Ausgabe 
2.3.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 52 Zweites Blatt- Donnerstag den 2. März

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Gießener Anzeiger

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Die Nettung derBulgaria".

DieBulgaria" ist in Punta Delgada angelangt" so lautete das kurze Telegramm, das Freitag mittag bei der Hamburg Amerika-Linie eintraf. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in Hamburg, überall freudige Aufregung hervorbringend. Bildete doch das Schicksal des schönen Schiffes seit fast 14 Tagen das Gespräch in allen Kreisen, auch solchen, die sich sonst um Schiffahrtsangelegen­heiten wenig kümmern. Man bewunderte nach den Berichten der Schiffe, die in der Nähe derBulgaria" gewesen waren, den Kapitän Gustav Schmidt, die Offiziere, Ingenieure und Mannschaften, deren musterhaftes Verhalten von allen Seiten betont wurde. Jede Nachricht schloß mit den Worten:An Bord herrschte die vollkommenste Ordnung, von einer Panik war nichts zu bemerken."

Das bedeutet, wie derHamb. Korrespondent" mit Recht betont, einen Triumph der seemännischen Tüchtigkeit über alle durch die Elemente erzeugten Schwierigkeiten der Lage. Die Einbringung derBulgaria" in den sicheren Hafen ist ein Ereignis, das nicht allein dem Kapitän Schmidt und allen seinen Braven zur höchsten Ehre gereicht, sondern auch seinen Glanz auf die ganze deutsche Handelsmarine wirft, die aufs neue bewiesen hat, daß Thatkraft und Mannszucht sie beseelt, vom Leiter bis zum letzten Heizer und Trimmer.

Von dem Kapitän Schmidt ist der Direktion der Hamburg- Amerika-Linie ein Bericht über den Verlauf der Reise zu­gegangen, der in seiner rein sachlichen Darstellung ein lebendiges Bild davon giebt, wie gewaltige Anforderungen in den schweren Tagen, die dieBulgaria" durchgemacht hat, an die Leistungsfähigkeit des Kapitäns, der Offiziere und der Mannschaft dieses Dampfers gestellt worden find, und in wie glänzender Weise sie sich ihnen gewachsen gezeigt haben. Der Bericht des Kapitäns besagt Folgendes:

Bulgaria" ist ohne fremde Hilfe in Punta Delgada eingetroffen; über den Verlauf der Reise berichte folgendes: In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar während eines heftigen Orkans wurde das Schiff steuerlos und drehte in den Wind. Eine enorme Welle überflutete das Schiff und schlug die Luken 1 und 2 ein, wodurch große Mengen von Wasser ins Oberdeck strömten. Bald darauf peilten im Raum Nr. 4 16 Fuß Wasier. Das Schiff legte sich stark nach Backbord über. Infolge der gewaltigen Erschütterung wurden die Ballast-Tanks undicht und liefen auf. Die Lenzrohre des Raumes 4 waren durch Getreide verstopft.

108 Pferde verendeten, konnten aber infolge des anhaltend schlechten Wetters erst am sechsten Tage über Bord geworfen werden. Am Morgen des 2. Februar, während der Orkan von neuem einsetzte, brach der Dampfsteuer-Apparat und später auch das Handsteuer. Durch das schwere Arbeiten des Steuers lösten sich die Bolzen in der Kuppelung und gingen schließlich gänzlich verloren. Erst nach tagelanger Arbeit gelang es, die Kuppelung wieder zu befestigen, und nachdem die Platten von den Seitenwänden des Ruderhauses losgenietet waren, konnte das Schiff mit Bäumen auf Ruder­kopf gelascht gesteuert werden. Wir waren gezwungen, um das Schiff aufzurichten, von der Ladung zu werfen, und als der immer stärker werdende Orkan ein Offenhalten der Luken nicht mehr gestattete, Ladung zu verbrennen. Eine Sturzsee brach über das Bootsdeck, nahm sämtliche Boote von der Backbordseite weg und schlug das Deck ein. Alle Reelings und Treppen gingen verloren. Sämtliche Thüren in den Aufbauten eingeschlagen. Der Matrose Wilhelm König wurde über Bord gewaschen und konnte des schweren Wetters wegen nicht gerettet werden. Sonst alles wohl an Bord. Erwarte Ihre Befehle.

Schmidt, Kapitän.

Der Umstand, daß der Kapitän der fast übermensch­lichen Anstrengung, mit der er selbst und die übrige Schiffs­besatzung für die Rettung des Schiffes thätig gewesen sind, in so schlichten Worten gedenkt, zeugt von der großen Be­scheidenheit dieses deutschen Seemannes, dessen Tüchtigkeit sich in diesen Tagen glänzend bewährt hat.

Von weiteren Einzelheiten wird noch aus Punta Del­gada (Azoren) gemeldet: Bis zum 11. Februar war der Wellenschlag fortwährend sehr hoch, und das Wasser stand 10 Fuß im Raum; vier Pumpen waren unbrauchbar. Am 11. Februar nachmittags war wieder stürmisches Wetter bis zum 14. Februar, da kam der DampferAntillian" aus Liverpool in Sicht, der dieBulgaria" von morgens 8 Uhr bis mittags bugsierte. Da brach das Seil, aber derAn­tillian" blieb in der Nähe bis zum 15., morgens. Nach unaufhörlicher Arbeit gelang es endlich am 21. Februar, das Ruder wiederherzustellen und von 10 Uhr morgens bis zum 22. Februar mittags legte dieBulgaria" 226 See­meilen, den nächsten Tag 254 Meilen zurück. Nach weiteren 194 Meilen ankerte das Schiff hier heute früh 7'/r Uhr. Unter der Mannschaft und den Fahrgästen wurden viele verletzt; mehrere Personen haben Beine oder Arme ge­brochen.

DieBulgaria" ist 1898 auf der Werft von Blohm u. Voß erbaut als Schwesterschiff derBrasilia" und der noch im Bau befindlichenBatavia",Belgia" undBel­gravia". Sie ist 152,82 Meter lang, 18,96 Meter breit und 10,55 Meter tief, hat zwei Schrauben, die von zwei Maschinen mit zusammen 3600 Pferdekräften bewegt werden und ist durch Schotten in 11 Abteilungen zerlegt. Ihr Inhalt ist 10237 Rcg.-Tonnen.

Die Besatzung besteht aus dem

Kapitän Gustav Schmidt aus Hamburg,

1. Offizier W. Kuhls aus Hamburg,

2. O. Schärges aus Gera,

3. E. Moll aus Libau,

1. Maschinist C. F. R. Bernhard aus Hamburg,

2. O. F. R. Körltng aus Hamburg,

3. H. P. Miertschin aus Dresden,

4. G. H- E. Mitschel aus Hadersleben,

und 6 Maschinen-Assistenten.

Verwalter O. H. Herbst aus Altona, Arzt Dr Muszkat aus Breslau, Obersteward O. Brewitz aus Hamburg, sowie 63 Matrosen, Stewards, Stewardeß, Köchen, Bäckern, Zimmerleuten, Küpern, Heizern, Trimmern und Jungen, im Ganzen 80 Personen. Die Zahl der Fahrgäste war ursprünglich 54. Am 12. Februar trafen davon 16, meist Frauen und Kinder, mit 9 Mann der Besatzung, die das Boot zum DampferWeehawken" gerudert hatten, in Punta Delgada ein. 4 Mann der Besatzung in einem zweiten Boot wurden von dem DampferVittoria" ausgenommen und in Baltimore gelandet, so daß dieBulgaria" unter Berück­sichtigung des Verlustes des einen Mannes, mit 38 Fahr­gästen und 66 Mann Besatzung glücklich in Punta Delgada eintraf.

Der Kaiser, der mehrfach durch den Fernsprecher Er­kundigungen eingezogen hatte, ließ noch Freitag Abend der Hamburg-Amerika-Linie seine wärmsten Glückwünsche aus­sprechen. Außerdem sandte der Kaiser folgendes Telegramm:

Mit tiefem Danke gegen Gott, der in so wunderbarer Weise Schiff und Mannschaft gerettet hat, spreche ich Ihnen Meine wärmsten Glückwünsche zur Errettung derBulgaria" aus. Der Kapitän Schmidt hat in echter deutscher See- manusart in festem Gottvertrauen einen 24tägigen Kampf auf Leben und Tod siegreich gegen den Ozean ausgefochten, unterstützt von einer aufopfernden und pflichttreuen braven Mannschaft. Als Zeichen Meiner Anerkennung verleihe ich

Feuilleton.

Hefkügelte" Worte.

Ornithologische Plauderei gelegentlich der 2. großen allgemeinen Geflügel- und Vogel- Ausstellung am 3., 4. und 5. März 1899 in Gießen.

Von Hermann Robolsky-Gotha.

Die Geflügelzucht-Vereine stehen jetzt vielfach im Zeichen der Ausstellungen; wenigstens berichten die Zeitungen nicht selten über derlei Veranstaltungen. Ganz besonders zeichnet sich in dieser Beziehung das Königreich Sachsen aus; folgende Städtenamen vermögen es zu beweisen: Dresden, Leipzig, Zwickau, Meißen, Zittau, Stolpen, Grimma, Werdau, Treuen u. s. w. - Gießen hat auchGeschmack an der Sache" gefunden, denn es tritt ebenfalls schon mit der zweiten Ausstellung an die Oeffentlichkeit Fraglos geben diese Schauen einen Impuls zum Vorwärtsarbeiten auf der beschrittenen Bahn. Sie werden ja auch meistens von Seiten der zuständigen Regierungen unterstützt. Ich komme hierauf nochmals zurück.

Ich möchte angesichts dieser friedlichen Bestrebungen, etwas Gutes im Bereiche der Geflügelzucht zu zeigen, mich auch mit einem passendenFeder"-Erzeugnis beteiligen. Bringt dasselbe auch für den Mann vom Fach manches weniger neue, ich glaube doch, daß es im ganzen Jn- tereffe erregen wird. JedeEntenzucht" im anfänglichen Sinne ist ausgeschlossen.

Jedermann, der auch nur die elementarsten Begriffe von Tierkunde besitzt, weiß es, daß all unsere Haustiere früher im wilden Zustande gelebt haben. Im Paradiese freilich waren sie zahm, denn Adam und Eva wandelten bekanntlich ohne Scheu zwischen Bären, Löwen und Tigern umher, und es fiel den heutzutage so grob auftretenden Raubtieren gar nicht ein, sich über das gewiß sehr appetitliche Menschenpaar herzumachen.

Mit welchen Tieren der Mensch die Zähmung zuerst begann, läßt sich vermuten. Jedenfalls begegnen wir da dem Schaf, dem Rinde und Hunde. Es gehört das eigent­lich nicht in den Rahmen meiner Plauderei, aber ich möchte doch mal die Frage aufwerfen: Welche Rasse des treuen Hauswächters war wohl die ursprüngliche? Stammen alle jetzt existierenden Arten am Ende von einem Paare ab? Sollte wirklich das kleine, zierliche Schoßhündchen ein ganz naher Vetter der gewaltigen dänischen Dogge sein und nur langjährige Züchtungskunst die Formverschiedenheiten ge­schaffen haben?

Auf das spezielle Thema übergehend, komme ich mit einer anderen Frage:In welchem Zusammenhänge stehen Hausvögel zu ihren stammverwandten wilden Genossen, wenn sie sich begegnen? Ist wohl eine Paarung zwischen ihnen leicht zu bewerkstelligen?" Der geneigte Leser wolle diese Frage ja nicht mit einemSelbstverständlich!" be­antworten , denn die Sache hat unter Umständen ihre Schwierigkeiten.

Mit Tauben habe ich selbst Kreuzungsversuche ge­macht, ohne mich indes eines günstigen Ergebnisses rühmen zu können. Hirtenjungen brachten mir eines Tages ein Pärchen junger Ringeltauben, wie sie ja in vielen deutschen Wäldern vorkommen. Sie hatten die Tierchen einem Neste entnommen. Ich sperrte die schönäugigen, ungemein scheuen Dinger in einen großen, hellen Käfig, und legte ihnen allerlei Körner vor. Als die Vögel aber nach Verlauf von zwei Tagen noch nichts von dem Futter angerührt, nahm ich sie heraus und stopfte ihnen gequellte Erbsen in den Kropf. Dadurch wurden die Wildlinge so zahm, daß sie zuletzt aus der Hand fraßen. Dann kaufte ich ein Paar junger blauer Feldflüchter und setzte diese zu den wilden Stammverwandten. Ich wollte hiernachzahm" undwild" zusammenthun, um möglichst eine Paarung zwischen diesen Kreuzungen zu erzielen. Die Ringeltaube ist größer und stärker, als die Haustaube; das Produkt mußte also ein

größerer Vogel werden. Die Sache gelang aber nicht, denn die kleineren Flüchter jagten und bissen ihre Gesell­schafter derart, daß ich mich genötigt sah, die Thüre des Käfigs zu beliebigem Entschlüpfen zu öffnen. Die Feld­flüchter kamen sofort heraus und flogen gemütlich in der Remise, worin der Behälter stand, herum. Die Ringel­tauben mußte ich indes erst an die Luft setzen, und alsdann segelten sie so unklug gegen die Fensterscheiben, daß ich be­fürchtete, das Glas oder die Taubenhirne müßten zerspringen. Dabei ignorierten die beiden verwandten Paare ihre Zu­gehörigkeit vollständig. Eine Weile sah ich das nutzlose Spiel noch mit an, dann trennte ich die Tiere wieder. Als ich später diesen Mißerfolg in einer Jagdzeitung kundthat, antwortete mir ein Forstmann aus dem Thüringer Walde, mein Versuch wäre wohl geglückt, wenn ich die Geduld nicht verloren hätte. Unbestreitbar ist die Taube ein hübscher, interessanter Vogel; wer aber Gelegenheit hat, ihn näher zu beobachten, der bekommt von der sprichwört­lichenTaubensanftmut" doch einen eigenen Begriff. Die Täuberiche, ja sogar die Tauben, schlagen und beißen sich oft, daß nur die Federn so Herumfliegen. Ein anderer Sachverständiger äußerte sich über meine Kreuzungsversuche folgendermaßen:Ringel- und Haustauben sind sowohl hinsichtlich ihrer anatomischen Verhältnisse und ihrer Färbung, als auch in Bezug auf ihre Biologie so verschieden, daß diejenigen Ornithologen, welche sie in verschiedenen Gattungen unterbringen, wohl dazu berechtigt sind; sie paffen nicht zu einander. Trotzdem die Ringeltaube sehr scheu ist, wählt sie beim Nisten nicht ungern die Nähe menschlicher Wohn- ftätten, wenn sich sonst nur geeignete Bäume dabei be­finden. Wahrscheinlich sucht sie auf diese Weise einen ge- wiffen Schutz gegen die Raubvögel. In den Promenaden­bäumen bei Kassel sind diese schönen Ziervögel eine garnicht seltene Erscheinung.

(Fortsetzung folgt.)