichen Hauses vom 7. Juni 1879.

Der vom Abg. Metz erstattete Bericht des Zweiten Ausschusses über den Gesetzentwurf, die Ausführung des Gesetzes über die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichts­barkeit betr., empfiehlt Annahme desselben.

Der von dem Abg. v. Köth erstattete Bericht des Vierten Ausschusses über den Antrag des Abg. Köhler (Langsdorf), die genossenschaftliche Organisation des Bauern­standes im Großherzogtum Hessen betr. gipfelt in dem An­träge: Die Kammer wolle, unter Anerkennung der Notwen­digkeit einer obligatorischen Berufsgenossenschaft des hessischen Bauernstandes, Großh. Regierung ersuchen, den Landständen, nach baldigst ins Werk zu setzender Prüfung der Frage und unter thunlichster Berücksichtigung der in dem Aus­schußbericht vorgetragenen Wünsche, eine Gesetzesvorlage zugehen zu lassen, nach welcher im Großherzogtum die im Königreich Preußen bestehenden Landwirtschaftskammern in

Verkehr, Land und Volkswirtschaft.

Nach den statistischen Ermittelungen des Vereins deutscher Eisen- und Stahltndusttieller belief sich die Roheistirproduktio« des Deutschen Reiches (einschließlich Luxemburgs) im Monat Mai 1899 auf 678 566 Tonnen, darunter Puddelrobeisen und Sptegeletsen 136 448 Tonnen, Bessemerroheisen 45 689 Tonnen, Thomasrohetsen 378097 Tonnen und Gießereiroheisen 118332 Tonnen. Die Produktion im April 1899 betrug 666 625 Tonnen, im Mai 1898 610553 Tonnen. Vom 1. Januar bis 31. Mai 1899 wurden produziert 3 337 009 Tonnen gegen 3 003 496 Tonnen im gleichen Zeiträume des Vorjahres.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, _______________Matter für hessische Volkskunde.

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Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hießen.

Fernsprecher Nr. 51.

Die Lage in Spanien.

Als wir zuletzt an dieser Stelle die Verhältnisse in Spanien einer Besprechung unterzogen, gaben uns dazu Anlaß die Meldungen von karlistischen Umtrieben. Wir kamen damals zu dem Schluß, daß dem Lande von kar- listischer Seite nicht die größte Gefahr drohe, da Don Carlos nur in einzelnen Provinzen einen nennenswerten Anhang habe. Diese unsere Ansicht hat sich bestätigt, und die Karlisten haben noch nicht ihr Haupt erhoben. Dagegen wird Spanien gegenwärtig von einer Bewegung heimgesucht, die einen gefährlichen revolutionären Charakter trägt und das schwer geprüfte Land in seinen Grundfesten zu er­schüttern geeignet ist. Vom Mißgeschick verfolgt, wie kaum ein anderes Land, sucht das ehemals so stolze Spanien sich in sein Geschick zu finden, und es gehört dazu große Ueber- windung angesichts der Traditionen, welche in Spanien noch von jener Zeit her fortleben, da es eine Weltmacht war und zu den größten Kolonialreichen zählte. Schwer ist deshalb der Stand der Regierung, welche das Land in die neuen Verhältnisse überführen und von dem Volke schier unerträgliche Opfer fordern muß, um den Kredit und damit das Ansehen Spaniens im Auslande aufrecht zu erhalten. Diese Opfer sind es denn auch, welche die Fackel der Re­volution entzündet haben, die jetzt in einzelnen Provinzen Spaniens herrscht.

Die Versuche des Kabinetts Silvela, die Folgen des amerikanischen Kriegs durch eine Organisation der Finanzen und durch Ausschreibung neuer Steuern auszugleichen, sind im Volke auf den heftigsten Widerstand gestoßen, und wäh­rend es in Madrid selbst bei einer harmlosen Demonstration, nämlich der gleichzeitigen Schließung aller Geschäftsläden blieb, kam es im Süden und Osten des Landes zu offenem Aufruhr, zu deffen Unterdrückung Polizei und Militär in Aktion traten.

Bei den dann folgenden Zusammenstößen floß viel Blut, was die Erbitterung nur noch erhöhte, und es steht zu befürchten, daß die revolutionäre Bewegung, die durch alle unzufriedenen Elemente, mögen sie nun Karlisten, Republi­kaner oder Anarchisten heißen, geschürt wird, weitere Di­mensionen annimmt.

Die Monarchie steht in Spanien bekanntlich auf sehr schwachen Füßen, und besonders jetzt, wo ein Kind an der Stelle steht, die ein thatkräftiger, energievoller Mann kaum auszufüllen vermöchte, haben die Feinde der gegenwärtigen Regierungsform Gelegenheit, für ihre Zwecke zu wirken und | für diese die Situation auszunützen. Wenn auch die Re­gierung in den Cortes, dank der Wahlmache, eine große Majorität hat, so muß sie doch die heftigsten Angriffe über sich er­gehen lassen, und man macht sie verantwortlich dafür, daß bei der Unterdrückung der Unruhen so viel Blut geflossen ist. Ministerpräsideut Silvela hat freilich erklärt, er werde die Ordnung aufrecht halten, und wenn die Leichname Hundert­weise die Straßen bedeckten; ob seine Macht aber noch aus­reichen wird, falls die Revolution sich über ganz Spanien ausdehnt, wenn ein Kampf auf Tod und Leben beginnt?

Armes Spanien, wir fürchten, Deine Leidenszeit ist noch nicht zu Ende, und Du wirst noch schwere Prüfungen über I Dich ergehen lassen müssen, ehe wieder Ruhe und Friede I bei Dir einkehren, welche allein eine Gesundung Deiner I Verhältnisse herbeizuführen vermögen! (xx)

der für das Großherzogtum entsprechenden Weise zur Ein­führung gelangen.

Der von dem Abg. Dr. Schmitt erstattete Bericht des Zweiten Ausschusses über die Rückäußerung Erster Kammer zur Vorlage Großh. Ministeriums der Justiz, die Ausführung des Bürgerlichen Gesetzbuches betr., geht im wesentlichen dahin, da die bestehenden Differenzen nicht von prinzipieller Wichtigkeit sind, den von der Ersten Kammer beschlossenen Abänderungen, die zumeist auf Anträgen und Vorschlägen der Großh. Regierung beruhen, zuzustimmen.

Ueber den Nachtrag zur Ergänzung des Berichts des Vierten Ausschusses über: 1) das Gesuch der Großh. Bürgermeister, das Diensteinkommen und die Pensionierung derselben betr., 2) das Gesuch der Kreiskonferenz der Bürger­meister des Kreises Gießen, das Diensteinkommen der Bürger­meister betr., hat der Abg. Dr. Frenay Bericht erstattet. Der Ausschuß beantragt: Die Zweite Kammer wolle die Großh. Regierung ersuchen: 1) die Kreisämter anzuweisen, dahin zu wirken, daß in den einzelnen Gemeinden, für welche die Landgemeindeordnung gilt, die Bureaukosten der Bürger­meister nach Maßgabe der Arbeitslast, der Kopfzahl und der Steuerleistungsfähigkeit der Einwohner, der Größe der Gemarkung und der Höhe des Gemeindevermögens fest­gestellt werde; 2) im Verordnungswege entsprechende Ge­bührensätze für alle diejenigen Amtsverrichtungen der Bürger­meister festzusetzen, bei welchen es sich im wesentlichen um die Wahrung eines Staats- oder Privatinteresses handelt.

Ein Bericht des Vierten Ausschusses über: 1) Gesuch des Ortsvorstands zu Münster, die Errichtung eines Amts­gerichts in Dieburg betr., 2) Vorstellung des Ortsvorstands zu Grebenhain, die Errichtung eines Amtsgerichts daselbst betr., 3) Vorstellung des Stadtvorstands zu Dieburg, die Errichtung eines Amtsgerichts daselbst betr., 4) Gesuch des Gemeindevorstands Groß-Steinheim, die Errichtung eines Amtsgerichts daselbstbetr., erstattet von dem Abg. Dr. Frenay, lautet: Zu vorstehenden Gesuchen hat die Großh. Regierung sich dahin geäußert, daß sie aus den in dem Bericht des Vierten Ausschusses dargelegten Gründen ihre Stellung­nahme bis zum Abschluß der im Gang befindlichen Vor­arbeiten aussetzen müsse. Der Ausschuß erachtet dies für richtig und beantragt: Die Kammer wolle, unter lieber« mittlung der sämtlichen Schriftstücke in betreff der Vor­stellungen auf: 1) Errichtung eines Amtsgerichts in Die­burg, 2) Errichtung eines Amtsgerichts in Grebenhain, 3) Errichtung eines Amtsgerichts in Groß-Steinheim, an die Großh. Regierung, diese Anträge für erledigt erklären.

D. T. A.

Rr. 153 Drittes Blatt

Vermischtes.

* Der Sarg des Dreyfus. Dieser Tage traf in Paris folgende Drahtung aus Cayenne ein:Dreyfus abgefahren in guter Gesundheit und guter Stimmung. Was soll mit dem Sarg und den Droguen zur Einbalsamierung geschehen?" Dieser Sarg wurde für alle Fülle angefertigt, als der Zola-Prozeß im Gange war. Um die hölzerne Hülle vor Ameisenfraß zu sichern, war sie mit Theer und Creosot getränkt. Das Innere war aus Zink, mit einer Glasscheibe am Deckel, wodurch die Möglichkeit gegeben war, das Gesicht des Toten zu sehen. Unter dem Ministerium Meline wurden der Sarg und die Stoffe zur Einbalsamierung nach der Ile Royale geschickt, weil man fürchtete, daß die Antirevisionisten, falls Dreyfus stürbe und auf gewöhnliche Art begraben würde, hinterher behaupten würden, man habe Dreyfus gleich Bazaine laufen lassen. Deshalb sollte die wohlerhaltene Leiche sofort zur Klarstellung der That- sache nach Frankreich gesandt werden. Der französischen Negierung sollen für den Sarg schon hohe Summen von Baruums Nachfolger und Instand geboten worden sein, die damit ihre Schreckenskammern bereichern wollen.

* Im Automobil von Berlin nach Paris. Freitag, den 30. Juni trat der Chefredakteur derBerliner Morgenpost" mit seiner Frau eine Automobilfahrt von Berlin nach Paris an. Die sportlich hochinteressante Fahrt geht über Magdeburg, Wernigerode, durch den Harz, Göttingen, Kassel, Köln, Aachen, über Lüttich und Namur nach Paris. Von da über Versailles, Fontainebleau, Naney nach Straßburg , und über Baden-Baden, Karlsruhe, Heidelberg, durch Thüringen nach Berlin zurück.

Ueber die Aufgabe des neuen Deutschen Schauspiel­hauses in Hamburg läßt sich dessen zukünftiger Leiter, Alfred Frhr. v. Berger, in einem Schreiben an dieN. Fr. Pr." |

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Erscheint tägklch Mir Ausnahme des Montags.

Die Gießener MamttienttStter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

I eingehend aus. Er sieht eine wesentliche Aufgabe in der Vervollkommnung des Instruments, mit dem der dramatische Dichter in erster Linie zu rechnen hat, in der Weiterbildung des Darstellungsstils. Er verkennt weder die großen Vor-

I 5Üge, noch auch die Mängel des modernen sogenannten Berliner realistischen Stils, der, für die Ibsen und Haupt­mann durchaus notwendig, doch gegenüber unseren klassischen Schöpfungen mit ihren über die Wirklichkeit des Lebens hinausgehenden Bestrebungen sich als unzureichend erwiesen habe. Es gelte aber nur, thn weiterzubilden, um aus diesen Werken der Klassiker auf Grund unseres geschärften I psychologischen Blickes ganz neue Wirkungen hervorzuholen.

Es heißt dann:Meine Meinung ist, daß der moderne Darstellungsstil nur der Fortbildung bedarf, um auf die Werke der Klassiker nicht nur anwendbar zu werden, sondern um ihnen junges, überraschendes Leben einzublasen. Die Darstellungsweise der modernen Wirklichkeit ist schon ge- I schaffen, nun gilt es, auch den modernen schauspielerischen Ausdruck für das getragene, schwungvolle und begeisterte I ZU erfinden. Das Gelingen dieser Erfindung wird eine wahre Erlösung für die Dichter sein, denn die deutsche Seele birgt heute, wie von hundert und vor tausend Jahren, vieles in I ihren Tiefen, was sich auf realistisch nicht sagen und singen I läßt, und der pathetische Ton der Vergangenheit ist ihr nur hohl dröhnenden Lüge geworden. . . ." Und weiter unten spricht er dann auch über das das literarische Programm: Um das zu erreichen, was mir vorschwebt, dazu sind die Werke der Modernen und Modernsten ebenso unentbehrlich als die der Klasiker. Bei alledem aber muß verhütet werden, daß das Theater zur literarischen Versuchsanstalt werde. Man schädigt das Theater, wenn man ihm allzu schwere und ernste Aufgaben aufbürden will und darüber vergißt, daß es in erster Reihe der Unterhaltung und Erholung dient. Seine Bedeutung liegt ja gerade darin, daß es, in­dem es scheinbar nur unterhält, unmerklich weit größeres leistet. Daher ist dem Deutschen Schauspielhause keine dramatische Gattung verboten, von der schwersten Tragödie an bis zum leichtgeschürzten Schwank. Mögen nur recht viele und recht lustige Schwänke herangeflattert kommen. Das soll der Tragödie nicht schaden im Gegenteil! Das wäre also meinProgramm". Wenn ich keinen Erfolg habe, so wird man wenigstens das Ziel kennen, das ich verfehlt habe."

* Vor dem Richter Jackson in London stand dieser Tage ein Angeklagter.Plaidieren Sie schuldig oder un­schuldig?" fragte der Richter.Unschuldig, Herr Richter, nicht ich habe gestohlen, sondern mein rechter Arm hier." Schön! Dann wird ihr rechter Arm zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt." Zum größten Erstaunen des Richters und des Publikums nahm der Angeklagte seinen rechten Arm, der von Holz ist, ganz gemütlich vom Körper und über­reichte ihn dem Richter zur Vollstreckung des Urteils.

* Ein edler Mensch. Baron: . . . Heute sollen Sie aber wirklich die sieben Mark bekommen, die ich Ihnen schuldig bin. Ich habe eine reiche Frau gekriegt!" Schuster (erschreckt):Aber Herr Baron werden doch hoffentlich nicht meinetwegen geheiratet haben?!"

Universstäts Nachrichten.

Breslau. Der bisherige Prioatdozent für innere Medizin an der Universität Straßburg vr. Walther Kausch tat sich nunmehr in der hiesigen medizinischen Fakultät für das Fach der Chirurgie habilitiert.

Wien. Zum Rektor der hiesigen Universität wurde der ordentliche Professor der semilifchen Sprachen und der höheren Exegesse A. B. an der theologischen Fakultät, Dr Wilhelm Neu­mann, gewählt. Als Prorektor wird der derzeitige Rektor Hofrat Professor Dr. Julius Wiesner fungieren.

Wien. Der Prosissor der Elektrotechnik an der hiesigen technischen Hochschule, Hosrat Dr. Adalbert v. Waltenhofen, der nach mehr als 50jähriger Thätigkeit aus dem Lehramte scheidet, hielt am 27. Juni seine Abschtedsvorlefung. Seine Hörer benutzten die Ge­legenheit, um dem Gelehrten ihre Verehrung zu bezeugen.