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1.6.1899 Drittes Blatt
 
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W. 126 Drittes Blatt. Donnerstag den 1. Juni

1899

Gießener Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Die deutsche Tüdpolar-Expedition.

Seitdem das Deutsche Reich in politischer und wirt- 'lWlicher Beziehung einen so gewaltigen Aufschwung ge- iTfonnit n hat, ist ihm umsomehr die Pflicht erwachsen, seinem □aGten Namen, den es sich von jeher aus wissenschaftlichem (Writte gemacht hat, Ehre einzulegen und das ©einige bei« 5»»tragen zur Erforschung und Erschließung bisher unbekannter Megion en.

Im neuerer Zeit erweckt der Südpol wieder mehr und -rmthr!-as Interesse aller wiffenschaftlichen Kreise, und da i^ denn eine Genugthuung, konstatieren zu können, daß 28iuts<hland mit einem großen Projekte bahnbrechend vor- Vshcn und die Erforschung der Südpolarregionen sich zur Aufgabe machen will. Die Reichsregierung hat zur Ent- ffenbutig einer Expedition den Betrag von 1200000 Mark Ml Verfügung gestellt, wovon in dem dem Reichstage zu- c^zanzenen Nachtragsetat als erste Rate 200 000 Mark für d! irVorbereitungen zur Expedition verlangt werden. Letztere HM inn Jahre 1901 zur Absendung gelangen, nachdem alles >i urauf bezügliche in größter Sorgfalt erwogen sein wird, r An Ausschuß von hervorragenden Männern aus dem Reiche 81 at fti) die Aufgabe gestellt, alle Wege zu prüfen, um ein «Belingen der Expedition nach wissenschaftlicher wie nach praktischer Richtung hin wahrscheinlich zu machen. Als 'Later ist Professor v. Drygalski in Aussicht genommen löirbcn, der sich bereits auf dem Gebiete des Forschens mfen bedeutenden Namen erworben hat und dessen Erfahrung ftWohI die zweckentsprechende Ausrüstung der Expedition l i-abiirgt wie auch für das glückliche Gelingen derselben eine «jlltc Gewähr bietet.

Es darf wirklich mit großer Freude begrüßt werden, p. bne deutsche Regierung die Initiative zur Erforschung l i Ä Südpols ergriffen hat. Wenn auch in erster Reihe i visienlchaftliche Interessen in Frage stehen, so hat die , flttiauicre Kenntnis der Verhältnisse im südlichen Polarmeere )'ich auch ihre praktische Bedeutung. Der Seefischerei könnte t.wtiieQ ein ganz neues Gebiet erschlossen werden, welches uMiche wirtschaftliche Vorteile in Aussicht stellt, die »Mllich in erster Reihe demjenigen zu gute kommen, welcher t»ls Gebiet eröffnet hat. Durch die Lösung der vielerörterten Frage, ob die südliche Eisregion schiffbare Wege enthält, nrärbe dem Verkehr ein wesentlicher Dienst geleistet werden, imb eine erhebliche Verkürzung der Schiffahrtswege könnte leit Folge sein. Ueberwiegen werden freilich die zu lösenden imssenschaftlichen Probleme, und wenn es uns Deutschen (jtliiißt, hier das Dunkel zu erhellen, welches noch immer jmt unerforschten Gebiete umgiebt, so würde der Erfolg e« ganz gewaltiger sein.

Es darf wohl erwartet werden, daß der Reichstag die Arberung der Regierung abstrichslos bewilligt! (xx)

Deutsches Keich.

M.P.G. Die Aussichten der Kanalvorlage sind tor wie nach zweifelhafte. Das schließliche Schicksal des Tulwurfs hängt von wenigen Stimmen ab. Im Centrum tritt das Bestreben hervor, zu erreichen, daß die Vorlage mgen der Reform des Gemeindewahlrechts eine Vorzugs- Handlung genieße. Dieser Wunsch ist begreiflich. Wenn Öhr Vorschlag zur Abänderung des Gemeindewahlrechts, wie x jetzt dem Abgeordnetenhause-vorliegt, Gesetz wird, kommt 8:8 Centrum in die Möglichkeit, in einer Reihe von rheinisch- »Mlischen Städten, in denen bisher die herrschende Partei »der Kommunalverwaltung die Liberalen waren, auch wo ff; sich weitaus in der Minorität befanden, deren Erbschaft » t>er Kommunalverwaltung anzutreten. Wenn es sich nrgemb machen ließe, möchte das Centrum nun sehr gern iiri'e schöne Frucht pflücken, ohne sich irgend wie wegen der dbmalDorlage zu binden. Es scheint in hohem Grade frag« Bitf, ob die Regierung sich auf einen derartigen Handel -Meissen dürfte.

M.P.G. Ob die Hypothekenbankenordnung ach in diesem Jahre vom Reichstage wird erledigt werden Mimen, wird immer zweifelhafter. Seitens der preußischen «(ta-atsregierung sträubt man sich entschieden dagegen, die M»delsicherheit der Pfandbriefe der Hypothekenbanken ohne leitKrcS anzuerkennen. Der entgegengesetzte Beschluß der Roitimifflon des Abgeordnetenhauses für die Ausführungs- -gtet|e zum bürgerlichen Gesetzbuch wird von der Staats- «ginrung bei der zweiten Lesung der genannten Gesetze im «dgieordnetenhause auf entschiedenen Widerspruch stoßen. "Mi die Staatsregierung wird weiterhin darauf drängen, iaß im Interesse des baldigen Zustandekommens der Gesetze,

durch deren rechtzeitige Verabschiedung die Einführung des bürgerlichen Gesetzbuchs zum 1. Januar n. I. erst ermög­licht wird, diese ganze Frage aus der Beratung der Ausführungsgesetze zum bürgerlichen Gesetzbuch ausgeschieden und einer gesonderten Beratung Vorbehalten werde. Damit würde sich auch die Entscheidung über das Hypothekenbanken­gesetz bis ins nächste Jahr hinziehen.

M.P.G. Man schreibt uns aus St. Petersburg von deutscher Seite: Die Haltung der deutschen politischen Preffe in Sachen der Friedenskonferenz ist im allge­meinen eine solche, welche hier nur Beifall finden kann. Besonders seitdem Kaiser Wilhelm zum Geburtstage des Zaren sich in einem Sinne über die Haager Konferenz ausgesprochen hat, der es nicht zweifelhaft erscheinen läßt, daß der oberste Kriegsherr im deutschen Reiche den idealen Bestrebungen seines erhabenen Freundes auf dem russischen Kaiserthrone besten Erfolg wünsche, hat sich die Auffassung hier immer mehr zur Anerkennung durchgerungen, daß wie in manchen anderen Fragen auch in dieser der deutsche Kaiser der berufenste Interpret der öffentlichen Meinung in unserem westlichen Nachbarlande sei. Abweichend von dem Verhalten der politischen Tagespresse ist die der politischen Witzblätter. Das fällt hier auf. Natürlich erhalten da­durch diejenigen Deutschengegner billige Gelegenheit, einen Teil ihrer Animosität gegen Deutschland auch auf die höchsten Kreise zu übertragen, die jeden Anhalt willkommen heißen, der sich ihnen bietet, um ihr Intrigenspiel gegen Deutsch­land von neuem aufzunehmen.

Ausland.

Wien, 30. Mai. Gestern abend hielten die Sozialisten in fast allen Bezirken Wiens Protestversammlungen gegen die vom Landtag beschloffene Gemeindewahl-Reform ab. Der größte Teil der Versammlungen nahm einen der­artig stürmischen Verlauf, daß dieselben polizeilich auf­gelöst werden mußten. Nach Schluß der Versammlungen zogen die Sozialisten vor die Wohnung des Prinzen Liechten­stein und des Vizebürgermeisters Strobach und vor die Redaktion derReichspost", demonstrierten daselbst und brachten eine Katzenmusik aus. Es kam zu vielfachen Zu­sammenstößen mit der Polizei. Viele Verhaftungen wurden vorgenommen.

Toulou, 30. Mai. Eine große Anzahl Delegierter ist aus ganz Frankreich hier eingetroffen, um den Komman­danten Murchand, welcher heute hier eiutrifft, zu em­pfangen.

Vermischtes.

* Wettbewerb deutscher Künstler für nationale Postkarten. Für das vom Deutschvölkischen VereinOdin" zu München erlaffene Preisausschreiben für deutsche Künstler in Ent­würfen nationaler Postkarten ist am 17. Mai das Preisgericht, bestehend aus den Herren: Professor Rudolf Seitz, Konservator Dr. Bayersdorfer, Kunstmaler Arpad Schmidhammer und Hugo Stiebitz, Vorstand des Vereins, zusammengetreten. Eingelangt waren insgesamt 67 Zeich­nungen von 29 Künstlern. Den ersten Preis (150 Mk.) erhielt ein flott gezeichnetes Kunstblatt von Oskar Rosen­berger in München-Sendling, eine Sonnwendfeier darstellend. Demselben Künstler wurde auch der zweite Preis (100 Mk.) zuerkannt für einen Entwurf, welcher einen Jüngling mit dem schwarz-rot-goldenen Banner, den Blick auf die grünen Gefilde, auf die Dörfer und Berge seines deutschen Vater­landes gerichtet, zur Anschauung bringt. Den dritten Preis (50 Mk.) errang sich Karl Hermannes, gleichfalls in München, mit einer durch geschickte Ornamentik sich auszeichnenden Einsendung, welche sich als Gedächtniskarte für Bismarck darstellt. Zum Ankäufe empfohlen wurden seitens des Preisrichter-Kollegiums die Entwürfe mit den Kennworten: Weihnacht" (Harry Schultz, München),Mitgard 1" (Harry Schultz, München),Mitgard 3" (Harry Schultz, München),25" (Hans Treiber, München),Walhall C" (Hans Treiber, München),Alldeutsch" (Fritz Mejer, Berlin), Deutscher Michel" (K. F. Bell, Kunstgewerbeschüler, Wien), Gebet Acht!" (A. Weisgerber, München),Dem deutschen Geiste Heil!" (Alois Schwinger, Graz),Ein treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms I." (R. Kühn, Chemnitz). Das Ergebnis des Preisausschreibens ist als ein gutes zu be­zeichnen, wenngleich nicht geleugnet werden kann, daß auch minderwertige Leistungen vertreten waren.

* Die durch ihre Versuche mit Flugdrachev rühmlich bekannte Wetterwarte auf dem Blauen Hügel bei Boston

hat wiederum die bisherigen Leistungen überflügelt. Von einem meteorologischen Registrier-Instrument, das an einem von Drachen getragenen Seil in die Luft gehoben wurde, wurde neulich die Höhe vou 3780 Meter erreicht. Die Bedeutung der Flugdrachen für die wissenschaftliche Er­kundung des Zustandes in höhern Schichten der Atmosphäre wächst mit solchen Erfolgen beständig.

* Das Fahrrad aus dem evangelisch-sozialen Kongreß. Das Fahrrad hat nunmehr auch bei einem sehr ernsthaften Publikum volle Anerkennung gefunden. Prof. Dr. Delbrück aus Berlin hielt auf dem in voriger Woche in Kiel statt­gehabten evangelisch-sozialen Kongreß eine begeisterte Lobrede auf das Fahrrad. Er sagte:Ich kann Ihnen jetzt mitteilen, daß mir das Verständnis für die Lösung der sozialen Frage aufgegangen ist. (Große Heiterkeit.) Ich kann es Ihnen mit einem Worte sagen : Ich bin seit 2 Jahren Radfahrer. (Heiterkeit.) Im Veloziped liegt die Zukunft des Volkes. Ein Redner hat die Lösung der sozialen Frage in der Be­seitigung der Trunksucht erblickt. Auch darin schafft das Rad Wandel. Kein Radfahrer ist Alkoholist. Das verträgt sich nicht. Auch die Wohnungsfrage, ein so wichtiges Kapitel der sozialen Frage, löst das Rad. Mit dem Rade kann der Arbeiter hinausfahren aus den großen Städten nach Villenkolonien, wo die Grundrente noch nicht eine so große und erdrückende ist. Geben Sie den jungen Leuten ein Rad und sie fahren hinaus und haben kein Interesse, sich mit sozialdemokratischen Versammlungen abzugeben. (Große Heiterkeit.) Beinahe habe ich schon Angst, daß der ganze Kongreß morgen überflüssig ist. (Heiterkeit.) Da wir aber noch nicht so weit sind, daß Jeder sein Huhn im Topfe hat und sein Fahrrad im Flur, werden wir uns doch wohl noch morgen mit ernsten Beratungen abgeben muffen". Große Heiterkeit belohnte diese Ausführungen.

* DieCenteunarmedaille" in Amerika. Eine eigenartige Feier fand am letzen Sonntag in dem Städtchen Brenham in Washington County (Texas) statt. Dort wurden an 87 deutsche Kriegsveteranen, ehemalige Soldaten des Kaisers Wilhelm I., Erinnerungsmedaillen verteilt, die Kaiser Wil­helm II. ihnen geschickt hatte. Die Feier war öffentlich, viele Tausende nahmen daran teil. An den Kaiser wurde eine Huldigungsdepesche geschickt.

* Lepra in Wladiwostock. Aus Wladiwostock wird ge­meldet, daß die Lepra, die bisher nur die Ureinwohner befallen hat, sich nun auch auf andere Volksschichten ausbreitet. Fünf Männer und ein neunzehnjähriges Mädchen sind vou der schrecklichen Krankheit befallen. Die Kranken leben sämtlich völlig isoliert und ihre Lage ist entsetzlich. Das Mädchen wohnt ganz allein im Walde, 30 Werst von Ochotsk entfernt. Alle zwei Monate erhält es von der Gemeinde 20 Kilo Mehl und ein halbes Pfund Thee, so daß es langsam dahinsiecht. Bisweilen bringen ihm mit­leidige Jakuten etwas Fischprodukte, die für Hunde be­stimmt sind. Ohne diese Hilfe wäre es schon längst ver­hungert.

Verkehr, Land- und Volkswirtschaft.

BerficherrrngS-Arrstalten der Bayerischen Hypotheken« und Wechselbank in München« Die FeuerverstcherungS-Anstalt hatte dtS Ende April ds. IS. einen Zugang von Mk. 142,255,007 an VerficherungSkapttal. Die Bruttoprämte stieg auf Mk. 2,666,897,26. Der ongerneldete Bruttobetrag an Schäden bezifferte sich Ende April auf Mk. 1,702,024. Bei der LebensoersicherungS-Slnstalt würben bte ultimo April 5090 Versicherungen über Mk. 7,019,882 VerficherungS- kapital beantragt. Die Leibrentenanstalt erzielte in der gleichen Zeit einen Zugang von 123 Versicherungen mit Mk. 707,210 Kapitals­einlage für Mk. 70,081 jährliche Rente; die Gesamtsumme der ver­sicherten Rente betrug ultimo April Mk. 2,lb9,143. In der Unfall- branche wurden 1731 allgemeine und Retseunfall-Verficherungen über Mk. 15,071,475 Versicherungssumme für den Todesfall, Mk. 23,345,875 VersicherungSfumme für den Invalidität? fall und Mk. 9317,17 TageSrcnte für vorübergehende Erwerbsunfähigkeit, ferner 635 Haft­pflichtversicherungen über Mk. 22,347,000 Höchstfchadenfumme abge­schlossen. An Schäden wurden angemeldet in der Unfallbranche 1 Todesfall, 2 Jnvaliditätsfälle, 251 Fälle mit vorübergehender Erwerbsunfähigkeit und in der Haftpflichtbranche 67 Fälle.

Universitäts-Nachrichten.

Leipzig. Der Prtvatdozent der theologischen Fakultät, Licentiat Johannes Kunze, wurde zum außerordentlichen Professor ernannt.

Kunst-Ausstellung. ausstellung im Turmhaus am Brand ist täglich von 11 bis 1 Uhr mittags mit Ausnahme des Samstags geöffnet, Mittwochs auch noch von 3 bi» 5 Uhr nachmittags, an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 8 Uhr ununterbrochen. Eintritt für Nichtmitglieder an Werktagen 50 Pfg.s an Sonn- und Feiertagen 20 Pfg.