Mittwoch den 31. August
189S
Erstes Blatt.
Nr. 203
Gießener Anzeiger
Heneral-^Unzeiger
11
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Seltersweg 2.
folgen, treffen die Voikswohlfahrt an ihrer Wurzel- die geistigen und phyfischen Kräfte der Völker, die Arbeit und da» Capital werden zum großen Theil von ihrer natürlichen Bestimmung abgelenkt und in unproductiver Weise aufgezehü. Hunderte von Millionen werden aufgewandt, um furchtbare Zerstörung»maschtuen zu befchaffeu, die heute al» da» letzte Wort der Wlffenfchaft betrachtet werden und schon morgen dazu verurtheilt find, infolge irgend einer neuen Entdeckung auf Metern Gebiete jeden Werth zu verlieren. Die nationale Lultur, der wirthschaftliche Fortschritt, die Erzeugung von Wertheu werden gelähmt oder in ihrer Entwicklung irre« geführt.
Daher entsprechen die Rüstungen einer jeden Macht In dem Maße, wie fie anwachsen, immer weniger dem Zwecke, den die betreffende Regierung in» Auge gefaßt hat. Die wirthschaftlichen Krisen, die zum großen Theil durch da» System der aus» «eußerste getriebenen Rüstungen hervor- gerufen sind, und die ständige Gefahr, die in dieser Anhäufung von Krieg»mitteln liegt, machen den bewaffneten Frieden der Gegenwart zu einer von den Völkern immer schwieriger zu ertragenden und fie erdrückenden Last. Es ist daher augenscheinlich, daß, wenn diese Lage sich noch weiter so hinzieht, fie in verhängnißvoller Weise zu eben der Lata- strophe führen würde, die man zu vermeideu sucht und deren Schrecken jedem Menschen schon beim bloßen Gedanken Schauder erregen.
Diesen unaufhörlichen Rüstungen ein Ziel zu setzen und die Mittel zu suchen, dem die ganze Welt bedrohenden Unheil vorzubeugen, ist da» höchst: Gebot, da» fich jetzt allen Staaten auszwtng». Durchdrangen von diesem Gefühl, hat Se. Majestät geruht, mir zu befehlen, ollen Regierungen, deren Vertreter am kaiserlichen Hofe beglaubigt fiad, den Zu- sammevtritt einer Eonferenz vorzuschlagen, die fich mit dieser ernsten Frage zu beschäftigen hätte.
Diese Eonserenz würde mit Gotte» Hülfe ein günstige» Vorzeichen de» kommenden Jahrhundert» sein. Sie würde in einem mächtigen Bündel die Bestrebungen aller Staaten zusammenfaffen, die aufrichtig darnach trachten, dem großen Gedanken de» Weltftieden» zum Stege über alle Elemente de» Unfrieden» und der Zwietracht zu verhelfen. Sie würde zugleich ihr Zusammengehen befiegeln durch eine gemeinsame Wethe der Grundsätze de» Rechte» und der Gerechtigkeit, auf denen die Sicherheit der Staaten und die Wohlfahrt der
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Königin Wilhelmine von Holland.
Am heutigen Mittwoch feiern die Niederlande ein hoch- bedeutsame» Fest: die junge Königin Wilhelmine vollendet ihr 18. Leben»jahr und wird damit regierungßsähig. Dnrch eine Reihe glänzender Festlichkeiten begehen die Niederlande da» Sreigviß, durch welchi» die von der Königin-Mutter bi»her au»geübte Regentschaft ihr Ende erreicht unb die jugendliche Wilhelmine an die Spitze de» Nachbarreiche» gestellt wird.
Mit der Dynastie de» Hanse» Oranten sah e» schlecht bestellt au», al» der Thronfolger und der Prinz Alexander ziemlich schnell hintereinander fern von ihrem Heimathlaude einem unheilbaren Leiden erlagen. Beider Lebenßwandel war bekanntlich nicht darnach angethan gewesen, da» vertrauen der Niederländer in die Nachfolger Wilhelm» III. zu stärken und große Hoffnungen auf die Stammhalter der Dynastie zu setzeu. Sie starben dahin, uobewetnt, unb nicht allzu schmerzlich vermißt. Denn inzwischen hatte der alte König eine neue Ehe geschloffen mit der jugendlichen Waldeck- 'scheu Prtnzesfin, und ein neuer Sproß de» orauffchen Hause» hatte fich eingestellt mit der Geburt der Prinzesfin Wilhelmine, welche die getreuen Unterthanen Wilhelm» III. von vornherein al» ihre künftige Königin betrachteten, da der damals noch lebende Prinz Alexander dem Siechthum verfallen schien, und alle Liebe, deren die steifen Mynheer» fähig find, concentrirten sie auf die kleine Prinzessin, welche unter der ausopfernden Pflege ihrer Mutter prächtig gedieh und im wahren Sinne de» Worte» der Liebling de» Volke» wurde.
König Wilhelm HI. starb im Jahre 1890, nachdem er längere Zett nicht mehr regterung»fähtg gewesen war, unb Wtlhelmme wurde Königin unter der Vormundschaft ihrer Mutter und eine» ihr vom alten König eingesetzten vormund- schaftSrath». Hatten die Holländer die Prinzessin Wilhelmine schon ganz tn» Herz geschaffen, so brachten sie ihrer jugendlichen Königin eine Begeisterung entgegen, deren man die sonst so trockenen Mynheer» kaum für fähig gehalten hätte. Man muß aber auch zugestehen, daß Wilhelmine mit allen Mitteln darnach strebte, sich der Liebe de» Volke» würdig zu zeigen, nnb mit großem Eifer, mit wahrem Ernst und Fleiß hat sie sich alle jene Kerntniffe und Fähigkeiten angeeignet, welche ihr die gewifftnhafte Erfüllung ihrer Herrscherpflicht ermöglichen können.
Die sorglose Jugend liegt nun hinter der jnngen Königin, und schwere Pflichten harren ihrer. Bei der Beliebtheit,
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Fernsprecher Nr. 51.
Die Friedenskundgebung des Kaisers von Rußland
hat folgenden Wortlaut:
Die Aufrechterhaltung de» allgemeineu Frieden» unb eine thnnliche Herabsetzung der auf allen Nationen lastenden übermäßigen Rüstungen stellen sich In der gegenwärtigen Lage der ganzen Welt al» ein Ideal dar, auf da» die Bemühungen aller Regierungen gerichtet sein müßten.
Da» menschenfreundliche und hochherzige Streben Seiner Majestät de» Kaiser», meine» erhabenen Herrn, ist ganz dieser Ausgabe gewidmet. In der Ueberzeugung, daß diese» erhabene Ziel den wesentlichsten Jntereffen unb ben berechtigten Wünschen aller Mächte entspricht, hält die kaiserliche Regierung ben gegenwärtigen Augenblick für sehr geeignet, auf dem Wege internationaler Berathnng die wirksamsten Mittel zu suchen, um allen Völkern bte Wohlthaten eine» wahren unb bauernden Frieden» zu sichern unb vor Allem bet fortschreitenden Entw'cklnug der gegenwärtigen Rüstungen ein Ziel zu setzen.
Im Lause bet letzten zwanzig Jahre hat ber Wunsch nach einer allgemeinen Beruhigung im Bewußtsein ber civilt- firten Nationen besonder» festen Fuß gefaßt. Die Erhaltung de» Frieden» ist al» Endziel der internationalen Politik auf- gestellt worden. Im Namen de» Frieden» haben große Staaten mächtige Bündnisse miteinander geschloffen. Um den Frieden beffer zu wahren, haben fie tu bi»her unbekanntem Maße ihre militärische Macht entwickelt und fahren fort, fie zu verstärken, ohne vor irgend einem Opfer zurückznschreckeu. Dennoch haben alle ihre Bemühungen da» segensreiche Er- gebntß deS ersehnten Frieden» noch nicht zeitigen können. Die finanziellen Lasten, die eine stet» steigende Richtung ver-
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UM mich milde auszudrücken. Ich soll doch nicht so von meinem Sohne denken? Ja, glaubst du, daß et e» anbet» machen wird al» die Andern? Freilich, da» sanfte Kind! Deo Jungen kenne ich gründlicher al» du. E» wäre mir auch gar nicht lieb, wenn er der Duckmänser wäre, wofür du ihn zu halten scheinst. Er wäre ein kluge» Kind, die Lehrer hätten ihn immer gelobt, und er würde al» Jurist e» sicherlich weit bringen? Du meinst doch nicht, daß man zu meinem Geschäft ein Esel sein kann? Weit bringen! Du lieber Gott! Du glaubst wohl, die Mtnisterstellen hängen nur so vom Baum herab, man brauche nut den Arm auß- zustrecken. Mancher tüchtige Jurist wäre froh, da» zu erreichen, »aß Han» bei mir errktchrn kann. Du bildest dir eben ein, daß dein Herzeußsöhuchen in anderthalb Jahren eine Weltlenchte wird nno die Leute auf der Straße in ehrfurchtsvoller Scheu ans dich weisen werden und tagen: „Da» ist die Mutter de» berühmten Hao» Schlag dir nur solche Phantastereien an» dem Sinn! Im besten Falle wird er wohl nach ein Dutzend Jahren noch immer der Han» sein, der von Papa» Börse abhängig ist und dem Mama manchmal heimlich einen vollen Griff zuschi.bt. Im schlimmeren aber unb gewöhnlicheren Falle macht er Schulden, daß einem die Haare zn Berge stehen. Nein, ich untetschätze den Jungen nicht, und ich will auch nicht seine Neigung unterdrücken, aber vorläufig gebe ich auf diese Neigung nicht». Ich habe auch ähnliche Neigungen gehabt, und e» wäre mir Übel bekommen, wenn man fie mir nicht an»getrieben hätte. Solche jungen Leute denken naturgemäß nicht praktisch, für fie müffen andere, berufene unb erfahrene Leute handeln. Allerding», wenn bann noch die Mama mit dem Söhnchen thörichte Gegeopläve auß- heckt, dann ist die Sache recht schwierig. Setzst ihm wohl noch Narreteien in den Kopf, statt ihn zur Vernunft zu führen? Znm Glück für ihn bin ich nicht so leicht herum- zukriegen, unb er wird mir gehorchen oder — endlich hast du doch einmal recht! Wir brauchen unß vorläufig damit nicht aufjungen, vorläufig soll er studiren, meinetwegen
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Princ Wr?
Feuilleton.
Aus Kenn Knurigs Schlafrockpredigten.*)
Der Ball.
Nun habe ich deinen Quälereien nachgegebev, unb wa» ist ba» Srgebmß? Müdigkeit, Unordnung und vor allem große Äalgoben. Da» Mädel hätte noch Zelt gehabt, Bälle zu besuchen. Wie lange ist e» her, daß fie noch im kurzen Kleide ging? Ihr Frauen könnt e» aber nicht erwarten, die Mädchen in die Gesellschaft zu bringen. Mir scheint jedoch, daß e» eigentlich nur ein Vorwand für die eigene Vergnügungssucht ist. Die Tochter, da» ist nur eine lebendige Ausrede. Wie ich da» behaupten könnte? Ein Blinder hätte eS sehen können, wie dich die Vallsreudigkeit durchzuckte. Allerdings tanzte auch ich, doch war mit, wie du leidet weißt, selbst dieses bischen Springen eine Last. Gähnen und trinken, daS ist alle», wa» unsereiner auf einem Balle thun kann. Mir hat ba» arme Sind, da» ganz verschüchtert drein- sah, wahrhaftig leid gethan. Prächtig sah fie allerdings an», ba» mußte selbst der Neid zugeben. S» drängte fich alles aa fie heran und fie kam fast nicht zur Ruhe. Ich glaube bir, daß es ihr Freude gemacht hat, ob eS aber ihrer Ge- tuudheit zuträglich war, möchte ich bezweifeln. Sie ist nicht so robust gebaut, wie du etwa meinst. Immerhin wäre ein Jahr später oder zwei noch immer früh genug gewesen. Doch da wurden alle Listen und Kniffe angewandt, um mir die Zustimmung abzuringen. Ich frage d ch nun: wa» hast du davon? Nicht», gar nicht»! Allein da läßt fich nicht» mehr ändern. Glaubst du jedoch, daß damit die Aera der Bälle begönne, so irrst du schwer. Für diese» Jahr wenigsten» wäre genug. Und um dir wettere Mühe zu ersparen: deine Anspielung gestern auf einen Hau»ball habe ich schweigend hingenommeu, nm euch eure Festfreude, wie ihr e» nennt,
•) Verlag von Levy * Müller, Stuttgart. (PreiS in illuftr. Umschlag Mk. 1.50.
vicht zu verkümmern, ein Gefühl zarter Rücksicht, da» manche Frau ihrem Gatten gegenüber gelegentlich wohl auch äußern könnte. Heute jedoch kann ich Dir'» schon rundweg sagen: daran» wird nicht», daran» wird nicht»! Da» fehlte mir noch, mit solchen Sachen da» Hau» auf den Kopf zu stellen. Ich habe gerade an den zeitweiligen unb langweiligen Gesell- schast»abenben genug. Du hast recht, ganz vermeiden taffen die fich allerding» nicht, man muß einlaben, weil man ein- geladen wird. Ich gäbe jedoch einen guten Groschen darum, wenn kein Hinüber und Herüber vorhanden wäre. Sagen muß ich dir übrigen», daß auch In gestern sehr gut an»- gesehen hast. Da» hätten dir auch Andere gesagt? Ich glaube, du beginnst in deinen alten Tagen eitel zu werden. Thu nicht gleich so beleidigt! Allerbing» waren noch ältere Damen anwesend, wenn du aber glaubst, in dem Reet» der Jugenb zu stehen, so irrst bu, Clara. Da» finb Tage, die vergangen find. Da» wüßtest du auch ohne mich, da brauchtest du dir nur deine erwachsene, fast heirath»fähige Tochter zu betrachten? Die uothwendiger Welse Bälle besuchen muß, gelt, da» sollte nur al» Ergänzung kommen! Die vorn heranSgeworfeuen Ballabfichten möchtest du wieder durch» Hiuterpsörtchen hereinlaffen. Gib bir keine Mühe, Slara, e» ist ganz vergeblich! (Hier weist die Urschrift ein große» Fragezeichen auf. Ich vermuthe daher, daß e» schließlich Frau Clara doch gelangen ist, ihren Willen durchzusetzen.)
Des Lohnes Ltudium.
I.
Daran» wird nicht», noch einmal gesagt! Mein Sohn soll wir kein Jurist werben. Meinetwegen kann er zwei, drei Jährchen die Univerfität besuchen, bann aber muß er mir in» Geschäft, in» praktische Leben hinein. Ich will nicht, baß baß gute Ergebniß meiner vieljährigen Mühen einst tn frembe Hänbe übergehe. Wenn er dnrchan» in einer bunten Mütze nnb mit zerschmiffenem Gesicht hernmlanfen will, so genügen zwei Jahre dazu vollkommen. Luch zum Biertrinken,
Amtlicher Theil.
Nr. 41 be» Reichs-Gesetzblatt», außgegeben den 25. d. M., enthält:
(Nr. 2510.) verorbnung, betreffend daß Bergwesen In Togo vom 17. August 1898.
(Nr. 2511.) Bekanntmachung, betreffend die dem internationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr brigesügte Liste, vom 25. August 1898.
Gießen, den 29. August 1898.
Grohherzogltcheß Kretßamt Gießen, v. Bechtold.
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