Rt. 257 Drittes Blatt.
Mittwoch den I November
1899
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Aints« unb Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
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Males und ProvinMes.
Darmstadl, 30. Oktober. Allen gegenteiligen Nachrichten zuwider werden der Zar und die Zarin gemeinsam mit den hessischen Herrschaften nun morgen doch einen längst vorbereiteten Besuch am badischen Hofe machen. — Die Herrschaften werden wie kürzlich bei der Reise nach Worms in dem russischen Hofzug, der sie heute abend in Egelsbach abholt, auf dem hiesigen Bahnhof übernachten und ist die Abfahrt auf ca. 7 Uhr heute früh festgesetzt. Der Zug geht über Karlsruhe und trifft gegen 11 Uhr nach ca. 4 Stunden Fahrzeit in Baden-Baden ein. Der Onkel des Zaren, Großfürst Michael, soll schon daselbst seit Sonntag angekommen sein. Die von Karlsruhe aus in die Welt gesandten gegenteiligen Nachrichten sind damit widerlegt, sie scheinen auf absichtliche Irreführungen hinauszulaufen. Der Aufenthalt ist nur für ca. 4 Stunden berechnet und soll der Zug um 7 Uhr wieder hier eintreffen. — Das ganze russische Gefolge begleitet die Herrschaften, von hessischen Cavalieren fahren nur die Herren von Grancy, von Riedesel und Kramer mit.
Marburg, 30. Oktober. Zu dem Kapitel betreffend die Ueberbürdung der Eisenbahn- Beamten liefert der am Freitag auf der Station Wallau bei Biedenkopf vorgekommene Eisenbahn-Unfall, wieder einen Beitrag. Der dortige Stations-Vorsteher ist wegen seiner Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit bekannt. Dennoch ist ihm an dem Abend des 21. Oktober das Malheur passiert, daß er die Weiche nur gelegt, nicht aber geschlossen hatte. Dadurch fuhr der von Marburg kommende Personenzug auf zwei Wagen eines Güterzuges, wodurch diese sowohl als auch die Maschine des Personenzuges arg beschädigt wurden. Zu den Dienstobliegenheiten des Stations- Vorstehers gehört nämlich: Billet-, Güter- und Gepäck-
Abfertigung, Bedienung des Depeschen-Apparates für Privat- und Zugmeldungen, Beaufsichtigung der Weichen. Daß ein Beamter diesen durcheinanderlaufenden Anforderungen auf einer Station, die einen so starken Verkehr aufweist, wie Wallau, nicht nachkommen kann, liegt auf der Hand. Um seiner Aufgabe gerecht zu werden, muß der Beamte von morgens 7,5 bis abends 9 Uhr ununterbrochen im Dienst sein, nur die Pause für das Mittagessen ab- gerechnet. Das sind 16 Stunden! Auch der Umstand, daß der Beamte eilig im Bureau zu thun hatte, war die Ursache, daß er das Schließen der Weiche übersah. Wäre aber die Weiche beleuchtet gewesen, dann hätte schon der Maschinenführer sehen müssen, daß sie nicht geschlossen war. Allein aus Sparsamkeit hat man es nicht für notwendig erachtet, bei der Weiche eine Laterne aufzustellen. Dabei haben sich die Einnahmen auf der Station Wallau seit 10 Jahren vervierfacht. Man sollte denken, daß die Eisenbahnbehörde bei solch' glänzenden Geschäften doch nicht so sehr auf den Pfennig zu sehen brauchte. „Frkf. Ztg."
Ems, 30. Oktober. Lahnlied-Feier. Die von dem Emser Jagdverein als Abschluß des Wettbewerbs zur Erlangung eines Lahnliedes veranstaltete Feier fand heute nachmittag im Theatersaale des Hotel Metropole bei auS- verkauftem Hause statt. Sämtliche zum engeren Wettbewerb gestellten Lahnlieder, welche von vier Gesangvereinen, Herrn Dr. W. Geiße aus Bonn (Gesang), Herrn Königl. Schauspieler Paul Neumann aus Wiesbaden (Recitation) und Dilettanten wirkungsvoll vorgetragen wurden, fanden durchweg lauten und stellenweise stürmischen Beifall. Schon der von Herrn Dr. jur. Lang hier verfaßte, von Herrn Neumann mit vollendeter Künstlerschaft gesprochene Prolog, der eine witzsprühende Parallele zwischen dem Trarbacher und dem Emser Preisausschreiben zog, versetzte das Publikum in die richtige Stimmung. Wahrhaft hinreißend wirkten
dann noch die von Herrn Dr. Geiße mit prächtiger Stimme und warmer Beseelung vorgetragenen Lahnlieder. In den Pausen fand ein lebhafter Meinungsaustausch der Zuhörerschaft statt, welches Lied wohl den Preis davontragen werde, und es herrschte allgemeine Befriedigung, daß den Lahnbewohnern noch vor der Urteilsverkündung des Preisrichterkollegiums Gelegenheit geboten sei, die besten Einsendungen miteinander vergleichen zu können. Nach Schluß der so herrlich verlaufenen Feier, fand die entscheidende Beratung der Preisrichter statt. Heber das mit dem von Herrn Dr. Fahlberg in Nassau gestifteten Tausendmark-Preis zu krönende Lied wurde eine Einigung erzielt und ferner beschlossen, noch weitere vier Lieder einer lobenden Anerkennung würdig zu erklären. Die Namen der betreffenden Dichter und Komponisten werden bei der Hubertusfeier des Emser Jagdvereins am 3. November bekannt gegeben.
Schisssnachrichten.
Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten: Carl Loos und I. M. Schulhof.
Der Postdampfer „Roland", Kapitän P. Albrecht, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist am 27 Oktober, 12 Uhr mittags wohlbehalten in Baltimore angekommen.
TOR.IL
ßchntnnarke.
Fleisch-Extract
übertrifft an Nährkraft und Wohlgeschmack die Liebig'schen Extracte und ist in allen besseren Drogen-, Delicatessen- und Colonialwaaren- Handlungen zu haben.
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♦ Daß dem verewigten Kaiser Wilhelm I. zwei Glieder des rechten Zeigefingers fehlten, diese Thatsache dürfte wenig bekannt sein. Tiefversteckt im Tannendickicht erhebt sich in dem Lanier Forst, unweit Bernau in der Mark, auf einem Unterbau von Feldsteinen ein schlanker Granit-Obelisk mit der Inschrift: 1819, 16. Dezember. Dies ist der Kaiserstein, errichtet zur Erinnerung an einen Jagdunfall des alten Kaisers, der an jenem Tage als zweiundzwanzigjähriger Prinz, eben zum Generalmajor und Befehlshaber einer Garde-Jnfanterie-Brigade ernannt, in der damals einem Herrn v. Wülknitz gehörigen Lanker Forst auf her Jagd war. Der Prinz hatte das Unglück, daß beim Laden des Gewehrs der Schuß zu früh losging und ihm zwei Fingcr der rechten Hand zerquetschte. Man schaffte den Verwundeten zu Wagen nach Bernau, wo ihm von dem Chirurgus Wartenberg zwei Glieder des rechten Zeigefingers abgenommen wurden und der erste Verband angelegt wurde. Der Barbier bewahrte die abgenommenen Glieder sorgfältig auf und sandte sie im Jahre 1823 dem Prinzen Wilhelm zu, der sich durch ein Geldgeschenk von zwei Friedrichsdor erkenntlich zeigte. Noch im Jahre 1882 beauftragte der greise Kaiser seinen Sohn, den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, als sich dieser aus Anlaß des 450jährigen Hussitenfestes nach Bernau begab, Erkundigungen über die Nachkommen des Chirurgus Wartenberg und des Postmeisters von Bernau einzuziehen, in dessen Wohnung der Verwundete Aufnahme gefunden hatte. Der Gedenkstein wird noch immer am Todestage Kaiser Wilhelms I. sinnig bekränzt.
* Ein amüsantes Geschichtchen wird wieder einmal vom König der Belgier erzählt. Seine Majestät befand sich vor kurzem auf einer feiner beliebten Jncognitoreisen, als es ihm plötzlich einfiel, den Königlichen Extrazug telegraphisch nach einer vom Hauptverkehr abgelegenen kleinen Station zu bestellen. Als er zu der von ihm festgesetzten Stunde auf dem Bahnhof des Städtchens erschien und sich zu seinem schon für ihn bereitstehenden Zug begeben wollte, versperrte ihm der in großer Aufregung ob des ungewöhnlichen Ereignisses befindliche Stationsvorsteher den Weg und sagte mit der Miene eines sich seiner Wichtigkeit bewußten Beamten: „Pardon, Monsieur, es geht vor zwei Stunden kein Zug von hier fort und niemand darf den Perron betreten, bis Seine Majestät der König abgereist ist." Als König Leopold bemerkte, daß er, wie schon so häufig, das Glück hatte, nicht erkannt zu werden, beschloß er, sich aus Kosten des würdigen StationSchefS zu amüsieren. In
dem er sich den Anschein gab, als sei er in hohem Maße aufgebracht über die Zurückweisung, versuchte er, sich an dem wohlbeleibten kleinen Individuum, das den Eingang verbarrikadierte, vorbeizudrängen. „Gehen Sie aus dem Wege!" schrie er den ebenfalls, aber durchaus nicht geheuchelte Wut geratenden Beamten an. „Ich sehe doch, daß dort ein zum Abgang bereiter Zug wartet, und Ihretwegen werde ich ihn noch verpassen, Sie Idiot!" Der korpulente Vorsteher rührte sich nicht von der Stelle. „Mit dem Zuge können Sie nicht fahren, Herr, das ist der Königliche Train und wartet auf Seine Majestät, die jeden Augenblick hier sein wird," schnaubte er, während sich sein Gesicht dunkelrot zu färben begann. „Das ist mir ganz egal, und wenn es der Zar wäre!" rief der verkannte Monarch, „ich werde mit jenem Zuge dieses Nest verlassen, darauf können Sie Gift nehmen, mein Lieber!" Das war dem Chef der Station denn doch zu viel. Er packte den Fremden am Arm und bornierte ihn an: „Herr, hier habe ich allein zu befehlen, und wenn Sie nicht sofort Ihrer Wege gehen, werde ich Sie mit Gewalt entfernen lassen!" König Leopold weigerte sich energisch, und schon wollte der entrüstete Beamte seine Drohung wahr machen, als Graf d'Outremont auf der Szene erschien und den jetzt in herzliches Lachen aus- brechenden König mit „Eure Majestät" anredete. Das Entsetzen des armen Stationsvorstehers war unbeschreiblich. Die dunkle Röte wich fahler Blässe und stammelnd nur vermochte er seine Entschuldigung hervorzubringen. Der gutmütige König schüttelte ihm aber lächelnd die Hand und meinte: „Lassen Sie gut sein. Sie haben mir jedenfalls einen Beweis Ihres strengen Pflichteifers gegeben."
* Heber Nacht zu „Königs-Einjährig-Freiwilligen" geworden sind die Zwillingssöhne einer in Dortmund wohnenden armen Witwe. Die Brüder sind im Besitze des Zeugnisses für den einjährig-freiwilligen Militärdienst: doch war es ihnen, da ihr Vater plötzlich verstarb, nicht möglich, die Mittel aufzubringen, um einjährig dienen zu können. Sie traten deshalb im vergangenen Jahre beim Infanterie-Regiment Nr. 16 ein, um ihrer zweijährigen Militärpflicht zu genügen. Nach Ablauf des ersten Dienstjahres wurden die Zwillingsbrüder dieser Tage vor die Front gerufen, und der Hauptmann teilte ihnen mit, daß in Anbetracht ihrer vorzüglichen Führung das Offizierkorps sich für sie höheren Orts verwandt habe und ihnen infolge dessen die Rechte als Einjährig-Freiwillige verliehen wären, sie daher nach Ablauf des einen Jahres entlassen seien. Kürzlich trafen die beiden schmucken Soldaten als Reservisten bei ihrem Mütterchen ein, das natürlich hocherfreut war, so unverhofft seine Kinder
zurück zu erhalten, und 'dazu noch in der Uniform mit den Schnüren der Einjährig-Freiwilligen. Wie ihnen bei ihrem Abschied vom Regiments-Adjutanten eröffnet worden war, werden die von den Einjährig-Freiwilligen sonst zu entrichtenden Beträge auf das Konto des obersten Kriegsherrn geschrieben werden.
* Schändung deutscher Heldengräber. Wie weit der Fanatismus der Tschechen in Oesterreich geht, lehrt folgende Mitteilung: In Trebnitz feierte der deutsche Verein „Germania" sein zehnjähriges Bestehen. Unmittelbar vor diesen Festtagen, in der Nacht vom 6. auf den 7. September, haben fanatische Tschechen das Grabdenkmal beschädigt, welches vor kurzem den drei im Jahre 1866 ihren Wunden erlegenen preußischen Soldaten errichtet worden ist. Der bronzene Adler, der dieses Denkmal schmückte, wurde gewaltsam herausgebrochen und fortgeschleppt. Der slovenische Mob hat ferner mehrmals das Denkmal des deutschen Freiheitsdichters Anastasius Grün in Laibach beschädigt und besudelt, das auf einem öffentlichen Platze stand. Alles das beweist zur Genüge, daß das Deutschthum Feinde besitzt, denen selbst der stille Frieden des Grabes und die Weihe der Kunst nicht heilig ist.
• Die desraudierende Post. Höchst merkwürdige Verhältnisse scheinen im Staate Montenegro zu herrschen. Oester- reich hat jüngst den Postanweisungsverkehr mit Montenegro eingestellt. Die österreichische Postverwaltung hat seit einer Reihe von Jahren die aus Montenegro anlangenden Postanweisungen in koulanter Weise honoriert, ohne erst auf die Deckung der angewiesenen Beträge zu warten. Auf wiederholte Ermahnungen, endlich einmal abzurechnen, kamen ausweichende Antworten, aber kein Geld. So ging cs Jahre hindurch, bis die Forderungen der österreichischen Post eine Höhe erreichten, die ein längeres Zuwarten nicht gestattet; sie betrugen über eine halbe Million Gulden. Als energisches Drängen mit dem Hinweise auf die total leeren Kassen des Staates beantwortet wurde, brach man endlich in Wien den kostspieligen Verkehr ab, um sich vor größerem Schaden zu bewahren. Nun bleibt die Frage offen, was mit den für Rechnung der österreichischen Post bei den montenegrinischen Postämtern eingezahlten Beträgen — und dieselben wurden thatsächlich voll eingezahlt — geschah. Nun, sie wurden zu allerlei anderen Dingen verwendet, und nicht dazu, die Schuld an Oesterreich abzuzahlen — kurz gesagt, sie wurde unterschlagen. Die Postanweisungsbeträge sind nach europäischen Begriffen ein anvertrautes Gut, das nicht angetastet werden darf, ohne daß man sich eines Verbrechens schuldig macht.


